Der Zwerge Streit

Es ging einmal ein Mann durch einen Wald und stieß auf eine kleine Lichtung, wo drei Zwerge1 in argem Streite miteinander begriffen waren. Sie schlugen, stießen, bissen einander, traten sich mit Füßen und packten sich an den Haaren, daß es gräulich anzusehen war. Der Mann trat näher und fragte, worüber ihr Zank sich entsponnen. »Sehr gut, Bauer, daß du gekommen bist,« schrieen die Zwerge – »du kannst Richter sein und unsern Zank schlichten!« Der Mann sagte: »Erst erzählt mir die Ursache eures Streites, damit ich Recht sprechen kann. Aber schreit nicht Alle zugleich, sondern Einer rede zur Zeit und deutlich, damit ich aus dem, was ihr vorbringt, klug werde.« – »Sehr wohl,« erwiederte Einer der Zwerge. »Ich will dir den Ursprung unserer Streitigkeit erklären. Sieh! Gestern starb unser Vater und wir drei Brüder wollten jetzt seine Erbschaft untereinander theilen; und daraus entstand der Zank.« Der Mann fragte: »Was für eine Erbschaft hinterließ euch denn der Vater?« – »Hier ist seine ganze Verlassenschaft,« erwiederte der wortführende Zwerg, und zeigte dem Manne einen alten Filzhut, ein Paar Bastschuhe und einen tüchtigen Knüttel.

»Seid doch nicht unvernünftig,« sagte der Mann, »sind denn diese unnützen Dinge des Zankes werth? Ein Klügerer würde sie alle zusammen auf einen Misthaufen werfen. Da ihr das aber nicht wollt, so theilt denn. Ihr seid eurer drei und drei Dinge hat der Vater hinterlassen, also nehme Einer den Hut, der Andere die Bastschuhe und der Dritte den Stock, so ist die Sache in Ordnung.« »Das geht nicht!« schrieen die Zwerge. »Diese Dinge darf Niemand theilen, sonst schwindet die geheime Kraft daraus; die Dinge müssen ungetrennt bleiben.« Der Mann erkundigte sich nun weiter, warum man diese unnützen Dinge nicht trennen dürfe, und Einer der Zwerge gab ihm folgenden Bescheid:

»Der alte unscheinbare verknitterte Hut, den ihr da sehet, ist für den, der ihn trägt, der größte Schatz.2 Wenn er den Hut auf hat, so sieht er Alles, was auf der Welt vorgeht, es sei nah oder fern, sichtbar oder unsichtbar; – ja der Besitzer des Hutes erkennt dann sogar die Gedanken der Menschen. Legt er dann noch die Bastschuhe an und sagt: Ich will nach Kurland oder Polen, so braucht er nichts weiter zu thun, als den Fuß aufzuheben: augenblicklich gelangt er an die gewünschte Stätte. Nimmt der Träger des Hutes und der Bastschuhe dann den Stock in die Hand und schlägt damit durch die Luft, so muß Alles vor ihm schmelzen, es sei Freund oder Feind. Ja starre Felsen, Berge und selbst böse Geister müssen vor diesem Stocke schwinden, denn er ist noch mächtiger als der Donnerkeil, Pikne's Pfeil. Ihr sehet nun selbst, daß man diese drei Dinge nicht trennen darf, sondern wir müssen uns ihrer der Reihe nach bedienen, der Eine heute, der Andere morgen und der Dritte übermorgen.«

»Die Sache scheint spaßhaft genug,« sagte der Mann, dem beim Anhören dieser Erzählung ein guter Gedanke aufstieg. »Wenn ich aber euren Erbschaftsstreit schlichten soll, so muß ich erst probiren, ob auch Alles wahr ist, was ihr sagt.« – »Das kannst du thun,« riefen die Zwerge wie aus einem Munde, »aber beeile dich. Heute wird in Kurland gerade eine prächtige Hochzeit gefeiert, und unsere ganze Freundschaft und Sippschaft hat sich dort versammelt. Wir möchten auch dahin.« Der Mann erwiederte: »Das könnt ihr ja leicht machen, wenn die gerühmte Zauberkraft wirklich in den Dingen steckt.« Darauf nahm er zuerst den alten verknitterten Hut zur Hand, und sah, daß derselbe nicht aus Filz gemacht war, sondern vielmehr aus menschlichen Nägelschnitzeln3 bestand. Als er den Hut aufsetzte, ward er die prächtige Hochzeit in Kurland gewahr und Alles, was sonst noch in der weiten Welt geschah. Drauf sagte er zu den Zwergen: »Legt mir nun die Bastschuhe an und gebt mir den Stock, dann stellt euch alle drei in eine Reihe, den Rücken zu mir und das Gesicht gegen Morgen gewen det, aber seht euch nicht eher um, als bis ich euch den Bescheid ertheile, wie ihr eure Zauberdinge dem Willen des Vaters gemäß theilen müsset.« – Die einfältigen Zwerge erfüllten ohne Widerrede des Richters Geheiß, kehrten das Gesicht nach Morgen und wandten ihm den Rücken zu. Als der Mann den Hut auf dem Kopfe und die Bastschuhe an den Füßen hatte, schwang er den Knüttel ein paar Mal in der Luft um und ließ ihn dann hart auf die Zwerge fallen. Augenblicklich waren diese wie weggefegt, und es war keine Spur weiter von ihnen geblieben, als drei Tropfen Wasser auf dem Frauenmantel-Blatt,4 auf welchem die Männlein gestanden hatten.

Da ihm das erste Probestück so gut gelungen war, beschloß der Mann sich nach Kurland zur Hochzeit zu begeben. Mit diesem Wunsche hob er den Fuß auf und rief: »Zur kurischen Hochzeit!« und war in demselben Augenblicke auf dem Feste angekommen. Da fand er eine große Menge Menschen versammelt, Hohe und Niedere, denn der Hochzeitgeber war ein vielgenannter reicher Wirth. Da der Mann mit dem Zauberhute Verborgenes eben so gut gewahrte, wie Offenbares, so sah er, als er die Augen zur Decke emporhob, daß sich an derselben und auf den Dörrstangen5 ein Schwarm kleiner Gäste befand, deren Menge viel größer zu sein schien, als die der eingeladenen Gäste unten. Außer ihm aber konnte Niemand das kleine Volk sehen. Die Kleinen flüsterten: »Seht doch! der alte Ohm ist auch zur Hochzeit gekommen.« – »Nein!« riefen andere dagegen, – »der fremde Mann hat wohl des Ohms Hut, Bastschuhe und Stock, aber der Ohm selbst ist nicht hier.« Inzwischen wurden die Schüsseln mit den Speisen aufgetragen, und zwar lagen Deckel darauf. Da sah der Allsichtige, was von den Uebrigen Niemand bemerkte, daß mit einer wunderbaren Geschwindigkeit die guten Speisen aus den Schüsseln herausgenommen und schlechtere dafür hineingethan wurden.6 Eben so ging es mit den Kannen und Flaschen. Jetzt fragte der Allsichtige nach dem Hausherrn, trat mit schicklichem Gruß zu ihm und sagte: »Nehmt es nicht übel, daß ich als unbekannter Fremder unerwartet zu eurem Feste gekommen bin.« »Seid willkommen,« entgegnete der Wirth – »Speise und Trank haben wir genug, so daß uns ein und der andere ungeladene Gast nicht lästig fallen kann.« Der Allsichtige versetzte: »Ich will es glauben, daß ein Gast mehr oder weniger hier nicht lästig fällt, wenn aber die Zahl der ungebetenen Gäste die der gebetenen übersteigt, da kann doch auch der reichste Wirth zu kurz kommen.« »Ich verstehe eure Rede nicht,« sagte der Wirth. Der Fremde gab ihm seinen Hut und sagte: »Setzet meinen Hut auf und hebt die Augen zur Decke hinauf, da werdet ihr schon sehen.« Der Wirth that es, und als er sah, was für Streiche die kleinen Gäste mit der Mahlzeit verübten, wurde er todtenbleich und rief mit zitternder Stimme: »Ei, Freundchen! von diesen Gästen hat meine Seele nichts gewußt; und da ich euren Hut wieder abnehme, sind sie verschwunden. Wie könnte ich sie wohl los werden?« Der Eigner des Hutes erwiederte: »Ich will euch die kleinen Gäste bald vom Halse schaffen, wenn ihr die geladenen Gäste auf kurze Zeit hinausführen, Thüren und Fenster sorgfältig verschließen und dafür sorgen wollt, daß nirgends ein Astloch oder ein Spalt in der Wand unverstopft bleibt.« Obwohl der Festgeber dem Dinge nicht recht traute, so that er doch was der Fremde gewünscht hatte, und bat ihn, die kleinen Windbeutel hinauszujagen.

Nach einer kleinen Weile war das Gemach von den geladenen Gästen geräumt, Thüren, Fenster und andere Oeffnungen sorgfältig verschlossen, und der Allsichtige war mit den kleinen Gästen allein. Da begann er seinen Knüttel gegen die Decke und in den Zimmerecken zu schwingen, daß es eine Lust war zu sehen! In wenigen Augenblicken war die ganze Schaar der kleinen Gäste vernichtet, und an der Diele lagen so viele Wassertropfen, als wenn es stark geregnet hätte. Nur ein Bohrloch war zufällig unverstopft geblieben, dahinaus schlüpfte eins der Zwerglein, wiewohl der Knüttel den Flüchtling noch gestreift hatte. Dieser stöhnte auf dem Hofe: »Ai, ai, was für ein Schmerz! Schon manches Mal habe ich die Pfeile des alten Papa Pikne geschmeckt, aber das war nichts gegen diesen Knüttel.«

Als der Wirth mit Hülfe des Wunderhutes sich überzeugt hatte, daß das Gemach von den Zwerglein gereinigt war, bat er die Gäste wieder einzutreten. Bei Tische durchschaute der Allsichtige die geheimen Gedanken der Hochzeitsgäste, und erfuhr Manches, wovon die Andern nichts ahndeten. Der Bräutigam trug mehr Verlangen nach der Habe seines Schwiegervaters, als nach seiner jungen Frau; diese, welche als Mädchen mit dem Junker des Gutes zu thun gehabt hatte, hoffte durch ihren Mann und ihre Haube ihre Schande zu bedecken. – Jammerschade, daß in unsern Tagen solche Hüte nirgends mehr zu finden sind.

Fußnoten

1 Wörtlich: Ochsenknieleute. L.

2 S. die Nota auf der folgenden S.L.

3 Dieser Hut stammt aus der Unterwelt. S. Kalewipoëg XIII, 831 ff. Er hat zehn Gewalten, unter andern die Kraft, den Körper auszudehnen und zusammenzuziehen. Der Kalewsohn, der sich des Hutes bemächtigt hatte, beginnt den Ringkampf mit dem Höllenfürsten (Gehörnten, sarwik) in verschrumpfter gewöhnlicher Mannslänge, als aber der Kampf ihn schwächt, läßt er sich durch den Hut wieder zum Riesen machen, hebt den Gehörnten zehn Klafter hoch und stampft ihn in den Boden. XIV, 811 ff. Darauf muß der Hut, der auch Wunschhut heißt, ihn und die drei in der Hölle gefangen gehaltenen Schwestern sammt den Höllenschätzen auf die Oberwelt versetzen; im Uebermuthe verbrennt der Kalewsohn sodann den Schnitzel- oder Wünschelhut. Darüber klagen die Schwestern:

»Warum, starker Sohn des Kalew,
Hast den lieben Hut zerstört du?
Auf der Erden, in der Hölle
Flicht man nie mehr einen solchen.
Todt sind fortan alle Wünsche
Und vergeblich alles Sehnen!«

ibid. 909. ff.

Noch jetzt herrscht im Werroschen der Gebrauch, daß man nach dem Beschneiden der Nägel an Fingern und Zehen mit dem Messer ein Kreuz über die Abschnitzel zieht, ehe man sie wegwirft, sonst soll der Teufel sich Mützenschirme daraus machen. S. Kreutzwald zu Boecler S. 139. L.

4 Vgl. im Märchen 4. vom Tontlawald S. 64. L.

5 Diese ruhen auf Querbalken, ziehen sich unter der Zimmerdecke hin und haben in der Mitte eine Oeffnung, durch welche das geschnittene Korn nach beiden Seiten hin zum Dörren geschoben wird. L.

6 Vgl. das Märchen 8. vom Schlaukopf, wo der Teufel sämmtliche Speisen und Getränke durch sein Kosten verschwinden läßt. L.

Quelle:
Kreutzwald, Friedrich Reinhold: Ehstnische Märchen. Halle: Verlag der Buchhandlung des Waisenhauses, 1869, S. 140-147.

Quelle:
http://www.zeno.org