Hel

Hel, (Nord. M.), Tochter des Loke und der Riesin Angerbode, Schwester des Wolfes Fenrir und der Schlange Jormungand. Alle drei Geschwister gehörten zu den entsetzlichsten Geburten der Unterwelt, und weil die Asen wussten, welche Schrecken ihrer von diesen Kindern warteten, so schleuderten sie die Schlange in das Meer, wo sie wuchs, bis sie die ganze Erde als Midgards-Schlange umgab, fesselten den Fenris mit einem unzerreissbaren Bande, und setzten endlich auch das dritte Kind des Loke, die grässliche H., in die Unterwelt. Dort ward sie Beherrscherin von den neun Welten, die zu dem Reiche Niflheim oder Helheim gehören, und regiert daselbst als Königin über alle diejenigen, die nicht auf dem Schlachtfeld, sondern an Alter oder Krankheit gestorben sind. H. wird grässlich gedacht, offenbar, weil die Skandinavier nichts Schrecklicheres kannten, als den Tod der Krankheit und Entkräftung; so wird sie denn als furchtbare Riesin dargestellt, welche halb fleischfarben, halb blau oder schwarz ist, Menschen frisst, oder nur von ihrem Marke und Gehirn lebt; ihre Umgebungen sind entsetzlich und Grauen erregend.

Quelle:
Vollmer, Wilhelm: Wörterbuch der Mythologie. Stuttgart 1874, S. 232-233.




Hel (Hela, nord. Myth.), Tochter Lokis u. Angerbode's, halb von blauer (Verwesung), halb von menschlich rother Farbe; wurde, als sie Loke aus Jotunheim nach Asgard brachte, von Odin nach Niflheim geworfen u. thront dort in Helheim als Göttin der Finsterniß u. des Todes; zu ihr kommen nur die an Krankheiten u. Altersschwäche Gestorbenen. Ihr Haus heißt Elvidvr (Elend), ihre Schwelle Fallandi Forrad (einfallender Sturz), ihr Tisch Hungur (Hunger), ihr Messer Sulltur (Aufzehren), ihr Bett Kor (Kümmerniß), ihre Decke Blinkandeböl (langwierige Seuche), ihr Knecht Ganglate (Ganglas, Spätkommer), ihre Dienerin Ganglöt (Ganghöl, Langsam). Wegen ihrer Verstoßung war sie ewige Feindin der Asen. Man glaubte von ihr, daß sie sich in Träumen, bes. bei der Nähe des Todes, offenbare.

Quelle:
Pierer's Universal-Lexikon, Band 8. Altenburg 1859, S. 206.




Hel, vom altd. helan, nhd. hehlen, verhehlen, ist die germanische Göttin des Todes und der Unterwelt; erst später, aber noch in heidnischer Zeit, als man eine Unterscheidung zwischen den Toten machte und besondere Wohnsitze für die Guten und die Bösen annahm, wurde die Göttin Hel zur Vorsteherin derjenigen Geister gemacht, die nach thätigem, ruhmlosem Leben dahingegangen sind, und ihr Name erweiterte sich zu Hellia, Hella, nhd. Helle, Hölle, woher der christliche Aufenthaltsort der Verdammten später den Namen Helle, Hölle empfing. Man dachte sich die Göttin Hel in Sümpfen oder Brunnen lebend, oder im Berge, Helleberg, die Seelen hütend. Zu ihrem unterirdischen Sitze sollte die Milchstrasse führen, die daher in Norddeutschland der Helweg genannt wird. Die nordische Hel ist halb schwarz, halb menschenfarbig und hat ein grimmiges, furchtbares Aussehen. Ihr gehört die Herrschaft in Nifelheimr, wo sie unter einer Wurzel der Esche Ygdrasil in ihrer Burg Helheimr wohnt. Den langen und traurigen Weg dahin, den Helweg, reitet man neun Tage und Nächte nach Norden zu durch dunkle tiefe Thäler den Abgrund hinab. Über Dornenheiden und Sümpfe kommt der Wanderer zu einem reissenden Strome, den die Gjallarbrücke überwölbt, die mit glänzendem Golde belegt ist. Sie hängt hoch im Winde unter dem dem Gewölk, die Milchstrasse. In einem hohlen und von mächtigen Gittern verwahrten Gehege bewacht ein Hund mit blutgefleckter Brust und klaffendem Rachen den Eingang zu Hels Wohnungen. Ihr Saal heisst Elend, ihre Schüssel Hunger, ihr Messer Gier, ihr Knecht Träg, ihre Magd Langsam, ihre Schwelle Einsturz, ihr Lager Krankenbett, ihr Vorhang dauerndes Übel. Damit die Seelen jene Dornenheide nicht barfuss überschreiten müsse, gab man den Toten ins Grab ein Paar Schuhe mit. Wer den Armen auf Erden eine Kuh geschenkt hat, wird nicht straucheln und schwindeln, wenn er die Gjallarbrücke überschreiten muss; denn dort findet er eine Kuh, welche seine Seele über die Totenbrücke geleitet; daher man in vielen germanischen Ländern eine Kuh hinter dem Sarge her bis auf den Kirchhof mitgehen liess. Mannhardt, Götterwelt.

Quelle:
Götzinger, E.: Reallexicon der Deutschen Altertümer. Leipzig 1885., S. 394.




Hel (altnord., got. Halja, althochd. Hellia), in der nordischen Mythologie Tochter Lokis und der Riesin Angrboda, halb schwarz und halb menschenfarbig. H. thront in Helheim als Göttin der Unterwelt und des Todes. Eine goldgedeckte Brücke führt über den Fluß Gjoll in ihr Reich, in das nach dem ältern Glauben alle Menschen, nach jüngerer Anschauung nur die an Krankheiten und Altersschwäche Gestorbenen kommen, und wo an ihrer von einem mächtigen Eisenzaun umgebenen Behausung der Hund Garm wacht. Ihr Anblick ist erschrecklich; unersättliche Gier und Unbarmherzigkeit zeichnen sie aus. Auch das deutsche Mittelalter zeigt noch die Vorstellung von einer gefräßigen, hungrigen, unersättlichen Hölle (s. d.), während der griechische Hades sowie der lateinische Orkus männlich gedacht wurden.

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 9. Leipzig 1907, S. 131.