Freir

Freir oder Frey (Nord. M.), Sohn des Niord; Niord ward unter die Asen aufgenommen, als er, von den Vanen ihnen als Geisel übergeben, seine Trefflichkeit durch Thaten bekundet hatte. F.s Mutter war Skade. Wie seine Schwester Freia der Mond, so ist F. ursprünglich die Sonne. Man nennt F. den vorzüglichsten der Asen; er herrscht über Regen und Sonnenschein und die Erdgewächse, und ihn muss man anrufen um gute Jahre und Frieden; er waltet auch über die güterreichen Menschen, gibt den verlobten Mädchen ihre Geliebten und den Frauen ihre Gatten wieder, wenn sie in der Schlacht gefangen worden sind. F. ging einst auf den Thron Hlidskialf, von welchem man die ganze Welt überschauen konnte, doch war dieser nur für Odin bestimmt, desshalb ward F. sogleich für seine Dreistigkeit dadurch bestraft, dass er in Liebessehnsucht zu einem Jotenmädchen versank. Er schauete nämlich dort die Tochter des Bergriesen Gymer und der Aurboda, die schöne Gerdur, welche so anmuthig und leuchtend war, dass, als sie die Hände erhob, um die Thüre von ihres Vaters Haus zu verschliessen, Luft und Wasser davon auf das Heiterste erglänzten. Als er nach Hause zurückkehrte, sprach, trank und speiste er nicht; ein verzehrender Unmuth ergriff ihn, und Niemand wagte mit ihm zu reden; selbst sein Vater Niord wandte sich nur an seinen Diener Skirner, welcher ihn auszuforschen versprach, doch wenig Hoffnung zeigte. F. liess sich williger finden, als Skirner gedacht, er sagte ihm, dass er das schöne Jotenmädchen liebe, und nicht ohne dasselbe leben wolle und könne. Zufrieden damit, dass nichts Aergeres ihn verstimme, unterzog sich Skirner dem Auftrage, für ihn um Gerdur zu werben, doch nur unter der Bedingung, dass F. ihm sein treffliches Schwert mitgäbe, welches von Zwergen mit tiefer Zauberkunst geschmiedet war, und die Eigenschaft hatte, dass es von selbst tödtete, wenn es einmal gezogen war. F. gab es unbesonnen hinweg, und gerieth dadurch in die Nothwendigkeit, den starken Beli, der ihn angriff, waffenlos zu bekämpfen, und ihn mit einem Hirschgeweih zu erschlagen, das er von der Wand des Saales herabnahm, worin sie sich begegneten. Noch schlimmer wird's ihm bei dem Weltuntergang Ragnarokr ergehen, denn die Söhne von Muspelheim sind nicht so leicht ohne Schwert zu bekämpfen, als der starke Beli. Skirner erhielt die günstige Antwort, dass F. die Hand der schönen Gerdur bekommen solle, und dass sie sich nach neun Nächten bei ihm einstellen werde, um die Vermählung zu feiern; da sprach Freir: »Das ertrage ich nicht, denn auch nur eine halbe Sehnsuchtsnacht ist länger, als sonst ein ganzer Monat.« - In Gerdur ist das Nordlicht personificirt. Mit ihr wohnt F. in Alfheim, das die Götter ihm geschenkt, als er den ersten Zahn bekam. Als dem Sonnengotte gehört ihm auch der goldhelle Eber Gullinbursti. Nebst diesem besitzt er das Ross Blodughofi, das er auch seinem Diener Skirner zu jener Botschaftsreise lieh. Auch hat er ein kunstvolles Wolkenschiff, Skidbladnir genannt, ein Werk von Zwergen, Söhnen Yvolds. Es ist so gross, dass die Asen in Waffenrüstung darin Raum haben, und sobald die Segel aufgezogen sind, hat es guten Wind, wohin nur immer sein Lauf gerichtet ist. Will man aber nicht damit fahren, so kann man es in die Tasche stecken, aus so vielen Stücken ist es künstlich zusammengesetzt. - Man pflegte die heiligsten Eide bei F.s Namen zu schwören, in welchem Falle ein Thier (meistens ein Eber), ihm zum Opfer gebracht, und ein Ring in das Blut des Thieres getaucht, von den Schwörenden emporgehalten, und dabei ausgerufen wurde: »So wahr als mir F., Niord, und die mächtigen Asen helfen mögen!« - Der Eber war F. besonders heilig, und noch in der christlichen Zeit pflegte an dem Juelfest ein Eberbild auf die Tafel, an der die Helden zechten, zu kommen, und ein jeder, die Hand auf das Idol legend, irgend ein Gelübde zu Ehren des Gottes zu thun.

Quelle:
Vollmer, Wilhelm: Wörterbuch der Mythologie. Stuttgart 1874, S. 208-209.




Freir (nord. Myth.), einer der Asen, Sohn Niords u. der Skade, Bruder der Freia, gebot über Sonne u. Regen, stand den Ernten u. Allem, was auf der Erde wächst, vor u. gab allen Segen u. Frieden, daher man ihn anrief, wenn man ein gutes Jahr u. Frieden, wenn Jungfrauen einen Bräutigam, u. Weiber ihre im Kriege gefangenen Männer wieder haben wollten. F-s Gemahlin war Gerdur, Tochter Gymirs u. Aurbodas. F. hatte sie gesehen, als sie von ihres Vaters Wohnung in ihren Frauenzwinger ging, u. erkrankte vor Liebessehnsucht, bis sein Diener Skirnir über die Flamme, welche Gymirs Wohnung umloderte, u. mit seinem Schwert, welches sich von selbst gegen die Riesen schwang, zu Gerdur ritt u. diese für ihn freite. Gerdur weigerte sich lange, F-s Liebe anzunehmen, verschmähte die 11 ihr angebotenen goldnen Äpfel u. den wunderbaren Ring Draupnir u. nur durch Zauberformeln besiegt wurde sie F-s Gemahlin. Nun wohnte F. mit Gerdur in seinem Reiche Alfheim. Ihm als Sonnengott gehörte der goldhelle Eber Gullinbursti, der ihm auch als Reitpferd diente; außerdem hatte er noch das Roß Blodughofi u. das kunstvolle Schiff Skidbladnir; letzteres, ein Geschenk der Söhne Yvalds, war so groß, daß es alle Asen faßte, u. so eingerichtet, daß es, wenn die Segel aufgezogen waren, günstigen Wind bekam, u. ließ sich ganz aus einander nehmen u. in kleinem Raume verbergen. Zu F-s Umgebung gehörten die Liosalfar (Lichtelfen). Im Kampfe mit dem Riesen Beli tödtete er denselben, weil er sein Schwert an Skirner gegeben hatte, mit einem Hirschhorn, daher F. den Beinamen Belladaigr erhielt. Andere Beinamen desselben waren Vanagod, Vanr, Fegiafi (Reichthumspender). Seinen Haupttempel hatte F. in Upsala u. theilte daselbst die Verehrung mit Thor.

Quelle:
Pierer's Universal-Lexikon, Band 6. Altenburg 1858, S. 696.




Frei, Frey, Freir (Mythologie), Frey, Freir, ein Ase, der Sohn Niord's und der Scade, den die alten Eddalieder gar herrlich preisen. Er war die gütige Gottheit, welche dem Lande Regen und Sonnenschein und Fruchtbarkeit schenkte, er war es, der den Jungfrauen Gatten verschaffte und die Ehen mit Frieden segnete. Er wohnt in Alfheim, die Götter hatten ihn dort mit einem schönen Palast begabt. Statt eines Rosses reitet er auf dem Eber Goldborste, der so hellen Glanz um sich strahlt, daß er die Nacht in Tag verwandelt. Seine Gemahlin hieß Gerda, und war die Tochter eines Riesen, Namens Gymer. Romantisch ist die Art, wie er ihre Liebe errang. Einst saß er auf dem glänzenden Hlidskialf, dem Throne Odin's, von dem aus man die ganze Welt überschaut. Nach Jotunheim, dem Riesenlande im Norden, blickend, sah er die schönste Maid der Welt, des Jöten Gymer Tochter, sie ging aus der Wohnung des Vaters in die ihrige, und ihre Arme und Hände warfen so hellen Schimmer umher, daß Himmel und Erde davon erglänzte. Freir entbrannte in Liebe zu ihr und verließ traurig den Stuhl Odin's Niemand wußte die Ursache seiner anhaltenden Traurigkeit, endlich bewog Scade den jungen Skirner, Freir's Bote, zu forschen, was doch dem Sohne fehle. Mit Mühe entlockt Skirner dem Gott die Ursache seines Kummers, zeigte sich aber auch hilfebereit. Er forderte nur ein gutes Roß und das Schwert Freir's, um im Riesenlande seine Werbung auszurichten, und erhielt Beides. Es war nicht leicht, zu der Riesenjungfrau zu gelangen, wüthende Hunde hielten vor der Umzäunung der Skemma (Frauenwohnung) Wache, Flammen umloderten das Gebiet, ein alter Hüter saß am Wege und verkündigte dem kühnen Werber den Untergang. Flammen und Hunde schreckten Skirner nicht, vom Hufschlag seines Rosses bebte der Boden, und Gerda sandte nun ihre Dienerinnen hinaus, den Gast zu begrüßen, daß er Meth mit ihr trinke. Skirner brachte seine Werbung an, er bot Geschenke: »Elf goldene Aepfel gibt Dir Freir, wenn Du ihn liebst.« Gerda verweigerte die Annahme und sagte, daß ihre und Freir's Vereinigung unmöglich sei. Skirner bot einen Ring, denselben, dem nach Balder's Leichenbrand in jeder neunten Nacht elf gleiche Ringe entträufeln; Gerda lehnte ihn ab; sie habe mit ihrem Vater des Goldes genug. Jetzt, da Güte nicht fruchten zu wollen schien, begann Skirner zu drohen: er werde ihr den Kopf abschlagen, wenn sie nicht einwillige. Gerda aber erwiederte, sie werde nimmer Gewalt erdulden, und ihr Vater werde für sie kämpfen. Darauf beschrieb ihr Skirner die schreckliche Wirkung seines Zauberschwertes, das von selbst die Riesen erschlage, so werde auch ihr Vater durch dasselbe fallen, und da er sie hierauf noch immer unschlüssig fand, nahm er zu noch furchtbarern Mitteln seine Zuflucht. Er drohte mit bösem Zauber, er werde ihr solche Zauberrunen schneiden, daß sich ihre blendende Schönheit in ein häßliches Schreckbild verwandeln solle, Menschen und Geistern ein Abscheu, jede Lebens- und Liebeslust solle ihr fremd bleiben, Pein der Liebe solle sie quälen, im Todtenabgrund solle sie wohnen, wo schwarze Zwerge ihr aus Weidenholz bittern Trank reichen würden, endlich müsse sie den dreiköpfigen Eisriesen Reifgrimmer zum Gatten annehmen; nach so schrecklichen und furchtbaren Drohungen stellt Skirner ihr die Wahl gänzlich frei. Bebend bot ihm Gerda den Methbecher und seufzte über seine schweren Worte. »Nie,« sprach sie, »hätte ich geglaubt, einen Sohn der Wanen zu freien.« Als Skirner sie so weit gebracht hatte, drang er in sie um feste Zusage und bestimmte Antwort, und Gerda nannte ihm einen Hain, wo nach neun Nächten Freir sie finden sollte. Freudig enteilte der Liebesbote dem Riesenlande. Freir ließ ihn nicht vom Rosse steigen, ehe er erfuhr, was Skirner ausgerichtet, und klagte, als er den günstigen Bescheid erhielt: O wie lang ist eine Nacht, wie lang drei, und ich soll neun Nächte harren! Ist mir doch mancher Mond kürzer erschienen, als die eine halbe Nacht Deiner Sendung! Einst, beim Weltuntergang, gingen die alten Göttersagen, wird Freir kämpfen mit dem Feuerriesenführer Surtur, und wird tief bereuen, sein gutes Schwert dem schnellen Skirner geschenkt zu haben. In seinem Reiche Alfheim wohnen zugleich die Lichtalsen, seine glänzenden guten und freundlichgesinnten Unterthanen.

–ch–
Quelle:
Damen Conversations Lexikon, Band 4. [o.O.] 1835, S. 247-249.