Die drei Pomeranzen

Wo war's, wo war's nicht: es war einmal ein König, der hatte drei Söhne. Nun kam die Zeit daß sie freien sollten, aber sie konnten keine finden die ihnen selber und ihrem Vater recht gefallen hätte. »Geht, meine Kinder, und seht euch in der Welt um,« sagte der König zu ihnen, »und sucht euch anderswo Frauen.« Die drei Söhne machten sich auf den Weg und kamen einmal zum Uebernachten an ein kleines Haus, in dem wohnte eine alte alte Frau. Die fragte sie nach dem Zwecke ihrer Reise und die Königssöhne sagten es ihr. »Dazu kann Rath werden,« sagte die alte Frau. Ehe sie aber am andern Morgen von ihren Gästen Abschied nahm, gab sie Jedem eine Pomeranze, unter der Bedingung, sie nur an einem Orte aufzuschneiden wo Wasser wäre; sonst würden sie einen großen, sehr großen Verlust erleiden. Die drei Königssöhne machten sich auf den Weg, aber den Aeltesten plagte die Neugierde sehr was das nur für eine Pomeranze sein könnte, und da er nicht begreifen konnte wie man das Aufschneiden würde zu bereuen haben wenn auch kein Wasser in der Nahe wäre, schnitt er sie wirklich auf, und siehe, da sprang aus der Pomeranze ein schönes Mädchen wie er noch nie eins gesehen, vor ihn hin und rief: »Wasser, nur Wasser! sonst sterbe ich den Augenblick.« Der Königssohn lief nach allen Seiten um Wasser, aber es war keins da und das schöne Mädchen war nach Verlauf kurzer Zeit wirklich gestorben.

Die Königssöhne gingen weiter, und nun fing auch der Jüngere an sich selbst zu fragen, was wohl in seinem Apfel sein könnte. Gerade hatten sie sich zum Mittagsessen in einer Ebene unter einem grünen dichtbelaubten Baume hingesetzt, und da schien es ihm als sähe er nicht gar weit von ihnen einen Weiher. »Wenn auch so ein Mädchen darin ist, so kann ich ihren Wunsch hier stillen,« dachte er bei sich selbst, und war nicht länger im Stande seiner Neugierde – denn wenn die einen einmal plagt, wie stark ist sie dann auch! – zu widerstehn. Er zerschnitt also die Pomeranze und wirklich sprang wieder ein Mädchen heraus, noch weit schöner als die vorige, und verlangte nach Wasser; wenn sie keins bekäme würde sie sterben. Seine Brüder liefen rasch danach, aber als sie immer nicht wiederkamen, eilte er mit blutendem Herzen seinen Brüdern nach, weil er nicht länger ruhig warten wollte bis sie mit Wasser von dem vermeintlichen Weiher zurückkäme; aber je weiter er ging desto weiter entfernte sich der Weiher weil es nur eine Luftspiegelung war. Halb wahnsinnig rannte er zu seinem Baume zurück, um nachzusehn, ob das Mädchen noch lebte, aber schon fand er sie kalt und ohne Leben. Da nun die beiden ältern Brüder sahen, daß sie verloren hatten was sie suchten, und glaubten, sie würden keine schöneren mehr finden als Jene, kehrten sie traurig zu ihrem Vater nach Hause zurück, der Kleinste aber setzte seine Reise noch fort.

Er ging seinen Weg bis er nach vielen Plagen nahe bei eine Stadt an einen Brunnen kam. Er zweifelte nicht daran, daß auch in dieser Pomeranze ein Mädchen sein würde, darum wagte er es erst hier sie aufzuschneiden. Und wirklich sprang auch ein Mädchen heraus das wohl noch hundertmal schöner war als die beiden ersten. Sie forderte Wasser, der Königssohn brachte ihr welches und so hatte der Tod keine Macht über sie. Jetzt eilte der Königssohn in die Stadt um seiner Geliebten kostbare Kleider zu kaufen, und damit ihr bis dahin kein Unfall begegnete, ließ er sie sich unter einen dichtbelaubten Baum setzen, dessen Aeste den Brunnen überschatteten.

Kaum war der Königssohn fortgegangen, da kam eine Zigeunerfrau an den Brunnen um Wasser zu holen. Sie schaute in den Brunnen und sah in dem Wasser das niedliche Gesichtchen des Mädchens unter dem Baume. Zuerst dachte sie es wäre ihr eigenes Gesicht, und fand beinahe an sich selber Gefallen, dann aber entdeckte sie auch sich selber, schaute sich um und sah oben das schöne Mädchen sitzen. »Auf was wartest du, hübsches Kind?« fragte sie die Zigeunerin mit hinterlistigen Blicken. Jene sagte ihr warum sie dasäße. Jetzt ging sie unter schmeichlerischen Worten an den Baum heran, stieß das schöne Mädchen in den Brunnen und setzte sich an ihren Platz; aber während das Mädchen untersank, schwamm im nächsten Augenblick ein niedliches Goldfischchen in dem Brunnen herum.

Die Zigeunerin erkannte darin recht gut das Mädchen, und damit es ihr keine Gefahr bringen könnte, suchte sie es zu fangen, als der Königssohn mit den schönen Kleidern wiederkam, da vergaß sie es über der Sorge sich nun gehörig zu verstellen. Der Königssohn bemerkte gleich den Unterschied zwischen diesem Weibe und dem Mädchen das er unter dem Baume gelassen hatte, aber sie wußte ihm weißzumachen, daß sie ihre Schönheit eine Weile büßen müßte, nachdem sie die Geisterwelt verlassen hätte, aber daß sie sie schon wieder gewinnen würde, und das um so schneller je inniger er sie lieben würde. Der Königssohn gab sich zufrieden und zog mit der gefundenen Frau heim zu seines Vaters Haus, und liebte sie auch auf Rechnung der schönen Aussicht. Die gute Kost, das sorglose Leben und die schönen Kleider verschönerten auch wirklich das braune Weib ein Bischen, und da der Königssohn den Ausspruch seiner Frau so glaubte sich erfüllen zu sehen, wurde seine Zuneigung zu ihr immer größer, und es gab Nichts was auf ihre Bitten unerfüllt geblieben wäre.

Indeß kam das Goldfischchen der Frau nicht aus dem Kopfe, weshalb sie sich sogar krank stellte und versicherte, es würde nicht eher besser mit ihr werden, bis sie von der Leber eines Goldfisches gegessen hätte welches da und da in einem Brunnen lebte. Der Königssohn fing es also und von der Leber wurde der Königin besser und sie selber fröhlicher als vorher. Es geschah aber, daß eine Schuppe des Fischchens mit dem Wasser zugleich auf den Hof ausgegossen wurde, daraus wuchs auf jener Stelle ein schöner lieblicher Baum. Die Königin merkte recht gut woher so plötzlich der Baum gekommen war, wurde wieder krank und sagte, es würde erst dann besser werden, wenn man den Baum verbrannt und ihr Essen bei seinem Holze gekocht hätte. Auch dieser Wunsch wurde erfüllt und nun war ihr besser.

Es geschah aber daß einer von den Holzhackern von dem Baume seiner Frau ein viereckiggeschnittenes Stück Holz mit nach Hause brachte, welche es zum Sturzdeckel aus einen Milchtopf brauchte. Diese Leute wohnten nicht weit von dem königlichen Schlosse und waren arm, die Frau war ihre eigene Hausfrau und Magd zugleich und verrichtete Alles im Hause. Eines Morgens früh ging sie nun von Hause weg ohne daß sie darin alles in Ordnung gebracht und ihre gewohnten Geschäfte gethan hatte. Wie sie aber am Abend wieder nach Hause kam, fand sie Alles aufgeräumt und in der schönsten Ordnung. Die Frau wunderte sich und wußte sich das gar nicht zu erklären. So geschah es aber noch an mehreren Tagen als sie wie das erste Mal ihre Sachen nicht geordnet hatte. Um einmal zu erfahren woher das käme, ließ sie wieder Alles unaufgeräumt zu Hause, ging aber auch nicht weg, sondern lauschte durch die Schlüsselluke was da. kommen sollten Kaum war es im Hause ruhig, so sah die Frau wir der Deckel des Milchhafens, der im Fenster stand, anfing sich leise zu bewegen, und nach einigen Augenblicken eine schöne Fee heraussprang, welche ihre goldenen Flechten zurechtlegte und sich putzte, dann aber auch das ganze Haus in Ordnung brachte. Damit sie nun die schöne Fee nicht entkommen und sich wieder verzaubern ließe, machte die Frau plötzlich die Thüre auf. Alle Beide waren überrascht, aber die Freundlichkeit und das Zureden der Frau benahm dem Mädchen alsbald ihre Bedenklichkeiten. Sie erzählte ihr jetzt ihre Geschichte, wie sie jenes Mal auf die Welt gekommen, wie sie ein Fisch geworden wäre, dann ein Baum, und daß sie aus der Milchstürze herausgekommen wäre um das Haus aufzuräumen, sie entdeckte auch wer die jetzige Königin wäre.

Die Frau hörte das Alles mit Staunen an und warf den Milchdeckel, den sie bei ihrem Eintritte gleich in die Hand genommen hatte, gleich ins Feuer, damit sich das Mädchen nicht wieder verwandeln sollte. Dann ging sie zu dem Königssohne und erzählte ihm was geschehen war. Jetzt erklärte sich sein Verdacht daher, daß die Schönheit seiner Frau so lange hatte auf sich warten lassen. Er holte das Mädchen zu sich und erkannte in ihr die schöne Fee die er unter dem Baume hatte sitzen lassen. Die Zigeunerfrau wurde darauf an den Pranger geschleppt, der Königssohn aber nahm das schöne Feenmädchen zur Frau und sie lebten zusammen glücklich und vergnügt.


II, S. 345.
Quelle:
Stier, G.: Ungarische Sagen und Märchen. Berlin: Ferdinand Dümmlers Buchhandlung, 1850, S. 83-91.


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