Das Hulderweib in Kindsnöten

»Nördlich im Hügel«, bei dem Dorfe »zu Eiđ« auf Eysturoy, wohnt Huldervolk, wie weit umher an anderen Stellen. Einmal sass die Hebamme zu Eiđ, Elseba, vor dem Hause auf dem Steinzaune und rührte Milch. Als sie im besten Sitz ist und den Quirl am hurtigsten rennen lässt, damit die Milch dick werde und im Kübel tüchtig aufschäume, kommt ein Hund zu ihr, ist zudringlich und will von der Milch schlecken. Sie kennt den Hund nicht und will ihn von sich treiben, aber er ist widerspenstig und will vor ihren Drohungen nicht weichen; – sie will daher den Platz verlassen und mit der Milch ins Haus gehen. Der Hund verfolgt sie, und da sie zur Thür kommt, steht hier ein Huldermann vor ihr und bittet sie, mit ihm zu kommen und seiner Frau zu helfen, die sich niedergelegt hatte und in Kindsnöten lag. Sie folgte ihm nun nördlich in den Hügel und war dort die ganze Nacht; der Huldermann verband ihr die Augen, als er sie nördlich in den Hügel führte. Als sie am Morgen zurückkam, begann das Volk sich zu erkundigen, wo sie über die Nacht gewesen und was sie gemacht habe, aber sie antwortete nichts anderes als: »Schön war das kleine Kind mit dem grossen Kopf, das heute Nacht geboren wurde.« Der Huldermann versprach Elseba Glück bis in das zehnte Glied, weil sie der Hulderfrau aus der Not geholfen hatte; Hanis in Búrstova zu Eiđ ist der sechste Mann nach ihr. – Einmal nach dieser Begebenheit waren die Eiđsmänner im Gebirge, um Widder zum Schlachten zu fangen, und der Mann der Elseba war einer der Treiber; während die Männer die Schafe jeder an seiner Stelle sammeln, entschlüpft ihm ein Schaf aus der Hürde und er rennt ihm nach. Nun begegnet er einem Huldermann, der im Zorn zu ihm sagt, hätte er nicht an der Seite Elsebens gelegen, so sollte es ihm übel gehen dafür, dass er über ihr Dach gegangen sei.


Quelle:
Jiriczek, Otto L.: Færöerische Märchen und Sagen. In: Zeitschrift für Volkskunde 2 (1892) 1-24, 142-165, Berlin: A. Asher & Co, S. 12-13.