Das Loch der Riesin in Sandoy und die Trollweiber am Fjallavatn in Vágar

a) Westlich von Sandsbygd geht ein grosses Loch in die Erde hinab, welches das Loch der Riesin [Gívrinarhol] genannt wird; in demselben wohnt eine Riesin. So geht die Erzählung der Leute, dass ein Mann aus dem Dorfe »heima á Sandi« auf den Grund des Loches stieg, um die Riesin aufzusuchen. Die Fahrt ging ihm gut von statten und er sah dort eine übergrosse Alte stehen und Gold in einer Mühle mahlen; ein kleines Kind sass drinnen bei ihr und spielte mit einer Goldrolle. Die Alte war blind, und deshalb wagte sich der Mann so still vorwärts zur Mühle und nahm von dem Golde, das sie mahlte, an sich. Die Riesin sah und hörte nichts von ihm, aber merkte doch an sich, dass sich etwas böses zutragen müsse, und sagte deshalb: »Entweder ist das die Maus, welche herumläuft, oder der Dieb, der stiehlt – oder geht mir Alten das Mahlen nicht recht«. Der Mann ging nun mit dem Golde weg von ihr, nahm dem Kinde die Goldrolle und schlug es auf den Kopf; das begann jämmerlich zu weinen. Als die Riesin dies hörte, ahnte ihr böses und sie sprang auf die Füsse, tastete nun in der ganzen Höhle nach ihm, aber fand niemanden, denn der Mann war längst aus der Höhle entkommen, auf das Pferd gestiegen und jagte mit verhängten Zügeln schleunigst heim mit dem Golde. Die Riesin rief daher so laut als möglich nach ihrer Nachbarin, erzählte ihr von ihrem Unfall und bat sie, ihr den Dieb fangen zu helfen. Sie war nicht faul zu Fuss, ihm nachzurennen, schritt über den Teich so gewaltig, dass die Fussspuren noch im Felsen gesehen werden, je eine auf jeder Seite des Teiches; sie werden die Spuren der Riesin genannt. Er war so weit entkommen, dass ein tüchtiges Stück Wegs zwischen ihnen lag. Als er zum Volismoor kam, da war die Riesin ihm so nahe gekommen, dass sie den Schwanz des Pferdes erreichen und packen konnte, und sie liess ihn nicht los, sondern hielt das Ross in der Bewegung auf; der Mann spornte das Ross so hart, dass es einen Sprung vorwärts machte, aber der Schwanz riss ab, weil die Riesin sich fest auf den Beinen hielt und Kraft hatte, zu widerstehen; das Ross fiel, und der Mann kopfüber von ihm – da sah man die Kirche, und der Mann war gerettet, und die Riesin, welche da keine Gewalt über ihn hatte, musste so gethaner Dinge umkehren. Noch hört man über dem Gívrinarhol, wie die alte blinde Riesin in der tiefen Höhle Gold mahlt.

b) Zwei Trollweiber wohnen beim Fjallavatn [See] in Vágar; die eine bei der Tormansschlucht und die andere jenseits des Sees »am Gebirge« [á Fjöllum], wie diese Landstrecke heisst. Die eine von ihnen war lahm und sie hatte ihre rote Jacke auf einen Stein gelegt, um sie zu sonnen, als ein Mann aus Sandavág hier vorbei geritten kam. Der Mann nimmt die Jacke und reitet mit verhängten Zügeln weg mit ihr. Nun sieht die Alte den Mann und die Jacke, die er ihr gestohlen hat, aber lahm wie sie ist, kann sie nicht selbst ihm nachrennen, und ruft deshalb das Trollweib jenseit des Wassers an: »Hilf, Schwester! schreite aus, schreite gewaltig aus!« Sie schleunigst ihm nach und er auf dem Rücken der Stute in grossen Sätzen davon. So ging es, bis er zur Vatnsbrekka kam; da begann er wie die Stute müde zu werden; hier am Abhang fliesst ein kleiner Fluss, hier tranken sie beide, und er sagte da: »Das war mir ein Seelentrost (sálarbót)!«, und seither heisst der Fluss Sálarbótá. Schon rannte die Alte ihm nach und kam ihm näher und näher; als er über den Abhang gekommen war, da war sie ihm so nahe, dass sie die Jacke zu fassen bekam und sie ihm entriss, doch so, dass die Jacke zerriss und der Mann den einen Ärmel behielt; da zeigte sich die Miđvágskirche, und das Trollweib musste so verrichteter Sachen zurückfliehen. Aber der Ärmel war so gross, dass er zerschnitten zur Altardecke in allen vier Kirchen auf Vágar ausreichte.


Quelle:
Jiriczek, Otto L.: Færöerische Märchen und Sagen. In: Zeitschrift für Volkskunde 2 (1892) 1-24, 142-165, Berlin: A. Asher & Co, S. 6-7.