Der Wechselbalg

Árn. I, S. 42/3.

Auf einem Bauernhofe ist einst die Frau mit ihrem dreijährigen Knaben allein zu Hause. Da sie den Milchtrog draussen im Bache auswaschen muss, setzt sie das Kind solange in der Haustüre nieder. Wie sie nach kurzer Zeit wiederkommt, schreit das Kind und stellt sich so ungebärdig wie nie zuvor. Während es vorher schon gut sprechen konnte, vermag es von jetzt an kein Wort mehr hervorzubringen. Dazu ist es auf einmal in allem dumm und ungeschickt, und auch im Wachstum geht es nicht mehr vorwärts. Die Mutter, die vorher auf ihren klugen, gutgearteten Knaben so stolz war, ist unglücklich über diese traurige Veränderung ihres Kindes und sucht bei einer vielkundigen Nachbarin Hilfe. Auf deren Rat bindet sie nun eines Tages eine Menge Schäfte aneinander, so dass das eine Ende bis zum Küchenschornstein reicht, während das andere Ende, an dem ein Quirl befestigt ist, in einem kleinen Henkeltopf steht, der auf dem Fussboden der Küche sich befindet. Nachdem sie diese Vorbereitungen beendet hat, bringt sie das Kind hinein und versteckt sich, um es nun zu beobachten. Sowie der Kleine sich allein glaubt, watschelt er um den Topf herum und sagt: »Nun bin ich doch so alt, wie man an meinem Barte sehen kann, im Elbenreiche ein Vater von achtzehn Kindern, und doch habe ich noch nie eine so lange Stange in einem so kleinen Topfe gesehen.« Nach dieser Rede weiss die Mutter, dass diess Kind ein Wechselbalg ist. Sie kommt nun sofort in die Küche und schlägt ihn aus Leibeskräften. Er schreit furchtbar. Darauf tritt nach kurzer Zeit eine unbekannte Frau in die Küche mit einem schönen Knaben auf dem Arm und sagt zu ihr: »Wir handeln ungleich. Ich lulle dein Kind ein, aber du schlägst meinen Mann.« Hierauf setzt sie das Kind der Bäuerin auf den Boden, nimmt den Wechselbalg und verschwindet mit ihm.

Ähnliche Erzählungen von Wechselbälgen finden sich auch in andern Märchensammlungen. In den irischen Elfenmärchen (6 »Die Brauerei von Eierschalen« S. 35 ff.) wirft eine Frau vor den Augen des Kindes Eierschalen in siedendes Wasser. Erstaunt richtet sich das sonst ganz teilnahmlose Kind in der Wiege in die Höhe und fängt plötzlich an zu reden und zu fragen, was sie da mache. Die Mutter erklärt, sie braue Eierschalen. Da sagt der Wechselbalg: »Ich bin fünfzehnhundert Jahre auf der Welt und habe niemals gesehen, dass man Eierschalen braut.« Wie die Frau das hört, weiss sie, dass das Kind ein Wechselbalg ist. Sie kommt nun mit einem glühenden Eisen, um es ihm in den Hals zu stossen; sie strauchelt jedoch und fällt, so dass das Eisen ihrer Hand entgleitet. Nun eilt sie zur Wiege, um den Wechselbalg ins kochende Wasser zu werfen. Aber da haben die Elfen mittlerweile die Kinder wieder vertauscht, und ihr eigenes Kind liegt im süssen Schlaf in der Wiege. –

Ähnlich verläuft die Erzählung bei Grimm (39 I S. 154). Hier sind es Wichtelmänner, die das Kind genommen haben. Die Mutter kocht in zwei Eierschalen Wasser. Wie der Wechselbalg das sieht, lacht er und sagt: »Nun bin ich so alt wie der Westerwald und habe nicht gesehen, dass jemand in Schalen kocht.« Darauf kommt eine Schar von Wichtelmännern, die das rechte Kind zurückbringen und den Wechselbalg wieder fortnehmen. – – –

Bei Kuhn und Schwartz finden sich mehrere Erzählungen von Wechselbälgen (S. 29 ff. und S. 105). Solch ein Kind, das die Unterirdischen vertauscht hatten, pflegte, sowie die Mutter nicht im Zimmer war, aus der Wiege aufzustehen und alle Speisen, die auf dem Tische standen, zu verzehren. Um die Wahrheit zu entdecken, kocht nach der ersten Erzählung die Mutter Schuhsohlen und setzt sie auf den Tisch. Da ruft der Wechselbalg aus: »Bün doch so old as Böhmagold und hew noch kên schôsålen äten!« Nach der zweiten Erzählung sagt der Wechselbalg ganz ähnlich: »Nu bün ik so old as Böhman gold un hew doch noch kên schauschlârn in kaul gêten.« In beiden Fällen quält nach diesem Ausspruch die Mutter den Wechselbalg so lange, bis er fortläuft oder fortgeholt wird, und sie ihr eigenes Kind zurückbekommt. – – – Auch Müllenhoff bringt verschiedene Erzählungen von Wechselbälgen (CDXXV S. 312 ff.), die entweder von Zwergen oder Unterirdischen vertauscht worden waren. Wie das Zwergenkind die Mutter in einem Hühnerei Bier brauen sieht, macht es allerlei Zeichen der Verwunderung und sagt dann: »Ick bün so alt, as de Behmer Woelt unn heff in myn Läebe són Bro nich seen.« Nach der zweiten Erzählung sagt in einem ähnlichen Falle das Kind der Unterirdischen: »Ick bün so olt, es Bernholt in den Wolt, unn heff nümmer so wat seen.« Ein andrer Wechselbalg sieht seine Mutter in der Scheune ein grosses Feuer anmachen und einen ganz kleinen Topf drauf setzen. Da schlägt er vor Verwunderung die Hände zusammen und kreischt: »Nun bin ich fünfzig Jahre alt und habe noch nie so etwas gesehen«. – – –

Im dritten Bande gibt Grimm noch weitere Literatur zu dieser Erzählung (III S. 67/8). Sie findet sich noch in den litthauischen, ungarischen und dänischen Märchen Sammlungen vertreten.

Quelle:
Rittershaus, Adeline: Die neuisländischen Volksmärchen. Halle: Max Niemeyer, 1902, S. 305-308.

Quelle: http://www.zeno.org - Zenodot Verlagsgesellschaft mbH