Die weiße Frau im Trintinger Tale

In den zwanziger Jahren dieses Jahrhunderts sahen Reisende sehr häufig zur Nachtzeit unterhalb Roedt im Orte genannt Holbecht, eine Frau in den Hecken sitzen. So kamen einst vier Männer aus Roedt gegen neun Uhr abends mit ihren Wagen von Remich. Als sie in die Holbecht kamen, sahen sie die Frau neben dem Weg in der Hecke sitzen. Die Männer, welche auf den Pferden saßen, mußten, da der Weg sehr eng war, die Beine aufheben, um die Frau nicht zu berühren. Keiner von ihnen wagte, sie anzureden. Die Frau trug eine große, weiße Haube.

Ein andermal kam ein Schmied zwischen acht und neun Uhr abends dort vorbei; er hatte mehrere Bohrer auf der Schulter. Ruhig ging er seines Weges; zwar hatte er von dem Geiste sprechen hören, glaubte aber nicht daran. Da plötzlich blieb er an einem über den Weg gebogenen Zweig mit dem Fuße hangen und fiel auf das Gesicht in die Hecke. Wie er sich erhob, sah er mit Entsetzen die Frau, welche dicht vor ihm saß. Er ließ Hut und Bohrer liegen und floh eiligst davon. In einem der ersten Häuser von Roedt angelangt, fiel er ohnmächtig nieder. Am andern Morgen fand er Hut und Bohrer noch an derselben Stelle liegen.

Lehrer Robert zu Trintingen

Quelle:
Gredt, Nikolaus: Sagenschatz des Luxemburger Landes 1. Neudruck Esch-Alzette: Kremer-Muller & Cie, 1963, S. 267-268.