Vitra und die Pfarrersfrau

(Aus dem schwedischen Lappmarken.)

Es lebte einmal eine Pfarrersfrau, welche eine so geschickte Hebamme war, daß man ihres Gleichen in ganz Schweden nie gefunden hat. Auch Vitra, die sich bekanntlich unsichtbar machen kann, wenn sie über irgend eine Person Näheres erfahren will, hatte schon davon gehört. Eines schönen Sommerabends, als im Pfarrhause Alles bis auf die Frau zur Ruhe gegangen war, hörte dieselbe einen Lärm im Hause, als ob jemand Fremder ankäme. Die Frau beeilte sich natürlich nachzusehen, wer denn so spät noch zu Besuch komme. Sie sah einen feinen Herrn vor der Thür stehen, der mit der Frau sprechen zu wollen schien, weshalb sie denn auch hinauseilte und den Herrn aufforderte einzutreten. Er antwortete hierauf, daß er gekommen sei, die Pfarrersfrau um Hilfe für sei Weib zu bitten, welches soeben in Kindesnöthen liege.

Da die Frau des Pfarrer diesen Mann früher niemals gesehen hatte und außerdem wegen seines besonderen Aussehens den Verdacht zu schöpfen begann, daß es kein wirklicher Mensch sei, erschrak sie nicht wenig; sie durfte ihm aber doch seine Bitte nicht abschlagen, bevor sie nicht ihren Mann zu Rathe gezogen hatte.

Als der Pfarrer von der Sache hörte, wurde auch er besorgt; er hielt indessen doch für das Beste, die Bitte des Trolls zu erfüllen; denn daß der Fremde ein Troll sei, daran zweifelte er natürlich nicht.

Die Frau Pfarrerin folgte somit dem Unbekannten, der kein Wort sprach, bis sie zu einem sehr schönen Gebäude kamen, in welches er sie einzutreten bat. Die Zimmer in diesem Gebäude waren so sauber und fein wie bei sehr vornehmen Leuten. In einem schönen Bette erblickte sie ein noch schöneres Weib, welches die Pfarrersfrau inständig um Hilfe anrief. Diese verrichtete ihren Dienst auf ganz dieselbe Weise, als ob sie bei einem wirklichen Menschen gewesen wäre, und nach einigen Minuten gebar Vitra – denn niemand Anderer war es natürlich – ein schönes Mädchen, und nach abermals einigen Minuten stand die Mutter vollkommen gesund auf und holte allerlei Erfrischungen, die sie der Pfarrersfrau anbot. Als diese nichts davon zu essen wagte, lachte Vitra und sagte:

»Glaube nicht, daß ich dir etwas anbiete, das dir im Geringsten schaden könnte; denn es ist nichts Anderes als was du selbst auch zu Hause hast; aber dich zum Essen zwingen will ich doch auch nicht.«

Als hierauf die Pfarrersfrau sich anschickte, wieder nach Hause zu gehen, wollte Vitra ihr Geld geben; als sie sich jedoch weigerte, dasselbe anzunehmen, sagte Vitra:

»Wir sind zwar nicht reich, wie du ja sehen kannst, aber wir haben doch so viel, um einen geleisteten Dienst bezahlen zu können; willst du jedoch für deine Mühe keine Bezahlung annehmen, so kannst du ja nachsehen, ob du nicht etwas auf dem Brette in der Sennhütte findest, wenn du nächstens dahin kommst. Vergiß nicht darauf!«

Die Pfarrersfrau war froh, daß sie wieder zu den Ihrigen nach Hause gehen konnte, und dachte an das Versprechen der Vitra nicht früher, als bis sie im folgenden Frühjahr in ihre Sennhütte kam und dort auf einem Brette ein halbes Dutzend ungewöhnlich großer und prächtiger Eßlöffel aus reinem Silber fand, auf denen ihr Name mit schönen und zierlichen Buchstaben eingravirt war. Diese Löffel vererbten sich sodann auf die Nachkommen der Pfarrersfrau und wurden noch viele Jahre lang Jedem gezeigt, der sich von der Wahrheit der Geschichte von Vitra und der Pfarrersfrau überzeugen wollte.

Quelle:
Poestion, J. C.: Lappländische Märchen, Volkssagen, Räthsel und Sprichwörter. Wien: Verlag von Carl Gerolds Sohn, 1886, S. 110-113.