Prinz Kurzbein und Prinzessin Zobel

Claude-Philippe de Caylus
Prinz Kurzbein und Prinzessin Zobel

Es waren einstens ein König und eine Königin von einer außerordentlichen Torheit, die aber einander über die Maßen liebten. Außer den Schmeichlern ihres Hofes schrieb jedermann diese Liebe ihrer beiderseitigen Torheit zu. Sie mögen nun gewesen sein, wie sie wollen, sie waren fürstliche Personen, und in diesem Falle ging alles gut, um so mehr, da zu den Zeiten der Feen die Könige weiter keine wichtigen Geschäfte hatten, als nur eine gute Harmonie mit den Feen und Geistern zu unterhalten und ihnen zuweilen Kuchen, etliche Ellen Band und dergleichen Kleinigkeiten zum Geschenk zu machen. Vor allen Dingen aber durfte man bei der Niederkunft einer Königin ja nicht vergessen, alle Feen und Geister dazu einzuladen. Weder gute noch böse durften übergangen werden, um es mit keinem Teile zu verderben. Dies waren die Pflichten eines guten Regenten. Nachdem aber die Feen seit etlicher Zeit etwas aus der Mode gekommen sind, regieren die heutigen Könige alle durch sich selbst, besorgen das Wohl ihrer Länder mit Einsicht, sind befähigte Herrscher und bemühen sich besonders, die Herzen ihrer Untertanen kennenzulernen.

Die Königin wurde schwanger. Die ganze Zeit ihrer Schwangerschaft über beschäftigte sie sich mit einer Namensliste aller Feen, die sie nur erfahren konnte; es gab eine große Anzahl darunter, von denen man nie etwas gehört hatte. Ein jeder Untertan mußte bei Androhung der Todesstrafe die Namen der ihm bekannten Feen anzeigen, und man zeichnete seine Äußerungen mit großer Sorgfalt auf, und alle Stände des Reiches mußten diese wichtige Sache ihre größte Sorge sein lassen. Jedoch wurde niemandem höflicher begegnet als den Ammen und alten Kinderweibern, und das mit vollem Rechte wegen ihrer sehr tiefen Einsicht und großen Kenntnisse. Sie erschienen in der Versammlung, und eine jede gab ihr Gutachten mit den kleinsten Umständen, der größten Weitschweifigkeit und Unklarheit, welche ihnen seit eh und je anhafteten.

Die Zeit der Niederkunft nahte heran, und die Liste all der Namen, die man hatte finden können, füllte, so winzig sie auch geschrieben war, einen ansehnlichen Folianten, für welchen man ein großes Pult am Fuße des Bettes der Königin hatte errichten lassen, und das Ganze glich hinlänglich einem Betpulte.

Ehe man sich's versah, überfielen die gute Königin die Wehen. Es war eben zwischen Mitternacht und der ersten Stunde. Der König schlief in einer Kammer, die nur durch eine hölzerne Wand von der ihrigen abgesondert war. Man gab ihm sogleich von dem Vorfall Nachricht, und obwohl der gute König sich kaum so viel Zeit nahm, sich den Schlafrock umzuwerfen und die Pantoffeln anzuziehen, kam er doch zu spät. Er eilte zum Pult und bestieg die Stufen in solcher Hast, daß er, wie die Historie berichtet, einen seiner Pantoffeln verlor. Welche Mühe auch für einen Dummkopf!

Als er endlich vor seinem Buche thronte, seinen Leuchter in der Hand, schrie er aus Leibeskräften: »Ich beschwöre und bitte Euch, Fee Sowieso, Geist Sowieso, mich mit Eurem Besuche zu beehren und mein Kind zu begaben.« Er beeilte sich so sehr, und er war derart bewegt, daß er kaum drei Namen auf die gehörige Art auszusprechen vermochte. Auf der anderen Seite schrie sich die Königin fast heiser: »Man bringe mir meine Kuchen her! Man arrangiere meine Geschenke! Nehmt diesen Schlüssel! Öffnet jenen Schrank!« und was dergleichen Zeug mehr war. Man wußte schließlich nicht mehr, auf wen man zuerst hören sollte. Glücklicherweise war die Zeit für solcherart Einladungen beschränkt; denn weder die Aufmerksamkeiten der Königin, die allezeit ein Vergnügen an unnützen und oft wiederholten Befehlen hatte, noch die Lektüre des Königs, der der größte Stammler seiner Zeit war, wären zu Ende gewesen, bevor der kleine Knabe hätte entwöhnt werden können. Es war also ein Prinz, den ihnen der Himmel geschenkt hatte, eine Ursache zur Freude, die nicht wenig dazu beitrug, den armen König aus der Fassung zu bringen. Denn obwohl die ganze Feeneinladung nur eine halbe Stunde aufs längste währen sollte, brachte doch der arme Monarch zwei ganze Stunden mit dem Lesen in seinem großen Buche zu, ohne weiter als bis auf die dritte Seite zu kommen. Schließlich meldete man ihm, daß in dem großen Saale des Palastes mehrere Geister und Feen auf ihn warteten, sehr unzufrieden, daß sie niemand nach Stand und Würden empfinge. Er ließ also sein Buch liegen und lief in dem erwähnten unanständigen Anzuge herbei, machte den sämtlichen Feen hunderterlei Entschuldigungen und bat ganz demütig um ihren Beistand. Durch diese außerordentliche Ergebenheit bewog er fast die ganze Gesellschaft zum Mitleid, so daß sie ihm versprach, seinem Sohn nichts Übles zu tun, mit der Versicherung, daß er sehr alt werden und in einem gewissen Alter die größte Glückseligkeit genießen sollte.

Es war aber zu der Zeit, als der König noch las, eine gewisse schwarze Fee, deren Name, damit er nicht vergessen werde, mit Majuskeln geschrieben war, gleich anfangs in dem Saal erschienen. Da sie nun so lange warten mußte und sich dadurch beleidigt fand, daß man sie beim Absteigen von ihrer Kokosnuß, worauf sie aus Guinea herbeigekommen war, nicht bewillkommnet hatte, wollte sie sich rächen und stieß zwischen den Zähnen hervor: »Lies nur immer zu, dein Sohn soll doch nicht größer werden, lies du nur immer zu, er soll doch ein Kurzbein bleiben.« Sie würde gewiß die Litanei der Gebrechen, die sie ihm beilegen wollte, noch verlängert haben, wenn nicht die gute Fee Guerlinguin, welche das Königreich und die königliche Familie in ihren besonderen Schutz genommen hatte, herbeigeeilt wäre, ohne daß sie den Augenblick abgewartet, da man sie rief, und die Negerin beschworen hätte, ihre schlechte Laune zu mäßigen, was diese schließlich tat. Endlich erhielt eine jede ihr Geschenk, machte Visite bei der Königin und kehrte wieder zu ihren Geschäften zurück.

Als alle Welt abgereist war, näherte sich Guerlinguin dem Bett der Königin und sagte zu dem König: »Ihr habt nichts Gutes angerichtet, es ist alles verkehrt gegangen! Warum habt Ihr mich nicht um Rat gefragt? Aber Toren sind beständig mißtrauisch. Ihr habt mich nicht einmal eingeladen, da Ihr doch meine Güte kennt.«

»Ach, Madame«, sagte der König, indem er sich ihr zu Füßen warf, »habe ich denn Zeit gehabt, bis zu Eurem Namen zu kommen? Seht!« hier wies er ihr das Zeichen, »ob ich viel weiter als bis zur dritten Seite gekommen bin?«

»Ich bin gar nicht böse darüber«, erwiderte die Fee, »daß Ihr mich nicht eingeladen habt, bei Leuten, denen ich gewogen bin, beachte ich solche Kleinigkeiten nicht, sonst würde ich Euren Sohn nicht von so vielen Unglücksfällen befreit haben, aber wisset, daß ich ihn zu großen Dingen bestimme. Ich werde ihn also Eurer Aufsicht entziehen, und Ihr sollt ihn nicht anders wiedersehen als ganz mit Pelzwerk bekleidet.«

Bei diesem Wort, welches der König und die Königin nicht verstehen konnten in einem so sehr warmen Himmelsstriche, wo sie lebten, zerflossen sie fast in Tränen. Guerlinguin sagte ihnen, sie sollten sich keineswegs grämen. Sie sei so gut und nachgiebig gewesen, des Königs Erziehung seinen Eltern, die ihn völlig verzogen und zu einem Toren gebildet, anvertraut zu haben, sie wolle aber nicht, daß es mit seinem Sohne genauso geschehe. Sie sollten sich um nichts kümmern, als das Königreich weise zu regieren. Hierauf legte sie den Prinzen in ein Körbchen, öffnete das Fenster, stieß sich mit dem Absatz in den verlängerten Rücken und glitt wie auf Schlittschuhen durch die Lüfte.

Der König und die Königin wollten vor Jammer ganz vergehen, da sie sich eines Sohnes beraubt sahen, für den sie so viel Zeit gebraucht hatten, bis er auf die Welt kam. Sie fragten, obzwar vergebens, die ganze Welt um die Bedeutung der letzten Worte der Guerlinguin, denn die Ratschläge sind die Stärke derer, die sich entweder nicht entscheiden können oder keine Kenntnisse haben. Doch alle um Rat Gefragten konnten den illustren Personen keine Auskunft geben. Man war durchgängig der Meinung, daß Pelzwerk etwas Abscheuliches sein müsse, worüber der König und die Königin sich so sehr grämten, daß es zum Erbarmen war. So traurig und müßig aber auch die beiden königlichen Personen in ihrem Palaste waren, so konnten sie sich doch nicht entschließen, ihrem Sohne kleine Brüder oder Schwestern zu verschaffen.

Kommen wir nun zu dem kleinen Prinzen zurück! Die Fee nahm ihn zu sich. Sie bewohnte ein sehr schönes Landhaus. Sobald sie dahin gekommen war, nahm sie einer jungen und munteren Bäuerin das Kind weg, das diese nährte, verband ihr die Augen und schob ihr den kleinen Prinzen unter, daß die Bäuerin ihn für ihr eigenes Kind hielt. Sie zog ihn im Wirtschaftshofe auf, aber bei zunehmendem Alter ließ ihn die Fee des öfteren zu sich bringen, um seine natürlichen Anlagen zu bilden. Die weise Fee war überzeugt, daß eine einfältige und natürliche Erziehung für den Verstand und eine harte und mühsame für den Körper das wesentlichste Geschenk sei, das man einem Prinzen machen könne, doch hierin war sie noch nicht zufrieden; sie beschloß, ihn durch Widerwärtigkeiten, geistige Mühen und Menschenkenntnis zu formen. Kurzbein hatte in der Tat auch alle Gaben des Geistes und des Leibes nötig, denn ob er gleich älter wurde, blieb er immer klein von Gestalt. Dagegen hatte er ein angenehmes Gesicht, sein kleiner Körper war von einem guten Wuchs, und es gab wenig Menschen, die so stark und nervig waren wie er. Schon in seiner Kindheit übte er seine Herzhaftigkeit in den Wäldern, und öfters führte er einen Haufen junger Leute in seinem Alter als Befehlshaber an. So ist es wahr, daß man in seiner Jugend fast jederzeit das tut, was man in einem höheren Alter tun soll. Die Jahre stärken die bösen oder guten Neigungen, aber ihre Anlage zeigt sich schon in der Jugend. Kurzbein wußte sehr wohl, daß der Name, den er trug, nur ein Spitzname war; er hatte sich aber zu seinem Troste wohl hundertmal vorgenommen, denselben berühmt und angenehm zu machen. Die Fee ließ ihn zuweilen durch Träume wissen, daß er unverzüglich ein Land verlassen solle, wo seine niedrige Herkunft seiner edlen Gesinnung beständig eine Art Vorwurf machte. Dieses war der einzige Weg, dessen sie sich bediente, ihm alle nötigen Mittel einzugeben, die ihn zur Ausführung der größten Unternehmungen ertüchtigen konnten. Sie flößte ihm besonders Geduld und Unerschrockenheit ein, deren Vereinigung kaltes Blut hervorbringt, und versicherte ihm etliche Male, daß ihm, solange er tugendhaft bliebe, in den entlegensten Ländern nichts abgehen würde. Sie unterhielt ihn allein mit Geschichten von Leuten seiner Art, die sich Kronen erfochten und durch ihre Tapferkeit und gute Aufführung großen Ruhm erworben hatten.

Den Kopf voll von solchen Ideen, von Natur edel und großmütig und mit winzigem Körper, kam er eines Tages in eine dem Schlosse der Fee nahe gelegene Stadt. Er ritt einen Rotfuchs, ein Geschenk der Fee, war ganz einfach gekleidet und hatte keine anderen Waffen als einen Bogen, Pfeile und einen Spieß. So wild auch dieser ganze Aufzug war, so stand er ihm doch unvergleichlich wohl. Er kam eben daselbst an, als alle Einwohner der Stadt sich auf dem großen Markte versammelten, um zu hören, was einige Fremde zu verkünden hatten. Deren Aufzug, ihre wunderliche Kleidung und Equipagen, die im Lande unbekannt waren, zogen die Neugier auf sich. Alle Welt lief also herbei, denn man mag sagen, was man will, in jedem Lande gibt's Maulaffen. Kurzbein lief auch hin und drängte sich ganz nahe zu den Fremden.

Nach einem Lärmen von vielen kriegerischen Instrumenten las ein ehrwürdiger Alter mit einem großen Backenbart ganz vernehmlich und laut das folgende:

»Kund und zu wissen sei hiermit der ganzen Welt, daß derjenige, der das Eisgebirge erobern wird, nicht nur die vortreffliche Prinzessin Zobel, die Schönste unter allen Schönen, sondern auch alle Reiche, die sie dereinst als Königin besitzen wird, zum Lohne davontragen soll.«

Hierauf wies er die Liste von allen Prinzen vor, die durch ihre Schönheit oder ihr Porträt geblendet worden und bei der Ausführung der aufgegebenen Unternehmung verunglückt waren, wie auch das Verzeichnis von denen, die sich erst neuerlich zu dieser Eroberung gemeldet hatten. Kurzbein wurde alsbald von der heftigsten Ruhmbegierde angefeuert; wenn er aber seinen Zustand überdachte und wie wenig Beistand er zu erhoffen hatte, so wußte er nicht, was er tun sollte. Noch war er in solcher zweifelhaften Unruhe, als der Alte, der gesprochen hatte, sich dreimal zur Erde niederwarf und nach dieser Ehrerbietung der ganzen Versammlung das Porträt der schönen Zobel enthüllte. Kurzbein wurde so davon eingenommen, daß er sich ohne weitere Überlegung durch den Haufen drängte und sich einzuschreiben begehrte. Als die Fremden seine kleine Figur und die Einfachheit seiner Kleidung erblickten, sahen sie einander an und wußten nicht, ob sie sein Anerbieten annehmen oder ausschlagen sollten. »Gebt her«, sagte er stolz zu ihnen, »gebt her, damit ich unterzeichne. Wißt Ihr, wer ich bin?« Man gehorchte ihm, aber von Liebe zu dem Porträt und von Zorn gegen die Fremden eingenommen, hatte er keine Zeit übrig, einen anderen Namen als den seinigen zu wählen, er zeichnete also: Kurzbein. Bei diesem Namen, der unter denen so vieler Prinzen stand, fingen alle Fremden an, aus vollem Halse zu lachen. »Ihr Verwegenen«, sagte er zu ihnen, »dankt es dem Porträt, dessen Obhut Euch anvertraut ist, sonst ...« Weiter sagte er nichts, mäßigte seinen Zorn und erkundigte sich nach dem Namen des Landes der Zobel und zu welcher Zeit er sich zur Ausführung des Unternehmens einfinden müsse. Alsdann entfernte er sich mit der Versicherung, daß er ihnen zeigen werde, wer er sei.

Kurzbein war indessen bei all seiner Herzhaftigkeit doch voller Zweifel, die eine solche Unternehmung nur immer erregen kann; weil er aber in der Stadt sehr bekannt war und mit seinem eigenen Namen unterzeichnet hatte, den die Trompeter unter einem allgemeinen Gelächter des Volkes tausendmal wiederholten, und seine kleinen Freunde ihm lachend zu seiner großen Unternehmung Glück wünschten, glaubte er, daß das Gerücht von dieser Begebenheit sich bis zum Schlosse der Fee ausgebreitet habe. Er wagte also nicht, wieder dahin zurückzukehren und sich derjenigen zu zeigen, die er für seine Mutter hielt, zudem da er in der Hoffnung auf ein Königreich und eine schöne Prinzessin unterzeichnet hatte. Er empfahl sich also seinen kleinen Spielkameraden, umarmte sie und versicherte ihnen, daß sie ihn entweder als König und Gemahl der Zobel wiedersehen würden oder er in seiner Unternehmung umkommen wollte. Er trat seine Reise an, ohne sich an das Geschwätz zu kehren, das über seine Unternehmungen im Lande herumging. Denn nachdem der Hof keinen Geschmack mehr daran fand, redete man in allen kleinen Städten und auf dem Lande davon und auch am Hofe seiner Eltern, welche nicht wußten, wieviel Anteil sie an den Scherzreden hatten, womit sie und die ganze Stadt sich über Kurzbein lustig machten. Kurz und gut, Kurzbein verließ die Stadt auf seinem schönen Rotfuchs, in tiefen Gedanken, worüber man sich nicht wundern darf, denn das Porträt der schönen Zobel lag ihm beständig im Sinn. Dazu kam die beschwerliche Reise; doch die Liebe zur Prinzessin einerseits und andererseits die Schande, wieder in den Palast der Fee zurückzukehren, hießen ihn, sich zur Reise zu entschließen. Er durchlas die von den Herolden erhaltene Ankündigung noch einmal und fand diese recht dunkel. Sie war abgefaßt in folgenden Worten:

»Vierhundert Meilen jenseits des Berges Kaukasus, gegen Norden zu, werdet Ihr Eure Verhaltensbefehle und Vorschriften zu der Eroberung des Eisgebirges erhalten.«

Das ist eine artige Vorschrift für einen Menschen, der aus einem Lande kommt, wo heutigentages Japan liegt. Unterdessen hielt Kurzbein sich an seine Kennt nisse in der Geographie, welche ihm die Fee nach der Geographie von Robbe beigebracht hatte, und setzte seine Reise fort. Er mied sorgfältig alle Städte, um den Scherzreden auszuweichen, die man über seine Person und seinen Namen machen konnte. Er schlief sogar in den Wäldern und glaubte, sich von den Früchten zu stärken, die er unterwegs fand. Allein die Fee, seine Beschützerin, die ihm helfen wollte, ohne seinen Mut durch die Hoffnung auf Wunder zu schwächen, leistete ihm wunderbaren Beistand: Sie blies ihm im Schlaf Lebensmittel ein, so daß er allemal bei seinem Erwachen immer frischer und munterer ward, denn nach ihrem schon seit langer Zeit gemachten Entwurf sollte er allerhand Proben aushalten.

Eines Tages, als er in einem Walde wie gewöhnlich auf einem Fußsteig seinen Weg fortsetzte, ließ sie ihn von einem Ungeheuer, wovon Amerika wimmelt, anfallen. Dieses hier ähnelte einem Tiger und einem Leoparden. Der Kampf war lebhaft, endlich aber siegte Kurzbein über das Ungeheuer, obgleich mit vieler Mühe, denn sein Pferd kam dabei um, welches für ihn ein empfindlicher Verlust war. Er ließ aber den Mut nicht sinken, sondern setzte seinen Weg zu Fuß fort, bis er endlich auf einen Meerhafen stieß. Er traf daselbst ein segelfertiges Schiff an, das seinen Kurs nach der Gegend richtete, wo er zu sein wünschte. Weil er nun noch so viel Geld übrig hatte als zu die ser Reise nötig war, so fuhr er mit demselben ab. Nach einer Reise von einigen Tagen kam ein heftiges Ungewitter auf, und sie erlitten Schiffbruch. Er war der einzige, der sich rettete und nach vieler Mühe auf eine Insel gelangte. Hier hatte er nun Zeit, ernsthafte Überlegungen anzustellen, allein seine Hochherzigkeit ließ ihn keineswegs mutlos werden. Er lebte, wie er glaubte, von der Jagd und dem Fischfang, aber der verborgene kräftige Beistand der Fee Guerlinguin tat hierbei ein übriges.

Als er eines Tages ganz traurig am Ufer des Meeres spazierenging, erblickte er in der Ferne ein Schiff, das auf ihn zuzusegeln schien. Er gab verschiedene Zeichen von sich, um Hilfe von demselben zu erlangen, aber je näher es kam, desto ungewöhnlicher schien es ihm und desto weniger Menschen nahm er darauf wahr; endlich hielt es mit vollen Segeln auf das Land zu. Der Zufall und das Glück ließen es auf die beste Art der Welt in einer Schlammschicht stranden. Eben jetzt konnte Kurzbein das Schiff aus der Nähe betrachten. Er ward inne, daß die Masten grüne Bäume voller Blätter, daß die Planken mit kleinen Sträuchern bedeckt waren, kurz, daß das ganze Schiff völlig einem Wäldchen glich. Er erstaunte über diesen Anblick und über die Einsamkeit des Schiffes. Er sprang hinein, aber wie bestürzt war er, als er Menschen in einem schrecklichen Zustande darinnen erblickte. Sie waren alle regungslos und fast ganz in Bäume verwandelt. Die einen hielten sich an der Brücke mit den Beinen, die anderen mit den Armen, ein jeder in der Stellung, wie er vorher auf dem Schiffe beschäftigt war. Kurzbein, von diesem Schauspiel zum Mitleid bewegt, versuchte mit der Eisenspitze eines seiner Pfeile ihre Glieder von dem Holze, das sie an sich gezogen, abzulösen; das gelang ihm, und so trug er einen nach dem anderen aufs Land. Alsdann suchte er Umschläge von Kräutern auf ihre hölzernen Glieder zu legen, und mit gutem Erfolg. In wenigen Tagen brachte er es so weit, daß sie wie vorher alle wieder an ihre Arbeit gehen konnten. Man kann sich leicht vorstellen, daß Guerlinguin bei dieser Kur getreulich mitgeholfen haben mag. Kurzbein ließ nun auch alle Teile des Schiffes mit diesen wirksamen Pflanzen bestreichen, welche den Seeleuten so gut geholfen hatten, und diese Hilfe war um so nötiger, als sonst in kurzem ein großer Wald aus dem Schiff entstanden wäre. Die Erkenntlichkeit der armen Matrosen war unendlich groß. Sie waren bereit, ihren Wohltäter hinzuführen, wohin er nur verlangte. Als er sie fragte, wer sie in jenen Zustand versetzt habe, in dem er sie gefunden hatte, so konnten sie ihm nichts anderes sagen, als daß, da sie an einer waldigen Küste vorbeigesegelt seien, sie ein heftiger Landwind überfallen habe, der die Luft plötzlich mit einem dichten Staub angefüllt, welcher vermutlich allen Körpern, außer den Metallen, eine pflanzenartige Kraft beigebracht haben müsse, denn sie hätten gleich anfangs eine gewisse Schwere an sich bemerkt, worauf sie allmählich ihr Empfindungsvermögen verloren und nach und nach, ohne es verhindern zu können, an das Holz gezogen worden seien.

Kurzbein machte sich seine Gedanken über ein so sonderbares Ereignis. Da er nun alles, was ihm begegnet war, wohl erwog und nichts versäumen wollte, was ihm in Zukunft nützlich sein könnte, sammelte er eine Menge von diesen Kräutern, tat sie in einer Büchse zusammen und hob sie sorgfältig auf. Die Fee, welche dieses Wunder getan hatte, trug viel zu dieser Idee bei. Die Schiffsleute stießen mit Vergnügen von der Insel ab und gingen bei dem schönsten Wetter unter Segel. Nach einer einmonatigen Schiffahrt erblickten sie Land und beschlossen, daselbst zu landen, nicht allein, um sich nach dem Wege zu erkundigen, sondern auch, um Wasser und andere Erfrischungen, woran es ihnen zu gebrechen anfing, an Bord zu nehmen. Kurzbein stieg also in eine Schaluppe, welche sie ins Meer ließen. Sie waren dem Lande schon ziemlich nahe, ohne die geringste Spur von Menschen zu entdecken. Indessen schlossen sie aus einigen Merkmalen, daß die Küste bewohnt war. Eine Staubwolke, die sich längs des Ufers, wo sie lan den wollten, hinzog, bestätigte ihnen, daß man wachsam war. Als sie näher kamen, sahen sie große Pudelhunde, die Schildwache hielten, und andere, die in großen Rudeln versammelt standen. Die vordersten kamen ganz kühn, die Schaluppe zu besehen; als sie aber Kurzbein nicht mit den Worten: »Fort ihr Hunde!«, sondern: »Ei, guten Tag, meine lieben Hunde!« empfing, wedelten sie unaufhörlich mit den Schwänzen, und um ihre Zufriedenheit anzudeuten, brachen sie in ein Freudengeheul aus. Sie reichten ihm die Pfoten und bedeuteten ihm, ihnen zu folgen und sich ihrer Führung zu überlassen. Er begriff nicht nur gleich, was sie wollten, sondern er merkte auch, daß dieses Zeichen der Vertraulichkeit ihn nur allein anging und sie es gern sehen würden, daß er sein Gefolge zurückließe. Die Neugier machte ihn schlüssig. Er befahl seinen Leuten also, vierzehn Tage auf ihn zu warten, nach dieser Zeit aber, wenn sie auch gleich keine Nachricht von ihm hätten, ihren Weg weiterzuverfolgen. Zugleich gab er ihnen auf, in seiner Abwesenheit den Insulanern freundlich zu begegnen und gut mit ihnen zu leben, mit der Schonung, mit welcher man befreundeten Völkern begegnet, und sich binnen der Zeit mit frischem Wasser und anderen Notwendigkeiten zu versehen. Alsdann überließ er sich der Willkür dieser gutherzigen Tiere.

Eine halbe Meile von der Küste sah er ein hinlänglich großes Dorf voller schöner und sauberer Hütten. Es begegneten ihm Karren, die von Pferden und anderen Tieren, die nur die menschliche Geschicklichkeit dazu abzurichten pflegt, gezogen wurden. Er staunte über die vortreffliche Bestellung der Felder und daß er bei jedem Schritt sah, was die mustergültigste Ordnung hervorbringen kann, ohne jedoch eine andere lebendige Seele als Pudelhunde zu sehen.

Im Dorfe wurden ihm allerhand Erfrischungen vorgesetzt. Man besorgte einen mit zwei schönen Pferden bespannten italienischen Reisewagen, der von einem Pudel, und zwar so gut als es nur immer vom besten Postillion geschehen kann, gelenkt wurde. Nachdem Kurzbein in diesem Fuhrwerk ungefähr zehn Meilen zurückgelegt hatte, durch manches Dorf und kleine Städte gekommen, auch anderen Wagen begegnet war, die von Pudeln geführt wurden und worinnen andere Pudel saßen, die ihn artig grüßten, kam er in eine große Stadt, die er für die Hauptstadt des Landes hielt. Alle Einwohner waren teils an den Toren, teils auf den Stadtmauern, teils auf den Straßen versammelt, um den Fremden, der sich ihnen anvertraut hatte und von dessen Ankunft sie durch einen Kurier benachrichtigt worden waren, zu sehen. Kurzbein war über den freundlichen Empfang nicht wenig erfeut, und nachdem er etliche wohl gepflasterte und mit den schönsten Bäumen gezierte Straßen passiert, kam er auf eine große Esplanade, an deren Ausgang er durch einen großen Hof mußte, wo zu beiden Seiten zweitausend Pudel Spalier bildeten. Sie waren alle auf das schönste geschoren, hatten Schnurrbärte und beinahe jeder eine Pfeife im Maul, genauso wie bei uns, wenn sie dazu abgerichtet wurden.

Es ging durch diesen Hof, wo die große Loge des Königs stand, die ganz von Gold und von Lasurstein glänzte. In einer gewissen Entfernung stieg Kurzbein aus Ehrfurcht von dem Wagen und traf den König auf einem reichen persischen Teppich liegend an, umgeben von einer Menge lauter kleiner Hunde, die ihm die Fliegen verscheuchten. Der König selbst war der artigste und schönste Pudel. Er hatte eine sanfte und geistreiche Physiognomie, eine ungemein angenehme Gestalt und erstaunlich listige Augen. Sobald er Kurzbein erblickte, machte er hunderterlei Schmeicheleien, reichte ihm die Pfote, und das alles aus Erkenntlichkeit für das Vertrauen, das er gegen ihn bezeigte. Alsdann gab er seinem Hofstaat ein Zeichen, daß er den Fremden bewillkommnen solle. Dieser Hofstaat war ein Haufe der artigsten Pudel von kleiner Art. Sie waren alle sehr höflich, und besonders die Pudelhündinnen konnten nicht sittsamer sein. Nach einigen Komplimenten hieß der König den ganzen Hofstaat abtreten und den Staatssekretär herbeirufen, dem er ein Kompliment in die Feder diktierte über den Schmerz, den er empfinde, sich nicht mit menschlicher Stimme erklären zu können, da die Sprache der Hunde nicht leicht zu verstehen sei. Was die Schrift angeht, so war es eine wirkliche Menschenschrift. Kurzbein erwiderte das Kompliment mit gebührender Höflichkeit und bat zugleich den König, seine Neugier hinsichtlich der Überraschungen an seinem Hofe und in seinen Staaten zu befriedigen. Diese Rede machte bei dem König viele traurige Vorstellungen wiederum rege, doch nach einem kurzen Nachdenken eröffnete er ihm, aber allzeit durch seinen Staatssekretär geschrieben, er sei der König Biby. Eine benachbarte Fee namens Marfontice sei zu seinem Unglück von seiner angeborenen Gestalt gerührt worden. Sie habe daher alles mögliche versucht, ihn dahin zu bringen, sie zu lieben und zu heiraten, aber er habe sich niemals weder zu dem einen noch zu dem anderen entschließen können, weil er stets eine große Neigung zu der Königin von Indien getragen, die ihn auch inbrünstig geliebt habe. Endlich habe die Fee Marfontice ihre Liebe in Wut verkehrt und ihn in den Zustand, in dem er ihn jetzt sehen müsse, verwandelt. Um sein Unglück noch größer zu machen, habe sie ihm nur die Sprache genommen und alle anderen Fähigkeiten des menschlichen Geistes gelassen, und dennoch würde er sich über sein eigenes Unglück zufriedengegeben haben, wenn die Fee ebendiese Grausamkeit nicht zu gleich an allen seinen Untertanen ausgeübt hätte.

Nunmehr verstand Kurzbein leicht all das, was er an Merkwürdigem in diesem Königreiche gesehen hatte. Er bezeigte dem König seine Anteilnahme an dem ihm zugestoßenen Unglück und bot ihm aus einem heftigen Trieb nach Ruhm und Ehre seinen Beistand an. Er schwor, daß ihm kein Unternehmen zu schwer sein solle, einen so liebenswürdigen König aus diesem bedauernswürdigen Zustand herauszureißen. Der König Biby versetzte hierauf, gegen sein Unglück gebe es keine Hilfe, denn die boshafte Fee habe bei seiner grausamen Verwandlung sich der Worte bedient: Belle und sei so lange mit Haaren bedeckt, bis die Liebe und das Glück die Tugend belohnen werden. »Ihr seht nun wohl«, setzte er hinzu, »daß dies heißt, zeit meines Lebens verurteilt zu sein, ein Pudelhund zu bleiben.« Kurzbein stimmte dieser Meinung zwar bei, doch tröstete er ihn mit dem Gemeinplatz, mit dem man alle Unglücklichen tröstet, indem er einfach sagte: »Eure Majestät müssen Geduld haben.«

Gerührt von dem Mitleid des Kurzbein, wollte ihm Biby auch zeigen, daß die Ursache seines Unglückes seine Liebe verdiente. Er wies ihm das Bildnis der Königin von Indien. Largillière hatte es gemalt. Beinah hätte Kurzbein eine Untreue begangen, denn es scheint mir, als machte das Bildnis einen nicht geringen Eindruck auf unseren Helden. Doch dem sei, wie ihm wolle, Kurzbein billigte die Liebe und die getroffene Wahl des Königs mit großen Lobeserhebungen. Nunmehr befremdete ihn die Kälte dieses unglücklichen Monarchen, mit der er den Neckereien der schönsten Hündinnen seines Hofes begegnete, gar nicht mehr, vielmehr hielt er es für sehr unbillig, daß die Damen, wiewohl nur insgeheim, den König des Unvermögens beschuldigten.

Hierauf erzählte auch Kurzbein seine Geschichte und von dem großen Vorhaben, das ihn anspornte. Biby gab ihm verschiedene nützliche Erläuterungen über den Weg, den er nehmen sollte, und beschenkte ihn sogar mit einer Seekarte, deren man sich ehedem bedient hatte, die aber von der Zeit an stets im Archiv aufbewahrt worden war.

Die beiden Prinzen schworen einander mühelos eine ewige Freundschaft, welche sie auch wahrhaft empfanden. Nach einigen Tagen nahm Kurzbein vom König und dem ganzen Hofe Abschied. Biby begleitete den Prinzen bis ans Schiff, wo ihn seine Leute mit großer Freude empfingen, wiewohl sie wegen seiner Wiederkunft keinen Kummer gehabt hatten, besonders da sie auf königlichen Befehl in seiner Abwesenheit mit Geschenken und Erfrischungen überhäuft worden waren.

Biby, der wehmütig von Kurzbein Abschied nahm und der von allem, was ihm begegnen mochte, bald Nachricht zu haben wünschte, gab ihm einen von seinen Stallmeistern, den er nicht nur herzlich liebte, sondern von dessen Mut und Klugheit er auch hinlänglich überzeugt war, mit auf die Reise. Er befahl ihm, seinem neuen Herrn mit ebender Treue zu dienen, welche er ihm selbst immer bewiesen hatte. Mousta, so hieß der Stallmeister, verließ seinen König ungern, versprach aber, sein ihm aufgetragenes Amt nach Schuldigkeit zu verrichten.

Kurzbein ging nunmehr mit einem günstigen Winde unter Segel. Der König Biby und seine sämtlichen Truppen, die sich an der Küste befanden, gaben ihren Schmerz durch ein entsetzliches Geheul zu erkennen; weil aber der Wind immer stärker blies, verloren die Seeleute das Land bald aus den Augen. Die Schiffahrt war so glücklich, daß sie das Land, wo sie hinwollten, ohne den geringsten Unfall, der sonst die Reisen zur See begleitet, zu Gesicht bekamen. Sie waren kaum noch zwei Meilen von dem Hafen entfernt, wo sie vor Anker gehen wollten, als das Wetter sich zu ändern schien. Kurzbein wußte auch, daß er nicht genug Geld hatte, sich in einer großen Stadt lange aufzuhalten; also ersuchte er den Kapitän, ihn schleunigst an Land zu bringen, ohne erst in den Hafen einzulaufen. Der Abschied war auf beiden Seiten äußerst betrübt.

Unser Held wurde nebst seinem getreuen Stallmeister Mousta zwei Meilen unterhalb der Stadt ausgeschifft. Nachdem sie beide einige Zeit gewandert, kamen sie auf eine höchst angenehme Wiese. Sie grenzte an einen Wald, dessen Frische zum Ausruhen einlud. Kaum hatte sich Kurzbein niedergelassen, als ein kleines Affenweiblein zu ihm kam und ihm allerhand lustige Possen vormachte, die sie so oft wiederholte, bis er sie gewahr wurde und sich alle ersinnliche Mühe gab, sie zu erhaschen, aber ehe sie sich greifen ließ, mußte er versprechen, ihr allerorten zu folgen, wo sie ihn hinführen würde. Sobald er ihr solches zugesagt, sprang sie ihm geschwind auf die Schulter und sagte zu ihm: »Mein lieber Kurzbein, wir sind ohne Geld, es sieht übel mit uns aus.« – »Was ist dabei zu tun?« entgegnete er ganz traurig, »man muß ausharren und nicht den Mut verlieren. Ihr tut mir leid, mein liebes Äffchen, ich kann Euch weder Zucker noch Zwieback geben.« – »Weil Ihr denn so hart gegen Euch selbst und so mitleidig gegen andere seid«, versetzte sie, »so will ich Euch zum Goldfelsen führen, aber befehlt dem Mousta, daß er zurückbleibe und hier auf Euch warte.« Kurzbein tat, was sie verlangte. Sogleich sprang das Affenweiblein wieder auf die Erde und winkte, daß er ihr nur folgen möchte. Sie ging in den Wald und sprang von einem Baum auf den anderen, immer vor ihm her. Ungefähr nach einer Stunde lichtete sich der Wald so sehr, daß er am Fuße eines Berges eine kleine grüne Wiese erkennen konnte.

Diese kleine Wiese wurde von einem Felsen durchschnitten, der ungefähr acht bis zehn Fuß hoch und fünf oder sechs Fuß breit war. Als er nun dieser Art von Kieselstein ganz nahe gekommen war, sagte ihm das Weibchen, daß er einen Schlag mit seinem Spieß gegen den Felsen, der ihm so hart zu sein schien, tun solle. Er tat es, und zwar mit solcher Gewalt, daß verschiedene Stücke davon absprangen. Er besah sie und fand, daß nur die Oberfläche felsartig, die innere Masse aber reines Gold war. »Was du abgeschlagen hast«, sagte das Weibchen, »das gehört dir, ich schenke es dir, nimm soviel davon, als dir beliebt.« Er nahm eines von den kleinsten Stücken und dankte für ihre große Gütigkeit. Hierauf verwandelte sich das kleine Affenweiblein in eine schöne und wohlgestalte Dame, die ihn also anredete: »Kurzbein, seid stets tugendhaft, arbeitsam und mäßig, so wie Ihr bisher gewesen seid, alsdann könnt Ihr hoffen, die schwersten Dinge auszurichten. Geht nun! Das kleine Stückchen, welches Ihr abgeschlagen habt, ist hinreichend für Euch, weil ich ihm die Kraft beilege, sich nach Eurem Bedürfnis zu vervielfältigen. Indes muß ich Euch nunmehr auch die Gefahr zeigen, der Ihr durch Eure kluge Aufführung entgangen seid.« Sie führte ihn in den Wald zurück, den er voll von allerhand Menschen fand. Sie hatten bleiche Gesichter, waren ganz ausgemergelt, liefen hin und her, bald suchten sie auf der Erde, bald sahen sie in die Höhe, das geringste Geräusch machte sie aufmerksam, bald taten sie Wünsche, bald stießen sie Flüche aus, wobei sie sich mit Leib und Seele den höllischen Geistern ergaben, weil sie glaubten, auf die eine oder die andere Art zum Goldfelsen zu kommen. »Ihr seht«, sagte die Fee, »die Mühe, die sich diese Leute geben. Allein alle ihre Bemühungen werden fruchtlos sein. Sie werden dabei umkommen und niemals in den Besitz des Goldfelsens gelangen. Sie werden ihre Tage endigen so wie viele andere vor ihnen, das heißt, sie werden sich aus Verzweiflung den Kopf zerschmettern.«

Hierauf brachte ihn die Fee wieder an den Ort, wo sie ihn getroffen, und verschwand. Kurzbein empfing tausend Liebkosungen von seinem Mousta, der ihn geduldig an dem Orte erwartete, wo er ihn zurückgelassen. Hierauf nahm er den Weg nach der Stadt, ohne ein weiteres Abenteuer zu erleben, ruhte einige Tage daselbst aus und erkundigte sich sorgfältig nach dem Wege, den er nehmen mußte, um zum Berg Kaukasus zu gelangen und zu der Prinzessin Zobel. Außer einigen Nachrichten von dem Wege erfuhr er nichts Erhebliches. Er war noch zu weit entfernt von den Staaten der Prinzessin, so daß er nur Verworrenes darüber hörte. Indessen kaufte er Pferde, Sklaven und alles, was zu seiner Reise nötig war. Das kleine Stückchen Gold bestritt alle Ausgaben, ohne daß es an seiner Größe abgenommen hätte. Sobald er den Kaukasus glücklich passiert hatte, hörte er von nichts anderem als von der Zobel reden. Von allen Seiten kamen Fremde, die sich an ihren Hof begeben wollten. Sosehr man der Prinzessin Verstand und Schönheit erhob, so allgemein war hingegen auch das Gerücht von der Anzahl seiner mächtigen Nebenbuhler. Dieser, hieß es, hat ganze Armeen in seinem Gefolge, jener besitzt unermeßliche Schätze, der führt alles bei sich, was die Künste Nützliches und Vortreffliches vermögen. Nur der arme Kurzbein brachte nichts weiter mit als einen großen Willen, seine Sache glücklich auszuführen, seinen Hund und die Lächerlichkeit seines Namens, der dazu diente, die Lächerlichkeit seiner kleinen Gestalt desto besser zu bemerken. Weil er aber mit diesem Namen in der Liste der Abgesandten unterzeichnet hatte, durfte er denselben nicht mit einem anderen vertauschen. Er nahm sich demnach vor, sich nicht mehr darum zu kümmern, woran er auch, wie ich glaube, recht wohl tat.

Nach einer zweimonatigen Reise gelangte er in die Stadt Trelintin, die Hauptstadt der Staaten, über die Zobel dereinst herrschen sollte. Er verwendete einige Tage darauf, sich nach den Gebräuchen des Landes zu erkundigen und den Charakter seiner Nebenbuhler kennenzulernen. Er tat auch verschiedene Fragen über das Eisgebirge und über die Unternehmung, die ausgeführt werden sollte. Vom Gebirge hatte man nur bloße Mutmaßungen, weil noch niemand von da wieder zurückgekommen war, der näheren Bericht davon hätte geben können. Übrigens aber erfuhr er folgendes:

Fardakinbras, der Vater der Zobel und König über einen großen Strich Landes des nördlichen Teiles, hatte Birbantine, die Tochter eines benachbarten Königs, geheiratet. Die Harmonie der Staaten fand sich in Übereinstimmung mit der der Gemüter, kurz, der Zufall machte damals eine gute Ehe, und zwar eine so gute, daß sie den beiden Ehegatten den Kopf verdrehte. Eines Tages fuhren sie miteinander im Schlitten und hatten die Verwegenheit, das Schicksal herauszufordern, ihnen widrig zu sein. So wollten sie die Liebe auf die Probe stellen, welche sie füreinander empfanden. »Ihr werdet das Gegenteil erfahren«, rief eine Alte, die sich von ungefähr an dem Orte befand und vor Kälte in die Hände blies.

Der König wollte aus dem Schlitten springen und die Verwegenheit dieser Unverschämten bestrafen, aber die sanftmütige Königin hielt ihn davon ab und sagte: »Ei, mein Herr, erzürnet Euch nicht, sie ist vielleicht eine Fee.« – »Ja, ich bin eine«, versetzte die Alte mit einer starken Stimme, wobei sie nach und nach zu wachsen anfing und zu einer rechten Riesin wurde. Ihre kleine Kohlenpfanne verwandelte sich in einen feurigen Wagen, ihr Stock in einen großen Drachen, ihre alten Lumpen in einen goldenen Regenschirm und ihre hölzernen Schuhe in zwei Raketen. »Ja«, wiederholte sie, »ich bin eine Fee, Ihr werdet schon die Früchte Eurer törichten Liebe sehen und noch öfters an Euren Stolz und an die Fee Guarlangandino denken.«

Der König und die Königin wollten sich ihr zu Füßen werfen, allein sie war schon zu weit entfernt. Sie richtete ihren Flug nach Norden. Ihr Wagen und ihre Raketen ließen einen langen, feurigen Schweif hinter sich. Fardakinbras und Birbantine standen nun ganz beschämt da, aber was sollten sie nur tun, da kein Mittel für ihre Unruhe zu finden war?

Kurze Zeit nach dieser Begebenheit wurde die Königin schwanger und gebar Zobel, die von ihrer Geburt an die vollkommenste Schönheit war. Alle Feen des Nordens waren bei ihrer Geburt zugegen: Nur allein in den Staaten des Königs, die sehr weitläufig waren, hatten wohl mehr als hundert Feen ihren Aufenthalt. Der König hatte sie alle mit großer Sorgfalt eingeladen und ihnen die Drohung der Guarlangandino anvertraut. Sie erschien auch nicht bei dem Feste, nahm auch kein Geschenk an, ob sie gleich mit aller Aufmerksamkeit dazu eingeladen worden war. Aber nachdem Guarlangandino ihre Schwestern ganz ruhig die kleine Prinzessin mit allen Tugenden und allen nur möglichen Talenten hatte begaben lassen, schlich sie sich binnen der Zeit, wo sie bei der Tafel saßen und der König darüber, daß die Gaben der Feen kein Hindernis erlitten hatten, ganz besonders aufgeräumt war, in der Gestalt einer Katze in den Palast. Sie kam ohne viel Mühe in der kleinen Prinzessin Kammer, wo sie sich unter der Wiege verkroch. Sobald die Kinderfrauen und die Amme den Rücken gekehrt hatten, stahl sie der kleinen Zobel das Herz aus dem Leibe, jedoch ließ sie ihr die Kraft zum Leben. Nach vollendetem Streiche verließ sie ebenso leicht den Palast, wie sie hineingekommen war, außer daß sie von den Küchenjungen gehetzt und von einigen Hunden gebissen wurde. Sie traf ihr Fuhrwerk auf dem großen Platze an und verschloß den Raub in das Eisgebirge, nahe am Nordpol. Sie verknüpfte solche Schwierigkeiten mit der Eroberung desselben, daß sie sicher glaubte, den unglücklichen Zustand, in den sie diesen beklagenswerten Hof versetzt hatte, zeitlebens zu genießen. Nach dem Essen begaben sich die Feen, ohne das geringste zu mutmaßen, alle hinweg und verließen den König und die Königin in vollkommener Beruhigung. Zobel, die so schön wie der schönste Tag war, lernte alles mit einer außerordentlichen Leichtigkeit, gab aber kein Zeichen der Empfindung von sich. Der Verstand tat alles, aber das Herz schwieg, und wie konnte es denn auch reden, da es im Eisgebirge verschlossen war. Zobel wurde mit zunehmendem Alter wegen ihrer Schönheit die Bewunderung all derer, die sie sahen. Sie wußte, daß eine Prinzessin tanzen können mußte, deswegen tanzte sie auch, aber nur weil es Mode war. Man vermißte in ihrem Tanz jene glücklichen Drehungen, welche allein uns einnehmen können. Sie hatte eine schöne Stimme: sie sang, allein sie sang ohne Empfindung, und sie sprach das Wort Liebe so aus, als wenn es in einer ihr unbekannten Sprache geschähe.

Bei aller Bewunderung und Schmeichelei des Hofes, bei aller väterlichen Verblendung merkte man doch ganz deutlich den so wesentlichen Fehler an der Prinzessin, denn wenn man nicht liebt, kann man nicht lange geliebt werden. Trotz der Gewißheit dieses Grundsatzes haben unsere Prinzessinnen die Zobel in den Anfängen ihres Lebens immer nachgeahmt, nur selbstverständlich nicht in der Liebe. Da man nun einer so großen Beschwerlichkeit gern abhelfen wollte, nahm man seine Zuflucht zu den Feen. Fardakinbras lud sie zu einer Generalversammlung ein. Er legte ihnen seine Beschwerden vor und beschwor sie, seine Prinzessin Tochter von neuem zu untersuchen. »Eure Arbeit«, sagte er, »ist wahrlich sehr unvollkommen, denn ich kann Euch versichern, daß etwas an ihr fehlt, und ob ich gleich nicht sagen kann, was es eigentlich ist, so ist doch gewiß, daß ich keine Unwahrheit vortrage.« Sie versicherten alle einmütig, daß sie nicht vergessen hätten, was sie einem König, ihrem ewigen Freunde, schuldig seien. Nach dieser Begrüßung statteten sie ihren Besuch bei Zobel ab, aber sobald sie in das Zimmer traten, schrien sie alle zugleich: »Ach! welch ein Wunderwerk!« Der ganze Hof und selbst die sonst verständige Prinzessin glaubten, daß diese Bewunderung ihrer Schönheit wegen geschähe. Aber die Feen verließen die Prinzessin sogleich, eilten zum König und der Königin und sagten ihnen, daß sie etwas Übernatürliches bemerkt, denn ihre Prinzessin Tochter hätte nicht so viel Herz als auf einem ihrer Nägel Raum haben könnte.

Fardakinbras und Birbantine schrien und gebärdeten sich bei dieser Nachricht ganz entsetzlich. Sie beschworen die ganze ehrwürdige Versammlung, diesem Unglück abzuhelfen. Die Älteste unter den Feen schlug hierauf ihr Zauberbuch auf, welches nebst ihrem Schlüsselring an einer silbernen Kette ihr stets zur Seite hing. Sie fand, daß dieser Herzensraub ein Possenstückchen von der Guarlangandino war; sie entdeckte auch, was sie mit der Prinzessin Herz vorgenommen und was für Schwierigkeiten sie mit dem Eisgebirge verknüpft hatte. »Was für ein Hilfsmittel gibt es denn für unser Unglück?« schrien der König und die Königin, ganz von Schmerzen durchdrungen. »Ihr werdet«, sagte die Fee, »noch eine geraume Zeit Zobel als einen leblosen Abgott verehren und lieben müssen, aber wenn es je möglich ist, ihre Unempfindlichkeit aufzuheben, so kann es auf keine andere Art geschehen, als wenn Ihr diese Eure Tochter nebst Euren Staaten demjenigen versprecht, der Mut und Standhaftigkeit genug besitzt, sie durch die Eroberung ihres Herzens zu verdienen. Schickt ihr Bildnis in der ganzen Welt herum und laßt dabei versprechen, was wir Euch eben gesagt haben. Sie ist schön und die Mitgift ansehnlich, um einen jeden Prinzen zu ihrer Befreiung zu bewegen.«

Augenblicklich wurden Gesandte mit Bildnissen nach allen Enden der Welt abgefertigt so wie jener, den Kurzbein unterwegs angetroffen hatte. Er vernahm auch, daß schon mehr als fünfhundert Prinzen, ohne ihre Pagen und Stallmeister zu rechnen, in dem tiefen Schnee und Eis umgekommen waren und daß noch täglich von allen Seiten des Reiches eine unzählbare Menge derselben herzueilten.

Nachdem Kurzbein alles reiflich überlegt und den Entschluß gefaßt hatte, allein dem Winke seines Herzens zu folgen, wollte er sich dem Hofe vorstellen lassen. Seine Ankunft hatte keinen großen Lärm gemacht, sein Gefolge war fast ebenso klein wie er, und die Pracht der damals am Hofe befindlichen Prinzen übertraf fast die Pracht des Fardakinbras, welchem man doch den Namen »der Prächtige« nicht absprechen konnte. Kurzbein, der ganz einfach gekleidet und von geringem Ansehen war, machte dem König mit so viel Verstand als Artigkeit seine Aufwartung. Er bat um die Erlaubnis, seiner Prinzessin Tochter die Hand küssen zu dürfen als ein Mann, der sie zu befreien oder dabei umzukommen gedachte. Sobald der König hörte, daß er Kurzbein hieß, hatte er alle Mühe, seine Ernsthaftigkeit beizubehalten, obgleich unser Held sich die Freiheit genommen, seinem Namen den Titel eines Prinzen beizufügen. Er war hierin um so mehr zu entschuldigen, da er so weit von seinem Vaterlande entfernt war. Dieses Beispiel aus dem spätesten Altertum hat noch in den neueren Zeiten seine Nachahmer gefunden.

Wie nun Kurzbein als Mann von Geist merkte, daß der König, da er sich zu beherrschen suchte, fast platzen wollte und die Prinzen, seine Nebenbuhler, schonungslos in Hohngelächter ausbrachen, sagte er zum König: »Sire, Eure Majestät geruhen, sich keinen Zwang anzutun, sondern nur zu lachen. Ich schätze mich sehr glücklich, Euch Vergnügen bereiten zu können, aber daß diese Herren da sich über mich lustig machen wollen, dem werde ich schon zu raten wissen.« Er erwählte sich also den, der die albernste Miene an sich hatte: Es war dies der Prinz Fadasse, einer der großen Helden, von denen die Romane gleichsam wimmeln, der stolz auf seine Ahnen war, voller Einbildung auf seine außerordentliche Größe und sich an seinen langen flachsgelben Haaren ergötzte. Kurzbein sah ihn mit einer stolzen Miene an und sagte: »Und Ihr, mein großer Herr, glaubt Ihr nicht, daß Eure Person viel lächerlicher ist als mein Name? Ich fordere Euch hiermit zum Zweikampf; es soll Euch freistehen, Euch dabei solcher Waffen zu bedienen, als Ihr wollt.« Fadasse nahm die Aufforderung an und lachte dabei gleichsam aus Mitleid laut über die Verwegenheit seines Gegners. Der Zweikampf wurde auf den folgenden Tag festgesetzt.

Nunmehr führte man Kurzbein in der Zobel Zimmer. Ihre Schönheit wirkte so stark auf ihn, daß er alle Mühe hatte, seine Unruhe darüber zu verbergen. Er machte ihr ungefähr dieses Kompliment: »Madame, von der Schönheit Eures Porträts gerührt, komme ich vom äußersten Ende der Welt, Euch meine Dienste anzubieten. Ich bringe den besten Willen mit. Allein mein lächerlicher Name, der wahrlich nicht der elegantesten einer ist, hat mir schon einen Zweikampf an Eurem Hofe zugezogen. Ich soll mich morgen mit einem großen und garstigen Prinzen schlagen. Ich bitte also, Ihr wollet geruhen, meinen Kampf mit Eurer Gegenwart zu beehren und der Welt dadurch zu zeigen, daß der Name nichts zur Sache tut und Ihr mich zu Eurem Ritter erklärt.«

Die kluge Prinzessin lächelte und sagte höflich, sie empfange ihn mit Vergnügen. Er fragte, ob Fadasse ihren Schutz genösse. »Ach!« versetzte sie, »ich beschütze keinen. Alle diese Herren belästigen mich, und ihre Torheit ist mir unerträglich. Ich bin mit meinem Zustand zufrieden, was reden sie also den ganzen Tag von meiner Befreiung? Ich begreife gar nicht, was sie von mir wollen. Sie reden von Liebe, von Gefühlen und tausend anderen Abgeschmacktheiten, die mir nicht mehr einfallen.«

Der sehr kluge Kurzbein sah nun wohl, daß, wenn er einer Person, die bloß Verstand besaß, gefallen wollte, er sich gegen sie weder beklagen noch seine Neigungen merken lassen dürfe, sondern sich durch seine artige Aufführung bei ihr einzuschmeicheln suchen müßte, um ihr Vertrauen zu erhalten. Er widersprach ihr also in nichts, und sobald er die Rede auf seine Nebenbuhler gebracht hatte, machte er sie alle lächerlich, vor allem den Prinzen Fadasse. Zobel fand hieran so viel Vergnügen, daß sie ihn selbst dazu aufmunterte. Von diesem Augenblick an war Kurzbein derjenige, dessen Gesellschaft die Prinzessin allen anderen am ganzen Hofe vorzog.

Die ganze Stadt und der Hof redeten von nichts als von dem auf den anderen Tag angesetzten Zweikampf. Der König, die Königin und die Prinzessin nahmen ihre Plätze auf der Schaubühne ein. Der Prinz Fadasse erschien in den Schranken mit den schönsten und prächtigsten Waffen, von einem Gefolge von vierundzwanzig Stallmeistern und hundert Stallknechten begleitet, deren jeder ein Pferd an der Hand führte. Kurzbein hingegen, der auf der anderen Seite in die Schranken trat, hatte keine andere Waffe als seinen Spieß, war dabei ganz einfach, aber mit Geschmack gekleidet, ihm folgte niemand als der getreue Mousta, sein Pudel, der das vortrefflichste Pferd führte. Der Vergleich dieser beiden Streiter bewog die sämtlichen Zuschauer zu einem allgemeinen Gelächter, wobei Mousta aller Augen auf sich zog. Sobald die Schiedsrichter ihre Plätze eingenommen und die Trompeter das Zeichen gegeben hatten, verließen des Fadasse Gefolge und auch Mousta die Schranken. Die beiden Kämpfer rannten mit größter Wut gegeneinander. Kurzbein, der äußerst geschickt und wendig war, entging dem Streich, den ihm der Prinz, beibringen wollte, und bekam dabei Gelegenheit, öffentlich zu zeigen, daß er ihm nicht ans Leben wollte. Denn anstatt sich nunmehr des Vorteils gegen den Prinzen zu bedienen, wandte er den Streich auf dessen Pferd, daß es tot zur Erde fiel. Kurzbein sprang ganz behende vom Pferde, zog den Fadasse unter dem Pferd hervor und sagte ihm, daß er sich den Vorteil, den er über ihn erhalten, nicht zunutze machen wolle. Allein Fadasse ward durch die Mäßigung seines Gegners nur noch mehr aufgebracht und zog den Degen, aber Kurzbein entriß ihm den Degen und zerbrach ihn in tausend Stücke. »Geht«, sagte er zu ihm, »ich schätze alles, was der Prinzessin Zobel ergeben ist, zu hoch, daß ich Euch das Leben nehmen sollte, geht und danket derselben für das Leben, welches sie Euch schenkt.«

Die Stallmeister traten wieder in die Schranken. Mousta sprang von seinem Pferde, lief zu seinem Herrn und hielt ihm den Steigbügel. Hierauf verließen sie unter dem Schall der Trompeten und den freudigen Zurufen des Volkes ganz gelassen die Schranken. Der König und die Prinzessin ließen Kurzbein in seinem kleinen Hause, welches er sich zu seiner Wohnung gewählt, Glück wünschen und ihm zugleich ein Zimmer auf dem Schloß anbieten. Kurzbein säumte nicht, ihnen seinen Gegendank abzustatten. Er sprach von seinem Kampf mit der Mäßigung eines großmütigen und der Siege gewohnten Mannes. Die Prinzessin fragte ihn, warum er so leicht bewaffnet sei. Kurzbein antwortete, es sei nicht aus Verachtung gegen seinen Gegner, sondern aus Bequemlichkeit. Sie tat noch verschiedene Fragen über den Mousta und bezeigte eine große Begierde, ihn zu sehen und zu streicheln. Kurzbein versicherte, daß er auf seinem Posten, nämlich im Vorzimmer bei den anderen Stallmeistern, sei. Ein junger Sklave mußte ihn also auf den Befehl der Zobel herbeiholen. Mousta zeigte sich mit der Ehrfurcht und dem Betragen eines Pudels, der den Hof und dessen Gebräuche wohl kannte. Man ließ ihn tausend Dinge machen, von denen immer eines wunderbarer war als das andere. Endlich konnte sich die Prinzessin nicht länger enthalten, seinen Herrn zu bitten, daß er ihr den Mousta zum Geschenk machen möchte. Kurzbein stimmte mit Vergnügen zu, nicht nur, um ihr dadurch seine Ergebenheit zu bezeigen, sondern da er voraussah, daß er keinen sichereren und getreueren Spion um Zobel, den König und den ganzen Hof haben konnte.

Der Zweikampf, die edle und feine Art, womit er sich dessen entledigt, brachten Kurzbein eine allgemeine Hochachtung ein. Unterdessen erhielt man Nachricht, daß der Gesandte eines benachbarten und sehr mächtigen Königs an der Grenze sei und um die Erlaubnis anhalte, an den Hof kommen zu dürfen, weil er Sachen von äußerster Wichtigkeit vorzutragen habe. Der König Brandatimor hatte ihn abgeschickt. Es wurde alsobald ein reitender Bote an ihn abgefertigt und zugleich befohlen, den Gesandten allerorten mit den höchsten Ehrenbezeigungen aufzunehmen. Dieser Grenznachbar war wegen seiner persönlichen Tapferkeit sehr berühmt, man kannte den Wert und die Vortrefflichkeit seiner Truppen, mit einem Wort, er war ein furchtbarer König. Der Gesandte ließ sein zahlreiches Gefolge an der Grenze zurück, nahm die Post und langte mit seinem Kreditiv eher, als man es vermutete, in Trelintin an. Er hieß Arrogantin, machte dem König alsbald inkognito seine Aufwartung und überreichte ihm ein Schreiben, das in sehr schlechtem Stil und in folgenden Ausdrücken abgefaßt war:

Brandatimor an den Fardakinbras

Meinen Gruß zuvor.

Wenn ich das Bildnis der schönen Zobel, Eurer Tochter, eher als gestern gesehen hätte, so würde ich nicht zugegeben haben, daß eine so große Menge von Herumschwärmern und kleinen Prinzen sich erkältet hätte oder erfroren wäre, um ihrer habhaft zu werden. Meinerseits habe ich wenig Furcht vor solchen Mitwerbern. Sobald ich mich werde erklärt haben, wie ich es denn auch wirklich tue und Eure Tochter hiermit zur Ehe begehre, so bin ich versichert, daß alle ihre Bemühungen sogleich aufhören werden. Arrogantin hat demnach Befehl von mir, sie auf der Stelle zu heiraten; denn ich glaube keines von den Märchen, welche die von Euch in der Welt herumgeschickten Abgeordneten von dem Eisgebirge zum besten geben, und wenn es auch wahr wäre, daß sie kein Herz hat, so bin ich darum sehr wenig bekümmert, weil ich gewiß überzeugt bin, ihr eines verschaffen zu können. Ich umarme Euch, mein lieber Schwiegervater, und bin etc. etc.

Der Inhalt dieses Briefes verursachte dem Fardakinbras große Unruhe und wollte weder ihm noch der Birbantine gefallen. Die Eitelkeit der Prinzessin wurde durch den hochtrabenden Stil und durch die gebieterische Anwerbung aufs höchste beleidigt. Allein sie faßten alle drei den Entschluß, diese Unterhandlung geheimzuhalten, bis sie eine ihnen nützliche Entscheidung getroffen hätten. Mousta war bei diesem Vorfall zugegen und folglich ein Zeuge von dem Eindruck gewesen, den dieser auf die Gemüter gemacht hatte. Er gab dem Kurzbein durch ein Briefchen schleunige Nachricht davon. Der Inhalt desselben brachte ihn in Wut, indessen faßte er sich wieder und dachte eine lange Zeit über die Mittel nach, wodurch diese unhöfliche Anwerbung hintertrieben werden könnte, doch er marterte sich umsonst. In dieser Unruhe lief er zur Prinzessin. Weil sie nun beide mit denselben Gedanken beschäftigt und einer wie der andere über den Hochmut und die Unverschämtheit des Brandatimor aufgebracht waren, kam das Gespräch von selbst auf dieses Kapitel und auf die Empörung, welche dieser Mangel an Geist und Gefühl aller Welt, vor allem aber den davon Betroffenen, verursachte. Die Unterhaltung wurde hitzig, und Kurzbein schien von den gegenwärtigen Umständen so vollkommen unterrichtet zu sein, daß die Prinzessin darüber erstaunte und ihm nicht nur alles, was er schon wußte, offenbarte, sondern auch seinen Rat hierzu verlangte. Kurzbein, der sich noch zu nichts hatte entschließen können, riet ihr, die Antwort so lange wie möglich aufzuschieben, und versicherte dabei, daß der prächtige Einzug, welchen Arrogantin mit so vielem Schwulst und mit so wenig Bescheidenheit versprach, eben zum Vorwande dienen müßte, ihn noch einige Tage hinzuhalten. Zobel billigte diese obwohl schwache Hilfe, denn sie hatte einen unendlichen Abscheu vor dem Brandatimor. Dieser Rat wurde auch von dem König und der Königin auf die Bitten der Prinzessin angenommen.

Arrogantin empfing diesen kleinen Aufschub mit einiger Ungeduld. Er versicherte, daß er den Tag nach dem Einzug des Gefolges, welcher in wenigen Tagen geschehen würde, der ganzen Stadt und allen anwesenden kleinen Prinzen die Hoheit und den Reichtum des Königs, seines Herrn, zeigen wolle. Als nun der in äußerste Verzweiflung gestürzte Kurzbein diesen Tag herannahen sah und sich weiter nicht zu helfen wußte, nahm er seine Zuflucht zu der guten Guerlinguin. Er dachte öfters an sie, denn er hatte ein dankbares Herz. Allein er hatte sich einmal fest vorgenommen, sie nicht zu belästigen, es sei denn bei höchst wichtigen Vorfällen. Weil er nun den gegenwärtigen für höchst wichtig hielt, flehte er sie um ihren Beistand an, und entkräftet durch die Gemütsbewegung, sah er sie des Nachts im Traume, wo sie ihm folgendes sagte: »Kurzbein, du hast dich bisher gut aufgeführt, fahre fort, arbeitsam und tugendhaft zu sein, du wirst nötigenfalls gewiß gute Freunde finden. Suche bei Zobel den Erfolg, den der Einzug des Gesandten haben wird, zu unterstützen.« Voller Freuden wachte Kurzbein auf und war im Begriff, sich der Fee zu Füßen zu werfen, als er niemanden vor sich sah. Er hielt es also für ein bloßes Traumbild, das ihm diese kurze Zufriedenheit verursacht habe. Jedoch war er voller Hoffnung, und ohne seine inbrünstige Liebe merken zu lassen, fuhr er fort, die Prinzessin mit solchen Reden zu unterhalten, die weder bekräftigten noch verneinten. Auf seine Frage, ob sie dem verpflichtet sein würde, der sie von der Aufdringlichkeit des Brandatimor befreite, versicherte sie ihm, daß sie demselben unendlich verbunden wäre. Als er aber von ihr zu wissen begehrte, was sie diesem glücklichen Sterblichen wohl wünschte, so war ihre Antwort, daß er so wie sie ohne Liebe bleiben möchte. Ein Liebhaber hat viel auszustehen, wenn er von seiner Geliebten, die er verehrt, solche Reden hören muß, daher zerrissen sie dem armen Kurzbein gleichsam das Herz.

Das Gefolge des Arrogantin kam an, und mit einem Dünkel, der seiner und seines Herrn würdig war, wollte er sich allein dessen bedienen, was er mitgebracht hatte. Er bat also um die Audienz für den folgenden Tag. Sie wurde ihm bewilligt, und die sämtlichen Einwohner der Stadt kamen schon früh am Morgen herzu, um die mit so vielem Hochmut und solcher Eitelkeit angekündigte Pracht mit anzusehen. Die gutgesinnte Guerlinguin gab sich alle Mühe, das Vergnügen der Zuschauer zu fördern: Sie verzauberte ihnen die Augen und trug der Göttin Illusion, die nur leider gar zuviel Gewalt über das menschliche Geschlecht hat, auf, den Stolz des Brandatimor zu bestrafen und dem Kurzbein mittelbar zu dienen. Die Livreen des Arrogantin schienen in den Augen der Zuschauer lauter zerrissene Lumpen, die zu tragen Bettler sich geschämt haben würden. Alle Pferde, welche der Gesandte und sein Gefolge für mutig und unbändig hielten, sahen zum Erbarmen mager und ausgehungert aus, als hätten sie kaum die Kraft, sich fortzuschleppen. Ihre kostbaren goldenen Geschirre sahen aus wie die Geschirre der Pflugpferde, und alle Pagen glichen schmutzigen Schornsteinfegerjungen. Die Trompeten und alle übrigen Instrumente hatten den Klang von Rohrpfeifen oder von mit Papier umlegten Kämmen, und die Schlange der fünfzig Staatswagen sah aus, als wären es ebenso viele Mistkarren.

Arrogantin erschien in dem letzten mit dem Ansehen eines stolzen und groben Prinzen, den er doch recht ansehnlich vorzustellen glaubte. Das lustigste und lächerlichste bei dem ganzen Einzug war, daß der Gesandte und sein Gefolge ihre wahren Gesichter und die stolze Haltung, welche die befriedigte Eitelkeit verleiht, beibehalten hatten; denn die Illusion wirkte nur auf die Kleidung und den Zierat, ansonsten ließ sie den Leuten die natürliche Miene. Das Gelächter und die Verspottung des Volkes waren dem sonderbaren Aufzug dieser Gesandtschaft völlig angemessen. Der König, welcher lange Zeit vor der Ankunft des Gesandten, der sehr langsam und mit einem seiner Würde gemäßen Schritt einherkam, davon benachrichtigt worden war, glaubte, gerechte Ursache zu haben, einen Gesandten, der ihn solchergestalt beleidigte und gleichsam verhöhnte, nicht zu empfangen. Er ließ die Tür des Palastes verschließen und die begehrte Audienz ausschlagen. Arrogantin, welcher die Ursache dieser Weigerung nicht begreifen konnte, weil die Pracht seinem Stolz völlig gemäß war, geriet darüber in Wut. Er fing an, auf den König und auf das Volk, welches ihn mit allerhand Spottreden bedachte, heftig zu schimpfen. Der Pöbel, der sich durch die ausgeschlagene Audienz dazu berechtigt glaubte, wies dem Gesandten und seinem Gefolge den Rückweg mit Steinen und Kotwürfen. Dieser hatte alle Mühe, der Wut des aufgebrachten Pöbels zu entgehen. Gleich darauf verließ Arrogantin den Hof, nachdem er vorher, kraft seiner Vollmacht, die fürchterlichste Kriegserklärung gemacht hatte. Wie man sagt, soll er sich bei dieser Gelegenheit der Drohung, alles mit Feuer und Schwert ausrotten zu wollen, zum ersten Male bedient haben.

Einige Tage vor dieser schönen Gesandtschaft hatte der König Biby einen reitenden Boten mit einem Schreiben an Kurzbein abgefertigt, worin er ihm seine Dienste auf das freundschaftlichste anbot. Kurzbein beantwortete diese gütige Gesinnungen, wie es sich gehörte. Er meldete ihm alles, was sich zugetragen hatte, vor allen Dingen unterließ er nicht, die Geschichte des Arrogantin nach allen Umständen anzuführen. Zugleich gab er ihm Nachricht von dem bevorstehenden fürchterlichen Krieg, welchen diese Begebenheit zwischen Fardakinbras und Brandatimor auslösen würde, und zum Schluß ersuchte er seinen geliebten Biby um einen Beistand von einigen tausend Pudeln, die vom besten Willen und zum Kriege am geschicktesten wären, wogegen er versprach, für ihre Verpflegung die nötige Sorge zu tragen. Er gab den Brief dem Boten des Biby noch am selben Abend und hieß ihn auf der Stelle zurückgehen mit dem Befehl, möglichst nicht zu säumen.

Der König, die Königin und die Prinzessin waren über das Vorgehen des Arrogantin oder vielmehr des Brandatimor äußerst bestürzt und wußten nicht, was sie denken sollten, da der Gesandte vermutlich auf Befehl gehandelt hatte. Wenn sie an seine Verachtung zurückdachten, schien diese sich schlecht zu vertragen mit der Werbung um ihre Prinzessin Tochter.

Indessen mußte man sich jetzt zum Kriege rüsten. Alle anwesenden ausländischen Prinzen boten ihre Dienste an und begehrten die höchsten Ehrenstellen in der Armee. Kurzbein, der auch nicht einer von den letzten sein wollte, der seinen guten Willen dazu zeigte, hielt um die Stelle eines Adjutanten bei dem kommandierenden Feldherrn an. Dieser alte Anverwandte des Königs war ein ehrlicher und wegen seiner Siege sehr berühmter Mann. Sobald die Truppen zusammengezogen waren, brachen sie nach der Grenze auf. Sie kamen zu rechter Zeit daselbst an, um sich der Armee des Brandatimor gegenüberzustellen. Dieser war fest entschlossen, nicht nur Zobel und ihre Staaten zu erobern, sondern sich auch wegen aller der ihm in der Person seines Abgesandten zugefügten Beleidigungen und Beschimpfungen auf das grausamste zu rächen. Die Armee des Fardakinbras konnte zu Anfang des Feldzuges, um der Wut eines grausamen und aufgebrachten Königs standzuhalten, nur verteidigungsweise agieren. Kurzbein zog sich durch seine Aufführung die Hochachtung aller Offiziere und Soldaten zu und war dadurch noch freundlicher zu seinesgleichen und ehrfurchtsvoller den Generalen gegenüber. Sooft er kleine Truppenteile anführte und auf feindliche Truppen stieß, war er jedesmal so glücklich, sie zu überwinden und gute Beute zu machen. Da er nun bei einer solchen Aufführung und außerordentlichen Herzhaftigkeit das Glück stets zur Seite hatte, kann man sich leicht vorstellen, wie sehr ihn seine Nebenbuhler darum beneideten.

Brandatimor, der nach Rache dürstete und seinen Zorn um jeden Preis befriedigen wollte, fand endlich Gelegenheit, ein Haupttreffen zu liefern. Die Schlacht war mörderisch, aber so tapfer die Truppen des Fardakinbras auch fochten und so regsam und herzhaft sich Kurzbein auch bezeigte, so ging doch, nachdem der kommandierende Feldherr sein Leben dabei einbüßte, die Schlacht verloren. Kurzbein rettete vielen von seinen Nebenbuhlern, besonders dem Prinzen Fadasse, das Leben. Er tat noch mehr bei dem Rückzug der Armee, den er nach dem Tode des Feldherrn aufs beste veranstaltete: Er rettete nicht nur deren Reste, sondern warf auch in alle bedrohten Plätze Besatzungstruppen. Er bot den Siegern wohl hundertmal die Stirn, und hundertmal zwang er sie innezuhalten. Er wußte sowohl durch seine persönlichen Handlungen als auch durch die geschickte Stellung seiner Truppen den Feind so lange aufzuhalten, bis die strenge Jahreszeit die Feindseligkeiten auf beiden Seiten unterbrach.

Kurzbein begab sich an den Hof, wo er den König in der äußersten Bestürzung fand. Dieser sah kein besseres Mittel, als unserem Helden das Kommando über die Armee anzuvertrauen. Er ersuchte ihn, solches anzunehmen, und von nun an wurde ohne seinen Rat nichts beschlossen. Eine so große Ehrenstelle mußte ihm notwendig mehrere Feinde zuziehen. Sein aufgeweckter Geist gefiel Zobel, die zu sehen er sehr oft Gelegenheit hatte, aber in Herzensangelegenheiten kam er auch nicht den kleinsten Schritt weiter. Den Winter über entwarf er den vorteilhaften Plan zum künftigen Feldzug, der, sobald der Winter zu Ende ging, wieder seinen Anfang nehmen sollte. Binnen dieser Zeit bekam er Nachricht vom König Biby, welcher ihm meldete, daß zwölftausend Pudel von seinen besten Truppen bereits auf dem Marsche seien und vor Begierde brennten, unter seinem guten Freunde zu fechten. Er ersuchte ihn zugleich, daß er dem General Barbesalle seine Befehle wegen der Quartiere und des Sammelplatzes an der Grenze zuschicken möge.

Kurzbein hatte große Freude über dieses beträchtliche Hilfskorps und war fest entschlossen, es mit Nutzen zu gebrauchen. Er gab demnach dem Barbesalle Order, daß er seinen Anmarsch geheimhalten und seine Truppen in den freundlichen oder feindlichen Garnisonen an der Grenze verteilen solle, jedoch alles nach seinem Gutdünken, wobei er ihn zugleich anwies, wie und wo er seine Truppen im Bedarfsfall zusammenziehen solle. Nachdem Kurzbein eine unumschränkte Vollmacht und genugsame Befehle zum Feldzuge erhalten, ging er zur Grenze und veranstaltete daselbst eine Zusammenkunft mit dem Barbesalle; da sie nicht anders als schriftlich sein konnte, dauerte sie etwas lange. Barbesalle war wirklich ein großer Kriegsmann, er war nicht allein tapfer, sondern besaß auch einen fähigen Geist. Unser Held bat ihn, einige Tage inkognito mit ihm zu verbringen.

Die Armee des Fardakinbras hatte keinen anderen Vorteil als das Vertrauen, welches sie in ihren neuen Feldherrn gesetzt hatte, die feindliche Armee hingegen wurde von einem König in Person angeführt und konnte auf eine gewonnene Schlacht zurückblicken. Kurzbein nahm die ihm angebotene Bataille an, nachdem er vorher mit dem Barbesalle alles Nötige verabredet hatte. Dieser große Pudel fertigte sogleich seinen Adjutanten mit dem Befehl ab, daß sich alle Pudel aus den Garnisonen in Marsch setzen und zur bestimmten Zeit auf dem Sammelplatz eintreffen sollten. Hernach mußten sie nach dem Willen des kommandierenden Feldherrn ihre Posten so nehmen, daß er sie allenthalben mit Nutzen brauchen konnte. Kurzbein wollte dem Feind eine breite Front gegenüber stellen, es mußten also seine an der Zahl schwachen Truppen sich sehr weit ausdehnen. Brandatimor hingegen glaubte mit Sicherheit an einen vollständigen Sieg. Der Mut, die Überlegenheit seiner Truppen, vor allen Dingen aber die Eitelkeit eines sieghaften Königs versprachen alles. Sobald das Zeichen zum Angriff gegeben worden war und die Truppen aufeinander losgehen wollten, fingen die Pudel an, sich in Bewegung zu setzen, und weil sie ihre Vorkehrungen in der Stille und unbemerkt treffen konnten, saßen sie den feindlichen Reitern in der ersten Linie schon hinten auf den Pferden, ehe diese noch wissen konnten, was vorging. Die Pferde wurden scheu und brachten die Schwadronen in die größte Unordnung. Die Pudel sprangen den Reitern an die Gurgel, warfen viele herunter, jagten alsdann die auf solche Art erbeuteten Pferde in die Flanken der Infanterie, die dadurch ebenfalls in nicht geringe Unordnung geriet. Mittlerweile griff Barbesalle mit tausend der entschlossensten Pudel die königlichen Haustruppen an und warf sie glücklich über den Haufen. Kurzbein wußte sich diesen Vorteil so zunutze zu machen, daß er nicht nur allein einen vollständigen Sieg errang, sondern auch den Brandatimor, mit dem er persönlich focht, zum Gefangenen machte. Aber sobald dieser Fürst, dessen Schicksal niemand beklagte, vor dem Throne der Zobel erschien, wohin ihn Kurzbein schickte, fiel er tot zur Erde nieder. Man schrieb diesen jähen Tod seinem übertriebenen Hochmut zu. Nach diesem Sieg schickte Kurzbein die Pudel wieder nach Hause mit Briefen an ihren König Biby, in welchen er ihm für seine Bereitwilligkeit den verbindlichsten Dank abstattete und das tapfere Verhalten seiner Hilfstruppen nicht genug rühmen konnte. Er empfahl ihnen die nötige Vorsicht auf ihrem Rückmarsch und behielt allein fünfzig der jüngsten und tapfersten Pudel als eine Grenadiergarde bei sich.

Kurzbein brachte noch zwei Monate mit der völligen Eroberung der Staaten des Brandatimor zu, nachdem er aber dieselben dem König Fardakinbras recht versichert hatte, kehrte er, mit Ruhm und Ehre beladen, wieder an dessen Hof zu den Füßen der Prinzessin Zobel zurück. Sie empfing ihn zwar sehr vergnügt, allein es war bloß die Freude über den Sieg und den glücklichen Erfolg unseres kleinen Helden, denn sie ließ auch nicht die geringste Spur von Liebe blicken. Weil man von dem wesentlichen Beistand der Pudel nichts wußte, kamen alle Lobeserhebungen Kurzbein und seinen Truppen zugute. Er nahm sie mit der größten Bescheidenheit an, weil er am besten wußte, wem er diesen Sieg zu danken hatte.

In der Zeit, als Kurzbein noch mit der Sicherstellung der eroberten Staaten beschäftigt war, hatten Fadasse und die anderen Prinzen ihre Reise nach dem Eisgebirge, welche durch den Krieg aufgeschoben worden war, beschleunigt; denn weil sie gesehen hatten, wie tapfer und geistvoll Kurzbein war, hielten sie es nicht für ratsam, daß ihnen ein solcher Mann zuvorkäme. Sie waren mit vieler Ungeduld abgereist, worüber Kurzbein bei seiner Rückkunft sehr unwillig war. Ob er nun gleich zum größten Vorteile der Prinzessin seine große Unternehmung aufgeschoben hatte und es bloß an der Prinzessin lag, ihm seine Unruhe deswegen zu benehmen, so erteilte sie ihm doch nur ganz allgemeine Lobsprüche, welche nur der Eitelkeit schmeichelten, ohne sich dem Herzen mitzuteilen, weil sie durch ihre Unempfindlichkeit den Wert des Opfers, das er ihr brachte, nicht erkannte. Kurzbein war zu verliebt und hatte ein zu zärtliches Herz, als daß er die Kälte der Zobel nicht hätte lebhaft empfinden sollen. Indessen mußte er mit einem kühlen Lob zufrieden sein, das aus dem schönsten Munde der Welt kam. Der König begegnete ihm so, wie es die Verbindlichkeit gegen unseren Helden erforderte. Die Poeten besangen um die Wette einen Mann, der ihnen durch seine Eroberungen und durch seine Siege ein so schönes Feld zur Dichtkunst vorbereitet hatte. Einige waren so unverschämt, daß sie seine majestätische Leibesgestalt über die Maßen priesen.

Kurzbein, beschäftigt mit seiner Liebe und seinem Plan, tat tausend Fragen an seinen getreuen Mousta. Man mochte aber die Sache ansehen, von welcher Seite man wollte, es war nicht möglich, nur einen Strahl der Hoffnung zu finden, denn Mousta konnte ihm von den Gesinnungen der Prinzessin nicht mehr sagen, als wovon er selbst überzeugt war. Indessen schöpfte er aus seinen Fragen wenigstens den sicheren Trost, daß der Zobel Herz völlig gleichgültig war. Wenn die Liebhaber nicht gleich Gegenliebe finden, denken sie, das Herz ihrer Angebeteten sei schon von einer anderen Leidenschaft eingenommen. Zuweilen haben sie recht, aber mit Zobel war es ganz anders. Kurzbein, von Liebe und Ehre beseelt, konnte der Begierde, das Eisgebirge zu erobern, nicht länger widerstehen: Er setzte also seine Abreise fest, wiewohl der König und der ganze Hof ihr möglichstes taten, ihn nicht allein aufzuhalten, sondern gar daran zu hindern. Ein jeder war um ihn besorgt, weil er sich einer Gefahr aussetzen wollte, in welcher  schon so viele Prinzen und Helden umgekommen waren. Zum Trost für seine erzwungene Verzögerung erfuhr er wenigstens, daß Fadasse und die anderen Prinzen das gleiche Schicksal wie ihre Vorgänger gehabt hatten und im Eise umgekommen waren. Dieses neue Beispiel hätte einen jeden außer Kurzbein abgeschreckt, aber dieser wurde dadurch nur noch unerschrockener.

Er beurlaubte sich bei dem König und der Königin, die beide mit Tränen in den Augen von ihm Abschied nahmen. Hierauf ging er zur schönen Zobel, um ihr die Hand zu küssen. Sie reichte sie ihm mit ebendem kalten Blute, wie sie es am Tag seiner Ankunft getan hatte. Er küßte diese schöne Hand mit der innigsten Bewegung. Der König, der bei diesem letzten Lebewohl zugegen war, und der ganze Hof, sowohl weiblichen als auch männlichen Geschlechts, besonders die ersteren, zuckten die Achseln und sahen die Kälte der Prinzessin mit Verachtung an. So sehr hatte Kurzbein aller Herzen gewonnen. Endlich redete ihn der König also an: »Prinz, Ihr habt alles, was ich Euch geboten habe, großmütig ausgeschlagen. Die größten Könige von der Welt hätten sich nicht geweigert, mein Anerbieten anzunehmen! Aber Ihr werdet Euch doch gefallen lassen, eine Galanterie von der Prinzessin Hand anzunehmen.« Diese bestand in einem Mantel aus Marderfell, womit sie täglich geschmückt war. Er schützte wunderbar vor der Kälte, aber die Schönheit des Pelzes erhöhte noch die frische Gesichtsfarbe der Prinzessin, und so war es nicht ohne Grund ihr liebster Schmuck. Der Prinz hatte eine große Freude über dieses Geschenk, welches die Prinzessin bei der Überreichung mit einem recht artigen Kompliment begleitete.

Hierauf reiste Kurzbein mit diesem vortrefflichen Pelz und mit einem Gebund Reisig aller Arten in Begleitung von zwei der schönsten Pudel ab. Der eine war Hauptmann, der andere Leutnant bei den fünfzig Gardegrenadieren, die er von den Truppen des Königs Biby zurückbehalten hatte. Er hatte niemals zugeben wollen, daß die ganze Kompanie an seiner Seite erschiene. Sie kantonierte stets in verschiedenen Quartieren der Stadt, bloß der Stab dieses kleinen Korps war um seinen Prinzen, mit den übrigen wollte er sich an einem bestimmten Tag an der Grenze treffen und hatte ihnen befohlen, allein oder zu zweien zu marschieren, damit sie kein Aufsehen machten. Was war das für eine Begleitung für einen Mann, der ein großes Königreich erobert und es mit einem Lande vereinigt hatte, woselbst er von jedermann verehrt und geachtet wurde! Die ansehnlichsten Herren des Landes wollten ihn durchaus begleiten, aber er beschwor sie, daß sie ihn mit seinem Pferde, seinen beiden Pudeln und dem Gebund Reisig allein reisen lassen sollten. Sie gehorchten ihm aber nur ungern. Er wurde allerorten im ganzen Königreich mit einer erstaunlichen Pracht und von seiten der Untertanen mit den Zeichen der Liebe und der Hochachtung empfangen und aufgenommen. In dem letzten Dorf vor der Grenze ließ er sein Pferd zurück für den Fall, daß er so glücklich sein würde, von einer Unternehmung wieder zurückzukommen, bei der so viele verunglückt waren.

Einige Schritte hinter dem Dorfe befand er sich schon im Schnee, ohne weit und breit etwas anderes zu sehen. So schön auch sonst eine so ungeheure Menge Schnee immer aussehen mag, so schreckensvoll war hier der Anblick. Er fand hier seine achtundvierzig Pudel in Schlachtordnung, die auf ihn warteten. Er bewillkommnete sie mit einigen Lauten, die er von Mousta und dem Hauptmann gelernt hatte. Da er aber ein Schreibzeug bei sich führte und die Tinte noch nicht gefroren war, setzte er eine Danksagung auf, welche der Hauptmann an der Spitze seiner Truppen laut vorlas. Nachdem sie ihm einmütig eine unverletzliche Treue zugeschworen, fingen sie an, sich in Marsch zu setzen.

Zu Anfang war der Weg etwas gebahnt und nicht zu verfehlen, wenn sie sich nur immer gegen Norden hielten. Als sie sich nach einem starken Marsch lagern und ausruhen wollten, bediente sich Kurzbein, der nichts außer acht ließ, was ihm nützlich sein konnte, des Pulvers, welches er auf der wüsten Insel gesammelt und auf das bewaldete Schiff gebracht hatte. Eine Fingerspitze voll von diesem Pulver belebte alle Äste seines kleinen Reisigbündels, sie wuchsen zusehends, und die reifen Früchte folgten gleich den Blüten. Durch dieses Mittel half Kurzbein dem Hunger ab. Alle die Äste, welche ungepulvert geblieben waren, brachten weder Blätter noch Früchte hervor, doch fingen sie ebenfalls an zu wachsen, so daß er mit Beihilfe der Pudel ein großes Feuer machen konnte. Sie lagerten sich umher, und mittels dieses Feuers, das den Schnee und das Eis schmolz, zeigte sich ihnen sehr oft die bloße Erde. Dies war ihr Lager, und so brachten sie die erste und alle übrigen Nächte auf dem Marsche zu. Doch war dieses nicht das einzige Glück, das ihnen begegnete. Einige Pudel, die als Kundschafter vorausgeschickt worden waren, trafen einige Schritte von ihrem Wachfeuer ein mit Lebensmitteln und besonders mit Zwieback beladenes Pferd an. Sie liefen eilig zurück, holten einige noch glühende Holzscheite, womit sie das arme Tier nach und nach auftauten und es alsdann zu Kurzbein führten. Weil aber die Kälte alle Körper haltbar macht, mußten sie auch die Lebensmittel auftauen, die ihnen recht sehr zustatten kamen. Solchergestalt reiste Kurzbein sechs Monate lang. Bald lebten er und seine Pudel von Trüffeln und vortrefflichen Erdäpfeln, die sie in der Erde fanden, von der sie den Schnee wegtauten, bald von Kastanien und anderen Arten von Früchten, die im Überfluß wuchsen. Überhaupt fehlte es ihnen niemals an Ästen von fruchttragenden Bäumen und an dürren Ästen, denn Kurzbein war so vorsichtig, daß er jedesmal von den Bäumen, die sie bei ihrem letzten Nachtlager verließen, einen kleinen Ast abhieb und mit sich nahm.

Kurzbein hatte unter Androhung der Todesstrafe verboten, die Körper, die sie unterwegs antreffen wür den, aufzutauen. Jeder Augenblick bot ihnen neue Gegenstände des Schreckens. Sie fanden Menschen- und Pferdeleiber, welche die Strenge der Kälte so natürlich erhalten hatte, daß sie nicht allein kenntlich geblieben waren, sondern man auch auf ihren Gesichtern die entsetzlichen Regungen wahrnehmen konnte, die im Augenblick ihres Erfrierens in ihrer Seele vorgegangen waren. Nach drei Monaten entdeckten Kurzbein und sein Gefolge ein Gebirge, welches sich durch seine außerordentliche Höhe von allen umliegenden unterschied. Dieses war in der Tat der so ersehnte Ort. Sie kamen endlich an den Fuß dieses steilen Berges, der so abschüssig war, daß er  den Zugang unmöglich gemacht haben würde, wenn sich nicht Kurzbein mit Hilfe des Feuers einen Weg zu bahnen gewußt hätte. Der Palast, als die Krönung dieses Berges, war von riesigem Ausmaß, aber prächtig gebaut. Alles, was die Baukunst Großes und Vollkommenes vermag, war hier in gefrorenem Schnee ausgeführt. Was für eine Wohnung! Was für eine Einsamkeit! Was für eine Umgebung für ein jugendliches Gemüt!

Mit einer wohlabgemessenen Wärme gelangte er endlich, nachdem er durch verschiedene Höfe, Säle und weitläufige Zimmer gekommen war, an den Fuß eines Thrones. Er sah auf selbigem ein viereckiges Stück Eis und auf diesem hinwiederum einen Diamant, dessen wunderbarer Glanz noch die den Eispalast umgebende Weiße übertraf. Oben über dem Thron las man diese mit gefrorenen Buchstaben geschriebenen Worte:

»Sterblicher, den die Herzhaftigkeit und die Tugend zum Besitzer des Herzens der Zobel bestimmen, genieße nunmehr dieses Glück, weil du es vorzüglich verdienst.«

Kurzbein stieg ganz begierig die Stufen des Thrones hinauf und bemächtigte sich des Diamanten, der alle Empfindungen der schönsten Prinzessin in sich verschloß. Doch gleich denjenigen, die ein heftiges Verlangen ans Ende eines Weges führt, den sie einzig kraft der Erregung ihrer Sinne durchmessen konnten, die aber vor Erschöpfung keine neuen Anstrengungen unternehmen dürfen, hatte er kaum die Zeit, den Diamanten in seinen Busen zu schieben, als er ohnmächtig zur Erde fiel. Seine getreuen Pudel verließen ihn nicht, sondern trugen ihn aus dem Palaste und brachten ihn nach und nach wieder zu sich. Jetzt war er Besitzer des Herzens der Zobel, welches ihm tausendmal mehr schmeichelte als die Ehre, eine so schöne Begebenheit glücklich zu Ende gebracht zu haben. Nun verließ er den Berg und den schönen Palast, wovon ein großer Teil durch die Wärme hatte vernichtet werden müssen, weil Kurzbein sonst gewiß erfroren wäre. So können Menschen, wenn sie von Leidenschaften regiert werden, die schönsten Denkmäler vernichten; es ist nichts in der Welt, was ihrer Betriebsamkeit widerstehen kann. Kurzbein schlug denselben Weg ein, auf dem er hergekommen war. Der Anblick derer, die sich aus Liebe für Zobel aufgeopfert hatten, rührte ihn. Er befahl also seinen Pudeln, sich weit und breit auf dem Schnee umher zu verteilen und alles, was Leben gehabt haben könnte, aufzutauen und wieder zu beleben. Seine Befehle wurden befolgt, so daß er alle, die man verloren geglaubt und die es ohne seinen Beistand auch gewiß gewesen wären, wieder mit zurückbrachte.

Sein Mitleid hatte ihm ein solches Gefolge, das auch die übertriebenste Eitelkeit befriedigt hätte, verschafft. Es bestand aus mehr denn fünfhundert regierenden Prinzen ohne ihre Lehnsleute, Stallmeister und ihr übriges Gefolge. In dem Dorf, wo unser Held sein Pferd zurückgelassen hatte, hielt er einen Einzug, den prächtiger kein Monarch je gehalten hat und, wie ich glaube, auch schwerlich jemals halten wird. Kurzbein nahm sein Pferd und setzte seinen Marsch weiter fort, als sein getreuer Mousta ihm ganz zufällig entgegenkam. Dieser gute Pudel wußte noch nichts von dem glücklichen Ausgang seiner Unternehmung. Seine übermäßige Anhänglichkeit an Kurzbein und die an Zobel wahrgenommene Veränderung hatten ihn veranlaßt, seinen teuren Herrn aufzusuchen oder auch im Schnee umzukommen. Er hatte sich in der Stille aus dem Palaste fortgemacht, worüber die Prinzessin untröstlich war. Kurzbein erfuhr durch seinen getreuen Stallmeister, der unaufhörlich schreiben mußte, daß Zobel seit einer gewissen Zeit, die mit der Zeit seiner Eroberung genau übereinkam, traurig war, daß man an ihr Empfindungen bemerkte und daß sie über die geringste Sache verdrießlich wurde. Er setzte noch hinzu, daß sie öfters von ihm geredet, kurz, er eröffnete ihm Dinge, worüber er in äußerstes Entzücken geriet.

Ob der Bericht des Mousta gleich nichts als zusammengesammelte Kleinigkeiten waren, las Kurzbein doch alles begierig bis auf den geringsten Punkt, denn in den Augen eines eifrigen Liebhabers sind alle Kleinigkeiten vielbedeutende Dinge. Den Mousta befremdeten einzig und allein die besonderen Freundschaftsbezeigungen, womit ihn Zobel beehrt hatte und die sich von ihrem ersten Betragen himmelweit unterschieden.

Kurzbein empfing vom König und der Königin einen reitenden Boten, der auf die Nachricht von seiner glücklich ausgegangenen Unternehmung sogleich abgefertigt worden war und durch den die Prinzessin ihm viel Komplimente machen ließ. Zwei Tagereisen von der Hauptstadt entfernt, kamen dem Kurzbein die Equipagen des Königs entgegen. Alles Volk betrachtete ihn bereits als seinen zukünftigen Landesherrn und brachte ihm die gebührenden Ehrenbezeigungen dar. Er nahm solche nicht nur mit seiner gewöhnlichen Bescheidenheit an, sondern bezeigte sogar eine Art Verachtung dafür. Einige Tage vor seiner Ankunft mußte Mousta zu Zobel vorausreisen. Sie hatte die größte Freude, ihn wiederzusehen. So seltene Verdienste dieser Pudel auch sonst besaß, so war er doch ein Geschenk von Kurzbein, und dieses machte ihn ihr seit einiger Zeit noch teurer.

Endlich traf unser Held in der großen Stadt Trelintin ein. Ich übergehe die außerordentlichen Anstalten, welche man zu seinem Empfang getroffen hatte. Kurzbein wollte bei seiner Ankunft dem Fardakinbras und der Birbantine die Hände küssen, allein sie geruhten beide, ihn zärtlich zu umarmen und ihm zu erkennen zu geben, daß sie ihn als den Herrn ihrer Staaten und als den Besitzer ihrer Tochter ansähen. Kurzbein gab ihnen zu verstehen, daß er über diesen Punkt noch vieles zu erklären hätte. Hierauf begab er sich zur Prinzessin, die bei seiner Ankunft errötete und zum ersten Male in ihrem Leben nicht wußte, was sie sagen sollte. Nachdem sie einander lange genug mit den zärtlichsten Blicken angesehen hatten, zog endlich der Prinz den in dem Eispalast eroberten Diamanten aus seinem Busen hervor und überreichte ihn der Zobel mit diesen Worten: »Sehet, Madame, hier ist das, was ich mit noch nicht genug Gefahren und mit zu geringer Arbeit erkauft habe.« – »Ach! Prinz,« versetzte sie, »diese Eroberung gehört Euch allein, und wenn ich sie aus Euren Händen annehme, geschieht es nur, um das Vergnügen zu haben, Euch von neuem zu ihrem Besitzer zu machen.«

Die Ankunft des Königs und der Königin unterbrach diese zärtliche Unterredung. Sie taten alle möglichen Fragen an ihn und wiederholten vieles, worauf er schon öfters geantwortet hatte. Die Hauptfrage war indessen, ob ihn sehr gefroren habe. Der König war in der Absicht zu seiner Prinzessin Tochter gekommen, Kurzbein mit in den Rat zu nehmen und ihn demselben als seinen Schwiegersohn und Nachfolger vorzustellen. Kurzbein folgte ihm, ohne etwas davon zu wissen; als er sich aber unter den Großen und Vornehmen des Reiches sah, nahm er sich die Freiheit, den König in seiner Rede mit lauter Stimme also zu unterbrechen: »Wenn ich Eurer Majestät Güte hätte vorhersehen können, so wäre ich Euch zuvorgekommen, weil Ihr aber darum so geeilt, um Euer gegebenes Wort genau zu befolgen, muß ich hiermit bekanntmachen, daß meine niedrige Herkunft diese Güte, mit der Ihr mich beehren wollt, nicht verdient.« Alsdann erzählte er alles, was er von seiner Geburt wußte, und gestand frei, daß er eines Bauern Sohn sei.

Kaum hatte er zu reden aufgehört, als sich plötzlich der Himmel verdunkelte. Donner ertönte, und Blitze leuchteten auf. Auf den Lärm dieses Ungewitters folgte ein großes Licht, welches die wohltätige Fee Guerlinguin verursachte, die aus ihrem Wagen durch das Fenster in den Ratssaal herunterstieg. Sie erschien in der prächtigsten Kleidung und trug unter ihrem Arm den allerschönsten Pudelhund. Sie wendete sich an Kurzbein und redete ihn also an: »Ich bin mit Eurer Mäßigkeit und besonders mit Eurer Redlichkeit sehr zufrieden.« Alsdann entdeckte sie dem König die Geburt dieses Prinzen, erzählte die ganze Lebensgeschichte desselben und sagte hierauf zu ihm: »Eure Tugend hat Euch auf den Gipfel Eurer Wünsche gebracht, nicht allein was die Liebe und den Ruhm angeht, sondern auch was die Freundschaft betrifft, weil Ihr den König Biby und alle seine Untertanen in ihrem natürlichen Zustand wiedersehen werdet. Ich habe Euch alle Proben machen lassen, die einen gerechten und großen König heranbilden können, und habe Euch in den Stand gesetzt, alle Hilfsmittel in Euch selbst zu finden. Ich habe Euch den Wert der Freundschaft kennenlernen und Euch sowohl ihre Süßigkeit als auch die wahre Hilfe, die sie allein im Laufe des Lebens ausmacht, verspüren lassen. Dieses ist, wie ich glaube, die beste Erziehung, die man einem Menschen, der zum Herrschen über andere bestimmt ist, geben kann. Euch bleibt nunmehr nichts übrig, als daß Ihr die Tugenden, die Ihr stets in dem Bewußtsein, ein unbekannter Mensch zu sein, an Euch habt erkennen lassen, auch auf dem Thron ausübet. Ich kenne die damit verknüpften Schwierigkeiten, ich hoffe aber alles von der edlen Gesinnung Eures Herzens.«

Hierauf erblickte man einen Wagen, von Adlern gezogen, welcher auf Befehl der Fee die Eltern des Kurzbein herbeiführte. Sie umarmten ihr geliebtes Kind mit den Empfindungen der zärtlichsten Freude. Sie fanden ihn in der Tat so mit Pelzwerk bekleidet, wie ihnen Guerlinguin vorhergesagt hatte. Indes sie auch Zobel umarmten und ihre Hände gleichsam mit Gewalt an sich rissen – denn diese Art Liebkosung war den Toren damals schon so gemein wie heute –, sah man von allen Enden der Erde eine unendliche Menge Wagen mit Feen herbeikommen. »Sire«, sagte Guerlinguin zum König Fardakinbras, »ich habe alle Feen, die nichts Notwendiges zu verrichten haben, zur Versammlung hierher berufen, weil ich geglaubt habe, daß Ihr es nicht übelnehmen, sondern vielmehr gerne sehen werdet, daß wir bei Euch den großen Ball halten, bei dem wir uns gewöhnlich alle hundert Jahr einmal einfinden.«

Der König antwortete darauf so, wie es diese Gunstbezeigung verdiente. Man söhnte ihn mit der Fee Guarlangandino aus, und Marfontice gab dem König Biby und seinen Untertanen ihre natürliche Gestalt wieder. Biby war ein ebenso schöner Prinz, wie er ein schöner Pudel gewesen war. Er heiratete noch am selben Tage seine geliebte Königin von Indien, welche man bald auf einem Feenwagen herbeiholen ließ. Ich zweifle daran, daß jemals mehr Pracht bei einer Hochzeit gesehen worden ist als bei der des Kurzbein und der Zobel. Da sie sich liebten, kann man sich leicht denken, daß sie sehr vergnügt miteinander lebten. Kurzbein belegte aus Erkenntlichkeit gegen das Marderfell, womit ihn Zobel zu seiner Reise beschenkt hatte, die schönsten Marderfelle mit dem Namen Zobel, um sie von den schlechteren zu unterscheiden, und seit dieser Zeit führen sie diesen Beinamen bis auf den heutigen Tag.

Quelle:
Hammer, Klaus (ed.): Französische Feenmärchen des 18. Jahrhunderts. Berlin: Rütten & Löning, 1969, S. 347-389.

Quelle:
http://www.zeno.org - Zenodot Verlagsgesellschaft mbH