Dornenblüt

Antoine Hamilton
Dornenblüt

Die schöne und unglückliche Scheherezade hatte mit dieser Erzählung die neunhundertneunundneunzigste Nacht seit ihrer Vermählung geendigt, und der Sultan hatte sich, seiner klugen Gewohnheit getreu, vor Tagesanbruch aus seinem Bett erhoben, um sich vor seinen Ministern in den Staatsrat zu begeben.

Als er fort war, sagte Dinarzade, die bei all ihrer Voreiligkeit das beste Mädchen von der Welt war, zu der Sultanin:

»Du magst sagen, was du willst, liebe Schwester, bei allem Respekt, den ich für deinen Rang, deine Gelehrsamkeit und dein bewundernswürdiges Gedächtnis hege, kann ich doch nicht umhin zu glauben, daß du die größte Torheit von der Welt begangen hast, dir so ein Tier von einem Kaiser zum Manne zu suchen, der seit zwei Jahren, da du ihm Märchen erzählst, nichts anderes getan hat, als zuzuhören. Und was für Märchen? Verzeih mir, aber ohne die Lebhaftigkeit, mit der du erzählst, wäre ich nicht imstande gewesen, nur eines auszuhalten. Indessen bist du nun mit deiner Sammlung und also auch mit deinem Leben am Ziel. Die Geschichte, die du ihm eben erzählt hast, ist so kläglich, daß wir, er und ich, während der ganzen Zeit nichts getan haben, als zu gähnen. Die Geduld, mit der ich dir nun seit so langer Zeit Gesellschaft leiste, ist, dünkt mich, eine hinreichende Probe von der Zärtlichkeit, die ich gegen dich hege; aber, in der Tat, länger kann ich es nicht aushalten, und du wirst mir erlauben, mich diese Nacht zu entfernen, um dem Prinzen von Trapezunt ein Rendezvous zu geben. Wenn der Langeweile bei mir hat, wird es mich wenigstens den Kopf nicht kosten, ihn eine Nacht ohne Unterhaltung gelassen zu haben. Ich rate dir also, deinen Einfaltspinsel von Mann diese Nacht noch mit dem Märchen von der Pyramide und dem goldenen Pferde zu unterhalten, das wenigstens ebensogut ist als alle die anderen, die du ihm erzählt hast. Ich werde mich ohnfehlbar morgen wieder hier einstellen, und wenn sich der Sultan zu Bett begeben hat, wirf dich vor ihm auf die Knie, ehe du dich zu ihm hineinlegst, täusche eine plötzliche Unpäßlichkeit vor und bitte diesen abscheulichen Henker demütig, zu erlauben, daß ich ihn zum letzten Male an deiner Stelle unterhalten darf. Sag ihm ausdrücklich, daß es das letzte Mal ist und daß du unter keiner anderen Bedingung Gnade verlangst, als wenn das Märchen, das ich ihm erzählen werde, wunderbarer ist als alle, die er jemals gehört hat. Sag ihm, daß du dich nicht weigern wollest, ihm den folgenden Tag deinen Kopf darzureichen, daß er dir aber das Leben schenken müsse, wenn er mich vor Ende meiner Erzählung nur einmal unterbrechen würde. Ich glaube, er wird auf diese Bedingungen eingehen, denn du weißt wohl, wie aufmerksam er ist und daß du ihm die größten Armseligkeiten erzählt hast, ohne daß er dich nur ein einziges Mal bei allen deinen Märchen unterbrochen hätte.«

Jede andere hätte diesen Vorschlag mit Zittern gehört, aber die bewundernswürdige und weise Scheherezade fürchtete den Tod nicht und willigte ein.

Sie unterhielt also in der letzten der tausend Nächte ihren Herrn mit dem Märchen vom goldenen Pferde und der Pyramide; und als sich der Sultan in der folgenden Nacht zu Bett gelegt und sie auf die angegebenen Bedingungen hin die Erlaubnis erhalten hatte, ihre Schwester an ihrer Statt erzählen zu lassen, ließ die kluge Dinarzade den Sultan den Kontrakt zuvor unterzeichnen und fing ihre Erzählung an wie folgt:

»Allerdurchlauchtigster, allergroßmächtigster, allergnädigster und allerfrömmster Kaiser, der Ihr nur den Gesetzen der Gerechtigkeit und den Eingebungen Eures edlen Charakters folgt und alle Eure Frauen erwürgt, weil die erste Euren Haß auf sich lud, und der Ihr, voll edlen Zornes über die vielen Neger und Maultiertreiber, die in den Diensten dieser Kaiserin huldreichen Andenkens standen, so viele unschuldige Schöne dem Andenken einer strafbaren Schönen aufopfert, was würdet Ihr sagen, huldreichster Sultan, der Ihr für den geheimnisvollsten aller Fürsten geltet und dessen Minister für die unerforschlichsten aller Minister gelten, was würdet Ihr sagen, wenn Eure Sklavin Euch erzählte, was heute in Eurem Rate vorgegangen ist?« – »Larifari!« sagte der Sultan. »Vortrefflich!« fuhr Dinarzade fort. »Das ist gerade das, was ich meine. Geruhen Eure Majestät nur, mich anzuhören und Euer Versprechen nicht zu vergessen.« Und sie erzählte die Geschichte der Dornenblüt.

»Zweitausendvierhundertdreiundfünfzig Meilen von hier liegt das Königreich Kaschmir, welches wegen seiner außerordentlichen Schönheit berühmt ist. In diesem Lande regierte ein Kalif. Dieser Kalif hatte eine Tochter, und diese Tochter hatte ein Gesicht ... Aber man wünschte tausendmal, daß sie lieber keines gehabt hätte. Bis in ihr fünfzehntes Jahr war ihre Schönheit noch zu ertragen, aber von dieser Zeit an wurde sie so außerordentlich schön, daß niemand ihren Anblick aushaken konnte. Sie hatte den schönsten Mund von der Welt, ihre Nase war ein Meisterwerk, und die Lilien von Kaschmir, welche tausendmal weißer sind als die unsrigen, schienen schmutzig im Vergleich mit ihrer Haut; und die Dichter des Landes nannten die Rosen unverschämt, die sich neben dem Rosenrot ihrer Wangen sehen ließen.

Ihre Stirn war einzig in ihrer Art, von der vollkommensten Bildung und einem Glanze, der durch die schönsten schwarzen Haare erhöht wurde, daher man ihr auch den Namen Luisante, Sonnenstrahl, gegeben hatte. Das Oval ihres Gesichtes entsprach den mannigfaltigen Reizen, die es vereinigte, aber ihre Augen verdarben alles. Man wußte nicht eigentlich, von welcher Farbe sie waren, denn niemand hatte sie je lange genug ansehen können. Man glaubte vom Blitze getroffen zu sein, wenn man ihren Blicken begegnete.

In ihrer Kindheit hatte der Kalif sie zuweilen zu sich kommen lassen, um sich in seinem Werke zu spiegeln und seine Höflinge in Atem zu setzen, die es niemals unterließen, eine Menge Armseligkeiten über ihre kindlichen Reize auszukramen. Denn schon damals löschte man mitten in der Nacht die Lichter aus, weil ihre kleinen Augen das ganze Zimmer hinlänglich erleuchteten, aber das alles war, wie man sagt, bloßes Kinderspiel. Die Sache war kein Spaß mehr, als diese Augen ihre ganze Macht bekommen hatten.

Die jungen Herren am Hofe kamen dabei auf die erbärmlichste Weise um, und man trug Tag für Tag zwei oder drei Stutzer zu Grabe. Die Herren bildeten sich ein, daß man in jedes Paar schöner Augen getrost hineinsehen dürfe; doch sobald sie hineinsahen, drang das Feuer bis in das Innerste ihres Herzens, und sie starben in weniger als vierundzwanzig Stunden. Die meisten riefen unablässig ihren Namen und dankten ihren schönen Augen auf das demütigste für die Ehre, von ihren Blicken getötet zu werden.

Das schöne Geschlecht lief weniger Gefahr bei ihrem Anblick. Die Frauenzimmer, welche ihren Blicken nur von weitem begegneten, kamen mit einer Augenschwäche davon, die zeitlebens dauerte. Diejenigen aber, welche näher um sie waren, bezahlten diese Ehre etwas teurer. Ihre Hofdame, ihre vier Kammerfräulein und ihre alte Oberhofmeisterin waren stockblind.

Die Großen des Reiches, welche die Hoffnung ihrer Familien durch das ungückliche Feuer dieser Augen erlöschen sahen, flehten den Kalifen demütig an, auf Mittel zu sinnen, wodurch dieser Verwüstung Einhalt getan werde, die ihre Söhne des Lebens und ihre Töchter des Augenlichts beraube.

Der Kalif rief seinen Staatsrat zusammen, um zu sehen, was bei dieser Sache zu tun sei. Sein Seneschall präsidierte, und dieser Seneschall war der einfältigste Mensch, der jemals präsidiert hat. Aus tiefen politischen Gründen hatte der Kalif gerade keinen Klügeren zu seinem ersten Minister machen wollen.

Die Sache ward vorgetragen, und der Staatsrat teilte sich in verschiedene Meinungen über die zu ergreifenden Maßnahmen.

Die einen rieten, die Prinzessin in ein Kloster zu stecken, weil sie behaupteten, es sei kein großes Unglück, wenn drei oder vier Dutzend alte Nonnen und ihre Äbtissin ihr Gesicht zum Besten des Staates aufopferten; andere meinten, man müsse ihr durch eine geheime Order verbieten, die Augen bis auf weiteren Befehl aufzutun; noch andere schlugen vor, sie ihr so künstlich ausstechen zu lassen, daß sie nicht den mindesten Schmerz dabei spüre, und versprachen, das Geheimnis zu dieser Operation herzugeben.

Der Kalif, der seine Tochter auf das zärtlichste liebte, fand an allen diesen Vorschlägen wenig Behagen. Sein Seneschall merkte es. Der ehrliche Mann hatte schon eine Stunde lang nichts getan, als zu weinen, und mit Tränen in den Augen fing er zu reden an:

›Ich beweine‹, sagte er ›den Tod meines Sohnes, des Grafen und Ritters vom Goldenen Degen, der ihn leider gegen die Blicke der Prinzessin nicht verteidigen konnte. Gestern haben sie ihn begraben. Doch wir wollen davon nicht weiter reden. Wir sind zum Dienst Eurer Majestät zusammengekommen. Ich muß vergessen, daß ich Vater war, um mich zu erinnern, daß ich Seneschall bin.

Mein Schmerz hat mich nicht gehindert, die Vorschläge zu hören, die gemacht wurden. Mit Erlaubnis des erlauchten Rates finde ich sie jedoch alle höchst ungehörig. Höret den meinigen.

Ich habe seit einiger Zeit einen Stallmeister in meinen Diensten, von dem ich zwar nicht weiß, wo er herkommt, noch wer er ist, aber ich weiß so viel, daß ich mich ganz und gar nicht mehr um mein Hauswesen zu bekümmern brauche, seitdem er bei mir ist. Er weiß und versteht alles, und ob ich gleich die Gnade habe, Eurer Majestät Seneschall zu sein, so bin ich neben ihm nur ein Dummkopf. Meine Frau hat mir dies wohl tausendmal gesagt.

Wenn nun Eure Majestät geruhen wollten, ihn über diesen wichtigen und schwierigen Gegenstand zu konsultieren, so bin ich überzeugt, daß er ohnfehlbar Rat schaffen würde.‹ – ›Von Herzen gern‹, antwortete der Kalif, ›zumal es mir das Vergnügen verschaffen wird, einen Mann zu sehen, der mehr Verstand hat als Ihr.‹

Man ließ ihn rufen, aber er weigerte sich zu kommen, bevor man nicht die Prinzessin mit ihren schönen Augen eingesperrt hätte. ›Nun, Eure Majestät‹, rief laut der Seneschall, ›was hab ich gesagt?‹ – ›Ho, ho‹, erwiderte der Kalif, ›wenn es weiter nichts ist. Er mag kommen. Er soll meine Tochter nicht sehen.‹

Er kam. Man fand ihn weder schön noch häßlich, aber er hatte etwas Angenehmes in seinem Wesen und etwas sehr Feines in seinem Gesichtsausdruck.

›Eure Majestät können ihn kühnlich anreden‹, sagte der Seneschall. ›Er versteht alle Sprachen.‹ Dem Kalifen, der nichts als seine Muttersprache, und selbst die noch dazu sehr mittelmäßig, sprach, war das ein großer Trost. Nachdem er einige Augenblicke nachgedacht hatte, um eine sinnreiche Wendung zu finden, fragte er: ›Wie nennt Ihr Euch?‹ – ›Larifari‹, antwortete er. ›Larifari‹, sagte der Kalif, ›Larifari‹, sagten alle Räte, ›Larifari‹, sagte der Kanzler. ›Ich frage Euch‹, sagte der Kalif noch einmal, ›wie Ihr heißt?‹ – ›Larifari‹, sagte jener mit einer tiefen Reverenz. ›Und warum nennt Ihr Euch Larifari?‹ – ›Weil dies nicht mein Name ist.‹ – ›Wieso?‹ sagte der Kalif. ›Weil ich meinen Namen abgelegt habe, um diesen anzunehmen‹, antwortete jener, ›darum nenne ich mich Larifari, ob dies gleich nicht mein eigentlicher Name ist.‹ – ›Nichts kann klarer sein‹, versetzte der Kalif, ›und doch, wenn ich es hätte erraten sollen, ich glaube, ich hätte vier Wochen dazu gebraucht. Nun wohl denn, Larifari, was soll ich mit meiner Tochter anfangen?‹

›Was Euch beliebt‹, antwortete er.

›Antwortet ordentlich‹, fuhr der Kalif fort. ›Was soll ich mit ihr machen?‹

›Alles, was Euch beliebt‹, sagte Larifari noch einmal.

›Pah!‹ rief der Kalif, ›mein Seneschall hat mir gesagt, ich solle Euch konsultieren über das Unglück, das sie hat, alle, die ihr zu nahe kommen, entweder ums Leben oder um ihr Augenlicht zu bringen.‹

›Sire‹, sagte Larifari, ›es ist der Götter Werk, die sie so schön gebildet, nicht ihrer Augen Schuld. Wenn es indes ein Unglück ist, schöne Augen zu haben, so hat man meiner unmaßgeblichen Meinung nach zu folgendem Mittel seine Zuflucht zu nehmen. Die Fee Serène weiß alle Geheimnisse der Natur. Man sende ihr eine Kleinigkeit von einer oder zwei Millionen zum Geschenk, und wenn die Euch kein Mittel gegen die Augen der Prinzessin zu sagen weiß, so seid versichert, daß es keines gibt. Bis dahin wäre mein Rat, einen Kopfputz von einer schönen grünen Farbe zu erfinden, um darunter die Haare der Prinzessin Sonnenstrahl zu verstecken. Denn ich müßte mich sehr irren, wenn nicht der Glanz ihrer Haare, verbunden mit dem Feuer ihrer Augen, zum Teil die Ursache ist, daß ihre Blicke so außerordentlich gefährlich sind. Um endlich alle Schwierigkeiten zu beheben, will ich mit Eurer Majestät gnädigster Erlaubnis die Fee in Eurem Namen um Rat fragen, da mir ihre Wohnung bekannt ist.‹

Der Kalif war damit sehr wohl zufrieden. Man gab ihm einen Beutel mit kostbaren Diamanten und einen halben Scheffel große Perlen für Serène mit. Er machte sich auf den Weg, so unzufrieden auch die Frau Seneschallin mit der Reise sein mochte.

Seine Reise dauerte einen ganzen Monat, währenddessen Prinzessin Sonnenstrahls Augen mehr Unglück als jemals anrichteten. Der grüne Kopfputz hatte ihr nicht angestanden. Er tat zwar teffliche Wirkung und schwächte den Glanz der Augen etwas; aber zu gleicher Zeit warf er einen Widerschein auf ihr Gesicht, der ihr so mißfiel, daß sie im Zorn die Haube vom Kopfe riß und sie ihrer Hofdame ins Gesicht warf. Seitdem wurden ihre Augen von Tag zu Tag gefährlicher. Der Kalif ließ Prozessionen anstellen und in allen Kirchen beten, daß der Himmel sein armes Volk in Gnaden ansehen oder verhindern möge, daß ihn wenigstens seine Tochter nicht ansehe, als endlich der Abgesandte zurückkam. Man versammelte sogleich den Staatsrat, und Larifari redete hier den Kalifen mit diesen Worten an:

›Sire, die Zauberin Serène macht Euch ihr Kompliment und dankt untertänig für Euer Geschenk, welches sie sich verbittet, da sie dessen nicht bedarf. Sie versichert, das Geheimnis zu besitzen, die Augen der Prinzessin so unschädlich zu machen als die Augen Eurer Majestät, ohne ihnen das mindeste von ihrem Glanze zu rauben. Aber sie verlangt dafür vier Dinge.‹ – ›Nur vier?‹ fiel der Kalif ein, ›vierhundert, wenn sie will.‹ – ›Eure Majestät geruhen erst, mich anzuhören. Das erste von diesen vier Dingen ist der Prinzessin Porträt, das zweite Fleur d'Epine, das dritte der leuchtende Hut, das vierte endlich ist die Stute Sonnante oder Klingklang.‹ – ›Was, zum Teufel‹, fuhr der Kalif auf, ›soll das alles heißen?‹ – ›Ich werde die Gnade haben, es Euch genauer zu sagen‹, erwiderte Larifari.

›Serène hat eine Schwester, die sich Dentue, Langzahn, nennt und beinahe ebenso weise ist als sie; doch da sie ihre Kunst bloß anwendet, um zu schaden, so ist sie nichts weiter als eine boshafte Hexe, wohingegen Serène eine ehrliche Zauberin ist. Die Hexe entführte Serènes Tochter, da sie noch Kind war. Nun, da sie groß geworden ist, quält sie sie Tag und Nacht, ihren Sohn, ein kleines, häßliches Ungeheuer, zu heiraten. Dieses Mädchen, welches in der Gewalt der Hexe und eine Tochter Serènes ist, heißt Fleur d'Epine oder Dornenblüt. Außerdem besitzt die Hexe einen Hut, der über und über mit Diamanten besät ist, die so glänzen, daß sie Strahlen werfen wie die Sonne. Endlich hat sie auch eine Stute, die an jedem Haar ein goldenes Glöckchen hat, und der Klang dieser Glöckchen ist so harmonisch, daß man bei jeder Bewegung des Pferdes die schönste Musik zu hören glaubt.

Dies sind die vier Dinge, welche Serène verlangt. Sie meldet Euch aber zu gleicher Zeit, daß es eine Art Wunder ist, wenn der, welcher sie der Hexe Langzahn zu rauben unternimmt, nicht in ihre Hände fällt, und daß, wenn er einmal in ihrer Gewalt ist, ihn keine menschliche Macht daraus erretten kann.‹

Der Kalif und seine Räte fingen bitterlich an zu weinen, da sie sahen, daß es bei diesen Bedingungen kein Mittel gegen ihr Unglück gab. Larifari ward bei diesem Anblick gerührt, wendete sich an den Kalifen und sagte: ›Sire, ich kenne einen Mann, der die erste Forderung erfüllen kann, wenn er es nur auf sich nehmen will.‹

›Was?‹ sagte der Kalif, ›meine Tochter zu malen? Und wer ist denn der Narr, der etwas Unmögliches unternehmen wollte?‹

›Larifari‹, antwortete jener. ›Larifari‹, sagte der Kalif, ›Larifari‹, sagten der Seneschall und der ganze Rat, ›Larifari‹, schrien endlich alle Küchenjungen, die in dem Hof des Palastes spielten.

›Eure Majestät‹, sagte der Seneschall, ›können versichert sein, daß er, wenn er es unternimmt, auch damit zum Ziele kommen wird.‹ – ›Nun, wenn auch‹, fiel der Kalif ein, ›wer soll uns denn das übrige schaffen?‹

›Ich‹, erwiderte der verwegene Larifari. ›Aber unter der Bedingung, daß man meinen Namen, wenn man ihn von ungefähr nennt, nicht mehr von einem zum anderen schickt, als seien die Herren nichts als ein Echo. Ferner, daß der Prinzessin, wenn sie in den Stand gesetzt sein wird, in dem man sie zu sehen wünscht, erlaubt sein soll, sich selbst einen Gemahl zu wählen.‹

Der Kalif gab ihm sein Ehrenwort, und der Seneschall, welcher in allen Stücken äußerst sorgfältig und pünktlich war, fertigte ihm ein Patent darüber aus. Jedermann war in der größten Erwartung, wie er es anpacken würde, ein Gesicht zu malen, das man ohne Lebensgefahr nicht ansehen konnte.

Larifari hatte große Reisen unternommen. Er fand in den seltsamen Bemerkungen, die er über die Sitten jedes Landes gemacht hatte, daß die Einwohner in dem Lande der Sonnenfinsternisse ein Stück Glas mit einer dunklen Farbe anlaufen ließen, um ohne Schaden in die Sonne zu sehen. Er machte sich also eine Brille von sehr dunklem Glase, mit der er am hellen Mittag in die Sonne sehen konnte. Hierauf begab er sich mit dem nötigen Malergerät zu der Prinzessin Sonnenstrahl. Die Prinzessin erstaunte über diese Verwegenheit. Sie beschloß, ihn zu strafen, und öffnete ihre schönen Augen, so weit sie konnte. Umsonst. Mit Hilfe seiner Brille betrachtete er alle Wunder ihrer Schönheit und setzte sich nieder, sie zu malen.

Er beherrschte diese Kunst in der größten Vollkommenheit, ob er gleich kein Maler von Profession war. Über alles urteilte er mit dem feinsten Geschmack, und auf die Schönheit verstand sich niemand so gut als er. Indes machten Sonnenstrahls Reize auf sein Herz nicht den Eindruck, den er erwartet hatte. Ihr Wuchs war weniger vollkommen als ihr Gesicht. Dies schützte ihn einige Zeit, aber am Ende mußte er seinem Schicksal doch unterliegen. Nun fing er an, alle Schätze seines Geistes zu zeigen, um ihr zu gefallen. Er war artig und sie nicht unempfindlich gegen die Lobsprüche, die er ihrer Schönheit erteilte, und unter dem Vorwand, sie während einer Beschäftigung aufzumuntern, bei der sich die Munterkeit nach und nach verliert, erzählte er ihr so angenehm von seinen Reisen und mit so vieler Lebhaftigkeit und Witz, daß sie in ihrem Leben keine bessere Unterhaltung gewünscht hätte. Die Lebhaftigkeit seines Geistes ersetzte, was ihm an Wohlgestalt abging, und alles, was er sagte, machte ebensoviel Eindruck, als wenn er der schönste Mann von der Welt gewesen wäre. Sie verliebte sich also in ihn, und es tat ihr von Herzen leid, daß das Gemälde so bald fertig war; doch noch weit mehr tat es ihr leid, als er zu dem gefährlichen Abenteuer auszog, welches er auf sich genommen hatte.

Als er Abschied von ihr nahm, versicherte sie ihm, daß er für sich selbst arbeiten würde, da sie, wenn er die Gefahren überwände, denen er sich um ihretwillen aussetzte, die Freiheit hätte, sich selbst einen Gemahl zu wählen. Wenn er sie nicht besiegte, wollte sie niemals einen erwählen.

Wenn in den damaligen Zeiten eine Schöne Liebe empfand, beeilte sie sich, es zu gestehen – und die Prinzessinnen beeilten sich damit ebensosehr als die anderen. Larifari warf sich zehn- oder zwölfmal zu ihren Füßen nieder, um ihr ein Entzücken zu bezeigen, das er nicht empfand, und er erstaunte über die Kälte seines Herzens, das bei weitem nicht so gerührt war, als er vorgab.

Prinzessin Sonnenstrahls Bildnis erregte die Bewunderung des ganzen Hofes. Es war mit so vielem Feuer gemalt, daß man seinen Anblick kaum ertragen konnte, ob es gleich nur Malerei war. Larifari entdeckte dem Kalifen das Geheimnis, dessen er sich bedient hatte, seine Tochter zu malen, und machte ihm seine Brille zum Geschenk, damit er seine Tochter auch von Zeit zu Zeit ansehen könne. Er riet ihm indes, sie selten zu brauchen, um sich keiner Gefahr auszusetzen. Aber der Kalif vergaß diesen guten Rat, und das bekam ihm sehr übel.

Bei seiner Abreise machte man ihm eine Menge Anerbieten, sein Unternehmen zu erleichtern. Er nahm aber weder das Geld noch die Truppen, die man ihm anbot, sondern empfahl sich seinem guten Schicksal und machte sich auf den Weg, nur mit seinem Mut und seiner Geschicklichkeit ausgerüstet.

Seine Reise war eine Lustpartie, solange er noch in dem Gebiete von Kaschmir war. Die Blumen sprossen unter seinen Füßen. Pfirsiche und Feigen fielen ihm in den Mund, sobald er den Kopf in die Höhe hob. Die kostbarsten Melonen wuchsen rund um ihn her. Ein ewiger Frühling machte die Luft mild und den Himmel klar. War er müde, so bot ihm an einem murmelnden Bach ein duftender Orangenbaum ein kühles Schattendach dar, und die Vögel sangen ihn mit den zärtlichsten Liedern in Schlaf. Denn im ganzen Königreiche war keine Nachtigall, die nichts von Musik verstand, und kein Hänfling, der nicht vom Blatte weg sang. Aber da er über die Gebirge war, die dieses reizende Land von allen Seiten umgaben, fand er nichts als Wüsten und Wälder, die von reißenden Tieren wimmelten. Diese Tiere waren so wild, daß unsere Tiger und Leoparden gegen sie Lämmer sind. Er mußte indes notwendig durch diese Wälder passieren, um zur Wohnung der Hexe Langzahn zu kommen. Die wilden Tiere schienen seine Absicht zu kennen. Denn statt sich die Mühe zu nehmen, zu ihm zu kommen, verteilten sie sich nach rechts und nach links: drei Hydern, zehn Rhinozerosse und einige Dutzend Greifen hielten ihn belagert.

Larifari verstand die Kriegskunst viel zu gut, als daß er sich dadurch aus der Fassung bringen ließ. Er beobachtete ihre Stellung, erriet ihren Plan, und da die Partie ungleich war, nahm er seine Zuflucht zu einer Kriegslist.

Er erwartete die Nacht, indem er an seinem Lager Wache hielt. Gegen die zweite Nachtwache brannte er mittels seines Gewehres ein Bündel trockener Zweige an, steckte es an eine lange Stange und marschierte gerade auf den Feind los. Er war nicht verliebt genug, seine Dame um Beistand anzurufen, sondern stürzte sich mutig in das gefährlichste Abenteuer, das je ein Ritter unternommen hatte. Das Feuer ist allen wilden Tieren verhaßt. Sobald sie den Feuerschein des brennenden Bündels sahen, wichen sie zurück. Er bemerkte es, erhob ein Feldgeschrei und schlug sie in die Flucht. So kam er mit Anbruch des Tages aus dem Walde. Er war sehr müde, aber er wagte dennoch nicht, in der Nähe eines so gefährlichen Ortes auszuruhen. Die Sonne ging auf, und ihre ersten Strahlen entdeckten ihm einen glänzenden Gegenstand mitten auf einem schmalen Fußsteig. Er verfolgte diesen Fußsteig und ging lange Zeit, ohne das zu erreichen, was er sah; ja er schien immer gleich weit davon entfernt zu sein. Verdruß und Müdigkeit warfen ihn zu Boden, und sowie er sich in das Gras niedergelassen hatte, erhob sich das glänzende Etwas, das er gesehen hatte, in die Luft, und der schönste Vogel von der Welt setzte sich vier Schritt vor ihm auf einen Busch. Die Federn seiner Flügel waren golden und azurblau, die übrigen Federn feuerfarben und weiß, Schnabel und Krallen golden. Er hatte das Aussehen eines Papageis, aber er war ein wenig größer. Larifari betrachtete ihn mit großer Aufmerksamkeit. Er war entzückt von seiner Schönheit und fühlte einen geheimen Drang, der mehr als Neugierde war, sich ihm zu nähern. Nur die Furcht, er könnte ihn verscheuchen, hielt ihn ab.

Der Papagei war ganz unbekümmert um alles. Er schien etwas in dem Busche zu suchen und zog endlich einen kleinen Sack heraus, den er auf die Erde legte. Diesen band er mit großer Geschicklichkeit auf und nahm etwas Salz heraus, das er mit den Füßen zerkratzte und dann aufpickte.

›Lieber Papagei‹, rief ihm Larifari zu, ›friß nicht davon. Es wird dir nicht bekommen.‹ Der Papagei schlug ein Gelächter an, wobei er ihn doch sehr ernsthaft ansah. ›Beim Himmel!‹ rief jener, ›hat man je einen liebenswürdigeren Papagei gesehen! Aber was sage ich, ein Papagei! Es ist ein Phönix ...‹ – ›Larifari!‹ schrie der Papagei und flog fort.

Als ihn Larifari aus den Augen verloren hatte, nahm er den Sack mit dem Salz und verfolgte seinen Weg auf dem Fußsteig, auf dem er sich befand. Er hoffte, der Vogel werde wieder zu ihm kommen, weil er ihm sein Futter wegtrug. Ich begreife gar nicht, sagte er zu sich selbst, was ihn so erschreckt haben kann. Aber wie kommt es nur in aller Welt, daß alle, sogar die Vögel, den Namen Larifari wiederholen, wenn er ausgesprochen wird? Dieser hier hat ihn indes von selbst gesagt. Warum habe ich aber auch meinen Namen gegen diesen eingetauscht? Kein Mensch wird mir glauben, daß ich es um des Abenteuers mit den Elstern willen getan habe. Ja selbst ich weiß nicht, ob ich es glauben soll, und habe es doch mit meinen eigenen Augen gesehen ...

Er reiste den größten Teil des Tages durch unfruchtbare und einsame Gegenden und beschäftigte sich mit tausenderlei Gedanken, an denen Prinzessin Sonnenstrahl zuweilen einigen Anteil hatte. Aber er war weit entfernt von jenen langen und süßen Träumen, die ein Herz erfüllen, das mit Leidenschaft liebt, und weit entfernt, Schlösser in die Luft zu bauen, in denen die Wünsche weit besser untergebracht sind als der gesunde Menschenverstand.

Die Nacht stieg herauf, und er konnte vor Hunger und Müdigkeit nicht mehr weiter. Er sah sich nach einem Nachtlager um und entdeckte mitten im Gebüsch eine elende Hütte, in welcher er einen kleinen, alten Mann mit seiner Frau fand. Zu einer guten Abendmahlzeit und einem bequemen Nachtlager war hier die Aussicht nicht sonderlich; aber er hatte andere Dinge im Kopfe und bekümmerte sich wenig um Essen und Trinken oder um ein prächtiges Logis. Er beschloß also, die Nacht hier zuzubringen, und ward gut aufgenommen, denn er gab ihnen so viel, daß er das ganze Haus dafür hätte kaufen können. Kurz nach ihm erschien auch der Sohn des Hauses, ein junger Herr, so zerlumpt als die übrige Familie. Dieser trieb zwei dürre Ziegen vor sich her, die sich unter die Gesellschaft mischten, weil kein anderer Ort im ganzen Hause für sie war. Larifari forschte bei diesen armen Leuten nach allem, was ihm einiges Licht in seine Unternehmung bringen konnte, und mit Anbruch des Tages vertauschte er seine Kleider mit den Kleidern des Sohnes, kaufte ihm seine Ziegen ab, bedeckte die Hälfte seines Gesichtes mit einem Pflaster und machte sich mit seinem Sack mit Salz auf den Weg. Er richtete seine Schritte nach dem Ort, wo er den Palast der Hexe finden sollte, ob ihm gleich sein Wirt ernstlich riet, nicht hinzugehen, wenn er nicht sehr notwendige Geschäfte bei ihr hätte.

Er war noch nicht lange gegangen, als er einen harmonischen Klang vernahm, der immer angenehmer wurde, je näher er kam. Er vermutete, woher er kam, trieb indes immer seine Ziegen vor sich her und beobachtete die ganze Gegend. Endlich machte er in einem kleinen Gehölz halt, durch das ein heller Bach rieselte. Die Nachbarschaft eines so gefährlichen Ortes, die Erwartung eines so kühnen Unternehmens verursachten ihm einiges Nachdenken. Sein Herz klopfte, aber er empfand weder Furcht noch Reue. Ohn Unterlaß sagte er vor sich her:

›Auf! Wandle dann die Bahn, die Kränze zu gewinnen,
Die von dem Ziele dir entgegenwehn;
Doch ist es nicht genug, den kühnen Streit beginnen,
Der wahre Held muß ihn bestehn.
Und solltest du umsonst nach diesem Lorbeer streben,
So wird dein Ruhm darum nicht untergehn:
Denn rühmlich ist's und kühn, zu ihr sich zu erheben,
Und rühmlich selbst, den Tod für sie zu sehn.‹

Indem er seinen Mut auf diese Weise mit den erhabensten Opernsentenzen stärkte, die ihm in den Kopf kamen, sah er ein Frauenzimmer kommen, das alle seine Aufmerksamkeit auf sich zog. Ihrer frischen Farbe nach hätte man sie für die Aurora eines Sommertages halten können, ihrer Gestalt nach für die wohlgewachsenste Göttin und ihren Reizen nach für die personifizierte Summa aller Grazien. Sie war einfach gekleidet, aber mit so vieler Reinlichkeit, Anstand und Geschmack, daß sie trotz ihrer schlechten Kleider eine verkleidete Prinzessin zu sein schien. Er betrachtete sie dreimal von Kopf bis Fuß, als sie auf den Bach zuging, an dem er sich gelagert hatte, und dreimal schwor er ganz leise, daß er niemals so niedliche Füßchen und niemals soviel Reize vereinigt gesehen habe als in ihrer Figur. Hierauf drehte er sich um, indem er sich stellte, als folgte er seinen Ziegen. Sie füllte einen Krug mit Wasser, setzte sich an den Rand des Baches, legte ihre Hände zusammen und sah betrübt dem Laufe des Wassers zu.

Der verkleidete Ziegenhirt näherte sich ihr von einer anderen Seite und hörte, daß sie seufzte und klagte. ›Nein‹, sagte sie, ›nie war ein Geschöpf unglücklicher als ich! Ach! Und ich weiß, daß mein Schicksal sich nur ändern wird, um noch schrecklicher zu werden; und doch kann ich noch leben und mein Ungück ertragen?‹ Nach diesen Worten schwieg sie einen Augenblick und weinte. ›Ihr glücklichen Vögel‹, fing sie von neuem an, ›die ihr nichts fürchtet als die Elemente, die Menschen und andere Vögel, die euch bekriegen, ihr genießt die Freiheit in all eurer Unruhe und seid nicht zu dem ewigen Anblick des häßlichsten Geschöpfes verdammt.‹ Hier strömten die Tränen von neuem über ihre Wangen. Dann wusch sie sich Gesicht und Hände in dem Bache, setzte den Krug auf ihren Kopf und ging fort.

Larifari hatte sie genau angesehen, ohne daß sie ihn bemerkt hatte. Er fand sie unendlich liebenswürdig, und aus ihren Äußerungen schloß er, daß sie natürlichen Witz, ein sanftes Temperament, ein wahres und aufrichtiges Herz und dabei einen edlen Stolz besaß. Das waren sehr viel Entdeckungen für so einen kurzen Augenblick, indessen hatte er sich darin ebensowenig getäuscht wie in seiner Vermutung, wer sie sein könne.

Den ganzen Tag brachte er in dem Gehölz zu, und in der Nacht ließ er seine Ziegen zurück und begab sich in die Ebene, um einige neue Entdeckungen zu machen. Je weiter er ging, desto weniger wußte er, wo er war. Vielleicht wäre er noch lange Zeit so umhergeirrt, wenn ihm nicht ein plötzlicher Lichtschein ein großes Haus mit einem flachen Dach gezeigt hätte, das etwa noch zweihundert Schritt von ihm entfernt war. Das Licht verschwand wieder, aber er kam dennoch glücklich an das Haus, das seiner festen Überzeugung nach der Palast der Hexe war. Da er nicht für gut fand, sich an der Tür zu zeigen, erklomm er, so sachte als er nur konnte, das Dach. Dies war nur mit Stroh gedeckt. Er horchte einige Zeit, ohne etwas zu vernehmen, und schob endlich ganz leise an dem Ort, wo er saß, das Stroh hinweg. Durch die Öffnung, die dadurch entstand, sah er die schreckliche Hexe Langzahn, die Kräuter und Wurzeln in einen großen Kessel warf, der auf dem Feuer stand, wobei sie einige unverständliche Worte murmelte. Sie rührte diese Mixtur mit einem Zahn um, der ihr aus dem Maul hervorstand und wenigstens zwei Ellen lang war. Nachdem sie lange genug gerührt hatte, warf sie auch drei Kröten und drei Fledermäuse hinein und sprach dazu:

›Durch mein Roß und meinen Hut,
Meine Bosheit, meine Wut
Wird der Zauber flugs vollbracht,
Meinen Süßen zu berücken,
Ihm die Federn abzupflücken,
Zeige heut sich meine Macht.‹

›Ihren Süßen, ihren Liebhaber!‹ rief Larifari, ›gütige Götter! Das ist gewiß eines von den Ungeheuern, die mich in dem Walde haben aufhalten wollen.‹

Die Hexe rührte indessen immerfort und probierte diese schöne Komposition zuweilen mit dem Finger, an dem ein Nagel beinahe ebenso lang war als ihr Zahn. In dem Winkel am Feuer saß ein kleines Ungeheuer, das so bucklig und ungestalt war, daß es noch mehr Schrecken einjagte als die Mutter. Die Schöne, welche Larifari in dem kleinen Gehölz gesehen hatte, lag vor diesem Ungeheuer auf den Knien und wusch ihm mit ihren schneeweißen Händen die schmutzigsten und häßlichsten Füße, die jemals gewaschen worden sind.

Larifari sah ihre Verzweiflung über diese unwürdige Beschäftigung und hätte selbst darüber verzweifeln mögen. Da die Hexe merkte, daß das arme Mädchen weinte, hob sie ihren großen Zahn in die Höhe, sah sie von der Seite an und schrie ihr zu: ›Nun, kannst du deinen Bräutigam nicht besser bedienen? Ich dächte, du danktest dem Himmel, daß der Sohn der mächtigen Langzahn in zwei Tagen dein Gemahl sein wird.‹

Larifari schauderte bei diesen Worten, und die Hexe sah in die Höhe, da sie ein Geräusch hörte. Er stieg, so schnell er konnte, von dem Dach herab und eilte nach dem kleinen Gehölz, um nicht entdeckt zu werden. Hier brachte er den übrigen Teil der Nacht damit zu, daß er über das nachdachte, was er gesehen hatte, und Projekte zur Ausführung seines Unternehmens machte. Aber bei diesen Betrachtungen überraschte ihn der Morgen, und es währte nicht lange, so kam das schöne Mädchen an das Ufer des Baches zurück. Sie kam mit all ihren Reizen und all ihrem Schmerze, beladen mit häßlichen, schmutzigen Kleidern und Wäsche, die sie unter heißen Tränen wusch.

Dieser Anblick vermehrte das Mitleid, das er seit dem ersten Augenblick für sie gefühlt hatte, und er merkte, daß sich etwas in ihm regte, das ihn bald zum Gegenstand ihres Mitleids machen würde. Sie hatte sich bei ihrer Wäsche über das Wasser gebeugt und schien jeden Augenblick im Begriffe zu sein, sich aus Verzweiflung hineinzustürzen, wenn es nur groß genug gewesen wäre, daß sie darinnen hätte ertrinken können. Ihre Stellung ließ Larifaris Augen den schönsten Busen sehen, und er dankte dem Himmel für diesen Anblick, ohne sich zu schmeicheln, daß ihm jemals etwas mehr davon zuteil werden könne. Er glaubte, daß es nun Zeit sei, sich ihr zu entdecken, und um vorher ihre Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, zog er eine Flöte aus der Tasche und spielte ein Lied von einer höchst sanften und rührenden Melodie. Er blies aber noch einmal so gut die Flöte, als er malte, und das heißt wohl, er spielte unvergleichlich.

Sie schlug ihre Augen auf und sah ihn mit Erstaunen an. Seine Gestalt und seine Art zu spielen harmonierten nicht zusammen. Als er merkte, daß sie ihm zuhörte, stellte er sich, als folgte er seinen Ziegen, die sich entfernten ... ›Nein‹, sagte sie, ›Klingklangs Harmonie ist nicht so angenehm wie der Ton seiner Flöte. Wie glücklich ist dieser arme Hirt, der sein Leben mit dem Hüten seiner Ziegen verträumt! Er ist arm, aber frei. Ach! wie gern wollte ich an seiner Stelle sein! Aber was sucht er in der Nähe dieses fürchterlichen Ortes? Kann er seine kleine Herde nicht weitertreiben? Warum kommt er in eine Gegend, wo die schreckliche Langzahn herrscht?‹ – ›Er kommt, Euch zu befreien, reizende Dornenblüt‹, sagte er, als er sich ihr plötzlich näherte.

Es fehlte wenig, und sie wäre vor Erstaunen in Ohnmacht gefallen, er ließ ihr aber keine Zeit dazu. ›Ja‹, sprach er, ›ja, ich will Euch befreien oder umkommen.‹ – ›Ach!‹ sagte sie mit einem mitleidsvollen Blick, ›armer Junge, umkommen kannst du wohl, aber befreien wirst du mich niemals, denn dann müßtest du mich aus meiner Sklaverei erlösen, und das ist un möglich. Du siehst mich mit der niedrigsten und ekelhaftesten Arbeit beschäftigt, und doch wollte ich zeit meines Lebens nichts anderes tun, wenn ich nicht noch etwas Schlimmeres zu fürchten hätte. Ach! Ich soll den Sohn der Hexe Langzahn zum Manne nehmen.‹ – ›Alles das weiß ich recht gut‹, sagte Larifari, ›und ich will Euch davon befreien.‹

Sie betrachtete von neuem den Mann, der mit solcher Zuversicht sprach und alles zu wissen vorgab. Bisher hatte er nur das Vergnügen gehabt, sie anzusehen, ohne von ihr angesehen zu werden. Jetzt genoß er dieses Glück, und er zog es in seinem Herzen allem vor, was er jemals genossen hatte. Er nahm, um weniger häßlich zu erscheinen, sein Pflaster vom Gesicht. Ich weiß nicht, ob er wohl daran tat. Soviel ist gewiß, daß sein Gesicht keinen großen Eindruck auf sie machte, daß ihr aber seine Art, sich auszudrücken, gefiel. Er sagte ihr, daß er nicht der sei, der er zu sein scheine, daß er es auf sich genommen habe, sie, den leuchtenden Hut und die Stute Klingklang zu entführen, daß er alles dies zugunsten einer Prinzessin versprochen habe, die für ein Weltwunder gelte und an die er nun kaum mehr denke. ›Ach, wie kann man sich Sonnenstrahls erinnern‹, sagte er, ›wenn man die liebenswürdige Dornenblüt gesehen hat? Sie wird künftig der Gegenstand aller meiner Unternehmungen sein.‹

Sie schien ebensowenig beleidigt durch diese Erklärung als verwundert über das Opfer, das er ihr brachte. In den wenigen Augenblicken, die sie miteinander zubrachten, ward Larifari vollkommen in dem Urteil bestätigt, das er über ihren Geist und ihr Herz gefällt hatte. Er beschwor sie, sich in allen Stücken auf ihn zu verlassen, und bat sie, nur in die Vorschläge eines Menschen einzuwilligen, der lieber eines dreimal hunderttausendfachen Todes sterben als sie nur im geringsten beleidigen wollte.

Er erkundigte sich also ganz genau, wo der Stall der Stute Klingklang sei. Er erfuhr, daß man sich nicht die Mühe gebe, ihn zuzuschließen, da es nicht sehr wahrscheinlich sei, daß man eine Stute stehlen werde, die man bei der mindesten Bewegung höre und deren Harmonie noch außerordentlich verstärkt würde, wenn man sie aus dem Stalle zöge. Mehr verlangte er nicht zu wissen. Sie wagte nun nicht länger zu bleiben, und als sie sich trennten, sah sie sich so lange nach ihm um, als sie nur konnte.

Als er sie aus dem Gesicht verloren hatte, empfahl er sich ganz ernsthaft seinem guten Glück, das ihn noch niemals verlassen hatte, seiner Tatkraft, die ihm noch nie so nötig gewesen war, und aller Beständigkeit seines Mutes. Er fühlte, daß ihn etwas begeisterte, das mehr war als Geschicklichkeit und Klugheit. Er glaubte, es sei seine neue Leidenschaft, aber es war ganz etwas anderes. Entschlossen, allen unbekannten Eingebungen zu folgen, fing er damit an, daß er einige böse kleine Jungen mit Ohrfeigen fortschickte, die mit Leimruten gekommen waren, die armen kleinen Vögel wegzufangen. Er nahm ihnen ihren Vogelleim weg, damit sie nicht in seiner Abwesenheit Gebrauch davon machen könnten, und beim Anbruch der Nacht marschierte er mit seinem Sack unter dem Arm und dem Vogelleim, den er den Jungen abgenommen hatte, nach dem Stall der Stute. Eine treffliche Ausrüstung zu einer Unternehmung, wie diese war! Herrliche Waffen, um sich gegen die schreckliche Gewalt einer Hexe zu schützen, der er alle ihre Schätze rauben wollte!

Ein melodisches Geräusch leitete ihn geradenwegs nach dem Stall der Stute, und er kam eben an, als sie sich niedergelegt hatte. Sie war das schönste, sanfteste und folgsamste Tier von der Welt. Er streichelte sie sacht mit der Hand, und sie war über diese Behandlung so gerührt, daß sie für ihn ihr Leben gelassen hätte. Denn sie hatte bisher niemanden als den Sohn der Hexe gesehen, der ihr das Futter brachte und außer seiner Häßlichkeit, die ihr jedes Futter verbitterte, sie überdies bisweilen unbarmherzig zu behandeln pflegte. Da Larifari sie so gut gegen sich gesinnt fand, füllte er alle ihre Glöckchen, eines nach dem anderen, mit Mist und überzog sie mit Vogelleim, den er mitgebracht hatte, damit der Mist nicht herausfallen könne. Als dies geschehen war, stand die schöne Stute auf, um zu hören, ob vielleicht noch etwas an ihr sei, das ein Geräusch machen konnte. Larifari wiederholte seine Schmeicheleien, sattelte und zäumte sie und begab sich geradenwegs nach der Wohnung der Hexe Langzahn, indem er die Stute in dem Stall zurückließ. Er stieg wieder, wie tags zuvor, auf das Dach und nahm seinen Platz mit ebenderselben Vorsicht ein. Den Sack mit Salz hatte er dabei immer unter dem Arm, und er wußte selbst nicht, wie es kam, daß er ihn nie aus den Händen legte, er mochte hingehen, wo er wollte. Aber er erfuhr bald, wozu er ihm dienlich war. Er sah durch dieselbe Öffnung beinahe dieselbe Szene wie die vorige Nacht, ausgenommen, daß ihm die arme Dornenblüt noch weit beklagenswerter vorkam. Denn das erste Mal hatte sie bloß Langzähnchens Füße gewaschen; aber jetzt unterstand sich das kleine Ungeheuer nicht, sie im Hinblick auf die bevorstehende Hochzeit mit den Zärtlichkeiten eines Bräutigams zu überschütten, und als sie sich die Freiheiten, die er sich mit ihr herausnahm, verbat, fing er an, wie ein Schwein zu grunzen und mit ihr zu zanken.

Die Hexe zwang sie, sich in die Ecke ans Fenster zu setzen. Langzähnchen streckte sich neben ihr aus, legte seinen Kopf auf ihren Schoß und schlief ein. Die ungückliche Dornenblüt wagte nicht, ihren Verdruß und ihre Abscheu merken zu lassen, aber ihre Tränen konnte sie nicht zurückhalten, und doch durfte sie die Hexe nicht gewahr werden lassen, daß sie weinte.

Larifari fühlte ihren Schmerz in dem Innersten seiner Seele. Die Hexe aber gab nicht weiter auf sie acht, sondern rührte ihre Kräuter in dem Kessel mit ihrem langen Zahne um. Von Zeit zu Zeit warf sie ein neues Gift hinein, wobei sie immer wiederholte, was sie schon die vorige Nacht gesagt hatte:

›Durch mein Roß und meinen Hut,
Meine Bosheit, meine Wut
Wird der Zauber flugs vollbracht.
Meinen Süße zu berücken,
Ihm die Federn auszupflücken,
Zeige heut sich meine Macht.‹

Larifari wollte doch auch etwas von dem seinigen hinzutun und schüttete seinen Sack mit Salz durch die Öffnung des Kamins. Die Hexe merkte es erst, als sie mit ihrem langen Nagel von ihrem Gebräu kosten wollte. Sie erschrak, kostete noch einmal und fand, daß der Zaubertrank durch eine Ingredienz, die wahrscheinlich nicht hineingehörte, verdorben war. Sie erhob dabei ein so fürchterliches Geschrei, als heulten fünfzehntausend Katzen auf einmal. Sie hob den Kessel sogleich vom Feuer und gab der armen unschuldigen Dornenblüt eine Ohrfeige, daß sie beinahe vom Stuhl gefallen wäre. Darüber wachte Langzähnchen auf und gab ihr noch eine, weil sie ihn aufgeweckt hatte.

Larifari, der alles das mit ansehen mußte, fühlte diese Ohrfeigen zehnfach, und es war ihm, als würde ihm ein Dolch ins Herz gestoßen. Schon unterlag die Klugheit seinem Zorne, und er hätte sich ins Unglück gestürzt, um seine Schöne zu rächen, wenn nicht die Hexe ihrem Sohn befohlen hätte, Wasser aus dem Bach zu holen, nachdem sie ihm vorher einige Elogen wegen seiner edlen Empfindlichkeit gemacht hatte. ›Geh, mein Puppchen‹, sagte sie, ›das häßliche Tier da soll meinen Hut nehmen und dir leuchten. Ich würde dich nicht bemühen, wenn der Hut, um zu leuchten, nicht von einem Mädchen getragen werden müßte, das nichts anderes daneben tragen darf. Geh, mein Söhnchen, nimm den Krug und fürchte dich nicht vor Gespenstern. Sie werden dir nichts tun, wenn der Hut leuchtet, und ich verspreche dir, daß du, wenn du zurückkommst, die spröde Närrin da auf der Stelle heiraten sollst.‹

›Gut!‹ sagte Larifari, ›ich bin zufrieden, nur nicht eher, als bis er zurückkommt‹,und mit diesen Worten, die er ganz leise sagte, stieg er vom Dache herab. Hierauf lief er, so schnell er laufen konnte, und postierte sich zwischen dem Haus und dem Bach, wo er gleich darauf die ganze Gegend wie am hellen Mittag erleuchtet sah. Die reizende Dornenblüt war das erste, was er erblickte. Ihres Hutes ungeachtet, kam sie ihm so leuchtend vor, daß der Hut sein Licht von ihr zu leihen schien. Der Zwerg keuchte neben ihr unter der Last des leeren Kruges; denn es war nicht genug, daß er bucklig war, sondern, um recht abscheulich zu sein, war er auch so lahm wie ein Hund und so klein, daß er vergeblich versuchte, seine schöne Gebieterin am Arme zu führen. Er konnte schlechterdings nicht höher reichen als an ihre Taschen. An diesen hielt er sich fest und schleppte sich fort, so gut er konnte; denn Gott weiß, wie viele Male Dornenblüt stolperte, um ihn loszuwerden. Endlich kam sie an den Ort, wo Larifari sie erwartete. Sie zitterte am ganzen Leibe, als sie ihn sah, und ihr Gesicht ward bald blaß, bald rot. Ich weiß nicht, ob er diese verschiedenen Gemütsbewegungen bemerkte, noch wie er sie sich erklärte, wenn er sie bemerkte. Doch genug, nachdem er ihr Mut zugesprochen hatte, packte er Langzähnchen beim Ohr, umwickelte ihm den Kopf mit seinem Schnupftuch, nahm ihn unter den Arm wie einen jungen Hund, gab dann Dornenblüt die Hand und marschierte mit starken Schritten auf den Stall zu.

Hier fand er die Stute gerade so, wie er sie verlassen hatte. Er unterrichtete Dornenblüt mit wenigen Worten von seinem Plan, und sie war in ihrer Angst mit allem zufrieden, ohne ein Wort von allem zu verstehen. ›Meine Angst‹, sagte sie, ›ist unbeschreiblich. Ich fürchte nicht mehr für mich allein, und dies ist allzuviel für mein Herz. Ihr habt freilich schon so viel getan, daß ich mich ganz auf Euch verlassen könnte. Laßt uns nur eilen, daß wir fortkommen, da uns die Eile allein retten kann. Aber was wollen wir mit diesem Ungeheuer anfangen?‹ – ›Ich würde ihn lebendig schinden‹, sagte er, ›um ihn für die Angst zu strafen, die er Euch verursacht hat, und für die Ohrfeige, die er Euch vorhin gab, aber seine Mutter würde sich allzuleicht über diese sanfte Todesart trösten. Ich habe etwas anderes im Sinn, das ihr mehr ans Herz gehen soll.‹

Die großmütige Dornenblüt, die von keiner anderen Grausamkeit wußte als der, welche spröde Schöne gegen ihre zärtlichen Liebhaber ausüben, war schon im Begriffe, um Gnade für den elenden Zwerg zu bitten, aber Larifari ließ sie nicht zu Worte kommen. ›Fürchtet nichts‹, sagte er, ›es soll ihm kein Leid geschehen. Er soll es im Gegenteil recht bequem haben, wenn es uns übel ergeht. Ich will Euch sogar um ein kleines Andenken Eurer Gunst für ihn bitten, da er doch nun die Hoffnung aufgeben muß, Euch zur Gemahlin zu bekommen. Erlaubt ihm, Eure Haube zu tragen, bis er die Ehre hat, Euch wiederzusehen.‹ Dornenblüt wußte nicht, was er damit sagen wollte. Aber sie fand, daß ein Scherz unter diesen Umständen nicht sonderlich angebracht war.

Indes wurde Langzähnchen die Haube aufgesetzt, und man kann sich denken, daß er darin nicht liebenswürdiger aussah. Aber er war froh, daß er damit wegkam, die Haube seiner Gebieterin zu tragen, nachdem man vom Schinden gesprochen hatte, und er glaubte nun aus aller Gefahr gerettet zu sein. Er irrte sich. Larifari band ihm Hände und Füße, stopfte ihm Heu in den Mund, damit er nicht schreien konnte, und legte ihn so mit dem ganzen Leibe ins Heu, daß man nichts von ihm sah als seinen Hinterkopf mit dem niedlichen Kopfputz. Nachdem auch dies geschehen war, streichelte er die Stute, stieg auf, nahm Dornenblüt vor sich aufs Pferd und kehrte dem Palast der Hexe den Rücken. Die Stute Klingklang war so schnell wie der Wind und dabei leichter zu lenken als ein Schiff. Larifari legte ihr den Zaum auf den Hals, damit sie desto geschwinder liefe. Nachdem sie in einer Stunde ungefähr fünfzig Meilen zurückgelegt hatte, glaubte er weit genug zu sein, um sie ein wenig verschnaufen zu lassen.

Hatte jemand Ursache, vergnügt zu sein, so war es Larifari, der ein gefährliches Abenteuer so glücklich geendigt hatte und ein Mädchen in seinen Armen hielt, das er anfing zu lieben, das er aus einer fürchterlichen Sklaverei befreit hatte und das er umfassen durfte, ohne Furcht, es zu beleidigen. Glückliche Lage für einen Mann, der ein Unternehmen um des Ruhmes willen begann und es um der Liebe willen ausführte! Er atmete wieder mit freier Brust und fühlte keine Furcht mehr als die, seiner Geliebten nicht zu gefallen. Er kannte sich zu gut, um etwas von den Reizen seiner Gestalt zu erwarten. Er wußte, daß er nicht hoffen durfte ohne die Hilfe seines Verstandes und seiner Liebe. Diese wuchs mit jedem Augenblick. Sein Herz hatte stärker geschlagen, sooft er Dornenblüt von neuem gesehen hatte, und daß er sie jetzt in den Armen halten durfte, war doch nicht dazu angetan, sein verliebtes Herz zu beruhigen.

›Schöne Dornenblüt‹, sagte er zu ihr, da er fühlte, daß sie noch zitterte, ›Ihr habt nichts mehr von der Hexe Langzahn zu fürchten, und Ihr könnt ganz ruhig bei einem Manne sein, der die reinsten und ehrerbietigsten Gesinnungen gegen Euch hegt. Ich kenne Eure Reize, ja ich wage zu behaupten, daß sie niemand besser zu beurteilen versteht und besser kennt; aber ich wage kaum, Euch zu sagen, daß ich sie bis in das Innerste meines Herzens fühle. Und doch, wie könnte es anders sein? Ich verließ mein Vaterland aus besonderen Gründen. Als ich abreiste, hatte ich keinen bestimmten Plan, keine Absicht. Ich wußte nicht, was ich in der Welt suchte, aber jetzt weiß ich nur allzu gut, daß ich niemand anders suchte als Euch. Erlaubt, daß ich Euch einige Augenblicke mit der Erzählung meiner Abenteuer unterhalte.‹ Dornenblüt wußte nicht, was sie auf alle diese schönen Sachen, die er ihr in einem Zuge sagte, antworten sollte. Sie neigte sich sanft zu ihm, gleichsam, um an ihm zu ruhen, und Larifari, dem diese Art Antwort nicht mißfiel, fuhr fort, ohne auf eine andere zu warten.

›Ich bin der Sohn eines kleinen Fürsten. Sein Staat war winzig, seine Untertanen aber reich, zufrieden und treu. Ich hatte einen Bruder. Gott weiß, was aus ihm geworden ist. Wir waren nicht viel über sechs Jahre alt, als mein Vater uns beiseite nahm und uns mit folgenden Worten anredete, die, wie mich dünkt, ein wenig zu hoch für unser Alter waren: »Meine Kinder«, sagte er, »ihr seid Zwillinge, und das Recht der Erstgeburt kann die Thronfolge unter euch nicht entscheiden. Mein Staat ist zu klein, um ihn zu teilen, und ich wünsche daher, daß der eine von euch dem anderen seine Rechte abtreten möge. Damit aber den, welcher sich des Thrones begibt, sein Opfer nicht reut, so will ich euch zwei Geschenke machen, von denen das kleinste allenthalben euer Glück befestigen wird. Diese Geschenke sind Verstand und Schönheit. Da diese Vorzüge getrennt bleiben müssen, so wähle sich ein jeder das, was ihm am meisten gefällt.« Wir antworteten beide zugleich: Ich verlangte den Verstand und mein Bruder die Schönheit. Mein Vater umarmte uns beide und versicherte uns, daß jeder mit der Zeit das bekommen würde, was er sich gewählt habe.

Mein Bruder hieß Phönix, ich Pinson, der Fink, und wenn wir noch mehrere Brüder gehabt hätten, so bin ich fest überzeugt, daß man den einen Amsel, den anderen Nachtigall, den nächsten Zeisig und so weiter genannt hätte, denn eine von den Torheiten meines Vaters war die Vogelliebhaberei, die andere, daß er verlangte, wir sollten ihn Herr Papa nennen, wenn wir von ihm sprachen. Von mir hatte er nie das Vergnügen, dies zu hören. Mein Bruder Phönix aber nannte ihn öfter Herr Papa, als es nötig war. Dies ist vielleicht auch die Ursache, warum er ihm besser Wort hielt als mir; denn in seinem achtzehnten Jahr übertraf er alles, was man Schönes in unserem Geschlechte gesehen hat. Zwar sagte man auch mir manche Schmeichelei über meinen lebhaften Verstand, aber ich sah das an wie das, was man von allen Kindern sagt, wenn die Väter und Mütter die ganze Welt mit den Einfällen ihrer Kinder langweilen, und ich fand, daß ich gerade nicht mehr Verstand hatte, als um einzusehen, daß ich noch viel zuwenig habe.

So verschieden auch unsere Neigungen waren, so groß war doch die Eintracht zwischen mir und meinem Bruder. Ich vertrieb mir die Zeit mit Lektüre. Ich las alles, was mir in die Hände fiel, Gutes und Schlechtes. Ich lernte jedoch bald, das eine von dem anderen zu unterscheiden, und ich hätte mich beinahe über diese Delikatesse geärgert, die meine Lektüre auf eine sehr kleine Anzahl von Büchern beschränkte. Phönix hatte diese Sorge nicht. Er putzte sich den ganzen Tag, um mit seiner Schönheit zu paradieren.

Endlich starb unser Vater, und was ihm seinen Tod gar sehr erleichterte, war die Eintracht, in der er uns sah. Aber er war noch nicht lange begraben, als wir zum ersten Male in unserem Leben verschiedener Meinung waren, so daß wir uns beinahe gezankt hätten. Die Ursache unseres hartnäckigen Streites war, daß jeder dem anderen sein Recht auf die Krone abtreten wollte. Phönix versicherte mir ohne Unterlaß, daß ich, da ich weit mehr Fähigkeiten zur Regierung hätte, auch weit mehr verdiente, meinem Vater nachzufolgen, und daß ihm, dem Himmel sei Dank, mit seinem Aussehen nicht bange sei, an jedem Ende der Welt sein Glück zu machen. Vergebens führte ich ihm die triftigsten Gründe an, um ihn zur Annahme unserer kleinen Herrschaft zu bewegen. Er hörte nicht auf mich; und nach einem langen Streit wurden wir einig, beide an einem Tag abzureisen, um unser Glück auswärts zu suchen, mit der Bedingung, daß der, welcher sich zuerst etablieren würde, dem anderen möglichst Nachricht davon geben solle, daß dieser sodann von unserer gemeinsamen Erbschaft Besitz ergreifen könne. Die Regierungsgeschäfte übertrugen wir indes unseren treuen Ministern.

Wir reisten ab, Phönix mit allen nur möglichen Reizen begabt, ich mit dem kleinen Anteil von Verstand, der mir zugefallen war. Wir nahmen verschiedene Wege. Das erste Abenteuer, das mir begegnete, war sonderbar genug, ob es gleich keiner von den großen und gefährlichen Zufällen war, welche den Helden auszeichnen. Ich hatte viele Länder durchreist, ohne etwas zu finden, das mir einige Hoffnung zu einem vorzüglichen Glücke hätte machen können. Ich suchte indes allenthalben Kenntnisse zu sammeln. Ich hielt mich bei allem auf, was meiner Aufmerksamkeit würdig erschien. Ich erforschte die geheimen Kräfte aller Wesen, bemerkte die Sonderbarkeiten jedes Landes. Aber alles das befriedigte meine Neugierde nicht. Ich kam endlich nach Zirkassien, das man mir als das Land der Schönheiten beschrieben hatte. Ich durchreiste es von einem Ende zum anderen und fand zu meinem großen Erstaunen keine einzige Schönheit, die mich auch nur in Verwunderung gesetzt hätte. Ich schrieb die Ursache davon der Veränderung der Regierungsform zu und glaubte, daß in den daraus entstandenen Unruhen alle Schönen zerstreut worden wären, die, nach dem, was man mir davon erzählt hatte, ehemals bei jedem Schritte anzutreffen gewesen sein mußten.

Eines Tages spazierte ich an dem Ufer eines Flusses entlang, der eine weite Ebene begrenzte. Jenseits desselben erhob sich ein Gebäude, das mir aus der Ferne sehr prächtig vorkam. Die Neugierde trieb mich, es näher zu besehen. Ich folgte diesem Antrieb, und als ich näher kam, fand ich ein Schloß, das von außen der Aufenthalt eines Fürsten schien. Inwendig war es finster und die Bewohner desselben unfreundlich. Doch sah ich hier mehr Schönheiten als in dem übrigen Zirkassien, nur waren sie alle erschrecklich scheu. Sie flohen, sowie sie mich nur von fern sahen, und die, welche mir nicht ausweichen konnten, schienen so wenig auf die Artigkeiten zu antworten, mit denen ich sie anredete, daß sie nicht einmal den Kopf zu mir wandten. Nun, sagte ich bei mir selbst, diese Statuen stellen wenigstens bildschöne Frauenzimmer vor, denen leider die Sprache fehlt. Ich ging über eine Menge Galerien, ohne in diesem Schlosse etwas anderes als solche Gegenstände zu finden, die mir ebensoviel Langeweile machten, als sie selbst von Langeweile geplagt schienen. Auf einmal hörte ich in einem entlegenen Zimmer ein lautes Gelächter. Ich freute mich, wenigstens noch irgendwo in diesem traurigen Schlosse einen Funken von Lustigkeit zu entdecken, und ging in das Zimmer, wo dieses Gelächter noch immer fortdauerte. Vier Elstern saßen um einen Spieltisch und spielten Karten, ohne sich durch meine Gegenwart erschrecken zu lassen. Im Gegenteil, sie machten mir jede ein artiges Kompliment und fuhren dann in ihrem Spiel fort. Ich sah ihnen zu, aber ich verstand nichts von ihrem Spiel, ob ich gleich alle Spiele in der Welt kenne. Neben ihnen saß eine alte Krähe von sehr gutem Ansehen, die häkelte und ihnen von Zeit zu Zeit in die Karten sah.

Ich muß gestehen, daß mir dieses Schauspiel sehr sonderbar vorkam. Ich begriff durchaus nicht, was dieser Zauber bedeuten konnte. Sie mischten, hoben ab und gaben, als wenn sie zeit ihres Lebens nichts anderes getan hätten, als Karten zu spielen. Als meine Aufmerksamkeit auf das höchste gespannt war, warf eine von den Elstern, welche lange auf eine von ihren Karten gepickt hatte, sie alle miteinander auf den Tisch und schrie aus Leibeskräften: »Larifari!« Die anderen stimmten ein. Selbst die Krähe, die nicht mit von der Partie war, schrie: »Larifari«, und dann schlugen sie wieder ein so lautes und durchdringendes Gelächter an, daß ich es nicht länger aushalten konnte. Ich verließ also das Zimmer der Elstern, das finstere Schloß und drei Tage darauf das Königreich selbst. Um diese Zeit ungefähr begann sich der Ruf von Prinzessin Sonnenstrahls Schönheit zu verbreiten. Man erzählte mir die unglaublichsten Dinge von ihr, und ich beschloß, mit eigenen Augen zu sehen, ob diese Wunder wahr seien, so gefährlich man mir auch die Folgen dieses Unternehmens beschrieb.

Schon lange Zeit hatte ich ein großes Verlangen gehegt, das glückliche Königreich Kaschmir zu sehen, und auf einmal bekam ich Lust, meinen Namen zu ändern, entweder, weil dies bei den meisten Abenteurern so Brauch ist, oder weil mir der Name Fink zu gemein schien für einen Mann, der bei der ersten Schönheit der Welt von sich reden machen wollte. Mit einem Worte, ich änderte meinen Namen, und da mir das Abenteuer mit den Elstern noch immer im Sinne lag, nahm ich den Namen Larifari an, den ich dort von ungefähr gehört hatte.‹ – ›Larifari?‹ sagte Dornenblüt. ›Ja‹, fuhr er fort, ›und was mir das sonderbarste bei diesem Namen scheint, ist, daß man ihn nicht hören kann, ohne Lust zu bekommen, ihn zu wiederholen, so wie es Euch in diesem Augenblicke begegnet ist.

Am Eingang des Königreiches Kaschmir, wenn man von Zirkassien herkommt, hat die Fee Serène ihren bezauberten Palast. Ich muß hier hinzusetzen, daß mich die Begierde, eine Dame von so außerordentlichen Kenntnissen, wegen derer sie weit und breit berühmt war, kennenzulernen, ebensosehr reizte, nach Kaschmir zu reisen, als alle die Wunder, die man mir von der Prinzessin Sonnenstrahl erzählt hatte. Nur hätten mich beinahe die Schwierigkeiten, zu dieser Bekanntschaft zu gelangen, abgeschreckt. Von Tausenden, die diese Reise in ebender Absicht unternommen hatten, waren nur sehr wenige in ihrem Unternehmen glücklich gewesen. Man weiß ungefähr den Ort, wo sie wohnt, aber man sucht ihren Palast vergeblich, und niemand findet ihn, den nicht das Glück oder vielmehr die Gunst der Zauberin leitet. Ich war so glücklich, vorgelassen zu werden, ein Glück, das ich wahrscheinlich durch nichts anderes verdient hatte als durch die außerordentliche Begierde, dieser erhabenen und weisen Frau meine Huldigung darzubringen.

Ich will Euch mit der Beschreibung des Ortes verschonen, dessen außerordentliche Schönheiten keine Beschreibung erreicht. Alles, was ich Euch davon sagen kann, ist, daß diese Gegend Kaschmirs sich vor dem ganzen übrigen Königreich ebenso auszeichnet wie Kaschmir vor allen Königreichen der Erde. Die kurze Zeit, die dort zuzubringen mir erlaubt war, half mir mehr als das Geschenk, das mir mein Vater vermacht zu haben glaubte. Ich bemerkte, daß meine Bewunderung und Ehrfurcht gegen sie mir ihre Protektion erworben hatte. Sie versprach, mich nicht zu vergessen, als ich von ihr Abschied nahm, und ich verließ sie mit dem Entschluß, mich ihres Schutzes, soviel in meinen Kräften stünde, würdig zu erweisen.

Ich kam in die Stadt, wo der Hof war. Aber ich war nicht willens, mich dort zu zeigen. Ich erfuhr bald genug, um mich zu orientieren. Ich lernte den Charakter und das Genie des guten Kalifen kennen. Man machte mich mit der Denkungsart des Ersten Ministers bekannt, der keines von all den Talenten besaß, welche Minister gewöhnlich haben oder doch haben sollten, der aber dafür auch nicht im mindesten eingebildet war, nicht den mindesten Stolz hatte. Denn in der Tat hat es wohl nicht leicht einen so umgänglichen Minister gegeben als ihn. Er hatte eine Frau, die zwar nicht ganz so einfältig, aber noch weit zuvorkommender war als ihr Mann. Ich tat Dienste bei ihm als Stallmeister, und ich bemerkte sehr bald, daß ich der Madame Seneschallin nicht mißfiel.‹ – ›Was war sie für eine Art Schönheit?‹ unterbrach ihn Dornenblüt. ›Eine von denen, die sich so schön machen können, als sie wollen‹, antwortete er ›Der Seneschall, ihr Gemahl‹, fuhr er fort, ›war ein Mann, der, wie man sagt, das Pulver nicht erfunden hatte. Ich galt also als außerordentlich geschickt bei ihm, und so kam es, daß man sich wegen eines Mittels gegen das Unglück, das die Augen der Prinzessin anstifteten, an mich wendete.‹

Hierauf erzählte er ihr, wie er es angefangen hatte, sie abzumalen. ›Ihr habt sie also wohl sehr oft angesehen?‹ fragte Dornenblüt. ›Ja‹, sagte er, ›so oft ich wollte, und, wie ich Euch sage, ohne die mindeste Gefahr.‹ – ›Fandet Ihr sie wirklich so außerordentlich schön, als man Euch gesagt hatte?‹ fuhr sie fort. ›Noch tausendmal schöner‹, antwortete er. ›Nun, so braucht man ja wohl gar nicht zu fragen‹, setzte sie hinzu, ›ob Ihr Euch nicht gleich beim ersten Anblick leidenschaftlich in sie verliebt habt? Ich bitte Euch, sagt mir die Wahrheit.‹ Larifari gestand ihr alles, was zwischen ihm und der Prinzessin vorgefallen war. Er verschwieg ihr selbst die Versicherung nicht, die sie ihm gegeben hatte, ihn zu heiraten, wenn er in seinem Unternehmen glücklich wäre. Darauf schob Dornenblüt seine Hände zurück, mit denen er sie bis jetzt festgehalten, und setzte sich gerade, da sie sich vorhin an ihn gelehnt hatte. Er verstand, was dies sagen wollte, aber er setzte sein Gespräch fort, ohne sich das mindeste anmerken zu lassen.

›Ich weiß nicht‹, sagte er, ›welches glückliche Gestirn die Prinzessin mir wohlgesonnen machte. Ich fühlte nur allzugut, daß ich ihre Güte nicht verdiente und daß weder mein Aussehen und noch weit weniger mein Herz irgendeinen Anspruch auf ihre Gunst erheben konnte. Ich bemerkte in der Folge nur allzu deutlich, daß die Liebe, die ich für sie zu fühlen vermeint hatte, höchstens Bewunderung war. Bei jedem Schritt, den ich mich von ihr entfernte, erlosch ihr Bild unmerklich mehr in meiner Seele, und seit dem ersten Augenblick, wo ich das Glück hatte, Euch zu sehen, ist es mir ganz und gar aus dem Gedächtnis ver schwunden.‹ Er schwieg, und Dornenblüt sagte auch nichts. Sie sank nach und nach wieder in ihre vorige Stellung zurück und legte ihre Hände auf die seinigen, die er wieder um ihren Leib geschlungen hatte.

Unterdessen brach der Tag an. Larifari nahm Dornenblüt den Hut ab, den sie die ganze Nacht über getragen hatte. Nur das schwache Licht Auroras leuchtete auf ihrem Wege. Ihre Frische erquickte die Blumen, und die kostbaren Tränen, die sie vergoß, benetzten die Wiesen und löschten den Staub auf der Straße.

Gerade zu der Zeit, als die schöne Heroldin des Tages den Sonnenrossen die Pforten öffnete, begann die Stute Klingklang zu wiehern. ›Ach!‹ rief Dornenblüt, indem sie am ganzen Leibe zitterte, ›wir sind verloren. Die Hexe verfolgt uns.‹ Larifari sah sich um und erblickte in der Tat die fürchterliche Langzahn auf einem feuerfarbenen Einhorn, an welches zwei Tiger gebunden waren, von denen der kleinste wenigstens ebensogroß sein mochte als Klingklang. Larifari suchte Dornenblüt zu trösten, indem er ihr sagte, daß die Stute so geschwind laufe, daß sie die Zauberin mit ihrer ganzen Equipage sehr bald aus dem Gesicht verloren haben würden. Er zog sie bei diesen Worten am Zügel, aber Klingklang ging nicht von der Stelle. Er redete ihr zu, gab ihr die Sporen – umsonst. Sie war unbeweglich. Dornenblüt fiel ohnmächtig in seine Arme, als sie die Hexe nur noch fünfzig Schritt von sich entfernt sah. Vergebens schwor er ihr, daß sie nimmermehr in ihre Klauen fallen solle, solange noch ein Blutstropfen in seinen Adern flösse. Alle diese Versicherungen waren nicht imstande, sie wieder zu sich zu bringen.

Langzahn kam immer näher, und Larifari wußte weder aus noch ein. Er versuchte nun noch den Weg der Güte, streichelte die Stute und sagte: ›Wie, liebe Klingklang, so willst du deine schöne Gebieterin der häßlichen Hexe ausliefern, die dich verfolgt? Bist du nur darum so gefällig gewesen, um uns am Ende so schändlich zu verraten?‹ Aber er mochte ihren Eifer anspornen, soviel er wollte, es half nichts. Sie stand wie eine Mauer, und die Hexe war nur noch zwanzig Schritt entfernt, als Klingklang ihr linkes Ohr dreimal bewegte. Er griff sogleich mit dem Finger hinein und fand einen kleinen Stein, den er über seine linke Schulter warf, und in demselben Augenblick erhob sich zwischen ihm und der Hexe eine Mauer aus der Erde. Diese Mauer war nicht höher als sechzig Fuß, aber sie war so lang, daß man weder Anfang noch Ende davon sah. Dornenblüt schöpfte wieder Luft. Larifari dankte dem Himmel, und Klingklang eilte davon wie ein Blitz.

Sie hatten die neue Mauer schon aus den Augen verloren, und Larifari glaubte Dornenblüt in Sicherheit. Er wollte ihr eben etwas Zärtliches, vielleicht sogar etwas Artiges sagen, als Klingklang auf einmal mitten im Lauf innehielt. Larifari sah sich um, und die schreckliche Langzahn war schon wieder hinter ihm. ›Wie?‹ schrie er, ›so gibt es denn keine Mauer, die ihrem Einhorn, ihren Tigern, ihrem langen Zahn und ihrem schrecklichen Nagel widerstehen könnte?‹ Dornenblüt wurde bei diesen Worten wieder ganz schwach, und die Stute, noch hartnäckiger als das erste Mal, war wie an die Erde genagelt. Larifari verlor nicht den Mut, sondern redete die Stute noch rührender an, als er vorhin getan hatte. ›Ach‹, sagte er zu ihr, ›edle Klingklang, ich sehe wohl, daß die Hexe dir etwas antut, dem du nicht zu widerstehen vermagst, und daß du nicht mehr von der Stelle kannst, wenn sie dich mit den Augen erreicht. Wäre das nicht, so will ich wetten, daß du bei deinem vortrefflichen Herzen lieber sterben würdest, als deine schöne Gebieterin nicht zu retten. Ich sehe an deiner Niedergeschlagenheit, daß du uns keine Hilfe mehr anzubieten hast. Wohlan denn, so bitte ich dich nur um eine Gefälligkeit: Rette die reizende Dornenblüt. Ich steige ab und gehe der Hexe und ihren Tigern entgegen, vielleicht wird das Glück meine Unternehmung begünstigen. Fliehe, so schnell du kannst, mit meiner geliebten Dornenblüt, während Langzahn ihre Augen auf mich richten wird! Adieu, geliebte Klingklang, rette Dornenblüt, verlaß sie nicht, und wenn du mich nicht wiedersiehst, so erinnere sie zuweilen an den Mann, der sie auf dieser Erde am zärtlichsten liebte.‹ Nach diesen Worten wollte er absteigen, aber Dornenblüt faßte ihn bei der Hand und hielt ihn zurück.

Die gute Klingklang war so gerührt, daß sie weinte wie ein Kind. Sie schluchzte, daß die härtesten Felsen hätten zerspringen mögen, und die Tränen flossen von ihren schönen Augen zur Erde. Unterdessen kam die Hexe immer näher, und auf einmal bewegte die Stute sechsmal ihr rechtes Ohr. Larifari fand nichts darin als einen Tropfen Wasser, der ihm am Finger hängenblieb und den er über seine rechte Schulter warf. Er fiel auf die Erde und ward zum Fluß, und dieser ward bald so breit wie ein Arm des Meeres. Seine Fluten waren reißend wie die eines Waldstromes und breiteten sich immer weiter nach der Gegend aus, woher Langzahn kam. Ihr Ungestüm war so groß, daß sie, ihr Einhorn und ihre Tiger in großer Gefahr waren zu ertrinken. Mit innigem Vergnügen sahen Larifari und Dornenblüt zu, wie das Wasser ihr auf dem Fuße nachfolgte und mit welcher Angst sie ihr Einhorn anspornte, um ihm zu entgehen. Als sie ihnen aus dem Gesicht gekommen war, tat Klingklang einen Freudensprung, der Dornenblüt um ein Haar heruntergeworfen hätte. Ihr Begleiter ergriff diese Gelegenheit, sie noch fester zu umarmen. Er für seine Person saß unbeweglich im Sattel, denn er war ein vortrefflicher Reiter, und Klingklangs Sprung, so unerwartet er ihm gekommen war, hatte ihn nicht im mindesten aus der Fassung gebracht.

So waren sie denn zum zweiten Male vor den Verfolgungen der schrecklichen Langzahn gerettet, und Larifari hoffte, daß dies der letzte Schrecken sei, den sie ihnen verursachen würde. Die gute Klingklang schien den aufrichtigsten Anteil an der Ruhe zu nehmen, die auf alle diese Schrecken folgte, und setzte ihren Weg mit unglaublicher Schnelligkeit fort. Als Larifari sie so ohn Unterlaß laufen sah, fiel ihm ein, daß es gut sein würde, sie von seiner Absicht zu unterrichten, weil er nicht wußte, ob der Weg, den sie nahm, ihn an den Ort seiner Bestimmung führen würde. Er legte ihr deshalb die Zügel auf den Hals und redete sie an. ›Klingklang‹, sagte er, ich weiß, daß man sich mit dir nicht verirren kann. Wir wollen in das Königreich Kaschmir. Es ist auf der einen Seite von Bergen und Klüften umgeben. Da ist der Palast der weisen Serène. Zu diesem führe uns.‹ – ›Und warum nach Kaschmir?‹ sagte Dornenblüt. ›War's nicht da, wo Sonnenstrahl wohnt?‹ – ›Allerdings‹, antwortete er. ›Kaschmir ist das Reich ihres Vaters, und ihrem Vater habe ich versprochen, die Schätze der Hexe zu bringen, welche Serène verlangt.‹ – ›Wieso?‹ fragte sie ein wenig betroffen. ›Habt Ihr mir denn nicht gesagt, Ihr hättet bei diesen gefährlichen Unternehmungen an nichts weiter gedacht als an das Vergnügen, mich zu befreien. Ach, ich Törin‹, fuhr sie fort, ›daß ich mir einbilden konnte, man würde um eines unglücklichen Mädchens willen die schönste Prinzessin auf der Welt vergessen! Warum sagtet Ihr mir das, wenn Ihr es nicht fühltet? Ach, Larifari‹, sprach sie, und Tränen rollten über ihre Wangen, ›ich sehe wohl, daß es Euer heißester Wunsch ist, vor den schönsten Augen siegreich zu erscheinen, ihnen die versprochene Beute zu zeigen und ihnen Dornenblüt im Triumphe vorzuführen. Würdet Ihr wohl so zur Prinzessin eilen, wenn Ihr mich nicht betrogen hättet, wenn Ihr wirklich so sehr fürchtetet, mich zu verlieren? Was hindert Euch, mich in Euer eigenes Land zu führen? Warum wollt Ihr, daß ich größere Leiden erfahre als die, von denen Ihr mich befreitet? Hättet Ihr mir nicht mit Eurer Liebe geschmeichelt, mein Herz wäre ruhig geblieben und würde nicht den schrecklichen Verdruß zu fürchten haben, einer Sonnenstrahl aufgeopfert zu werden. Ach, sie wird Euch auch so genug lieben, ohne daß Ihr ihr diesen neuen Beweis Eurer Zärtlichkeit gebt.‹

Larifari ward von ihrem Kummer gerührt, sosehr ihn auch ihre Furcht entzückte. ›Nein‹, sagte er bewegt, als er ihre Tränen noch immer fließen sah, ›nein, reizende Dornenblüt, ich betrog Euch nicht, da ich sagte, daß ich mich nur für Euch diesen Gefahren ausgesetzt hätte und daß ich eher vor Euren Augen sterben wollte, als nur daran zu denken, sie Sonnenstrahls Reizen aufzuopfern. Ihr Bild ist aus meinem Herzen verschwunden, und jeder Augenblick festigt meine Liebe zu Euch. Eure Worte dringen bis in das Innerste meiner Seele. Die Feinheit und Wahrheit Eurer Empfindungen entzückt mich. Ich setzte mich dem Tode aus, um Euch zu retten. Würde ich wohl für eine andere leben wollen? Beruhigt Euch über meinen Plan. Hindert mich nicht, mein Versprechen zu halten. Ich wäre Eurer unwürdig. Nur in dem Gebiet von Kaschmir werden wir sicher sein. Rechnet auf meine Treue und nehmt diese heilige Versicherung, daß, wenn ich wählen soll, ganz gewiß Sonnenstrahl der liebenswürdigen Dornenblüt aufgeopfert werden wird, und wenn es mich tausend Leben kosten sollte.‹

Nichts ist überzeugender als die Beredsamkeit eines Liebhabers und nichts wahrscheinlicher als das, was man wünscht. Larifari hatte mit so vieler Wärme gesprochen, seine Ausdrücke trugen so sehr den Stempel der Aufrichtigkeit und der Natürlichkeit, daß sie in Dornenblüts Herzen keinen Zweifel zurückließen. Als er sie getröstet sah, ließ er der Stute den Zügel locker. Sie drehte sich sogleich nach rechts und eilte davon wie der Wind. In weniger als einer halben Stunde sahen sie sich an dem Fuße eines Gebirges, welches unbesteigbar schien. Aber die Leichtigkeit Klingklangs überwand jedes Hindernis.

Larifari erkannte, daß dies einer von den Bergen war, die die Grenzen des glücklichen Kaschmirs beschützen. Klingklang bestieg ihn mit einer Behendigkeit, als liefe sie auf ebenem Felde, und die beiden Reiter fühlten ebensowenig Beschwerlichkeit von ihrem Gang als in der Ebene. In kurzer Zeit hatte sie den Gipfel erreicht. Hier schien die Luft mit allen Wohlgerüchen Arabiens erfüllt, und wohin ihr Blick sich wendete, bot sich ein unübersehbarer Garten ihren Augen dar. Dornenblüt genoß diesen Anblick mit innigem Entzücken. Sie verlor sich in der Betrachtung so vieler Wunderdinge, aber der Dämon Eifersucht mißgönnte ihr diesen Genuß.

›Wie?‹ sagte sie, ›Sonnenstrahl ist Erbin von allem, was ich hier sehe? Sonnenstrahl, selbst noch kostbarer als alle diese Schätze und reizender als die Reize, welche die Natur hier zur Schau stellt, soll alles dies ihrem erwählten Gemahl zubringen? Und es sollte einen Mann geben, der ihre Hand ausschlüge um Dornenblüts willen? Ach, wenn es wahr ist, daß Eure Beständigkeit oder vielmehr Eure Verblendung für mich dieser Versuchung widersteht, so gebt mir die Versicherung davon, wenn. Ihr könnt, ehe wir in diese bezauberten Gefilde hinabsteigen, oder laßt mich in diesen Klüften einen Tod suchen, der mich tausendmal weniger kosten wird, als Euch in Sonnenstrahls Armen zu sehen.‹

Vielleicht wäre ein anderer ungeduldig über diese Ängstlichkeit geworden, die nach all dem, was er ihr kaum in demselben Augenblick gesagt hatte, übertrieben schien; aber Dornenblüt war ebenso schön als zärtlich, und Larifari liebte sie mit der heftigsten Leidenschaft. Die Äußerungen ihrer zärtlichen Unruhe, weit entfernt ihn zu beleidigen, würden sein Herz mit Entzücken erfüllt haben, wenn sie die arme Dornenblüt nicht allzuviel gekostet hätten. Er versuchte also, sie davon zu heilen. ›Schönste Dornenblüt‹, sagte er zu ihr, ›ich kenne nur zwei Mittel, Euch vollkommene Gewißheit über die Aufrichtigkeit meiner Gesinnungen zu schaffen. Das eine ist, hier im Angesicht des Himmels und der Erde meine Hand anzunehmen und mein Herz auf ewig mit dem Euren zu vereinigen. Ich nehme die unsichtbaren Mächte zu Zeugen, die uns hören, daß ich mich für glücklicher hielte, mit Euch in den fürchterlichen Gegenden zu wohnen, die wir eben verlassen, als mit Sonnenstrahl in den seligen Gefilden zu herrschen, die wir hier vor uns sehen. Ich biete Euch mein Herz und meine Treue an. Ich bin es zufrieden, nicht weiterzugehen, sondern Euch in mein väterliches Reich zu führen, in welches mein Bruder vielleicht schon wieder zurückgekehrt ist. Aber ich habe Euch schon gesagt, daß wir allenthalben den Verfolgungen und der Wut der grausamen Langzahn ausgesetzt sind, daß nur der Aufenthalt in diesem Reiche uns sichert. Und gesetzt auch, daß wir ihr entgehen könnten, wie werden wir uns dem gerechten Zorne Serènes entziehen, welcher ich versprochen habe, ihre Tochter, den Hut und die Stute in die Hände zu liefern.‹

Dornenblüt erstaunte bei diesen letzten Worten und zuckte zusammen. ›Ja, schöne Dornenblüt‹, fuhr er fort, ›Ihr seid die Tochter der weisen Serène, welche ihre Kenntnisse und ihre Tugend ebensosehr über die gemeinen Sterblichen erheben, als wenn sie auf dem erhabensten Throne säße. Meine Meinung ist also, uns zu ihr zu begeben, die Schätze, welche sie fordert, zu ihren Füßen zu legen und sie zur Vergeltung dessen, was ich für sie wagte, um den kostbarsten von allen diesen Schätzen zu bitten.‹ Dornenblüt war etwas beschämt, daß sie ihre Eifersucht hatte merken lassen, und war sogleich bereit, auf diesen letzten Vorschlag einzugehen. Sie stiegen also in die fruchtbaren und heiteren Ebenen hinab, die bei jedem Schritte, den sie taten, neue Reize enthüllten.

»Ich muß gestehen«, sagte Dinarzade, »daß ich mit diesem ihrem Entschluß vollkommen zufrieden bin; denn es war mir in der Tat schon bange, sie würden das Gebirge nimmermehr verlassen, wo mir ihre Sentiments und ihre Unschlüssigkeit etwas Langeweile gemacht haben, wie Eurer Majestät ohne Zweifel auch.

Unsere Liebenden gelangten an den Fuß des Gebirges, als die Sonne ihre heißesten Strahlen aussandte. Klingklang ging zwar so leicht, daß man nicht die mindeste Beschwerlichkeit beim Reiten empfand; doch war Dornenblüt durch ihre mannigfaltigen Gemütsbewegungen, durch ihre Unruhe und Angst während einer ganzen Nacht, wo sie kein Auge zugetan hatte, außerordentlich ermattet. Dies entging der Aufmerksamkeit ihres Begleiters nicht. Er stieg ab und hob sie vom Pferde. Sie setzte sich an das Ufer eines Baches, den eine Allee von Orangenbäumen beschattete, und schlief ein. Larifari zäumte die Stute ab, um sie im Schatten weiden zu lassen. Da er aber nicht wollte, daß sie sich allzu weit entfernte, und er ihr doch vollkommene Freiheit lassen wollte, öffnete er die Glöckchen, um sie allenthalben hören zu können. Als sie merkte, daß die Glöckchen geöffnet waren, vergaß sie die Weide und machte so reizende und abgemessene Bewegungen, daß nichts der Harmonie gleichkam, die um sie her zu hören war. Larifari hörte ihr einige Zeit zu und setzte sich dann neben die reizende Dornenblüt, die er nach Herzenslust betrachtete. Er bewunderte ihren schlanken Wuchs und ihr Gesicht, das der sanfte Schlaf verschönte und auf dem alle Reize der Gesundheit und Jugend blühten. Der verliebte Larifari wurde nicht müde, sie zu betrachten. Er schaute soviel Schönheit aus nächster Nähe und verlor sich in den süßesten Träumen. Aber er wich keinen Fingerbreit aus den Grenzen der Ehrfurcht, so verführerisch seine gegenwärtige Lage auch war.

Die Liebhaber jener Zeit wußten nicht, was es hieß, eine Gunstbezeigung zu rauben oder zu erschleichen, wenn ein Mädchen sich ihrem Schutze anvertraut hatte. Er begnügte sich also, seine Augen an den Reizen zu weiden, die er sah, und seine Phantasie mit denen zu beschäftigen, die er nicht sah.

Klingklang entfernte sich indessen unbemerkt, und ihre Glöckchen ertönten so unendlich harmonisch, daß er auf einige von den Melodien, die sie komponierte, die zärtlichsten und galantesten Loblieder auf die reizende Dornenblüt machte: ›Nein‹, sagte er unter anderem in seinen Versen, ›wenn die Götter mir vergönnten, ein Schönheitsideal nach meinen Wünschen zu bilden, würde ich nie etwas Liebenswürdigeres, nie etwas Reizenderes ersinnen können als das, was ich sehe.‹ Bei dieser Beschäftigung hatte er kein Bedürfnis nach Schlaf. Er dankte dem Himmel für die sanfte Ruhe, die er seiner Göttin verlieh, aber zugleich fiel ihm ein, daß sie wohl Hunger haben könnte, wenn sie ausgeschlafen hätte. Wohin man in diesem schönen Lande seine Augen auch wendete, überall sah man die schönsten Früchte, um das schmackhafteste Dessert von der Welt zu bereiten. Jeder Baum und jeder Strauch boten deren im Überfluß dar. Aber wer fängt beim Dessert an, wenn er großen Hunger hat?

Larifari ließ seine Schreibtafel und seine Verse bei Dornenblüt zurück, um nach der Stute zu suchen, die er noch immer hörte, ob er sie gleich aus den Augen verloren hatte. Er wußte eigentlich selbst nicht, warum er das tat, aber er bildete sich ein, daß ein Tier, welches ihnen bisher von so großem Nutzen gewesen war, für alle ihre Bedürfnisse Rat wüßte. Er fand sie, wie man den Orpheus malt, von allen Gattungen von Tieren und Vögeln umgeben, die ihre süßen Melodien um sie versammelt hatten. Einige von ihnen, einen Birkhahn, zwei rote Rebhühner und einen Fasan, die gar zu aufmerksam waren, kostete es das Leben. Er machte sie zum Souper für Dornenblüt zurecht, denn wenn er wollte, war er auch ein Koch, und zwar so geschickt, als man nur einen Koch wünschen kann. Man braucht wohl nicht zu fragen, ob er jetzt sein Möglichstes tat?

Dornenblüt wachte bei seiner Rückkehr auf und fand bei ihrem Erwachen das Essen bereit. Sie war nicht unempfindlich gegen seine Aufmerksamkeit, und er war nicht gleichgültig gegen ihre Dankbarkeit. Er erzählte ihr, wie ihm der Zufall zu diesem kleinen Abendessen verholfen habe. Sie beklagte die armen Vögel herzlich, die ihre Liebe zur Musik das Leben gekostet hatte, aber sie aß doch mit recht gutem Appetit davon. Sie wollte wissen, was er die Zeit über getan habe. Seine Schreibtafel lag noch neben ihr. Er schlug sie auf. Sie las darin, und ob sie gleich errötete, überlas sie es noch zwei- oder dreimal. Sie sagte ihm, daß sie nicht wage, Verse, in denen sie selbst viel zu sehr gelobt werde, so sehr zu loben, als sie es verdienten. Er hingegen versicherte, daß sie sie noch lange nicht genug lobten, und nahm ihre Reize zu Zeugen, daß er weit mehr dabei fühle, als er in Prosa oder in Versen ausdrücken könne.

›Wenn ich mich durch eine sehr richtige Bemerkung bekümmern wollte‹, antwortete die bescheidene Dornenblüt, ›so würde ich Euch sagen, daß mir Eure Aufrichtigkeit etwas verdächtig ist. Ich kenne mich. Ich weiß, daß ich gerade nur soviel Annehmlichkeiten habe, um nicht ganz häßlich zu sein. Ich würde indes allzuviel verlieren, wenn ich Euch eines Vorurteils berauben wollte, das Euch verblendet und mir so günstig ist. Ich werde mich also wohl hüten, Euch die Augen zu öffnen über eine Menge Fehler, die ich habe und die ich nicht zu haben wünschte, um der Lobsprüche würdig zu sein, die Ihr mir erteilt.‹

Dieses Gespräch wurde noch eine gute Weile in den zärtlichsten Ausdrücken fortgesetzt, womit ich Eure Majestät verschone, die diese Unterhaltung mit so unbeschreiblicher Geduld bis hierher angehört haben.

Die Mahlzeit war kaum vorbei, als es Nacht ward. Dornenblüt, die den ganzen Nachmittag geschlafen hatte, hätte sich gern wieder auf den Weg gemacht. Die Unschuld ihrer Empfindungen, die Ehrfurcht ihres Begleiters und die herrschenden Sitten schienen hinreichend, sie vollkommen zu beruhigen. Indes war sie, was die Schicklichkeit anging, sehr delikat, und sie glaubte, es sei anständiger, gemeinsam zu reisen, als die ganze Nacht zusammen zu bleiben. Aber Larifari? Er hatte noch kein Auge zugetan und bedurfte wahrscheinlich gar sehr der Ruhe. Er spürte ihre Bedenklichkeiten und ihre Verlegenheit. Er versicherte ihr, daß es ihm ganz unmöglich sei, neben ihr zu schlafen, und so setzten sie sich wieder zu Pferde, in der festen Hoffnung, noch vor Anbruch des Tages bei der weisen Serène einzutreffen. Alle Geschöpfe, die ihnen unterwegs begegneten, waren entzückt über die Musik, welche jeden Schritt der Stute Klingklang begleitete. In den Wäldern, durch die ihr Weg sie führte, erwachten die Vögel. Getäuscht durch den Glanz des Hutes, glaubten sie den kommenden Tag zu grüßen und antworteten den Melodien der goldenen Glöckchen. Die Hähne in den Dörfern krähten, als sähen sie das Morgenrot, und die armen Ackersleute, die kaum eingeschlafen waren, sprangen plötzlich auf und eilten an ihre Arbeit. Aber Dornenblüt brauchte nur den Hut vom Kopfe zu nehmen, schon kam die Nacht zurück, und die guten Leute schliefen wieder ein.

Endlich brach der Tag wirklich an, und Larifari versprach seiner schönen Gebieterin, daß sie nun ihre Mutter bald sehen werde. Aber er konnte sein Versprechen nicht erfüllen. Da er schon zweimal bei ihr gewesen war, glaubte er sie auch zum dritten Male leicht finden zu können. Aber zwei ganze Tage lang suchte er sie mit hartnäckigem Eifer vergebens. Es war ihm unbegreiflich, warum Serène sich jetzt vor ihm verbarg, da er ihr eine Tochter zuführte, die sie auf das zärtlichste lieben mußte, und da er mit allen Schätzen beladen war, die sie verlangte. Er fürchtete, Dornenblüt möchte Verdacht gegen ihn schöpfen und sich für betrogen halten. Aber die letzten Proben der Aufrichtigkeit seiner Liebe hatten sie vollkommen von aller Eifersucht geheilt, und sie war nurmehr beunruhigt durch die Furcht, vielleicht in die Ungnade einer Mutter gefallen zu sein, die sie noch niemals gesehen hatte und die sich ihrem Anblick zu entziehen schien. Sie ließen sich indes nicht abschrecken und fingen den dritten Tag von neuem an zu suchen, ohne jedoch der Stute zu sagen, wohin sie sie führen sollte. Dieses Tier war mit der Kraft begabt, allenthalben dorthin zu gelangen, wo man ihm hinzugehen befahl, ohne daß irgendein Zauber es aufhalten konnte. Larifari wußte das noch nicht recht, und als er ihm befohlen hatte, sie nach Kaschmir zu führen, so war dies auf eine Eingebung hin geschehen. Aber nichts bedeutete ihm, daß er dasselbe tun müsse, um in den Palast der Fee zu gelangen.

Um diese Zeit schrieb ein Zeitungsschreiber aus einem Landstädtchen, der mit einigen Subalternen der Geheimkanzlei in Briefwechsel stand, an seine Korrespondenten in der Residenz, daß Larifari angekommen sei. Diese unterließen nicht, es den Ministern zu melden, und diese meldeten es dem Kalifen. Der Kalif schickte sogleich Kurier über Kurier an ihn ab, mit der Order, sich sogleich an den Hof zu begeben. Er mußte gehorchen, und Dornenblüt tat alles mögliche, um die Unruhe, die sie von neuem empfand, und die geheimen Ahnungen, die ihrem Herzen irgendein Unglück prophezeiten, vor ihm zu verbergen. Aber es kostete sie viel, ruhig zu scheinen, indes sie sich einer Stadt näherten, in der Prinzessin Sonnenstrahl ihren Geliebten erwartete, um ein Mittel gegen ihr Übel von ihm zu empfangen und ach! um ihn vielleicht dafür zu belohnen. Sie kamen endlich an und wurden im Triumph in die Stadt geleitet. Alles erscholl von dem freudigen Zuruf des Volkes, das den Ruhm Larifaris bis an die Sterne erhob. Jedermann war fest überzeugt, daß der Mann, der dieses gefährliche Abenteuer für das Gemeinwohl und das Wohl der Prinzessin bestanden habe, auch das Heilmittel für sie mitbringen müsse.

Es war Zeit, daß man es bekam. Der Kalif hatte sich eines Tages nach Larifaris Abreise allzulange dem Vergnügen überlassen, seine Tochter zu betrachten. Die Brille war ihm von der Nase gefallen, und ihre schönen Augen hatten dem das Licht geraubt, dem sie das Leben verdankte. Der Seneschall, der in der Tat ein sehr treuer Minister war, war vor Gram darüber gestorben. Seine Frau hatte sich mit der Gunst getröstet, mit der die Prinzessin sie beschenkte. Diese Gunst war so groß, daß sie niemanden mehr mit ihren Blicken tötete, als den, welchem die Seneschallin nicht wohlwollte. Alle diese Veränderungen waren in der kurzen Zeit am Hofe vorgefallen. Aber das war noch nicht alles. Unglücklicherweise war seit kurzem eine gewisse Mohrin angekommen, welche durch die Annehmlichkeiten ihres Geistes die Seneschallin regierte, so wie die Seneschallin die Prinzessin durch die Annehmlichkeiten eines Papageis, der jedermann, der ihn auf den Händen trug, vor den gefährlichen Augen der Prinzessin schützte.

Sogleich als Larifari ankam, rief man den Staatsrat zusammen, und der Kalif, der niemals in seinen Angelegenheiten sehr klargesehen hatte, war jetzt noch weit weniger als jemals imstande, sich damit abzugeben. Er wollte Larifari umarmen, aber ach! er sah ihn nicht. Einige rieten, ihm Bildsäulen errichten zu lassen, andere bestanden auf dem großen und dem kleinen Siegeszug. Der Kalif war alles zufrieden, aber Larifari verbat sich diese Ehrenbezeigungen mit der größten Bescheidenheit. ›Ach, Sire‹, sagte er, ›welcher Gegenstand beschäftigt Euch und Euren weisen Rat? In einer Lage wie dieser verdient das, was ich für Euch und den Staat getan habe, nicht derartige Belohnungen. Ist es Zeit, von Belohnung zu reden, ehe mein Geschäft vollendet, ehe die Prinzessin geheilt ist? Ich wage nicht zu sagen, daß in der Eilfertigkeit, mit welcher Eurer Majestät Kuriere mich hierher beordert haben, einiger Mangel an Vorsicht war. Ich wollte in Serènes Hände die Schätze legen, die ich nur für sie entführt habe. Dann hätte ich Euch sogleich das verlangte Mittel gebracht, statt dessen muß ich jetzt wieder umkehren, und man wird vielleicht noch lange Zeit auf mich warten müssen.‹

Der Kalif bat ihn untertänigst um Verzeihung und schob die Schuld auf die Minister. Die Minister schoben sie auf die Prinzessin, welche den Staat regierte, seitdem ihr Vater mit Blindheit geschlagen war, und diese wiederum schob die Schuld auf die Seneschallin, von der sie unumschränkt regiert wurde.

Es wurde beschlossen, daß Larifari sogleich den anderen Morgen mit den Schätzen der Hexe abreisen sollte. Der Kalif verlangte ausdrücklich, daß Dornenblüt diese Nacht bei der Seneschallin zubringen sollte, die das vornehmste Haus nach seinem Palast bewohnte. ›Ihr seht an meinem Beispiele‹, sagte er zu ihm, ›daß bei meiner Tochter nicht gut sein ist.‹ Larifari führte sie zu ihr, und die Mohrin bediente sie mit so außerordentlichem Eifer und so vieler Artigkeit, daß sie ganz entzückt davon war. Er wollte nicht einmal in den Palast zurückgehen, um sie nicht wieder zu beunruhigen, und da er sie verlassen mußte, um sich zur morgigen Reise anzuschicken, trieb ihn seine Ungeduld sehr schnell zurück, und er war bald genug mit seinen Vorbereitungen fertig.

Als er wiederkam, fand er Dornenblüt bei dem Porträt der Prinzessin, das er den folgenden Tag mitnehmen sollte. Sie bezeigte ihm ihre Bewunderung über diese außerordentliche Schönheit. Aber diese Bewunderung war mit etwas Unruhe vermischt. Larifari bemerkte es. Er tat alles, um sie zu beruhigen, und sie rechnete sehr auf die Versicherung, die er ihr gab, abzureisen, ohne das Original des Porträts gesehen zu haben.

Die Mohrin entdeckte geschwind genug die Empfindungen, die sie füreinander hegten. Sie teilte der Seneschallin ihre Entdeckung mit, da diese ihr ihre Neigung zu Larifari anvertraut hatte. Noch ehe jene zu Worte kommen konnte, versicherte ihr die Seneschallin, daß ihr Herz einen heftigen Kampf zwischen Liebe und Ehre ausgefochten habe. ›Ich habe zwar mehr als einmal empfunden‹, sagte sie, ›daß die Liebe keinen Standesunterschied kennt. Aber bei meinem Rang, den Augen der ganzen Welt ausgesetzt, hat es mich Mühe gekostet, einen Entschluß zu fassen. Ich habe alles reiflich überlegt und habe gefunden, daß eine Seneschallin ihren Stallmeister ohne Bedenken heiraten kann, zumal wenn er mit Ruhm und Ehre gekrönt zurückkommt.‹ Als sie fertig war, gab ihr ihre Vertraute zu verstehen, daß sich ein kleiner Irrtum in ihrer Rechnung finde. Dann legte sie ihr detailliert alle Gründe ihres Verdachtes gegen die schöne Fremde dar. Die Witwe wurde von Eifersucht gepackt. Wenig Witwen waren in ihren Leidenschaften so heftig als sie und wenig Mohrinnen so schwarz als ihre Vertraute. In solchen Händen befand sich die arme Dornenblüt, und das sollte nur allzubald offenbar werden.

Als Larifari den anderen Morgen kam, um sie abzuholen, war er ganz außer sich über den Zustand, in welchem er sie fand. Sie litt unbeschreiblich und gab sich umsonst alle Mühe, ihm zu verbergen, wie sie litt. Er sah die Heftigkeit ihres Schmerzes. Er sah die Gewalt, die sie sich antat. Adieu, Reise! Adieu, Wohl des Staates! Er dachte an nichts als an Hilfe für Dornenblüt, und da er sah, daß ihre Schmerzen sich jeden Augenblick vermehrten, dachte er an nichts, als mit ihr zu sterben. Die Seneschallin genoß in der Verzweiflung ihres Liebhabers und den Qualen ihrer Rivalin das Vergnügen der Rache in langen Zügen.

Der Staatsrat des Kalifen war in der größten Unruhe, als bekannt wurde, daß Larifari nun nicht reisen wollte. Die Mohrin, die an allem Übel schuld war, beschloß, ihm Einhalt zu tun, um Larifari zur Reise zu bewegen. Auf einmal vergingen alle Schmerzen Dornenblüts ebenso geschwind, als sie gekommen waren, aber sie war so schwach und entkräftet, daß sie ihren Geliebten beschwor, dem ungestümen Verlangen des ganzen Hofes nachzugeben und ohne sie abzureisen. Er gehorchte endlich mit Widerwillen und bat sie, die Prinzessin nicht eher zu sehen, als bis er zurückgekommen sei. Er versprach, sie nicht lange warten zu lassen, und reiste endlich nach einem von beiden Seiten zärtlichen Abschied ab.

Dornenblüt hoffte vergeblich, sich zu erholen. Sie fiel einer Entkräftung anheim, die ihre Gesundheit untergrub, sie auszehrte und ihr ganz das frische und muntere Aussehen raubte, dessen Wiederkehr sie so sehnlich vor der Rückkehr ihres Geliebten wünschte. In wenigen Tagen war eine traurige Blässe an die Stelle der schönsten Farbe von der Welt getreten. Auf diese folgte eine gelblichgrüne Farbe, durch welche sie ganz unkenntlich wurde. Eine erschreckende Magerkeit ließ ihren Busen verschwinden, und die vollkommenste Taille ward in ein Skelett verwandelt. Die Seneschallin triumphierte, als sie Dornenblüt in diesem beklagenswürdigen Zustand sah. Ihre Vertraute hatte ihr begreiflich gemacht, daß es ihnen weit mehr Vergnügen machen würde, sie von ihrem Liebhaber verachtet als ihren Tod beweint zu sehen. Sie freuten sich schon im voraus auf diese Szene, und nur diese schönen Grundsätze retteten Dornenblüt das Leben.

Unterdessen sah man die Prinzessin gar nicht mehr, denn man konnte sie nicht ansehen, ohne mit ihrem Papagei bewaffnet zu sein, und sie war in diesen Papagei so närrisch verliebt, daß sie ihn keiner Seele mehr in die Hände gab. Man erzählte Wunder von seiner Schönheit und wenig von seinem Verstande, denn er sprach selten;  und wenn er sprach, so waren alle seine Antworten verkehrt. Aber sein Benehmen war allerliebst und seine Manieren höchst galant.

Die Ungeduld kürzte Larifaris Reise ab. Er kam schon wieder zurück, als man ihn kaum auf der Hälfte des Weges glaubte, und brachte ein Mittel gegen alles Böse mit, das die schönsten Augen von der Welt anstifteten. Das Volk drängte sich um ihn her, und eine große Menge folgte ihm bis an das Gemach der Prinzessin. Aber alle blieben zurück, da er hineinging. Er hatte eine Phiole in der Hand, die so groß war als das größte Glas. Sie war aus einem einzigen Diamanten und enthielt eine so glänzende Flüssigkeit, daß die blendenden Augen der Prinzessin selbst so davon geblendet wurden, so daß sie sie schließen mußte. Larifari nutzte diesen Augenblick, um ihr die Schläfen und die Augenlider damit zu bestreichen. Sowie dieses geschehen war, schlug sie die Augen auf. Larifari ließ alle Türen öffnen. Das ganze Volk war Zeuge des Wunders und begleitete es mit lautem Jubelgeschrei. Ihre Augen waren noch ebenso glänzend als sonst, aber man konnte mit so wenig Gefahr hineinsehen, daß ein Kind von einem Jahr sie den ganzen Tag hätte betrachten können, ohne etwas anderes als das lebhafteste Vergnügen dabei zu fühlen. Larifari küßte den Saum ihres Kleides, um ihr ein erstes Kompliment zu machen, und zog sich zurück unter dem Vorwande, dem Kalifen die Nachricht von ihrer Genesung zu bringen. Aber er folgte der Regung seines Herzens, das ihn zu seiner geliebten Dornenblüt trieb.

Die Nachricht von seiner Rückkehr und dem Wunder, das er gewirkt, hatte sich sehr schnell überall verbreitet. Er mußte der Notwendigkeit nachgeben und zu dem Kalifen gehen, zu dem ihn sein Herz gar nicht trieb. Dieser gute Herr wollte vor Freude närrisch werden, daß die Augen seiner Tochter noch ebenso schön waren als sonst und doch niemandem mehr etwas zuleide täten. Als ihm aber Larifari nun gar selbst das Gesicht wiedergab, indem er ihm die Augen bestrich, schien seine Dankbarkeit noch das Übergewicht über seine Freude zu gewinnen. Er warf sich vor ihm nieder, wollte ihm die Füße küssen und dergleichen Extravaganzen mehr, die seiner Majestät weniger Ehre machten als seiner Dankbarkeit. Da er endlich wieder etwas zu sich selbst kam, wollte er ihn auf der Stelle zu seiner Tochter führen, damit heute noch Hochzeit gefeiert werden könnte. In Gegenwart aller seiner Räte versicherte er, er würde sich nicht zufriedengeben, wenn er nicht seinen ganzen Palast voll kleiner Larifaris sähe.«

»Oh, um Gottes willen mit deinen kleinen Larifaris!« rief der Sultan aus. »Ich ergebe mich. Ich habe alle Mühe von der Welt gehabt, dem einen zu widerstehen, aber länger kann ich es nicht aushalten. Du hast gesiegt, Dinarzade. Ich danke dir das Leben deiner Schwester, die ich begnadige und der ich alle meine Zärtlichkeit schenke, die sie um ihrer Reize und ihrer Gelehrsamkeit willen verdient, aber noch mehr um der Schönheit ihrer Märchen willen, mit denen sie mich seit so langer Zeit einschläfert. Geh, Dinarzade, hol den Wesir, deinen Vater. Er soll mir auf der Stelle mein Zepter und das Reichssiegel bringen, damit ich mein Versprechen mit allen erforderlichen Solennitäten bestätige.«

Dinarzade ließ sich das nicht zweimal sagen. Sie kam mit dem Großwesir zurück, der heiße Tränen vergoß, da er den Gnadenbrief seiner Tochter siegelte. Hierauf stellte er sich ans Ende des kaiserlichen Bettes, machte drei tiefe Bücklinge und nahm ehrerbietig die Bettdecke weg. Die Sultanin sprang heraus auf die Erde, warf sich vor ihrem Herrn nieder und küßte ihm die kleine Zehe am linken Fuß, die er ihr zärtlich hinhielt. Dann erhob er sich ein wenig und berührte nach Landesbrauch zum Zeichen seiner Gnade ihre Nasenspitze dreimal mit dem Zepter.

Nach allen diesen Zeremonien brachten der Wesir und die sittsame Dinarzade die Sultanin wieder zu Bett, zogen die Bettvorhänge zu, und in der Einbildung, daß ihre weitere Gegenwart unnütz sei, machten sie die Türe auf, um fortzugehen, als sie der Sultan zurückrief. »Die Gnade, die ich der Sultanin habe widerfahren lassen, gereut mich zwar nicht«, sprach er, »aber damit in allen meinen Handlungen die Gerechtigkeit mit der Gnade unzertrennlich vereinigt sei, will ich morgen mit Anbruch des Tages den Verräter hängen lassen, der meine Ratschlüsse offenbart. Dinarzade hat das, was über Larifari vorgegangen ist, von niemand anders erfahren können als von ihrem Vater oder ihrem Liebhaber. So mögen also mein Wesir und der Prinz von Trapezunt das Los ziehen, und der Schuldige oder der Unglückliche wird ein gerechtes Opfer der Gesetze des Staates.«

Der Wesir, der den unmenschlichen Charakter seines Herrn kannte, ward bei diesem Befehle so bleich wie der Tod, fiel auf die Knie und nahm den Himmel, die Erde, den großen Propheten und seinen Koran zu Zeugen seiner Unschuld. Aber die mutige Dinarzade war weit entfernt, sich über diese Drohungen zu beunruhigen. »Es wird Eurer Majestät weit leichter«, sagte sie, »Entschlüsse der Grausamkeit zu fassen als Proben Eurer Zärtlichkeit zu geben. Wenn es wahr wäre, daß mein Vater oder der Prinz von Trapezunt die Schuldigen sind, so müßte ich mehr als irgend jemand dabei interessiert sein. Indessen überlasse ich sie alle beide Eurem Zorne in dem Fall, da ich Euch nicht noch vor dem Ende meiner Erzählung das Geständnis abzwinge, daß Ihr selbst und kein anderer Mensch mir das Geheimnis Eures Staatsrates verraten habt und daß, wenn es ein Kapitalverbrechen ist, davon zu reden, Eure Majestät weit eher gehenkt zu werden verdienen als der Wesir oder der Prinz, den es Euch beliebt, meinen Liebhaber zu nennen.«

Der Wesir erblaßte bei diesen kühnen Reden seiner Tochter, aber der gnädige Sultan, der wie aus einem tiefen Schlafe erwachte, legte die Hände zusammen, nahm seine Nachtmütze ab und bat den Mohammed um Verzeihung. Hierauf rieb er Dinarzade, dem Wesir und sich selbst die Nase dreimal mit dem Zepter und versprach, dem schönen Prinzen von Trapezunt morgen desgleichen zu tun. Als die Zeremonien dieser allgemeinen Amnestie vorbei waren, beschwor er die kluge Dinarzade, niemandem zu entdecken, was zwischen ihr und ihm, den Larifari betreffend, vorgegangen sei, und da es erst drei Viertel eins war, befahl er ihr, ihre Geschichte vollends zu endigen, welches sie auch auf folgende Weise tat.

»Die Staatsräte des Kalifen waren im Begriffe, die kleinen Larifaris ebenso das Echo passieren zu lassen, als es mit dem großen geschehen war, aber sie besannen sich zu rechter Zeit, daß er sich dies in einem Artikel seines Traktates ausdrücklich verbeten hatte.

Indes sich der Kalif zur Prinzessin begab, kamen alle, die durch sie erblindet waren, zu Larifari, um sich heilen zu lassen. Die Menge war zwar ansehnlich groß, aber da das Mittel schnell wirkte, war er bald damit fertig. Alles ertönte von Freudengeschrei und Jauchzen, und in dieser allgemeinen Freude war niemand unglücklich als die arme Dornenblüt.

Die Seneschallin hatte sehr bald Nachricht von Larifaris Ankunft bekommen, und sie eilte, sie Dornenblüt mitzuteilen. Zu jeder anderen Zeit hätte sie diese Nachricht mit Entzücken gehört, aber jetzt geriet sie beinahe in Verzweiflung darüber. Noch immer bildete sie sich ein, daß ihre grausame Nebenbuhlerin und deren Vertraute Anteil an ihren Schmerzen nähmen. Sie fiel vor ihnen auf die Knie, sie beschwor sie, sie zu verbergen, daß sie Larifari nicht in diesem Zustand sähe. Sie versprachen es ihr, aber zugleich sagten sie, daß sie es doch nicht vermeiden könnte, den Besuch des Kalifen zu empfangen, der ein großes Verlangen geäußert habe, eine Person zu sehen, die man ihm ebenso schön geschildert hatte als die Prinzessin Sonnenstrahl. Nach diesen Worten fingen sie an, sie zu putzen, um sie noch mehr zu verunstalten. Das arme Mädchen war nur noch Haut und Knochen. Ein fahles Blau hatte das Rosenrot ihrer Wangen und Lippen verdrängt. Das Feuer ihrer Augen war erloschen, und ihre eingefallenen Wangen schienen noch blasser unter dem Kopfputz, den man ihr aufsetzte. In diesem Zustand legten sie sie auf ein kostbares Kanapee, und in dem Augenblick hörten sie ihren Geliebten die Treppe heraufsteigen. Sie versicherten, es sei der Kalif, und ließen sie allein.

Dornenblüt setzte sich aufrecht, um ihn mit mehr Anstand zu empfangen. Statt des Kalifen trat Larifari ein. Sie tat einen Schrei und wendete das Gesicht von ihm ab. Er erstaunte über diesen Empfang, noch mehr aber über die sonderbare Gestalt, die er vor sich sah. Er näherte sich indes, und da sie wieder ein wenig zu sich gekommen war, fragte er sie, wo Dornenblüt sei. Dies war wie ein Donnerschlag für sie. Ihre Kräfte verließen sie, und anstatt zu antworten, verbarg sie ihr Gesicht in einer Ecke des Kanapees. Hier überließ sie sich ihrer Verzweiflung und ihren Tränen.

Larifari wußte nicht, was er von diesem Benehmen denken sollte, und da er keine vernünftige Antwort zu erhalten hoffte, ging er fort, um Dornenblüt zu suchen. Die Seneschallin und die Mohrin sagten ihm ein über das andere Mal, daß er ja eben von ihr käme. Er wurde böse über diesen unzeitigen Scherz, aber was ihn am meisten verdroß, war die fröhliche Manier, mit der sie ihn zum besten zu haben schienen. Er verließ sie voller Verdruß und begab sich nach dem Palaste zurück, wo er zu einem Auftritt ganz anderer Art kam.

Während Larifari mit den schönen Augen der Prinzessin zu tun gehabt hatte, hatte ihr Papagei die Flucht ergriffen. Sie lag am Boden und raufte sich die Haare. Der Kalif und alle seine Höflinge liefen mit Leitern im ganzen Hause umher und suchten auf allen Schränken und Betten, wo er sich etwa versteckt haben könnte. Larifari, der von allem nichts wußte, fragte jedermann nach Dornenblüt, und jedermann fragte ihn nach dem Papagei der Prinzessin. Er glaubte, sie hätten alle den Verstand verloren, und meinte, ihn ebenfalls zu verlieren. Jetzt bekam ihn der Kalif zu Gesicht. Er lief auf ihn zu, und da er glaubte, daß ihm nichts unmöglich sei, bat er ihn unter Tränen, seine Tochter zu beruhigen und ihr den Papagei wieder zu verschaffen. Larifari begriff nicht, wie man irgendeinen anderen Gegenstand der Unruhe haben könnte als er, und statt auf den Kalifen zu hören, sagte er ihm, daß er bei Serène für Dornenblüt habe Bürgschaft leisten müssen, daß er nur unter dieser Bedingung das Mittel gegen alle die Übel bekommen habe, daß er vor allen Dingen Dornenblüt sehen müsse und daß er dann verspreche, den Papagei herbeizuschaffen.

Sonnenstrahl hörte diese tröstlichen Worte, und da sie von einem Manne kamen, der nichts versprach, was er nicht erfüllte, so ward ihr Herz wieder etwas ruhiger. Ihre Reize, die der Schmerz vermindert hatte, kehrten zurück. Sie erinnerte sich Larifaris, dessen, was er für sie getan und was sie ihm versprochen hatte. Sie blieb einige Augenblicke in tiefen Gedanken versunken. Die Erinnerung an ihre erste Neigung, ihr gegebenes Wort und ihre Erkenntlichkeit kamen ihr auf einmal in den Sinn und bestimmten sie zu einem Entschluß. Sie warf sich vor dem Kalifen, ihrem Vater, nieder und bat ihn um die Erlaubnis, sich ihrer Verpflichtungen gegen einen Mann entledigen zu dürfen, der alles, selbst sein Leben, für sie gewagt habe.

Als der Kalif dies hörte, tat er einen Freudensprung, über den der ganze Hof in Erstaunen geriet. Statt seiner Tochter zu antworten, umarmte und küßte er sie mit solchem Ungestüm, daß er sie beinahe erstickt hätte. Er schwor ihr hoch und heilig, daß sie ihm weniger Vergnügen bereitet haben würde, wenn sie einen König von zehn solchen Provinzen wie Kaschmir zum Gemahl gewählt hätte. Hierauf wendete er sich zu seinem neuen Schwiegersohn, um auch ihn zu umarmen und ihm die Hand der schönsten Prinzessin von der Welt anzubieten. Aber er war verschwunden. Umsonst suchte man ihn im ganzen Palaste. Denn sobald er aus einigen Blicken der Prinzessin erraten hatte, was sie willens war zu tun, hatte er sich unter das Volk gemischt und war zur Seneschallin zurückgekehrt. Hier hatte er seine teure Dornenblüt zurückgelassen, und hier mußte er sie wiederfinden oder wenigstens erfahren, was aus ihr geworden war. Er fand sie. Aber o Himmel, in welchem Zustande!

Die Betrachtungen, die sie nach jener schrecklichen Szene angestellt hatte, hemmten zwar ihre Tränen, aber sie waren nicht dazu angetan, ihren Kummer zu stillen. Er hatte sie selbst gefragt, wo Dornenblüt sei. Wie schrecklich verändert muß er seine unglückliche Dornenblüt gefunden haben? sagte sie zu sich selbst. Aber ach! wenn er mich jemals geliebt hätte, würde sein Herz ihm gesagt haben, mit wem er sprach! Ach, er hat mich nur allzugut gekannt, fuhr sie fort. Aber er verabscheut mich, und ich werde ihn nicht wiedersehen. Der Schmerz überwältigte sie in diesem Augenblick. Sie hoffte, es sollte der letzte ihres Lebens sein. Sie nahm die Schreibtafel, in welche Larifari soviel Zärtliches geschrieben hatte. Sie las alles noch einmal durch und schrieb ihr letztes Lebewohl hinein, indem sie ihm ein treues Bild ihres Herzens hinterlassen wollte. Man hat nie etwas Zärtlicheres, nie etwas Rührenderes gelesen.

Alles, was man in einer solchen Lage schreibt, macht einen heftigen Eindruck auf die Seele. Die arme Dornenblüt, die den Regungen eines treuen Herzens folgte, das im Begriffe war zu brechen, sank bei dem letzten Lebewohl, das sie schrieb, ohnmächtig zurück. In diesem Augenblick trat Larifari ins Zimmer. Er erkannte seine Schreibtafel, aber Dornenblüt erkannte er nicht eher, als bis er ihre Abschiedsworte gelesen hatte. Sein Blut erstarrte in seinen Adern. Er betrachtete sie von Kopf bis Fuß und fand keinen Zug, der ihr glich. Er hielt sie für tot, und in der Tat sah sie aus, als hätte sie schon vierzehn Tage im Grabe gelegen. Endlich trat die Zärtlichkeit an die Stelle des Erstaunens. Das Mitleid kam dazu, und in seiner Verzweiflung drückte er seinen Mund mit der heftigsten Leidenschaft auf ihre kalte und dürre Hand und benetzte sie mit einem Strom von Tränen. Dies allein hielt ihr Leben zurück, das schon im Begriffe war zu entfliehen. Sie schlug die matten Augen auf und sah zu ihren Füßen den Mann, den sie zu sehen wünschte und dessen Anblick sie am meisten fürchtete. Den einzigen, der ihr das Leben süß und den Tod willkommen machen konnte.

Felsen wären durch das, was sie sich sagten, gerührt worden. Er schwor ihr, daß er sie noch mit eben der Leidenschaft liebe, die er für sie empfunden hatte, als sie in allem Glanze ihrer Reize stand, daß, wenn auch ihre Schönheit und ihre Gestalt die Liebe zuerst in sein Herz gepflanzt hätten, ihr Verstand, ihre Güte, ihr ganzes Betragen einen weit stärkeren und dauerhafteren Eindruck auf ihn gemacht hätten und nur der Tod allein imstande sei, ihn von einer Leidenschaft zu heilen, die sein Herz jetzt noch in ihrer ganzen Stärke fühlte. Dornenblüt weinte vor Freude. Sie drückte ihm die Hand zum ersten Male in ihrem Leben, weil sie glaubte, daß es zum letzten Male sei. Sie versicherte ihm, daß sie zufrieden sterbe, nachdem sie so mannigfaltige Proben der seltensten Beständigkeit erhalten habe.

Die Seneschallin unterbrach diese rührende Unterhaltung. Alle ihre Eifersucht erwachte, als sie Larifari zu den Füßen einer Kreatur sah, die ihm, ihrer Erwartung nach, ganz andere Empfindungen einflößen mußte. Sie kam vom Hofe zurück. Man hatte ihr von den gütigen Absichten der Prinzessin auf Larifari und der Freude des Kalifen über diesen Entschluß gesprochen. Sie ergriff die Gelegenheit, ihm in Gegenwart der sterbenden Dornenblüt ihren Glückwunsch dazu zu sagen. Sie wollte ihrem Herzen den letzten Stoß versetzen, aber die plötzliche Regung der Eifersucht, die sie zu Boden schlagen sollte, belebte den kleinen Rest ihrer Kräfte. Ach, sie wußte nicht, was für neue Kränkungen sie erwarteten!

In diesem Augenblick kam die Prinzessin, von dem Kalifen, ihrem Vater, und dem ganzen Hofstaate begleitet. Mit Erstaunen sah sie Larifari zu den Füßen eines Geschöpfes, das eher gemacht schien, Furcht als Liebe einzuflößen; aber mit noch größerem Erstaunen sah Dornenblüt die Prinzessin, deren Schönheit alles übertraf, was man ihr davon gesagt hatte. Jetzt schwanden die wenigen Kräfte, die ihr noch geblieben waren, und ihre Festigkeit verließ sie. Ihre Augen blieben einige Zeit auf Sonnenstrahl geheftet, sahen dann noch einmal ihren Geliebten an und schlossen sich auf ewig. Larifari stieß einen Schrei aus, daß alle Höflinge zitterten und die Prinzessin selbst gerührt ward. Dem Kalifen blieb er nicht unbemerkt. ›Der Schrei hat nichts zu bedeuten‹, sagte er, um seine Tochter zu beruhigen. ›Du wirst sehen, daß das Gerippe da eine alte Verwandte ist, die er beklagt. Man muß das schon um der Verwandtschaft willen tun! ... Nun, Larifari?‹ fuhr er fort, indem er sich zu ihm wendete, ›die Augen abgewischt! So ein Aufhebens zu machen um der Mumie willen! Ich dächte, so etwas vergeht, wenn einem das Königreich Kaschmir und Sonnenstrahls Hand angeboten wird.‹ Ich weiß nicht, was andere auf eine Rede dieser Art geantwortet hätten. Larifari antwortete keine Silbe, und die ganze Gesellschaft hielt ihn für tot wie Dornenblüt.

Indem trat die Mohrin ins Zimmer. Sie schien Dornenblüts Tod zu beklagen. Sie nahm Anteil an Larifaris Schmerzen, und als sie die Verlegenheit des Kalifen sah, riet sie ihm, den Leichnam fortzutragen und auf der Stelle verbrennen zu lassen, wenn er eine vernünftige Antwort von Larifari haben wollte. Seitdem dieses Weib über die Seneschallin herrschte, hatte man ihre Ratschläge für Orakel angesehen, und man zögerte keinen Augenblick, auch den gegenwärtigen Rat zu befolgen. Larifari widersetzte sich vergebens dieser Trennung. Man riß ihn von dem geliebten Leichnam weg, errichtete einen Scheiterhaufen mitten auf dem Hof des Palastes und legte Dornenblüt darauf. Larifari meinte, wahnsinnig zu werden vor Schmerz. Man führte ihn hinweg, ohne auf sein Geschrei und seine Tränen zu achten.

Der Kalif befahl, einer Person, an welcher sein künftiger Schwiegersohn so großen Anteil nahm, alle mögliche Ehre zu erzeigen und ließ Fackeln von den köstlichsten Harzen austeilen, seiner Tochter eine, jedem Minister eine und dann allen anderen Herren vom Hofe. Dann hob er die seinige mit folgenden Worten in die Höhe: ›Möge es den Göttern gefallen‹, sprach er, ›daß mein Schwiegersohn Larifari selbst Zeuge dieser Zeremonie wäre! Wenn er doch selbst sähe, wie ehrenvoll der Leichnam dieses Frauenzimmers verbrannt wird! Ich bin überzeugt, es würde ihm Vergnügen machen.‹ Bei diesen Worten wollte er den Scheiterhaufen an allen vier Ecken in Brand stecken, als die Luft von einer Harmonie widerhallte und einige Augenblicke darauf die weise Serène auf der Stute Klingklang erschien.

Ihre Ankunft erzeugte die mannigfaltigsten Gemütsbewegungen in der Versammlung: den König hielt sie in seinem Eifer zurück, die Höflinge erfüllte sie mit Respekt gegen eine Person, die etwas Erhabenes in ihrem Wesen hatte, Sonnenstrahl stieß einen Freudenschrei aus, denn ihr Papagei saß auf der Hand der Fee. Die Seneschallin aber war so bestürzt, daß man gewiß gesehen hätte, wie sie die Farbe veränderte, wenn ihr Gesicht ungeschminkt gewesen wäre. Ihre Vertraute sah sich vergebens nach allen Seiten um, ob sie irgendwie entkommen könnte. Sie sah bald, daß für sie keine Hoffnung auf Rettung war.

Die weise Serène stieg ab und näherte sich dem Scheiterhaufen. Sie hielt in ihrer Rechten den Stab der Wahrheit, und dieser Stab war von so glänzendem Golde, daß man ihn kaum ansehen konnte. Sie stellte sich vollkommen unwissend über den Gegenstand des Schauspiels, das sich ihren Augen darbot. Sie befragte den Kalifen. ›Wir wollen hier‹, antwortete er, ›das Gerippe einer gewissen Dornenblüt verbrennen.‹ – ›Und was hat Euch denn diese Dornenblüt getan‹, fragte sie in einem strengen Ton, ›daß ihr sie lebendig verbrennen wollt?‹ Die ganze Versammlung staunte. Der Kalif aber bat sie um Verzeihung, daß er respektwidrig von ihrer Tochter gesprochen habe, behauptete aber steif und fest, daß sie tot sei. ›Und daß sie wirklich tot ist‹, fuhr er fort, ›könnt Ihr daran sehen, daß wir sie eben verbrennen wollten.‹

Serène würdigte ihn keiner Antwort, sondern befahl, Dornenblüt von dem Scheiterhaufen herabzuheben und sie auf ein Ruhebett zu legen, das man aus dem Palaste brachte. Hierauf trat sie zu ihr, und indem sie sich zu dem Kalifen wandte, sagte sie: ›Ihr sollt gleich sehen, daß sie nicht tot ist. Es sind Leute hier, die dies recht gut wissen.‹ Sie berührte Dornenblüt nach diesen Worten mit ihrem Zauberstab, und in dem Augenblick kehrten ihre Lebensgeister zurück, und ihre Augen öffneten sich. In ihrem Gesicht malte sich das Erstaunen einer Person, die aus einem langen Schlafe erwacht und sich an einem unbekannten Ort findet. Die weise Serène schien über die schreckliche Veränderung ihrer Gestalt erstaunt. Sie fragte nach Larifari. Man ließ ihn kommen, denn alles folgte blindlings ihren Befehlen. Als er kam, schrie der Papagei und schlug mit den Flügeln. Larifari erkannte ihn als den Vogel, den er auf seiner Reise zur Langzahn gesehen hatte; doch in der Heftigkeit seines Schmerzes würdigte er ihn keiner sonderlichen Aufmerksamkeit. Er wußte noch nicht, was vorgegangen war.

Serène sah ihn mit Unwillen an. ›Unglücklicher‹, sprach sie, ›wie kannst du es wagen, vor meinen Augen zu erscheinen? Hast du mir nicht bei Gefahr deines Lebens für Dornenblüts Leben gebürgt? War es noch nicht Treulosigkeit genug, in jene fürchterliche Giftmischerei zu willigen, die sie nach einer langen und tödlichen Krankheit aller ihrer Reize beraubt hat? Mußtest du sie überdies ihren grausamsten Feinden und endlich den Flammen überlassen, die die unglücklichen Reste der armen Dornenblüt zu verzehren drohten? Und alles dies, um deine Treulosigkeit den Augen, für die du sie so schändlich verraten hast, desto sichtbarer zu machen.‹ Dieser Strom von Vorwürfen machte auf Larifari eben nicht mehr Eindruck, als wären sie an den fremdesten Menschen gerichtet gewesen. Er war mit nichts als Dornenblüts Tode beschäftigt, und wahrscheinlich hatte seine Seele eben einen Spaziergang in die Gefilde gemacht, in denen er ihren Schatten anzutreffen glaubte. Die Fee, die ihn nur auf die Probe stellte, um seinen Triumph desto strahlender zu machen, fuhr fort: ›Geh und nimm die Belohnung, die das Schicksal dir aufbewahrt, eine Belohnung, welche dein Mut und deine Standhaftigkeit, nicht aber deine Treulosigkeit verdient. Und Ihr, Prinzessin‹, sagte sie zu Sonnenstrahl, ›wählet oder empfangt vielmehr jetzt Euren Gemahl. Larifari war Euch nicht gleichgültig, ehe er so viel für Eure Wohlfahrt wagte. Alles spricht für ihn. Ich befehle Euch also im Namen des Schicksals, Euren Gatten zu ernennen.‹

Sonnenstrahl betrachtete ihren schönen Papagei, Larifari und Dornenblüt abwechselnd zwei- bis dreimal. Dann sann sie einige Augenblicke nach. ›Er mag selbst zwischen Sonnenstrahl und Dornenblüt wählen‹, sprach sie. Larifari erwachte bei diesen Worten wie aus einem Traum. ›Schöne Sonnenstrahl‹, sagte er zu ihr, ›ich bin einer Ehre nicht würdig, die ich nicht zu begehren wage und an die ich nicht mehr gedacht habe, seitdem ich die unglückliche Dornenblüt sah. Ach, sie ist nicht mehr, und mein Herz macht mir jeden Augenblick zum Vorwurf, den ich noch lebe. Ich lebte nur für sie, und die einzige Wahl, die mir bleibt, ist, ihr nachzufolgen ...‹ – ›Und wenn sie noch lebte?‹ sagte Serène. Diese Worte brachten ihn wieder zu sich. Ein Strahl der Hoffnung ging in seinem Herzen auf. Er kannte die Macht Serènes und warf sich ihr zu Füßen. ›Wenn sie noch lebte?‹ sprach er. ›Rufe sie ins Leben zurück, und wenn es meines Lebens bedarf, das ihre zu erkaufen, so mag Larifari sterben, und Dornenblüt mag das Licht des Tages wiedersehen.‹

Man mag noch soviel Verstand haben, es gibt doch immer tausend Fälle im menschlichen Leben, wo man nicht weiß, was man tut, wenn man recht von Herzen verliebt ist. Aber bei einem Gegenstande der Betrübnis wie dem gegenwärtigen erfordert es die Schicklichkeit, etwas verwirrt zu sein. Larifari führte sich also bei dieser Gelegenheit so einfältig auf, daß er bis ans Ende der Welt zu Serènes Füßen liegengeblieben wäre, um die Auferstehung seiner Geliebten zu erwarten, ohne darauf zu kommen, daß sie gar nicht tot war. Die zärtliche Dornenblüt, die kein Wort von dieser Unterhaltung verlor, lag noch immer auf ihrem Ruhebett und starb beinahe zum zweiten Male vor Dankbarkeit und Freude.

Serène glaubte, daß es nun Zeit sei, einen so zärtlichen Liebhaber von seinem Kummer zu erlösen. Sie hob ihn wider seinen Willen auf, denn er wollte durchaus auf den Knien bleiben wie ein Verbrecher, der um Gnade fleht. Sie legte die Strenge ab, mit der sie zum Schein ihre Blicke gewappnet hatte, und redete ihn mit dem sanftesten Tone an. ›Komm‹, sprach sie, ›komm, deine Dornenblüt wiederzusehen. Wenn du sie auch in ihrer gegenwärtigen Gestalt noch liebst, wenn die Zerstörung ihrer Schönheit deine Treue nicht wankend macht, wohlan, so lebe für sie, wie sie für dich leben wird.‹

Wer die Liebe nicht kennt, der hätte sich totgelacht über all das närrische Zeug, das Larifari in der ersten Aufwallung seiner Freude sagte und vornahm, als er Dornenblüt wieder am Leben sah. Er versicherte hier auf im Beisein des ganzen Hofes und nahm dabei Himmel und Erde zu Zeugen, daß er keiner anderen als Dornenblüt angehöre. Es war nun an ihr, diesen Entschluß zu bekämpfen und alle ihre Großmut aufzubieten, um ihn davon abzuwenden. Sie versicherte also auf das ehrlichste, daß sie ihn viel zu sehr liebe und ihm viel zuviel danke, um eine Aufopferung zuzugeben, wodurch er das glänzendste Glück und die schönste Prinzessin auf einmal verliere, daß sie sich ein Gewissen daraus machen würde, selbst wenn sie noch die schwachen Reize besäße, die sie nun verloren habe, und daß sie in ihrem gegenwärtigen Zustande lieber einen tausendfachen Tod erdulden als hierzu ihre Einwilligung geben wolle.

Während dieses Wortstreits der Großmut spielten die schöne Sonnenstrahl und der Kalif, ihr Vater, eine sehr mittelmäßige Rolle. Er wurde sich dessen bewußt und wendete sich an Serène. ›Madame‹, sagte er, ›das wäre nun alles ganz vortrefflich von beiden Seiten, wenn nur meine Tochter nicht mit dabei im Spiele wäre. Sie ist so schön und groß. Wollt Ihr denn, daß sie gar keinen Mann haben soll? Oder soll sie zeitlebens mit dem Vogel spielen, den Ihr ihr mitgebracht habt? So ein Papagei ist doch wirklich nicht der geeignete Umgang für eine Prinzessin.‹ Der gute Herr war im Zuge zu plaudern, und er hätte wohl von selbst nicht so bald aufgehört, aber die ehrwürdige Serène gebot der ganzen Versammlung Stillschweigen und bat vornehmlich den Kalifen, den Minister und den Hof um ihre ganz besondere Aufmerksamkeit. Es war etwas so Edles und Großes in ihrem Gebaren, als sie sprach, daß alles in ehrerbietigem Stillschweigen verharrte. Die Mohrin zitterte vom Kopf bis zu den Füßen.

Serène nahm der Prinzessin den Papagei von der Hand und setzte ihn in einiger Entfernung von sich auf die Erde. Sie berührte hierauf seinen Kopf mit ihrem Zauberstabe und zog einen weiten Kreis um ihn herum. In demselben Augenblick erhob sich ein dichter Nebel um ihn her, der ihn dem Auge entzog. Ebenso berührte sie Dornenblüts Stirn und zog einen Kreis um ihr Bett. Sogleich sah man sie in eine ähnliche Wolke gehüllt. Während die ganze Versammlung ihre Aufmerksamkeit auf dieses Schauspiel gerichtet hatte, trabte Klingklang rund um die Zuschauer herum. Der Ton ihrer Glöckchen war so harmonisch, daß man vor innigem Entzücken zu atmen vergaß.

Lob und Preis sei der erhabenen Kunst der Magier! Sie kommt dem Dichter zu Hilfe, den Knoten zu lösen und sein Märchen zu enden!

Solange Klingklang trabte, blieben die Wolken, welche den Papagei und Dornenblüt einhüllten. Auf einmal schlug Serène mit dem glänzenden Stabe, den sie in ihrer Rechten hielt, dreimal auf die Erde: Kling klang stand still, die Wolken zerflossen, und an der Stelle des Papageis sah man den schönsten und liebenswürdigsten Mann dastehen. Larifari erkannte ihn sogleich als seinen Bruder Phönix und schrie laut auf vor Erstaunen und Freude. Aber in dem Augenblick, da Phönix in seine Arme eilte, sah er sich nach Dornenblüt um und erblickte sie tausendmal schöner und reizender als selbst damals, da er sie zum ersten Male an dem Bach sah, und damals, als er sie mit so vielem Vergnügen im Schlafe betrachtet hatte.

Das Volk bezeigte sein Erstaunen durch ein lautes, verworrenes Geschrei, die Höflinge durch übertriebenen Beifall, und der Kalif vergoß Freudentränen. Sonnenstrahl betrachtete den verwandelten Papagei und fand, daß er bei seiner Metamorphose nicht verloren habe. Phönix schien für nichts anderes Augen zu haben als für sie. Der leidenschaftlich verliebte Larifari wollte sich zu Dornenblüts Füßen werfen. Seine Freude war übermäßig, und er brannte vor Begier, sie ihr zu bezeigen. Aber Serène hielt ihn zurück. Sie ergriff ihn bei der Hand und führte ihn zu seinem Bruder. Sie umarmten sich auf das zärtlichste. Jetzt faßte die Fee auch die Prinzessin bei der Hand und stellte sie den beiden Brüdern gegenüber. ›Betrachte sie beide‹, sprach sie zu ihr. ›Erwäge, was du dem einen schuldig bist, betrachte die Reize des anderen; aber vor allen Dingen befrage dein Herz über eine Wahl, welche dein Schicksal unwiderruflich macht, welchen von diesen beiden Prinzen du zum Gemahle willst, so wirst du keine unwürdige Wahl treffen können, und der, den sie trifft, wird dich nicht ausschlagen.‹ Larifari zitterte am ganzen Leibe, ob ihm gleich die Gegenwart seines Bruders Mut einflößte. Indes fragte Sonnenstrahl ihre Augen um Rat, und ohne zu zaudern, wählte sie den Schönsten.

Serène legte Dornenblüts Hand in die Hand Larifaris, und so war die Ehe geschlossen, denn damals bedurfte es nicht mehr. Und seitdem Ehen auf der Welt geschlossen worden sind, gab es keine vergnügteren Bräute und keine glücklicheren Prinzen.

Der Kalif, der bei all dem eine stumme Rolle gespielt hatte, war darum nicht der am wenigsten Vergnügte. Er befahl, alle Kanonen abzuschießen, an allen Ecken Freudenfeuer anzuzünden, auf dem Flusse und den öffentlichen Plätzen Feuerwerk zu machen, Spenden unter das Volk auszuteilen und aus den Brunnen Wein statt des Wassers fließen zu lassen. Die Anordnung der Lustbarkeiten des Hofes nahm er selbst auf sich, denn in der ganzen Welt gab es keinen Fürsten, der sich besser darauf verstand, eine Festlichkeit anzuordnen. Voll von diesen großen Ideen wollte er in den Palast zurückkehren, aber Serène sagte ihm, daß dieser Auftritt noch nicht beendet sei. Vorderhand sei erst die Tugend belohnt, aber sie merke, daß für den Stab der Wahrheit noch etwas zu tun übrig sei.

Bei der allgemeinen Freude, die alle Herzen erfüllte, hatte man die Seneschallin und ihre Vertraute ganz aus den Gedanken verloren. Die gerechte Serène vergaß sie jedoch nicht. Sie berührte ihre Stirn mit dem untrüglichen Stabe. Die Seneschallin erlitt dadurch weiter keine Verwandlung, als daß ihr die Schminke vier Fingerbreit von den Wangen, ebensoviel von der Stirn und noch zweimal soviel von dem Busen fiel. Es blieb nun nichts als ein altes runzliges Weib, das in seinem jugendlichen Kopfputze zum Totlachen aussah. Die Gestalt der Mohrin hingegen war ganz und gar verschwunden. Man erblickte die schreckliche Langzahn, die sich aus Rachsucht unter dieser Maske verborgen hatte. Dornenblüt empfand bei ihrem Anblick alle die Schrecken, die sie ihr ehemals eingeflößt hatte. Ihre Unruhe dauerte nicht lange. ›Kalif‹, sprach Serène, ›das Schicksal dieser Elenden ist in Euren Händen. Euch kommt es zu, das Urteil über sie zu fällen.‹ – ›Meinetwegen‹, antwortete er. ›Weil's so sein soll, so will ich sie nicht lange warten lassen. Holt mir den Amtmann, das Halsgericht zu halten. Die Hexe da soll lebendig auf dem Scheiterhaufen verbrannt werden, und die Seneschallin steckt ins Narrenhaus.‹

Bei diesem Ausspruch regte sich Mitleid in Dornenblüts gutem Herzen. Aber Larifari, der sich der Grausamkeiten gar wohl erinnerte, die sie an Dornenblüt verübt, und der die Ohrfeige noch fühlte, die sie ihr so ungerechterweise gegeben hatte, ließ das Urteil der scheußlichen Langzahn bestätigen. Die Seneschallin ward von niemand bedauert.

Während der Anstalten zur Exekution begab sich die ganze Versammlung auf das Schloß. Der Kalif gab vor allen Dingen Befehl zu einer Festlichkeit, dergleichen man noch nie erlebt haben sollte, ob er schon in diesem Stücke manche Proben seines Könnens gegeben hatte. Während nun der ganze Hof in der größten Bewegung war, um seine Befehle auszuführen, machte er der ehrwürdigen Serène die Honneurs des Hofes und führte sie unter anderem in einen prächtigen Saal, der kurze Zeit nach seiner Tochter Geburt vollendet worden war. Hier fand die Aufmerksamkeit Serènes eine würdige Unterhaltung, denn kaum hatte sie in ihrem eigenen Palaste etwas so Prächtiges und Wunderbares gesehen. Da der Kalif sah, daß sie diese Schönheiten bewunderte, sagte er zu ihr:

›Glaubt ja nicht etwa, daß ich das alles ersonnen hätte. Ich muß Euch doch erzählen, was mir begegnete, als meine Frau schwanger war. Ich träumte, sie käme mit einem kleinen häßlichen Drachen nieder, der mir in dem Augenblick, da er auf die Welt kam, das Weiße aus den Augen fraß. Ich konsultierte die Weisen in meinem Lande über diesen Traum. Diese verloren sich in allen möglichen Auslegungen. Der eine sagte, ich würde einen Sohn bekommen, der mich vom Throne stoßen und mir die Augen ausstechen lassen würde; andere versicherten mir, es hätte soviel nicht zu bedeuten, er würde nur meinen Ruhm verdunkeln, ich weiß nicht, ob durch seine Tapferkeit oder durch seinen guten Kopf oder wie sonst. Mir war nur um die erste Auslegung bange. Endlich sagte mir der Allergeschickteste, mein Sohn würde mich um mein Leben und meinen Thron bringen, wenn ich nicht den Saal vor seiner Geburt baute. Er machte mir einen Riß dazu und ordnete es so an, wie Ihr hier seht. Ich muß ihm nachsagen, daß er sich's recht angelegen sein ließ. Aber die Königin kam doch nieder, ehe er fertig war, und brachte meine Tochter zur Welt.

Ich war von Herzen froh, da ich statt des kleinen verwünschten Drachens von Sohn, den sie mir prophezeit hatten, ein allerliebstes kleines Mädchen bekam. Aber leider war sie nur allzu schön, wie wir in der Folge erfahren haben. Denn wenn Ihr und Larifari nichts getan hättet, so würden wir uns heute wohl nicht mit unseren Augen sehen ... Apropos‹, fuhr er fort, ›da Ihr doch alles wißt, wie kam's denn, daß alle auf einen Prinzen rieten, und wozu war denn der Saal mit all dem Zierat nötig? Und was wollte denn über haupt der ganze Traum sagen? Auf meine Tochter muß er allerdings einen Bezug gehabt haben, da etwas von Augen darinnen vorkommt.‹

›Ich kann Euch diesen Aufschluß geben‹, sagte Serene. ›Euer Traum war nur einfach ein Traum, Eure Traumdeuter Betrüger oder Ignoranten, und der Euch den Saal zu bauen riet, war ein Baumeister, der seinen eigenen Vorteil bei dem guten Rate suchte, den er Euch gab. Doch laßt uns wieder zu unseren Brautpaaren gehen, da sollt Ihr die näheren Umstände von der unglücklichen Augenkrankheit Eurer Prinzessin Tochter hören.‹

Die beiden Brüder hatten während dieser Zeit wenig Langeweile gehabt. Sie waren verliebt und von den liebenswürdigsten Personen ihres Geschlechtes erhört. Beide waren schön, doch beide auf eine andere Art. Sonnenstrahl überraschte mehr, aber Dornenblüt rührte mehr. Die Reize der einen blendeten, die Schönheit der anderen stahl sich tiefer ins Herz, und sooft man sie von neuem ansah, entdeckte man tausend neue Reize an ihr, die keinen Namen haben und die man besser fühlt als beschreibt.

Der schöne Phönix, der seinen Bruder zärtlich liebte und ihn mit Liebkosungen überhäufte, war eben im Begriffe, seine Neugierde über die mannigfaltigen Schicksale zu stillen, die ihm seit ihrer Trennung widerfahren waren, als der Kalif mit der weisen Seréne zurückkam.

Larifari bat sie um die Erlaubnis, daß sein Bruder seine Erzählung in ihrer Gegenwart fortsetzen dürfe. Sie baten nun selbst um diese Gefälligkeit, und Phönix hob folgendermaßen an:

›Als wir uns trennten, der Prinz Fink und ich, um auf Abenteuer auszugehen ...‹ – ›Mit Eurer Erlaubnis‹, fiel der Kalif ein, ›wer ist denn der Prinz Fink?‹ – ›Ich, Sire‹, antwortete Larifari. ›Ohne zu wissen warum, vertauschte ich diesen Namen mit demjenigen, unter welchem ich die Ehre gehabt habe, Euch vorgestellt zu werden, und den ich zeitlebens zu führen entschlossen bin, da mich die schöne Dornenblüt unter diesem Namen kennengelernt hat.‹ Er erzählte ihnen hierauf so viel von seinen Abenteuern wie zum Verständnis der Geschichte seines Bruders nötig war.

Als er bis zur Geschichte ihrer Trennung gekommen war, nahm Phönix wieder das Wort:

›Wir waren also, wie mein Bruder Euch gesagt hat, übereingekommen, daß der, welcher sein Glück nicht im Auslande gefunden hätte, in sein Vaterland zurückkehren und den Thron in Besitz nehmen sollte. Ich tat hierauf in meinem Herzen sogleich Verzicht, und stolz auf die Vorzüge, die ich vor meinem Bruder zu haben glaubte, sann ich auf nichts weiter, als mit meiner Gestalt in der Welt herumzuziehen und mich begaffen zu lassen. Die ersten Eroberungen, die ich machte, befriedigten meine Wünsche nicht, und ich glaubte, am besten in Zirkassien auf meine Rechnung zu kommen, das man mir als das Land der Schönheiten beschrieben hatte.

Eine Königin herrschte in diesem Reiche seit dem Tode ihres Gemahls, mit dem sie vier Töchter gehabt hatte. Die Älteste davon, jetzt noch unmündig, war für den Thron bestimmt. Auf diese Nachrichten baute ich ein Projekt, das mir mein künftiges Glück sichern sollte. Dem Schicksal aber gefiel es anders. Es hatte mir einen schöneren Schatz aufgehoben. Kurz vor meiner Ankunft erfuhr ich von dem Unglück, in das die königliche Familie durch eine ganz unerwartete Revolution geraten war.

Ein gewisser kleiner Fürst hatte einige unbegründete Ansprüche bei dem Volke geltend zu machen gewußt. Er hatte den unruhigsten Teil desselben auf seine Seite gebracht, die Großen des Reiches bestochen und mit ihrer Hilfe sich so schnell in den Besitz der Oberherrschaft gesetzt, daß die Königin kaum so viel Zeit gehabt hatte, sich mit ihren Töchtern zu retten. Ich wollte bei einer so treulosen Nation nicht verweilen. Ich durchreiste das Reich in aller Geschwindigkeit, als man mich auf Befehl des Tyrannen anhielt, dem alle Fremden verdächtig waren, wie es gemeinhin üblich ist nach einer Usurpation. Man brachte mich vor ihn. Ich verbarg ihm weder meinen Namen noch meinen Stand, und man bereitete mir einen Empfang, den ich nicht erwartet hatte. Ich weiß nicht, was diesen Fürsten für mich einnahm, dessen Ehrgeiz Großmut und Artigkeit gewiß nicht waren. Er behielt mich länger an seinem Hofe, als ich wünschte, und man erzeigte mir hier dieselbe Ehre als ihm. Endlich bot er mir seine einzige Tochter zur Gemahlin an.

Diese Prinzessin schien mir ebensoviel Neigung zum ehelichen Stande zu haben, als ihre Figur die Freier zurückschreckte. Sie war noch mehr als häßlich. Ihre kleinen Augen hatten mir ihre guten Gesinnungen schon lange vorher zu erkennen gegeben, ehe mir ihr Vater einen förmlichen Antrag tat. Aber ich verabscheute die Verwandtschaft mit einem Usurpator und wies, ohne mich dessen rühmen zu wollen, seine Zwergin von Tochter mit ziemlichem Hochmut ab.

Ich reiste weiter. An der Grenze Zirkassiens führte mich der Zufall in ein altes Schloß, das zwar sehr prächtig gebaut, aber, wie es mir anfänglich schien, von niemand bewohnt war. Ich ging lange Zeit darin umher, ohne eine lebende Seele anzutreffen. Am Ende fand ich, daß sich jedermann sorgfältig eingeschlossen hatte und daß man mir aus dem Wege ging. Ich wunderte mich über diese unfreundliche Aufführung, und es kam mir seltsam vor, daß sie die Langeweile suchten, die sie leicht hätten vermeiden können, wenn sie sich etwas anders gegeneinander benommen hätten. Ich ließ mir indes die Mühe nicht verdrießen, jemand zu suchen, der mir dieses Rätsel erklären könnte, und kam in ein sehr sauberes Appartement, wo ich aber keine lebendige Seele fand. Indes lagen Karten und Spielmarken auf einem Tisch, um welchen Stühle gestellt waren. Einen Augenblick darauf kamen vier Elstern ins Zimmer. Jeder folgte ein Star, der ihr den Schwanz trug. Eine sehr ernsthafte Krähe begleitete sie. Die Elstern machten mir ein sehr höfliches Kompliment und setzten sich zum Spiele nieder. Die Krähe zog ihre Arbeit hervor ...‹

Dornenblüt und Larifari, die während dieser ganzen Erzählung kein Auge voneinander gewendet hatten, stießen sich an, als Phönix auf die Elstern zu sprechen kam. Sonnenstrahl, die den schönen Phönix unverwandt ansah, machte eine leichte Bewegung mit dem Kopfe, als wenn sie an der Wahrheit dieses Abenteuers zweifelte. Serène lächelte über diese Begebenheit, die ihr nicht unbekannt war, aber der Kalif hielt sich den Bauch vor Lachen. ›Ja, ja‹, sagte er, ›mein Herr Schwiegersohn, man sieht, daß Ihr gereist seid. Ich lasse mir noch gefallen, daß den Elstern die Schwänze nachgetragen werden, aber Elstern, die Karten spielen? Ha, ha, ha!‹

Phönix beharrte auf der Wahrheit dieser Geschichte. ›Ich sah ihrem Spiele lange zu‹, fuhr er fort, ›aber ich begriff nichts davon. Wahrscheinlich war es ein Spiel, das nie von jemand anders als von Elstern gespielt worden ist. Auf einmal sprang eine kleine muntere Elster auf den Tisch und schrie ein Wort, das mir entfallen ist. Ich weiß nicht, wie ich das Wort habe vergessen können, denn die anderen wiederholten sich bald heiser daran. Die ernsthafte Krähe sprach es langsam nach, und bis zu den kleinen Staren, die die Lichter putzten, repetierten alle das Wort im Chore. Mir taten die Ohren weh davon. Ich verließ das Zimmer, ohne zu wissen, ob ich träumte oder ob ich alle diese Wunderdinge wirklich gesehen hatte.

Ich hatte von dem Königreich Kaschmir reden hören. Man erzählte mir, daß in dem schönsten Lande die schönste Prinzessin von der Welt lebe. Ich eilte, mich dahin zu begeben. Die Gefahr, die man bei dem Anschauen ihrer Augen laufen sollte, schreckte mich nicht ab. Was kann denn da für Gefahr dabei sein, sagte ich zu mir selbst, als von ihnen verwundet zu werden und bei ihrer Betrachtung zu sterben, wenn man keine Gnade vor ihnen findet. Die Erzählungen von dem Gifte ihrer strahlenden Augen, von denen man mir die wunderbarsten Beschreibungen machte, sah ich als Märchen an, die man zur Kurzweil ersonnen hatte. Und wenn auch alle die tragischen Begebenheiten wahr wären, die man von ihnen erzählt, sagte ich bei mir selbst, dir wird das süße Gift dieser Augen nicht schaden. Phönix wird dem Glanze der Schönheit nicht unterliegen. Meine Eitelkeit war geweckt. Wohlan, fuhr ich fort, ich will sie sehen und alle die eingebildeten Gefahren besiegen, die sie umringen. Wird sie weniger wagen, wenn sie mich sieht? Wird sie nicht die Gefahr teilen, in die ich mich um ihretwillen stürze?

Ich tue Euch hier, schöne Sonnenstrahl, das Geständnis meiner lächerlichen Eitelkeit, um mich durch die Scham, die ich dabei fühle, selbst dafür zu bestrafen. Eine geheime Sympathie zog mich zu Euch. Aus Begierde, Euch zu sehen, vergaß ich alle Vorsicht, die man mir auf der Reise empfohlen hatte. Tausend Gefahren drohten mir, würde ich den unrechten Weg wählen. Ich lachte über die Erzählungen, die man mir von der Hexe Langzahn und ihrem Aufenthalt machte; und da der Weg, auf dem sie wohnen sollte, der kürzeste war, so besann ich mich keinen Augenblick, ihn zu wählen, was ich aber bald bereute. Jedermann, dem ich begegnete, warnte mich. Ich ließ mich jedoch durch nichts aufhalten. Ich durchreiste verlassene Gefilde und überstieg die fürchterlichsten Felsen. Nach tausend überstandenen Gefahren drang ich in einen Wald ein, wo mir Scharen von Ungeheuern den Weg versperrten.

Ich beschloß, mich zu wehren. Greifen schwebten über meinem Haupte, Hydren und Leoparden umringten mich. Ich zog meinen Degen und griff sie an, ich verwundete einige von meinen Feinden, und nach einem langen Kampfe, in dem sich meine Kräfte erschöpften, fühlte ich mich in die Höhe gehoben, ich weiß selbst nicht, wie. Jetzt bemerkte ich, daß man mich lieber zum Gefangenen hatte machen wollen, als mich zu töten. Ich sank in einen ganz artigen Garten nieder, worin die Hexe Kräuter sammelte. Aus diesen Kräutern wollte sie einen schrecklichen Zaubertrank bereiten, unter welchen das warme Blut eines frisch geschlachteten Menschen gemischt werden mußte. Ich erfuhr dies erst später, während der Zeit meiner Verwandlung; und dies war die Ursache dafür, daß mich die Greifen lebendig zu ihren Füßen niedersetzten. Ihre Gestalt war fürchterlich, aber die meinige fand Gnade in dem grausamsten und unerbittlichsten Herzen, das je in einer menschlichen Brust geschlagen hat. Ich bemerkte es und erfuhr bald genug, um welchen Preis ich mein Leben erkaufen könne. Sie sagte mir, daß sie mich, wenn ich sie heiraten wolle, nicht nur mit ihrer Person beglücken, sondern mich überdies in den Besitz unschätzbarer Güter setzen wolle. Wo nicht, so würde ich heute das Licht des Tages zum letzten Male gesehen haben. Um mir Zeit zu geben, meinen Entschluß zu fassen, verließ sie mich auf der Stelle, ohne meine Antwort abzuwarten.

Ich hatte zwar wenig Lust zu sterben, aber doch schien es mir leichter und ehrenwerter, diesen Ausweg zu wählen als den anderen. Wenn ich ihre Hand ausschlage, sagte ich mir, werde ich hier in der Tat auf eine sehr rühmliche Art sterben. Und wenn ich sie annehme? Ein schönes Glück, um so weit darnach zu reisen! Ich hätte mir also vergeblich mit der Hoffnung geschmeichelt, der göttlichen Sonnenstrahl zu gefallen, ihr, deren Blicken noch kein Sterblicher widerstand. Ich hätte umsonst nach dem Ruhme gestrebt, der ihrige zu sein, um mich am Ende in der grausamen Notwendigkeit zu sehen, entweder der Mann einer abscheulichen Hexe zu werden oder unrühmlich in diesem Winkel der Erde zu sterben, wo mich niemand suchen, niemand etwas von mir erfahren wird.

Ich mochte meinen Zustand betrachten, von welcher Seite ich wollte, er war sehr unangenehm. Ich ging im Garten auf und ab und fand ihn bezaubernd. Ich erblickte die schönsten Früchte von der Welt und vornehmlich Feigen, die mir köstlich schienen. Ich liebte diese Frucht. Ich brach einige der schönsten ab, und kaum hatte ich dies getan, als ich meine Unruhe vergaß. Ich verzehrte sie und schlief ein. Bei meinem Erwachen war ich in einen Vogel verwandelt. Die Hexe, die mich mit ihrem Geschrei aufgeweckt hatte, saß neben mir und tat wie unsinnig über eine Verwandlung, die ihren Absichten ganz und gar nicht angemessen war. Sie schob die Schuld auf Dornenblüt, ohne doch zu wissen, warum. Sie schwor, sie dafür zu bestrafen. Ich hörte ihre Klagen und ihre Drohungen; doch ich muß gestehen, dieser Zufall kam mir so außerordentlich vor, daß ich mir noch immer schmeichelte, es sei ein Traum. Ich erwartete mit Ungeduld, daß mein Erwachen mich von diesen fürchterlichen Vorstellungen befreien sollte. Ich wartete vergebens.

Die Hexe nahm mich auf die Hand und machte alle nur möglichen Liebkosungen, die man einem Vogel machen kann. Sie suchte mich zu trösten. Sie bat mich, Geduld zu haben, und sagte mir, daß sie in acht bis zehn Tagen eine gewisse Mischung fertig haben werde, mit der sie mir meine vorige Gestalt wiedergeben wolle, daß ich mich aber in acht nehmen solle, in dieser Zeit Salz zu fressen, wenn ich etwa von ungefähr welches finden sollte. Nach diesen Worten pflückte sie eine Menge Kräuter, die ich nicht kannte, und ließ mich in dem Garten zurück. Meine Bestürzung war unbeschreiblich, als ich meines Schicksals gewiß war. Ich wollte mein Unglück beweinen, aber anstatt auszurufen: »Unglücklicher Phönix!« rief ich: »Liebes Papchen!« Und statt all der Klagen und Exklamationen, die mir auf der Zunge lagen, konnte ich nichts hervorbringen als die Impertinenzen, die man die Papageien zu lehren pflegt. Ich war darüber so bekümmert, daß ich beschloß, gar nicht zu sprechen.

Da ich die Erlaubnis hatte, im Garten herumzufliegen, sah ich vom Gipfel eines Baumes das Haus der Hexe; aber sooft ich darauf zufliegen wollte, versagten mir die Flügel den Dienst, und ich glaubte, daß es ganz vergebens sei, diesen Versuch zu Fuß zu machen. An alle anderen Orte der ganzen Gegend konnte ich fliegen, soviel ich wollte. Ich bediente mich dieser Freiheit, und auf einer dieser Promenaden sah ich eines Tages eine Frau aus einer elenden Hütte kommen. Sie hatte einen kleinen Sack unter dem Arm und setzte sich an das Ufer eines kleinen Baches. Hier wusch sie einige Fische, die sie in einem Korbe hatte, und salzte sie ein. Jetzt erinnerte ich mich, daß mir die Hexe verboten hatte, Salz zu fressen, und ich bildete mir ein, sie habe dies aus Furcht getan, ich möchte meine vorige Gestalt dadurch wiederbekommen. Ich setzte mich neben der Frau auf die Erde. Sie fand mich schön und hielt mich für zahm. Ich hüpfte vor ihr her, und nachdem sie mich eine Zeitlang gejagt hatte, nahm ich ihr den Sack mit Salz weg und erhob mich schnell in die Luft. Ich verbarg meine Beute in einem Busch und eilte in den Garten der Hexe zurück. Denn für diesmal wagte ich nicht, länger draußen zu bleiben, um ihr keinen Verdacht einzuflößen. Den folgenden Tag aber war die Sonne noch nicht aufgegangen, als ich mich schon wieder im freien Feld befand.

Dies war der Tag, an welchem ich meinen geliebten Bruder sah. Mein Erstaunen war meiner Freude gleich. Ich wünschte nichts mehr, als daß er mich fangen möchte, aber statt dessen sah er mich voll Verwunderung an. Nun eilte ich, die Wirkung des Salzes zu versuchen, das ich in dem Busche verborgen hatte. Er glaubte, es könnte mir Schaden tun, und ich meinerseits wollte ihn vor der Gefahr warnen, in der er sich in der Nähe der Hexe befand. Aber anstatt zu reden, erhob ich ein lautes Gelächter. In diesem Augenblick sprach er meinen Namen aus, um mir zu schmeicheln. Ich wollte antworten. »Ja«, wollte ich sagen, »ja, ich bin dein Bruder Phönix.« Aber statt dessen konnte ich nichts sagen als: »Larifari«, und ich fühlte etwas in mir, das mich zwang fortzufliegen, so ärgerlich es mir auch war.

Zwei Tage lang schwebte ich in der schrecklichsten Ungewißheit, was aus meinem Bruder Fink geworden wäre. Am Ende derselben hörte ich in dem Garten das fürchterliche Geschrei der Hexe. Du, mein liebster Bruder, für den ich alles gefürchtet hatte, warst die Ursache ihrer Verzweiflung. Du hattest ihr ihre Schätze geraubt und ihrem Zorn die Waffen genommen; denn die ganze Kraft ihrer Zaubermittel bestand in dem Hut und der Stute Klingklang, in deren Besitz du warst. Jetzt war es mir erlaubt, mich ihrem Haus zu nähern, bei welchem ich gerade ankam, als sie vom fruchtlosen Nachsetzen zurückkehrte. In einer alten Eiche verborgen, welche nahe bei dem Stalte stand, war ich Zeuge ihrer Wut und ihrer Verzweiflung. »Wenigstens«, schrie sie, »werde ich mich zur Hälfte rächen und die verfluchte Dornenblüt wegen ihres Verrates strafen können. Der Räuber, der sie verführt hat, um mich zu betrügen, hat sie unter dem Heu stecken lassen, wo sie sich ihm überlassen hat. Meine Rache wird sie verfolgen.«

Mit diesen Worten ging sie in den Stall, wo sie durch Dornenblüts Kopfzeug, das Langzähnchen trug, getäuscht worden war. Langzahn gab sich nicht die Mühe, die Sache näher zu untersuchen, und Langzähnchen war nicht imstande, nur ein einziges Wort zu sprechen, um seine Mutter ihrem Irrtum zu entreißen. Sie steckte den Heuhaufen in Brand und schloß die Stalltüre zu, so bange war ihr, das unglückliche Opfer ihrer Rache möchte entkommen. Nun eilte sie in ihr Haus, um den einzigen Trost, der ihr in ihrem Unglück noch übrigblieb, aufzusuchen. Auch dieser Trost war ihr versagt. Ich saß noch in meiner Eiche, wo ich mich versteckt hielt und wo ich auf einmal das schreckliche Heulen ihres Söhnchens hörte, welchem die Flammen den Gebrauch der Stimme wiedergaben, als das Heu anbrannte, mit dem man ihm den Mund zugestopft hatte.

Die Hexe hatte nichts in ihrem Hause gefunden, und sie fing an, ein neues Unglück zu fürchten. Sie kam nach dem Stalle zurück, der schon in vollen Flammen stand. Sie öffnete die Tür und sah mitten in dem Feuer und Rauch ihre süße und einzige Hoffnung desselben Todes sterben, den der Himmel auch der Mutter zugedacht hatte. Das Geschrei, das sie bei diesem Anblick erhob, war so entsetzlich, daß die Eiche, in der ich saß, davon erbebte, und so stark, daß der Zahn, der ihr aus dem Munde gewachsen war, fünfzig Schritt weit weg flog und in tausend Stücke zersprang. Jede andere hätte diesen Verlust eben nicht sehr beklagt, aber sie geriet darüber in neue Wut. »So ist es denn aus mit mir?« schrie sie. »Alle meine Kräfte verlassen mich. Noch bleibt mir die List.« Mit diesen Worten lief sie in ihr Haus, und ich verließ meine Höhle, um mich während ihrer Abwesenheit zu retten. Ich flog so schnell, als ich konnte, und beim Anbruch der Nacht fand ich den Busch, wo ich meinen Sack mit Salz verborgen hatte. Ich fing an zu hoffen, daß mich die Hexe nun nicht wiederfinden würde. »Dem Himmel sei Dank«, sagte ich, »endlich bin ich von der grausamen Notwendigkeit befreit, zwischen dem Tode und dieser Hexe zu wählen. Aber das wäre denn auch alles, und ich bin zum Papagei verdammt bis an das Ende meines Lebens.«

Ich würde nicht fertig werden, wenn ich Euch alles erzählen wollte, was ich auszustehen hatte, ehe ich in das glückliche Land kam, wo meine Leiden endigen sollten. Oft war ich dem Hungertode nahe, indem ich durch Einöden flog, wo ich keine Früchte fand. Überdies war ich nicht gewohnt zu fliegen, und ich konnte nur sehr kleine Tagereisen machen. Wer mich sah, lief mir nach, um mich zu fangen. Die Gipfel der Bäume waren meine einzige Zuflucht, und auch da war ich nicht sicher vor den kleinen Jungen, die mit Steinen nach mir warfen oder mir nachkletterten.

Endlich gelangte ich in diese zauberischen Gegenden. Die schreckliche Langzahn war mir gefolgt, ohne daß ich es gemerkt hatte. Sie unter der Gestalt zu suchen, die sie angenommen hatte, fiel mir nicht ein. Sie langte kurze Zeit nach mir an der Grenze von Kaschmir an und folgte mir allenthalben, ohne sich das mindeste merken zu lassen. Die Aufmerksamkeit, die sie mir zu schenken schien, nahm mich nicht wunder, da ich gewohnt war, daß mich jedermann anstaunte, der mich sah. Ich wußte mich in Sicherheit zu setzen, wenn man mir gar zu nahe kam. Ich befand mich nun in einem Lande, wo hundert Millionen Papageien wie die Könige hätten leben können, aber ich hatte Ursache, mit meinem Schicksal unzufrieden zu sein. Ich wußte nicht, was aus mir werden würde, und ich verfiel von Zeit zu Zeit in eine tiefe Schwermut. Sie bemerkte es, und als ich einstmals ganz betrübt auf einem hohen Baume saß, sah sie mich mit teilnehmenden Blicken an. »Es ist doch jammerschade«, sagte sie, »daß ein so schöner Papagei in der Irre herumfliegen soll! Ganz gewiß gehört er irgendeinem König oder einer Schönen, die nun über seinen Verlust verzweifelt ist. Vielleicht ist er gar Eigentum der Schönsten der Schönen. Doch wenn er der Prinzessin Sonnenstrahl angehörte, hätte er gewiß niemals die Freiheit dem Vergnügen, sie zu sehen, vorgezogen. Wäre er nicht gar zu wild«, fuhr sie fort, als sie sah, daß ich immer tiefer herabhüpfte, um sie zu hören, »wäre er nicht gar zu wild, so könnte man ihn fangen und der schönen Sonnenstrahl das schönste Geschenk damit machen, das im ganzen Königreiche ihres Vaters gefunden werden könnte. Welch ein Glück für ihn, wenn die schönste Prinzessin der Welt Vergnügen an ihm fände! Und welcher Sterbliche würde nicht mit Freuden sein Los mit dem Lose eines Papageis vertauschen wollen, der täglich Reize sehen würde, welche die Schönen den Vögeln nicht zu verbergen pflegen.«

Wie gut wußte die schlaue Langzahn, mit wem sie sprach! Ich war so bezaubert, daß sie nur die Hand auszustrecken brauchte, um mich zu fangen. Ich hüpfte ihr am Ende ihrer Rede von selbst darauf. Ich bemerkte nur allzubald, daß ich zu leichtgläubig gewesen war. Mein Leben stand auf dem Spiel. In dem Augenblick, da ich in ihrer Gewalt war, verwandelte sich ihr ganzes Gesicht. Ihre Augen schienen zu funkeln. Sie hielt mit der einen Hand meine Füße zusammen und streckte die andere zweimal aus, um mir den Hals umzudrehen. Diese Wut war mir unerklärlich, und ich habe dieses Rätsel nicht eher lösen können, als bis uns Serènes Stab die schreckliche Langzahn unter der Gestalt dieser Negerin gezeigt hat.

Indes widerstand sie zu meinem großen Glücke den ersten Regungen ihrer Wut und Rache. Sie fand ihren Vorteil dabei, mich zu schonen, und brauchte nun alle Vorsorge, daß ich ihr nicht entwischen konnte, bis wir an den Hof kamen. Dieser Tag war der Anfang meines Glückes. Meine Papageienaugen ertrugen das tödliche Feuer aus den Augen der göttlichen Sonnenstrahl, und durch einen mir unbekannten Zauber schützte ich auch andere vor der Gefahr. Leute, die sie sonst nicht auf fünfzig Schritt weit anzusehen gewagt hätten, nahmen mich auf die Hand und betrachteten sie so nach ihrem Gefallen.

Ich will nichts von der Seligkeit sagen, die ich bei allen den unschuldigen Schmeicheleien empfand, die sie mir machte. Bei tausend Gelegenheiten, deren nähere Umstände ich verschweigen möchte, erfuhr ich das Glück, das mir die Hexe versprochen hatte. Als Papagei ward ich reichlich für all den Abscheu bezahlt, den mir die Zärtlichkeit der Hexe eingeflößt hatte. Unter dieser Gestalt gefiel ich den schönsten Augen von der Welt, und ich wäre überglücklich, wenn ich unter der Gestalt, die ich wiederbekommen habe, ihre Liebe ebensosehr verdienen könnte.‹

Hier hörte der schöne Phönix auf zu reden. Obgleich die reizende Sonnenstrahl gegen das Ende seiner Erzählung mehr als einmal hatte erröten müssen, versicherten ihm doch ihre schönen Augen, daß er bei seiner willkommenen Verwandlung gar nichts verloren habe.

Der Kalif fand die Abenteuer seines Schwiegersohnes lustig genug. Er wußte ihm Dank, daß er die kleine bucklige Prinzessin von Zirkassien nicht hatte nehmen wollen. ›Aber‹, fuhr er fort, ›mein Herr Phönix, Hand aufs Herz, wenn Ihr nicht glücklicherweise ein Papagei geworden wäret, hättet Ihr nicht lieber die Hexe, ihre Mutter, Großmutter und alle Langzähne in der Welt geheiratet, als Euch so für nichts und wieder nichts abschlachten zu lassen? Ich bin doch auch sehr delikat, aber mit dem Leben ist nicht zu spaßen. Nun, wir wollen nicht weiter davon reden, was ihr getan hättet. Ich hoffe wenigstens, daß das Königreich Kaschmir, das Ihr bekommen sollt, wenn ich's nicht mehr haben will, und die Hand meiner Tochter, die Ihr gleich jetzt bekommt, Euch für den Korb entschädigen sollen, den Ihr der Infantin von Zirkassien gegeben habt. Euer Bruder Fink tut zwar keine so reiche Heirat wie Ihr, aber er sieht mir so zufrieden aus mit seiner Frau und Schwiegermutter, daß er Euch schwerlich beneiden wird. Mit seiner Geschicklichkeit, seinem kleinen Lande und dem, was ihm Serène nach ihrem Tode hinterläßt, wird er sein bequemes Auskommen haben.‹

Die bescheidene Dornenblüt, die, ohne Eitelkeit, Erbin der ganzen Erde hätte sein mögen, errötete bei den Worten des Kalifen. Sie schämte sich nicht, ihr Leben einer so erhabenen Dame, als Serène es war, zu verdanken, aber es machte sie niedergeschlagen, daß man alle Vorteile und Schätze, mit denen Sonnenstrahl ihren Gemahl beglückte und die Larifari um ihretwillen ausgeschlagen hatte, so undelikat in ihrer Gegenwart aufzählte.

Serène sah ihre Verlegenheit und erriet ihre Gedanken. Sie bat daher die Gesellschaft um geneigtes Gehör und hob folgendermaßen an:

›Kalif von Kaschmir‹, sagte sie, ›Larifari hat keine Ursache, seinen Bruder wegen des Glückes, das ihm lacht, zu beneiden. Ihr habt gesehen, welchen Vorzug er Dornenblüt gab, als sie alle ihre Reize verloren hatte und nichts von ihr mehr übrig war als ihr Schatten. Ihrem Andenken opferte er die reizende Sonnenstrahl in allem ihrem Glanze auf. Urteilt selbst, ob er in seiner jetzigen Lage unglücklich sein kann. Ihr werdet Euch hiervon noch mehr überzeugen, wenn ich Euch einige Aufklärung über Dornenblüts Geschichte gebe. Serène ist nicht die Schwester der verabscheuungswürdigen Langzahn. Dornenblüt ist nicht Serènes Tochter. Hört also ihre und meine Geschichte:

Zwischen dem Tigris und dem Euphrat erstreckt sich eine unermeßliche Ebene, welcher kein Land an Fruchtbarkeit gleichkommt als das Königreich Kaschmir. Mein Vater beherrschte diese Gefilde. Unter allen Sterblichen war er am tiefsten in die Geheimnisse der Natur eingedrungen. Aber während er sich lediglich seinen Nachforschungen überließ,  war er unbekümmert um die Regierung seiner Staaten und den Lauf der politischen Angelegenheiten, um sich einzig und allein mit dem Lauf der Gestirne zu beschäftigen.

Sein Land, von den zwei größten Strömen der Erde bewässert, war so reich, daß seine Untertanen reicher wurden, als ihnen guttat. Die Mächtigsten unter ihnen fingen bald an, ihre Kräfte zu spüren und die Schwäche des Monarchen zu erkennen. Jeder machte mit seinen Besitzungen, was er wollte, und der König war darüber nicht im mindesten unruhig, sondern war am Ende froh, sich von einem Lande befreit zu sehen, das keine Berge hatte; denn Berge brauchte er, um sich in den Kenntnissen, die ihn so teuer zu stehen kamen, zu vervollkommnen. Er verließ seine Staaten. Während er von Berg zu Berg zog und sich mit der Betrachtung des Himmels beschäftigte, setzten sich seine Vasallen ruhig in den Besitz dessen, was er auf der Erde verlassen hatte. Diese Neuigkeit war nicht imstande, ihn zu rühren. Aber was der Ehrgeiz nicht vermocht hatte, das vermochte die Liebe, die ihre Macht an einem Manne offenbaren wollte, der sich in die Betrachtung der erhabensten Dinge vertieft hatte.

Ich weiß nicht, welcher Zufall ihn von dem Gipfel seiner Berge nach Zirkassien herabführte. Hier empfand er zum ersten Male etwas, das er bei seinen ehemaligen Beschäftigungen nicht gefühlt hatte, und er fing an, für sterbliche Schönheit empfindlich zu werden. Er ward verliebt, und die schönste Zirkassierin empfing die Hand eines Prinzen, der seiner Länder beraubt war.

Ich weiß nicht, ob sie dieser Entschluß nicht bald gereute. Mein Vater, statt darauf zu sinnen, seßhaft zu werden, eilte auf seine Berge zurück. Seine Gemahlin war entsetzt über dieses Betragen, das es bei einer Heirat aus Neigung nicht hätte geben dürfen. Dennoch wollte sie ihm folgen, und sie schlugen ihre Wohnung in demselben Gebirge auf, über welches Dornenblüt mit ihrem Geliebten in dieses Königreich gekommen ist.

Der Teil des Gebirges, den sie bewohnten, war rundum mit schrecklichen Felsen und Klüften umgeben. Hier fing mein Vater an, in den Eingeweiden der Erde zu wühlen, nachdem er alles erschöpft hatte, was der menschliche Geist in den Regionen des Himmels lernen kann. In kurzer Zeit war er mit der wundervollen Arbeit zu Rande, die so manchen soliden Mann zum Schwärmer gemacht und so manchen soliden Reichtum verzehrt hat, um einem eingebildeten Gute nachzulaufen. Die Entdeckung dieses Geheimnisses führte ihn auf den Gipfel der Vollkommenheit. Es blieb ihm nichts mehr zu wünschen übrig. Er verwandelte alle Metalle in Gold, und alle unsichtbaren Mächte der Elemente folgten seinen Befehlen. Mit ihrer Hilfe baute er sich in diesem Gebirge einen Palast, in welchem die gewöhnlichsten Dinge von Golde glänzten und von Edelsteinen strahlten.

In dieser neuen Wohnung kam ich zur Welt, und ein Jahr darauf kam meine Mutter noch mit einer zweiten Tochter nieder. Ich hatte die Neigung meines Vaters für die geheimen Wissenschaften geerbt, und er liebte mich mit aller Zärtlichkeit, so wie meine Schwester, die weit schöner war als ich, der Liebling ihrer Mutter war. Unser Palast war zwar der prächtigste von der Welt, aber meiner Mutter und Schwester war das nicht genug. Sie fühlten Langeweile in ihrer Einsamkeit. Die eine wünschte ihr Vaterland wiederzusehen, und die andere brannte vor Begierde, eine Reise in die fruchtbaren Gefilde zwischen dem Tigris und Euphrat zu machen, welche ihr Vater verlassen hatte, um in eine Einöde zu ziehen, wo sie vor Langerweile starb.

Sosehr sie sich auch in acht nahmen, ihren Wunsch zu äußern, so sah mein Vater doch gar wohl, was in ihren Herzen vorging. Er kam ihnen sogar zuvor und bot ihnen das an, um das sie nicht zu bitten wagten. Sie machten zwar viele Umstände. Sie wollten ihn nicht verlassen, aber desungeachtet reiste meine Mutter nach Zirkassien, und meine Schwester begleitete sie, beide weit vergnügter in ihrem Herzen, als sie beim Abschied scheinen wollten. Auf das Geld und die Kosten kam es einem Manne nicht an, der den Stein der Weisen besaß. Die Equipage, mit der meine Mutter in ihrem Vaterlande ankam, machte dem früheren Glücke ihres Gemahls Ehre.

Der König von Zirkassien sah meine Schwester und gestand ihr den Vorzug vor allen Zirkassierinnen zu. Die Schönen gerieten in Verzweiflung, da sie sahen, daß eine Fremde ihnen ein Herz raubte, um das sie sich vergeblich gestritten hatten. Einige bekamen die Gelbsucht vor Neid, andere platzten vor Ärger, aber meine arme Mutter starb vor Freude.

Mein Vater erfuhr diese beiden Neuigkeiten auf einmal und betrug sich dabei als ein wahrer Philosoph. Was mich betrifft, so gestehe ich, daß die Zufriedenheit über das Glück meiner Schwester sehr viel dazu beitrug, mich über den Tod meiner Mutter zu trösten. Meine einzige Sorge war nun, mich in den geheimen Wissenschaften zu vervollkommnen, in denen ich starke Fortschritte machte. Meine Neigung zu ihnen wuchs in ebendem Maße, in dem sich meine Kenntnisse mehrten. Als mir endlich mein Vater alles mitgeteilt hatte, was ich zu fassen imstande war, hielt er für gut, sich sterben zu lassen, um in einer anderen Welt Aufklärung über gewisse Punkte zu suchen, die ihm bis jetzt noch dunkel geblieben waren. Er ließ sich sterben, sage ich, denn mit seinen Geheimnissen hing es nur von ihm ab, so lange zu leben, als er wollte.

Ich erbte einen Teil seiner Schätze und Kenntnisse, aber das Kostbarste von allem, was er mit hinterließ, ist der Stab, den Ihr hier seht. Er ist aus allen geheimen Kräften und Talismanen der ganzen Natur zusammengesetzt. Durch ihn gebiete ich den Elementen und entdecke die Wahrheit von allem. Ein Teil der Zukunft ist mir gegenwärtig, und das Vergangene rufe ich zurück.

Mein Vater hatte mir verboten, bis auf den Gipfel des Gebirges zu steigen, das wir bewohnten. Bisher hatte ich nicht die mindeste Lust dazu gehabt, aber von dem Augenblick an, da er es mir verbot, konnte ich nicht eher ruhen, bis ich diese Neugierde gestillt hatte. Sobald er die Augen geschlossen hatte, machte ich mich auf den Weg. Von hier aus sah ich mit Erstaunen die zauberischen Ebenen des glücklichen Kaschmirs. Ich beschloß, hier zu wohnen, und ließ einen Teil der Schätze, mit denen mein Vater die Höhlen des Gebirges angefüllt hatte, hierher schaffen. Damit aber der allzu häufige Zuspruch der Neugierigen oder derer, die mich um Rat fragen wollten, meine Ruhe nicht störe und mich an meinen Arbeiten hindere, machte ich meine Wohnung für jeden, den ich nicht haben wollte, unzugänglich. Hier genoß ich nun alle Glückseligkeit, welche die Ruhe des Geistes dem Menschen gewähren kann. Weit entfernt, meiner Schwester den Glanz auf dem Throne von Zirkassien zu neiden, pries ich mich glücklich in dem Genusse des seligen Friedens, der mein Herz erfüllte und den nichts störte als meine Sorge für ihr Wohl.

Sie ward Mutter von drei Töchtern. Als sie mit der dritten niederkam, fragte ich meine Bücher über ihr Schicksal um Rat und erfuhr, daß sie keine Kinder mehr bekommen, daß der König bald sterben und sie als Verweserin des Reiches zurücklassen würde. Ich stellte hierauf das Horoskop der Töchter und fand, daß die Älteste von ihnen von irgendeinem Unglück bedroht wurde. Ich gab mir alle Mühe, die näheren Umstände davon zu erfahren, aber umsonst. Nur so viel entdeckte ich, daß eine feindliche, mir beinahe gleiche Macht sie verfolgen würde. Ich fragte meinen Stab um Rat und setzte die Spitze desselben auf ein Pergament, das ich auf dem Tisch ausgebreitet hatte. Hier zeichnete er mir von selbst die schreckliche Gestalt der Hexe Langzahn, beschrieb mir die Lage ihrer Wohnung, ihre Zaubermittel und Neigungen. Mit Abscheu erfuhr ich, daß das häßlichste von allen Geschöpfen noch mehr Hang zur Liebe als zum Hasse und zur Grausamkeit hatte, daß sie alle ihre Kunst anwende, Männer in ihre Netze zu locken und daß der Tod der einzige Weg sei, ihrer fürchterlichen Liebe zu entgehen. Zu gleicher Zeit aber entdeckte ich mit tiefem Kummer, daß alle meine Macht und meine Zaubermittel nichts gegen die ihrigen ausrichten würden, solange sie in dem Besitze der Stute Klingklang und des leuchtenden Hutes sei. Mein Stab sagte mir ferner, daß sie einen Sohn habe, der ungefähr im gleichen Alter wie die älteste Tochter meiner Schwester sei, und ich vermutete mit gutem Grund, daß sie die Absicht habe, die Erbin von Zirkassien für ihren Sohn zu rauben. Ich beschloß, sie in meinen Schutz zu nehmen, und meine Schwester schickte sie mir heimlich. Diese Vorsicht bewirkte das Gegenteil von dem, was ich beabsichtigte. Beinahe in demselben Augenblick, da man sie mir übergab, riß sie die Hexe aus meinen Armen. Ich gab zwar allenthalben vor, sie sei meine Tochter, aber Langzahn war so leicht nicht zu betrügen. Alle meine Wachsamkeit war nicht hinreichend, sie zu schützen. Ja, Kalif von Kaschmir, diese nämliche Dornenblüt, die Ihr hier vor Euch seht, die zu verbrennen Ihr es so eilig hattet, ist die Erbin des Königreiches Zirkassien. Sie wurde mir entführt, ich weiß selbst nicht, wie; aber weder meine Kunst noch alle Mächte der Welt wären imstande gewesen, sie aus den Klauen der Hexe zu retten, wenn Larifari es nicht unternommen hätte. Diesen Ruhm hatte das Schicksal dem sinnreichsten und getreuesten Liebhaber aufgespart. Ich wußte, daß nur derjenige Meister der Stute und des Hutes werden konnte, welcher diese beiden Eigenschaften im höchsten Grade besaß, aber ich wußte nicht, wo ich einen Mann von diesem Charakter finden sollte.

Um diese Zeit kam Sonnenstrahl zur Welt. Ich fragte meine Bücher über ihre Geburt um Rat, und sie lehrten mich, was einst von ihrer Schönheit zu hoffen sein würde. In dem Augenblick fiel mir ein, daraus Vorteil zu ziehen. Ich verbreitete ein geheimes Gift über den Glanz ihrer Augen, fest überzeugt, daß man mich wegen eines Hilfsmittels um Rat fragen würde, und zugleich fest entschlossen, unter keiner anderen Bedingung zu helfen, als wenn man mir Dornenblüt und die Schätze der Hexe brächte.

Glücklicherweise ward Larifari durch die Neugierde zu mir getrieben, ehe er sich an den Hof begab. Ich war über seine Bekanntschaft entzückt. Der Verstand, den ich an ihm bemerkte, die Grundsätze, die er äußerte, ließen mich hoffen, daß er, wenn er das Abenteuer auf sich nähme, der Mann wäre, der es bestehen könnte. Die gute Meinung, die ich von ihm hatte, verstärkte sich noch, als ich ihn einige Zeit darauf wiederkommen sah, mich um Rat zu fragen. Er war nicht im mindesten über den Preis verlegen, den ich für meinen Beistand verlangte, ob ich ihm gleich alle Gefahren zeigte, die mit der Erfüllung der Bedingungen verbunden waren. Da ich ihn fragte, ob er jemanden am Hofe kenne, der verwegen genug sei, die schöne Sonnenstrahl um diesen Preis zu heilen, antwortete er: »Hierzu bedarf es nicht mehr als viel Ehrgeiz oder viel Liebe, und die Hoffnung allein, Euren Beifall zu verdienen, ist hinreichend, Mut zu jeder Unternehmung einzuflößen, ohne daß es dazu eines weiteren Beweggrundes als des Ruhmes brauchte.«

Ich will Euch nichts von der Freude sagen, die mir diese Antwort eines Mannes machte, dem ich allmählich eine außerordentliche Hochschätzung entgegenbrachte. Ich zweifelte kaum noch, daß dies der Mann sei, den das Schicksal zum Retter der unglücklichen Dornenblüt erkoren habe. Ich ließ ihn hoffen, daß ich ihm nicht zuwiderhandeln würde, wenn er sich in dieses Unternehmen einließe, das ich ihm nun noch weit gefährlicher als anfangs schilderte. Er war unerschütterlich. Ich hielt ihm Wort, und ob es mir schon nicht erlaubt war, ihm immer beizustehen, so hat doch mein Genuis dem seinigen manches bei der Ausführung zugeflüstert. Bei dem allem aber gehört der ganze Ruhm derselben seinem Geiste, seiner Standhaftigkeit und vornehmlich seiner Treue.

Während er unterwegs war, um die Wohnung der Hexe aufzusuchen, fragte ich meinen Stab über Dornenblüts Lage um Rat. Er zeichnete mir ihre Gestalt und ihre Leiden bei den unwürdigen Geschäften, zu denen die Hexe sie erniedrigte. Ich fand, daß sie reizend genug war, um die Gefahren zu vergelten, in die man sich ihr zu Gefallen begab. Ich hielt es nicht für nötig, Larifaris Herz für sie zu stimmen, wenn ihr Verstand und ihr Herz ihren Reizen entsprächen; aber ich kann nicht leugnen, daß ich Dornenblüt günstige Gesinnungen für ihn einflößte, die er bei dem ersten Anblick vielleicht nicht in ihr erweckt hätte, aber die er mit der Zeit, auch ohne meine Hilfe, ganz gewiß verdient haben würde.

Meine Freude war außerordentlich, als ich ihre Ankunft in diesem Königreich erfuhr. Ich gestehe, es war etwas grausam, ihnen meine Wohnung unzugänglich zu machen, als er Dornenblüt zu mir bringen wollte, aber es war notwendig, um seine Treue bis aufs äußerste zu prüfen und zu sehen, ob er ihrer würdig sei. Ihr habt alle den Triumph seiner Treue wahrgenommen und wie sehr er verdient, auf dem Throne einer Prinzessin zu herrschen, die so unumschränkt in seinem Herzen herrscht.

Schon seit langer Zeit hatte ich die Revolution vorhergesehen, welche in Zirkassien erfolgen mußte. Es war mir nicht erlaubt, ihr zuvorzukommen. Alles, was ich tun konnte, war, die Königin, meine Schwester, und die drei Töchter, die ihr noch geblieben waren, aus der Gefahr zu retten, die sie der Wut ihres Tyrannen aussetzte. Ich führte sie in ein Schloß an den Grenzen des Reiches, wo fast niemand hinkommt, und entzog sie auf diese Weise seinen Verfolgungen. Noch schien mir das nicht genug. Ich fürchtete seine Nachforschungen und bereitete deshalb einen Zauber, welcher verursachte, daß die Königin, sooft ein Fremder in das Schloß kam, in eine Krähe und ihre Töchter nebst ihren Hofdamen in Elstern verwandelt wurden, ohne daß sie selbst etwas von dieser Verwandlung merkten. Dies war also der Grund jener Erscheinung, meine Herren, die Euch in so große Verwunderung setzte, als Euch der Zufall nacheinander an den Ort ihres Aufenthaltes führte.

Während mich Larifari vergebens mit Dornenblüt suchte, erfuhr ich, daß Langzahn verkleidet nach Kaschmir gekommen war. Ich kannte ihre Absicht, aber ich wußte auch, daß ihre Macht seit dem Verlust der Stute Klingklang und des leuchtenden Hutes so eingeschränkt war, daß ich jedem Anschlag auf Dornenblüts Leben mit leichter Mühe zuvorkommen konnte. Ich überließ also Dornenblüt auf einige Zeit den Grausamkeiten, welche die Seneschallin und die unmenschliche Langzahn an ihr verübten. Dornenblüt konnte nur die Gattin des treuesten aller Liebhaber sein. Und was gab es für eine größere Probe seiner Treue, als sie vor seinen Augen in aller Häßlichkeit zu zeigen, in welche die Zaubermittel der Hexe ihre Reize verwandelt hatten, und das überdies zu einer Zeit, wo man ihm Sonnenstrahls Hand und den Thron von Kaschmir anbot?

Ich hielt ihn nicht lange auf, als er mir die Stute und den leuchtenden Hut brachte; doch ich hielt Wort und gab ihm das Mittel für die schönen Augen, welche so vieles Unglück angerichtet hatten. Larifari kehrte zu Dornenblüt zurück, aber ich wußte, daß sie diesmal, in dem Zustande, in welchem er sie finden sollte, eines kräftigeren Beistandes als des seinigen bedurfte.

Ich befahl daher allen Genien, welche die Kunst meinem Willen unterworfen hat, bis zu meiner Ankunft über ihr Leben zu wachen. Ich war entschlossen, ihm bald nachzufolgen, aber ich verschob meine Abreise bis auf den letzten Augenblick. Ein Aufschub, der mich beinahe sehr teuer zu stehen gekommen wäre! In dem Augenblick, da ich die Stute bestiegen hatte, hielt mich das angenehmste und erwünschteste Hindernis auf: In einer Stunde kamen nacheinander drei Kuriere aus Zirkassien mit der Nachricht, daß meine Schwester wieder in alle ihre Rechte eingesetzt sei. Der erste hinterbrachte mir, daß der Usurpator seine Krone durch einen plötzlichen Aufruhr ebenso geschwind verloren als gewonnen habe. Der zweite bestätigte diese Neuigkeit und setzte hinzu, der gereizte Pöbel habe nicht einmal seine arme bucklige Prinzessin Tochter geschont. Der letzte machte mir eine weitläufige Beschreibung von der Freude des Volkes und der Ungeduld, mit der man die Königin und ihre Töchter in der Hauptstadt von Zirkassien erwartet hatte. Diesen letzten Kurier hatte sie selbst abgesandt. Der Staatsrat und die Großen des Reiches waren ihr entgegengekommen.

Ihr seht, Kalif, Larifari ist also nicht so schlecht verheiratet, als Ihr geglaubt habt. Dornenblüts Wunsch wird erfüllt, einen Mann herrschen zu sehen, den seine Liebe und seine unverletzliche Treue eines Thrones so würdig machen. Sie wird ihre Staaten bei ihrer Ankunft ruhig finden, und sie wird ihrer Mutter und ihren Schwestern die Zufriedenheit wiederschenken, die sie seit ihrem Verluste entbehrt hatten. Das über jeden Wechsel glückliche Volk wird mit Freude und Glückwünschen eine Königin empfangen, die Dornenblüts Schönheit und Verdienste hat.‹

Serène endigte ihre Erzählung. Der Kalif gratulierte ihr und machte Dornenblüt seine Komplimente, bei denen er sich so verhaspelte, daß ihm die Nachricht, es sei aufgetragen, gar nicht zu gelegenerer Zeit hätte kommen können. Das Fest übertraf alles, was man von der Art in Kaschmir gesehen hatte. Aber den beiden Prinzen, die sich während der ganzen Zeit zärtliche Blicke zuwarfen, schien es fürchterlich langweilig.

Endlich kam die erwünschte Stunde. Hymen zündete alle seine Fackeln an, um dem Prinzen Phönix zu Sonnenstrahls Zimmer zu leuchten, wo der Kalif ihnen gute Nacht wünschte. Auch für Dornenblüt war ein Zimmer zurechtgemacht worden, und es stand nun in der Gewalt des treuesten Liebhabers, sich zu dem Glücklichsten aller Sterblichen zu machen.«

Das Morgenrot war längst zu sehen, ehe diese Erzählung zu Ende war. Aber Dinarzade lachte seinem erwachenden Glanze, und der Sultan, weniger eilig als sonst, seinen Platz im Staatsrat einzunehmen, hatte der Sonne für diesmal erlaubt, sich früher zu erheben als er.

Die Sultanin war, wie man am Anfang dieser Erzählung gesehen hat, die schönste Frau, welche jemals an der Seite eines Sultans geruht hatte. Er hatte seine Augen zärtlich auf sie gerichtet, indes der Großwesir mit seinem Zepter hinwegging. Man hätte meinen sollen, er habe sie noch niemals gesehen, so versunken schien er in ihre Reize zu sein. Er betrachtete sie aufmerksam, und da ihm einfiel, daß sie außer ihrer Schönheit einen so ungeheuren Reichtum an Märchen besaß, erhob er sich von ihrer Seite und nahm seinen Schlafrock, daß er ihr seine Zärtlichkeit und seinen Eifer, ihr zu gefallen, bezeige.

»Glücklich«, rief er aus, »glücklich sind die Hirten unserer Fluren. Ohne Zwang können sie tagelang bei ihren Hirtinnen seufzen. Oh, wäre mir das Los zugefallen, jeden Augenblick eines ganzen Lebens mit dem Anschauen der Augen zuzubringen, die mir jetzt strahlen!«

Dinarzade, die von diesen Ausrufen nichts begriff noch wußte, was diese Zeremonien bedeuten sollten, nahm sich die Freiheit, ihn zu fragen, was er denn mit den Schäfern sagen wolle. »Legt Euch nieder, Majestät«, fuhr sie fort, »statt solche Armseligkeiten einer Göttin vorzusagen, die soeben Eure linke Fußzehe küssen durfte.«

Bei diesen Worten wollte sie ihm den Schlafrock ausziehen, aber er war schlechterdings nicht dazu zu bewegen und befahl ihr, ihm seine Laute zu bringen, auf der er so lange spielte, daß die Sultanin beinahe vor Langeweile und ihre Schwester vor Ungeduld starben. Nach diesen Beweisen von Galanterie begab er sich in sein Zimmer und aus seinem Zimmer in den Staatsrat, um Anstalten zu dem schönsten Tage zu machen, auf den die schönste Nacht folgen sollte, die ihn in den Besitz der schönsten Frau setzen würde.

Er erwartete diese Nacht, wie man sich leicht denken kann, mit brennender Ungeduld. Endlich kam sie, und er begab sich sogleich in Begleitung seiner Bedienten in das Gemach der Sultanin. Aber statt ihnen nun gute Nacht zu sagen, nachdem er sich ausgekleidet hatte, wendete er sich zu dem Prinzen von Trapezunt und befahl ihm, alle seine Abenteuer, die ihm seit der Geschichte mit dem goldenen Pferde und der Pyramide begegnet waren, bis auf den Tag zu erzählen, da er in der Tiefe des Meeres die schönen Augen Dinarzades zum ersten Male erblickt hatte.

Der verliebte Prinz wäre sehr gern einer Erzählung enthoben gewesen, die die ganze Nacht hindurch dauern mußte. Aber da er wußte, daß der Sultan, sein Herr, keinen Spaß verstand, wenn es um Märchen ging, mußte er wohl oder übel seine Geschichte erzählen.

Quelle:
Hammer, Klaus (ed.): Französische Feenmärchen des 18. Jahrhunderts. Berlin: Rütten & Löning, 1969, S. 142-228.

Quelle:
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