Wechselbalg

Wechselbalg (German. M.). Die Elfen oder Zwerge entwenden zuweilen wohlgestaltete Kinder aus der Wiege, und legen ihre eigenen hässlichen Kinder, oder gar sich selbst an deren Stelle. Diese untergeschobenen Geschöpfe heissen Wechselbälge. Als Zweck des Wechsels erscheint, dass die Elfen bemüht sind, ihre Art durch das entwendete Menschenkind grösser zu ziehen, welches sie nun bei sich zu behalten meinen, und wofür sie ihr eigenes Kind hingeben. Gegen die Austauschung sichert, dass man einen Schlüssel, oder ein Kleid des Vaters, oder Stahl und Nähnadeln in die Wiege lege. Am wichtigsten ist aber die Art, wie man sich einen W. wieder vom Halse schafft. Man muss ihn nämlich durch irgend ein höchst seltsames Vornehmen zum Selbstgeständniss seines Alters, und folglich der geschehenen Vertauschung, bringen, worauf er sich augenblicklich entfernt und das geraubte Kind wieder erscheint, denn die Elfen wollen nichts umsonst haben. Z.B. wenn der W. Wasser in Eierschalen über Feuer kochen sieht, so ruft er aus: »Nun bin ich so alt wie der Westerwald, und habe doch noch nie in Eierschalen kochen sehen.« Nach einem bretagnischen Volksliede sieht ein W. die Hausmutter Speise für zehn Hausknechte in einer Eierschale kochen, und spricht: »Ich habe das Ei vor der weissen Henne gesehen, und die Eichel vor der Eiche, und nimmer ein solches.«

Quelle:
Vollmer, Wilhelm: Wörterbuch der Mythologie. Stuttgart 1874, S. 448




Wechselbalg. Der mittelalterliche Aberglaube dachte sich darunter das Kind einer Hexe oder ähnlichen fabelhaften Unholdes, welches im Umgange mit dem Teufel erzeugt und in unbewachten Augenblicken an die Stelle eines neugeborenen menschlichen Kindes untergeschoben, dieses aber dafür entführt worden sein sollte. Dicke Köpfe und Bäuche, sowie Kröpfe galten als Kennzeichen der angeblichen Wechselbälge, welche viel schreien und grunzen, im Saugen an der Brust unersättlich sein, nie zu Verstande kommen und frühzeitig sterben sollten. Jede Misgeburt ward vom gemeinen Manne dafür angesehen und im 16. u. 17. Jahrh. waren noch sehr gebildete Leute von ihrem Vorkommen überzeugt. Von den Frauen in Krain ging die Sage, daß sie zuweilen welche von Schlangengestalt zur Welt brächten, die sich in ordentliche Kinder verwandelten, wenn man sie in ein Faß voll Wasser warf und bei beständigem Peitschen fragte, welch Handwerk sie lernen wollten, das eines Schneiders, Schuhmachers u.s.w., sobald das richtige genannt wurde. Der gemeinen Meinung nach sollte üble Behandlung überhaupt die Hexen bewegen, das echte Kind zurückzubringen und die Wechselbälge wieder mit fort zu nehmen, und dieser traurige Wahn mag manchem häßlichen Kinde das Leben gekostet haben, bevor die gänzliche Unbegründetheit und Unmöglichkeit Dessen, was man unter Wechselbälgen sich dachte, von der Aufklärung der Zeit begriffen wurde. Hoffentlich ist von diesem thörichten Aberglauben nirgend ein anderer Rest geblieben als der, daß misgestaltete Kinder mitunter Wechselbälge genannt werden.

Quelle:
Brockhaus Bilder-Conversations-Lexikon, Band 4. Leipzig 1841., S. 675.




Wechselbalg, 1) nach dem Glauben des Mittelalters ein Kind, welches von einer Hexe u. dem Teufel erzeugt u. einem natürlichen Kinde bei einer Wöchnerin untergeschoben, dieses dagegen entführt ist. Solche Kinder sollen große Kröpfe (deshalb auch Kielkröpfe) u. Köpfe haben, sehr ungestaltet sein, außerordentlich schreien u. grunzen, im Trinken an der Mutterbrust nicht gesättigt werden können, ohne gehörigen Verstand bleiben u. vor dem 7., nach Anderen vor dem 18. Jahre sterben. Prügel u. üble Behandlung des W-s sollten oft bewirken, daß die Hexen ihr Kind wieder nahmen u. das wirkliche zurückbrachten; 2) überhaupt ein mißgestaltetes häßliches Kind.

Wechselbalg, ein Kind, das angeblich einer Wöchnerin statt des ihrigen, das ihr entführt wird, untergeschoben worden. Nach nordeuropäischem Volksglauben stammt der W. von den Zwergen (Unterirdischen) oder Nixen (oder von Hexen und dem Teufel). Mißgestaltet, namentlich mit großem Kopf oder einem Kropfe (deshalb auch Kielkropf), mehr grunzend als schreiend, ist er unersättlich. Wunderliche Mittel (Wasser in Eierschalen über Feuer kochen), dann auch Streichen des Wechselbalgs mit Ruten bewirken, daß die Zwerge etc. ihr Kind wieder nehmen und das richtige zurückbringen. Über den mythischen Ursprung dieses Aberglaubens vgl. W. Schwartz, Der Ursprung der Mythologie, S. 253 (Berl. 1860).

Quelle:
Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 20. Leipzig 1909, S. 451.