Der Mohr und die Fee

Es waren einmal zwei arme Eheleute, die hatten einen Sohn und eine Tochter. Der Vater starb und die Kinder blieben Waisen. Was tat nun der Sohn? Er ging alle Tage auf die Jagd, und so traf er eines Tages einen schönen Turm und trat hinein. Er fand darin einen Mohren, schlug ihn tot und warf ihn in ein altes Gemäuer; alsdann holte er Mutter und Schwester und wohnte mit ihnen in dem Turme. Er selbst nahm das Pferd des Mohren und begab sich vor wie nach tagtäglich auf die Jagd. Seine Mutter und Schwester aber durchsuchten den Turm und die verfallenen Gebäude und fanden so eines Tages den toten Mohren, und durch ihre Süpplein und Tränklein brachten sie ihn wieder zum Leben. Immer nun, wann der Jüngling auf die Jagd zog, saß der Mohr bei dessen Mutter, wann er aber zurückkehrte, bebte der Turm und der Mohr lief fort und verbarg sich. Endlich beschloß dieser, den Jüngling aus der Welt zu schaffen und teilte seinen Beschluß der Mutter desselben mit. »Wer aber,« sprach sie, »wird ihn töten können, wer wird es imstande sein?« – »Wann er von der Jagd kommt,« sagte der Mohr, »tue als ob du krank wärest und sage ihm, du könntest nicht wieder gesund werden, wenn er dir nicht eine Pasteke aus dem Garten bringe, der sich dort hinter dem Hügel befindet und von vierzig Draken bewacht wird; die werden ihn gewiß fressen.« Als der Jüngling nach Hause kam, fand er die Mutter bettlägerig und fragte sie, was ihr fehle. Da sie ihm nun sagte, sie wäre krank und er ihr aus der Stadt einen Doktor holen wollte, sprach sie: »Nein, mein Sohn, hole mir lieber eine Pasteke, denn ein Schnittchen von einer solchen macht mich wieder gesund.« – »Und wo finden sich solche Pasteken, liebe Mutter?« fragte er weiter. – »Hinter jenem Hügel,« antwortete sie, und alsbald sprang er auf den Rappen (denn das Pferd war so schwarz wie sein ehemaliger Herr) und machte sich auf den Weg, die Pasteke zu holen. Unterwegs kam er bei einem Turme vorbei, in welchem Feen wohnten, und als sie ihn vom Fenster aus vorüberreiten sahen, riefen sie ihn zu sich hinauf. Er folgte ihrer Einladung und sagte zu ihnen auf ihre Frage, wohin er sich begebe: »Meine Mutter ist krank und verlangt nach einer Pasteke aus dem Garten hinter dem Hügel da drüben.« – »In jenem Garten, liebes Söhnlein, befinden sich einundvierzig Draken,« sprachen die Feen, »wann du zu ihnen kommst, grüße sie freundlich, sie werden dich dann fragen: ›Was willst du, liebes Kind?‹ und du antworte: ›Ich will eine Pasteke‹, dann werden sie sagen: ›Sehr gern‹; du aber lenke ihre Aufmerksamkeit ab, sprenge mitten in den Garten hinein und pflücke hurtig eine Pasteke. Wann du nachher zurückkommst, dann kehre wieder bei uns ein.« Als der Jüngling zu dem Garten kam, wo die Draken waren, tat er, wie die Feen ihn geheißen, riß die Pasteke ab und sprach auf dem Heimwege wieder bei ihnen vor. Sie luden ihn zu Tisch, er aber sagte: »Lasset mich ziehen, denn meine Mutter ist dem Tode nahe.« – »Setze dich nur immer hin und iß,« erwiderten die Feen, »denn deine Mutter läßt sich kein graues Haar wachsen.« Während er aber aß, nahmen sie die Gelegenheit wahr, die Pasteke umzutauschen. Nachdem der Jüngling abgespeist, stieg er zu Pferde und setzte seinen Weg fort. Als er in der Nähe des Turmes anlangte, fing dieser an zu beben, so daß der Mohr sich eiligst verbarg, die Mutter des Jünglings aber fragte diesen: »Hast du mir die Pasteke gebracht?« Und er antwortete: »Hier ist sie.« Alsdann sagte die Schwester: »Du warst so lange fort, daß ich fast vor Hunger gestorben wäre;« und ohne Verzug ritt der Jüngling auf die Jagd. Der Mohr kam wieder zum Vorschein, sehr niedergeschlagen darüber, daß die Draken den Jüngling nicht aufgefressen hatten, und da er die Pasteke erblickte, schmiß er sie zu Boden und rief aus: »Die haben die Feen ausgetauscht! Das ist wahrhaftig schön, daß er den einundvierzig Draken entkommen ist, wie sollen wir ihm da wohl das Leben nehmen können? Gleichwohl wollen wir ihn jetzt nach einem Kohlkopf schicken, den einundfünfzig Draken bewachen, vielleicht fressen sie ihn.«

Sobald der Jüngling von der Jagd nach Hause zurückkehrte, fing der Turm an zu beben und der Mohr versteckte sich. Auf die Frage des Sohnes, wie es ihr gehe, erwiderte die Mutter: »Ich bin aufs neue krank, lieber Sohn; hole mir doch einen Kohlkopf, denn wenn ich das Herz eines solchen esse, so werde ich wieder gesund.« – »Und wo finde ich dergleichen Kohl?« fragte der Jüngling; und die Mutter antwortete: »Siehst du jenen dunkeln Hügel, mein Sohn? Auf der Spitze desselben wächst solcher Kohl.« Der Jüngling ritt alsbald dorthin; die Feen aber, die ihn vorüberkommen sahen, riefen ihn zu sich hinein und sagten zu ihm: »Dort, wo du hingehst, junger Freund, sind einundfünfzig Draken; gehe sie mit Bitten an, und Sie werden zu dir sagen: ›Wir wollen dir nicht einen, sondern zehn Kohlköpfe geben‹; du aber sprich: ›Nicht zehn, sondern den mittelsten will ich!‹ Die Draken werden dann böse werden, du jedoch fahre fort zu bitten, und mitten im besten sprenge mit deinem Pferde in den Garten, reiße einen Kohlkopf aus und eile davon.« Der Jüngling tat, wie die Feen ihm rieten; sobald indes der Ärmste den Kohlkopf ausgerissen hatte, verfolgten ihn die Draken, so daß er vor Angst den Weg verfehlte und drei Tage lang umherirrte, bis er endlich zu weinen anfing. Die Feen aber erwarteten ihn immerfort, und als er nicht anlangte, sprach die älteste zu der jüngeren: »Rufe den Adler, wir wollen ihm einen Zettel an den Fuß binden, damit er den Jüngling aufsuche und wir erfahren, ob ihn die Draken gefressen.« Der Adler kam, sie schrieben einen Zettel, und nachdem sie ihm denselben an den Fuß gebunden, sagten sie zu ihm, daß er den Jüngling aufsuchen und sich ihm auf den Schoß setzen solle, damit er den Zettel sehe und ihn lese. Der Adler tat wie ihm geheißen, fand den Jüngling und setzte sich zu ihm auf den Schoß. Da sprach der Jüngling: »Wozu bist du gekommen, lieber Vogel? Willst du etwa zugleich mit mir umkommen?« Als er jedoch am Fuß des Adlers den Zettel erblickte und ihn gelesen hatte, ließ er den Vogel los, welcher nun langsam vor ihm herflog, so daß jener ihm nachfolgend endlich zur Wohnung der Feen gelangte. Diese freuten sich sehr, daß sie ihn lebend ankommen sahen; um aber seine Aufmerksamkeit abzuziehen und den Kohlkopf umzutauschen, plauderten die beiden ältesten mit ihm, während die jüngste die Austauschung vornahm. Dann kehrte der Jüngling nach Hause zurück, und der Turm fing an zu beben, so daß der Mohr ausrief: »Schade um die Freude, die ich hatte,« und sich verbarg; der Jüngling aber gab der Mutter den Kohlkopf und erzählte ihr, wie nahe er daran gewesen, das Leben zu verlieren. Als er sich dann wieder seiner Gewohnheit nach der Jagd begab, kam der Mohr aus sei nem Verstecke hervor und die Frau gab ihm den Kohlkopf. Sobald er ihn in die Hand bekam, erkannte er gleich, wie es mit demselben stand, und rief aus: »Den haben die Feen ausgetauscht!« Er wurde nun darüber sehr niedergeschlagen, setzte sich mitten in die Stube und fing an zu weinen. Da sprach die Frau: »Nenne mir einen besonders gefährlichen Ort, und ich will meinen Sohn hinschicken.« Der Mohr antwortete: »Wir wollen ihn nach der Unsterblichkeitsquelle schicken, wo sich der zusammenstoßende Hügel befindet; vielleicht zerquetscht ihn dieser und macht ihm den Garaus.« Als dann die Frau fragte, ob sie sich krank stellen sollte, sprach der Mohr: »Nicht du, sondern deine Tochter.« Bald darauf kam der Jüngling, der Turm bebte wieder und der Mohr verbarg sich. Da nun jener die Mutter weinend fand, fragte er sie, was ihr fehle, und sie antwortete: »Deine Schwester, lieber Sohn, ist dem Tode nah.« Hierauf sagte er zu dieser: »Was fehlt dir, liebe Schwester?« – »Ich bin krank und werde sterben, es sei denn, daß du mir Lebenswasser aus der Unsterblichkeitsquelle zum Trinken holen willst; nur dies kann mich gesund machen.« Da suchte der Jüngling ein Fläschchen und machte sich auf den Weg; die Feen aber gaben acht, und als sie ihn erblickten, riefen sie ihn hinein und fragten ihn, wohin er zöge. Sobald sie dies erfuhren, sagten sie ihm, er solle so nahe wie möglich an den zusammenschlagenden Hügel heranreiten, dann könne sein Pferd mit einem einzigen Sprung darüber hinwegsetzen; wann er aber mit dem Wasser nach Hause kehre, solle er wieder bei ihnen ansprechen. Der Jüngling setzte hierauf seinen Weg fort, und bei dem zusammenschlagenden Hügel angelangt, sprengte er über denselben hinweg, füllte das Fläschchen und kehrte wieder um. Hierbei packte der Hügel den Schweif seines Pferdes und riß ihn fast ab, so daß das Pferd bewegungslos stillstand. Die älteste Fee sah indes, was dem Jüngling auf der Rückkehr widerfahren war, und rief dies der jüngern zu; deshalb schrieben sie auf einen Zettel, daß er etwas von dem Lebenswasser auf die Wunde des Pferdes gießen solle, dann würde der Schweif desselben sogleich wieder fest werden. Alsdann banden sie den Zettel dem Adler an den Fuß, und dieser brachte ihn dem Jüngling, der ihn las und den darin enthaltenen Rat befolgte, so daß das Pferd sich wieder in Bewegung setzte. Als er bei den Feen anlangte, beschäftigten ihn wie immer die beiden ältesten von ihnen, während die jüngste das Wasser austauschte, worauf er sie wieder verließ. Wiederum bebte der Turm bei seiner Ankunft, und der Mohr verbarg sich wie gewöhnlich; der Jüngling aber begab sich zur Schwester, um ihr das Wasser zuzustellen, und nachdem sie getrunken, tat sie, als ob sie gesund vom Lager aufstände. Er selbst ging dann auf die Jagd, und der Mohr kam wieder aus dem Versteck hervor, und da er sah, daß die Flasche kein Lebenswasser enthielt, so schmetterte er sie zu Boden und rief aus: »Die Feen haben das Wasser!« Da fragte die Frau den Mohren von neuem, was zu tun sei, und er antwortete: »Wann er von der Jagd zurückkehrt, so lause ihn; deine Tochter aber schneide ihm die drei goldenen Haare, die er auf dem Kopfe hat, mit einer Schere ab, so daß er seine Kraft verliere; dann rufe mich und ich werde kommen und ihm das Leben nehmen.«

Als nun der Jüngling wiederkehrte und der Mohr beim Beben des Turmes sich versteckt hatte, ergriff die Mutter den Kamm und sagte zu dem eintretenden Sohne: »Komm, mein Kind, ich werde dich kämmen und lausen.« Der Ärmste legte sich mit dem Kopfe auf ihren Schoß, und während sie ihn kämmte, schnitt die Schwester ihm die Haare ab. In demselben Augenblicke rief die Mutter den Mohren, welcher sogleich herbeieilte und den Jüngling in Stücke hieb, worauf er diese in einen Sack steckte, den Sack auf das Pferd lud und dasselbe aus dem Turme jagte. Es lief an die Tür der Feen, und als diese es ganz allein anlangen sahen, nahmen sie ihm den Sack ab und fanden darin den zerstückelten Leichnam, jedoch ohne Kopf. Da holten sie etwas Lebenswasser und spritzten es auf die Stücke, so daß diese sich sogleich zusammenfügten und bloß noch der Kopf fehlte. Alsdann riefen sie ihre Adler und befahlen ihnen, denselben herbeizuholen. Die Adler flogen nach dem Turme und suchten ihn dort überall; der Mohr aber, der sie sah, fragte sie: »Wollet ihr etwa auch den Kopf? da habt ihr ihn;« und mit diesen Worten nahm er ihn von dem Pfahl herab und warf ihn hinaus, worauf die Adler ihn ergriffen und den Feen brachten. Diese setzten ihn an den übrigen Körper an und befeuchteten ihn mit etwas Lebenswasser; in demselben Augenblick saß er fest, und der Jüngling stand frisch und munter auf, konnte jedoch nicht sprechen. Da gaben sie ihm von der Pastete zu essen, und er bekam Blut; sie gaben ihm auch das Herz des Kohlkopfs zu essen, und er bekam Kraft. Sie fragten ihn dann: »Wie war dir zumut und in welchem Zustand befandest du dich?« Er aber sprang auf das Pferd, ritt nach dem Turme und tötete die Mutter, die Schwester und den Mohren, so daß er ganz allein blieb.

Quelle:
Hahn, J[ohann] G[eorg] v[on]: Griechische und Albanesische Märchen 1-2. München/Berlin: Georg Müller, 1918, S. 264-271.

Quelle:
http://www.zeno.org - Zenodot Verlagsgesellschaft mbH