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Weiße Jungfrau

Vor sechszig Jahren sah ein Bube vom Rothenhof, als er zum ersten Male mit dem Vieh in den dortigen Bergwald fuhr, auf dem Troge des Tränkbrunnens eine weiße Jungfrau sitzen, die ihm hinwinkte. Erschrocken eilte er auf den Weideplatz zu den andern Hirtenknaben und erzählte ihnen, was ihm begegnet. Sie sagten ihm, die weiße Jungfrau sey schon oft da gesehen worden, und wenn sie ihm wieder winke, solle er nur zu ihr gehen. Am andern Tage that er dies und wurde von ihr mit folgenden Worten angeredet: »Du kannst mich aus diesem Gebirge befreien, in welchem ich schon zweihundert Jahre umgehe, und mir zum Himmel verhelfen. Komm' heute Nacht um zwölf Uhr wieder hierher, dann wirst Du von mir erfahren, was Du zu meiner Erlösung zu thun hast!« Nach diesem war sie verschwunden. Zur bestimmten Zeit kam der Bube zu dem Brunnen, auf dessen Trog der Geist wieder saß und sprach: »Geh' jetzt dort in den Wald und hole mir den goldenen Kelch her, den Du unter einer großen Tanne finden wirst. Es geschieht Dir kein Leid; Du darfst aber weder ein Wort sprechen, noch Dich durch etwas irren oder schrecken lassen. Habe ich den Kelch, dann fülle ich ihn hier am Brunnen, trinke ihn aus und bin erlöst.« Gutes Muthes machte sich der Knabe auf den Weg und kam richtig zur Tanne, worunter der Kelch sich befand. Da hörte er in der Luft ein Gesause; er blickte empor und sah über sich einen großen Mühlstein1 an einem dünnen Faden hängen, welcher sich schnell herumdrehte und auf ihn herabzustürzen drohte. Voll Schrecken stieß er einen Schrei aus und floh über Hals und Kopf zum Brunnen zurück. »Nun ist es um meine Erlösung geschehen!« klagte die Jungfrau, »und ich muß wieder warten, bis die kleine Tanne hier zu einem Sägbaum geworden und aus seinen frisch geschnittenen Brettern eine Wiege für ein neugeborenes Kind gemacht ist. Wenn dasselbe dann Dein jetziges Alter erreicht hat, so wird es mich von meinem Leiden befreien.« Hierauf verschwand die Jungfrau, welche in der Folge wieder öfters am Brunnen gesehen worden ist.
Fußnoten

1 Andere sagen: ein gewaltiges Schwert.

Quelle:
Bernhard Baader: Neugesammelte Volkssagen aus dem Lande Baden und den angrenzenden Gegenden. Band 2, Karlsruhe 1859, S. 24-25.

Quelle:
http://www.zeno.org

 
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