Der Nickert

Mündlich aus Pechüle und Kemnitz

Der Nickert sitzt im Waßer und ist ein kleines graues Männchen, das großes Verlangen nach den Menschenkindern trägt und sie stiehlt, so lange sie noch nicht getauft sind; statt ihrer schiebt er die seinen unter, die sehr klein sind, aber große breite Köpfe haben.

Mal war eine Frau auf einer Reise in Scharfenbrück niedergekommen, und als sie nun wieder genesen war und über die Nuthebrücke nach Hause fuhr, kommt der Nickert ungesehen und stiehlt ihr das neugeborene, läßt ihr aber statt dessen sein ungestaltes Balg mit dickem Kopf zurück. Das ist grade acht Jahr alt geworden, da ist's gestorben. Wäre die Frau nicht mit dem neugebornen über fließend Waßer gefahren, so hätte ihr der Nickert nichts anhaben können.

Die Wechselbälge, die der Nickert für die Menschenkinder unterschiebt, sind sehr stark und haben oft mehr Kraft als drei starke Männer zusammengenommen. So ist auch mal in Zühlichendorf ein großes Nickerkind gewesen das war ganz verwahrlost, und verunreinigte sich und war fast wie ein Thier. Kommt einmal der Knecht mit einem schwerbeladenen Wagen voll Getreide nach Hause und fährt so stark gegen die Thorpfosten, daß er sich vergeblich müht, wieder loszukommen. Das sah das Nickerkind, welches in der Stube am Fenster saß, und fragte: »Soll ich dir helfen?« Der mürrische Knecht aber entgegnete: »Ach, du dummes Quack, das sollte dir wohl schwer werden!« Da kommt das Nickerkind heraus und mit einem kräftigen Ruck schiebt's den Wagen wieder in die Richte, aber nach drei Tagen war's auch verschwunden.

Quelle:
Adalbert Kuhn / W. Schwartz: Norddeutsche Sagen, Märchen und Gebräuche aus Meklenburg, Pommern, der Mark, Sachsen, Thüringen, Braunschweig, Hannover, Oldenburg und Westfalen. Leipzig 1848, S. 92-93.

 
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