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Das Unterirdische - Ludwig Tieck

Was will die Angst an meiner Seele?
Was flüchten die Gedanken fort?
Wohin ich fliehe und mich quäle,
Entdeck' ich keinen sichern Ort:
Mein Fuß gehemmt, mein Athem schwer,
Die Brust so voll, das Herz so leer.

Ich will mich tiefer, tiefer gründen,
Unsicher wird die Sicherheit,
Die Kräft' erblinden und entzünden
Sich ringend nach der Ewigkeit,
Der Seele Wurzel streckt sich weit,
Will greifen aus der Zeitlichkeit.

Da kommen Strahlen an, die bunten,
Aus alten Reichen ohne Licht,
Es murren dumpf Gewässer unten.
Entgegen streckt sich ein Gesicht,
Wie bang, wie schwer, es winkt und lockt,
Das Herze bebt, der Athem stockt.

»Gieb dich gefangen, sey gefangen,
Ich thue auf mein stilles Reich.
Ich kenne dich, dein starr Verlangen,
Mein steinern Herz biet' ich dir gleich,
Manch Edelstein, manch gülden Stück
Giebt dir den kalten Liebesblick.

Von hier die bunten Pflanzen stammen,
Von hier nimmt Baum und Gras die Kost;
Hier schlummern sie die ewgen Flammen,
Die dir erzeugen süßen Most.
Die Berge wie das wüste Meer,
Sie liegen in mir groß und schwer.

Steig nieder hier mit deinen Sinnen,
Mein steinern Herze steigt in dich;
So magst du von mir abgewinnen,
Was mir zur Last und fürchterlich.
O laß es werden deine Lust,
Was mir beschwert die volle Brust.«

Ha! folg' ich ihm? bleib' ich zurücke?
Mich treibt die Angst zurück und vor.
Die Stimme ruft mir all mein Glücke,
Die fernsten Wünsche in mein Ohr;
Entrissen von den süßen Tönen
Schau' ich krystallene Sirenen.

Quelle:
Ludwig Tieck: Gedichte. Teil 1, Heidelberg 1967, S. 123-126

Quelle:
http://www.zeno.org

 
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