Startseite Märchen Russland Die Zarentochter im unterirdischen Reich

Die Zarentochter im unterirdischen Reich

Es waren einmal ein Zar und eine Zarin, die hatten einen Sohn und eine Tochter. Sie befahlen dem Sohn, seine Schwester zu heiraten, wenn sie sterben würden. War's lange darauf oder kurz? – da starben der Zar und die Zarin.

Nun hieß der Bruder seine Schwester, sich zur Hochzeit bereitzumachen, und ging, den Popen zu bitten, sie zu trauen. Die Schwester begann sich anzukleiden, machte drei Puppen, setzte sie auf die Fenster, stellte sich selbst in die Mitte der Stube und rief: »Püppchen, kuckuck!« Die erste Puppe sagte: »Was willst du?« Die zweite: »Der Bruder nimmt die Schwester!« Die dritte: »Erde öffne dich, Schwester versinke!« Ebenso antworteten sie beim zweiten und dritten Male. Dann kam der Bruder und fragte die Schwester: »Hast du dich nun ganz angekleidet?« Die Schwester antwortete: »Nein, noch nicht ganz.« Da ging er in seine Gemächer und wartete, bis die Schwester sich angekleidet haben würde. Sie rief aber nochmals: »Püppchen, kuckuck!« Die erste Puppe sagte: »Was willst du?« Die zweite: »Der Bruder nimmt die Schwester!« Die dritte: »Erde öffne dich, Schwester versinke!« Da versank sie und gelangte in die andere Welt. Als aber der Bruder wieder hinging, fand er die Schwester nicht mehr und blieb nun allein.

Als die Zarentochter in die andere Welt versunken war, ging sie immer weiter und kam zu einer Eiche. Dort zog sie sich aus, die Eiche öffnete sich, und in die Höhlung legte die Zarentochter ihre Kleider; dann verwandelte sie sich in ein altes Weib und ging weiter. So wanderte sie lange, bis sie zum Palast des Zaren kam. Sie trat ein und bat, man möge sie als Magd dingen. Da nahm man sie auf und ließ sie die Öfen heizen. Der Zar, bei dem sie diente, hatte einen ledigen Sohn. Und als der Sonntag kam, machte sich der Zarensohn bereit, in die Kirche zu gehn, und befahl der Alten, ihm einen Kamm zu reichen. Doch als sie ihn nicht gleich brachte, geriet er in Zorn und schlug sie auf die Backe. Dann machte er sich fertig und fuhr zur Kirche.

Die Zarentochter, die alte Frau, ging zur Eiche, wo sie ihre Kleider verwahrt hatte, und die Eiche öffnete sich. Sie kleidete sich an, ward wieder zur schönen Zarentochter und ging in die Kirche. Der Zarensohn erblickte sie dort und fragte einen Diener, woher die Jungfrau wohl sei. Der Diener aber hatte sie als die Alte erkannt, die in den Gemächern die Öfen heizte, und wußte, daß der Zarensohn sie mit dem Kamm geschlagen hatte, daher antwortete er: »Sie ist aus der Stadt Kammschlag.« Der Zarensohn fuhr heim, suchte und suchte nach dieser Stadt in seinem Reich und fand sie nicht.

Danach geschah es einmal, daß der Zarensohn wieder in Zorn geriet und die Alte mit einem Stiefel schlug, und bald darauf fuhr er zur Kirche. Dort war auch sie wieder in den Kleidern, die sie in der Eiche verborgen hatte. Als der Zarensohn die unbekannte Schöne abermals erblickte, fragte er seinen Diener, woher die Jungfrau wohl sei. Der Diener antwortete: »Sie ist aus Stiefelschlag.« Der Zarensohn suchte und suchte nach dieser Stadt in seinem Reich und fand sie nicht.

Da fing er an zu grübeln und zu sinnen, wie er mit seiner fremden Schönen wohl bekannt werden könne; denn er hatte sie liebgewonnen und wollte sie heiraten. Und er dachte sich eine List aus und ließ auf die Stelle, wo sie in der Kirche zu stehn pflegte, Pech hingießen, doch so, daß sie es nicht merken konnte. Am Sonntag kam die Zarentochter in ihren schönen Kleidern in die Kirche und stellte sich auf den gewohnten Platz. Der Gottesdienst war zu Ende, doch als sie ihren Platz verlassen wollte, um heimzugehen, klebte der Pantoffel am Pech und blieb stecken. So ging sie denn nur in einem Pantoffel nach Hause. Der Zarensohn befahl, den anderen mitzunehmen, brachte ihn heim und maß ihn allen Jungfrauen an, die in seinem Reiche waren. Aber keiner paßte der Pantoffel auf den Fuß, außer der Alten, die die Öfen heizte. Da fragte der Zarensohn die Alte aus, und sie bekannte, wer sie sei und woher. Und er nahm sie zur Frau.

Auf der Hochzeit war ich,
Met und Wein trank ich,
In den Mund nicht kam es,
Übern Bart da floß es.

Quelle:
Löwis of Menar, August von: Russische Volksmärchen. Jena: Eugen Diederichs, 1927, S. 47-50.

 
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