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Jungfrau Swanhwita, und Jungfrau Räfrumpa

Aus Ostgothland.

Es war einmal ein böses Weib, das hatte zwei Töchter; eine eigene Tochter, und eine Stieftochter. Die eigene Tochter war von häßlichem Aussehen, und noch häßlicherer Gemüthsart; die Stieftochter war schön von Angesicht, und sanften Sinnes, so daß Alle, die sie sahen, ihr Gutes wünschten. Hierüber härmten sich die Stiefmutter und die Stiefschwester, und waren stets neidisch auf das wehrlose Mädchen.

Da ereignete sich eines Tages, daß die Jungfrau von ihrer Stiefmutter geschickt wurde, Wasser vom Brunnen zu holen. Als sie hinkam, streckte sich eine kleine Hand über den Rand des Wassers empor, und es war eine Stimme zu hören, die sagte: »Jungfrau! schön und fein! gib mir deinen Goldapfel, so will ich dir drei gute Wünsche erfüllen.« Da that es dem Mädchen um den leid, der so schön bat, und reichte den Goldapfel der kleinen Hand hin. Hierauf neigte sie sich über die Quelle, und gab fein Acht, daß sie das Wasser nicht trübte, während sie ihr Faß füllte. Als sie nun wieder nach Hause kehrte, wünschte der Beherrscher des Wassers, daß die freundliche Jungfrau dreimal so schön werden solle, als sie war; daß jedesmal, wenn sie lachte, ein goldener Ring aus  ihrem Munde falle, und daß unter ihren Tritten rothe Rosen hervorsprossen sollten. In demselben Augenblicke geschah Alles, wie er es gewünscht; das Mädchen aber wurde von diesem Tage an Jungfrau Swanhwita genannt, und das Gerücht von ihrer Schönheit verbreitete sich über das ganze Land.

Als die böse Stiefmutter dies Alles gewahrte, ward sie sehr verdrießlich, und überlegte nun bei sich, wie ihre eigene Tochter eben so schön werden könne, als Swanhwita war. Zu dem Ende forschte sie genau aus, wie sich Alles zugetragen, und schickte ihre Tochter gleichfalls, um Wasser zu holen. Als nun das böse Mädchen zum Brunnen kam, streckte sich eine kleine Hand über das Wasser empor, und man hörte eine Stimme, die sagte: »Jungfrau! schön und fein! gib mir deinen Goldapfel, so will ich dir drei gute Wünsche erfüllen.« Die Tochter des Weibes aber war ebenso böse, als geizig, so daß sie nie Jemand Etwas zum Geschenke geben mochte; sie schlug hierauf auf die kleine Hand, schalt den Beherrscher des Wassers, und antwortete zornig: »Du darfst nicht denken, daß du je einen Goldapfel von mir erhältst.« Hierauf füllte sie ihren Eimer, trübte das Wasser, und ging boshaft ihres Weges. Da erzürnte Derjenige, welcher über die Quelle herrschte, und wünschte ihr drei böse Wünsche zum Lohn für ihre Bosheit. Er wünschte, daß sie dreimal so häßlich werde, als sie schon war; daß eine todte Ratte jedesmal aus ihrem Munde falle, wenn sie lache, und daß Unkraut (Ackerkannenkraut) in ihren Fußspuren wachsen soll, wo sie immer hintrete. So geschah es auch. Von dem Tage an wurde das böse Mädchen im Spotte Jungfrau Räfrumpa (Fuchsschwanz) genannt, und es war von ihrem häßlichen Aussehen, und ihrer bösen Gemüthsart ein großes Gerede unter den Leuten. Das Weib aber konnte nicht leiden, daß ihre Stieftochter schöner als ihre rechte Tochter wäre, und die arme Swanhwita erlitt von der Stunde an alles Unrecht und alle Schmach, die Stiefkinder zu treffen pflegen.

Jungfrau Swanhwita hatte einen Bruder, den sie sehr lieb hatte, und der sie auch von ganzem Herzen liebte. Der Junge hatte längst die Heimat verlassen, und diente jetzt bei einem König, weit, weit im fremden Lande. Die anderen Hofleute aber waren neidisch auf ihn, wegen der Gunst, die er bei seinem Herrn gewonnen, und hätten ihn gerne gestürzt, wenn sich nur irgend eine Ursache dazu auffinden lassen würde.

Die Neider des Jungen gaben nun genau auf Alles Acht, was er immer vornehmen mochte. Und so gingen sie eines Tages zum König, und sagten: »Herr und König! wir wissen wol, daß du keine Bosheit und Unart von deinen Dienern leiden kannst, darum wollen wir nicht dulden, daß der fremde Jüngling, der in deinen Diensten ist, jeden Morgen und Abend die Knie vor einem Abgott beugt.« Als der König so Etwas hörte, dachte er, daß es Böswilligkeit und Verleumdung wäre, und glaubte ihnen nicht. Die Hofleute aber sagten, daß er wol selbst sich überzeugen könne, ob sie die Wahrheit gesprochen, oder nicht. Sie führten nun den König zu der Kammer des Jünglings, und baten ihn, durch das Schlüsselloch zu gucken. Als nun der König hindurch sah, ward er gewahr, daß der Jüngling auf den Knieen vor einem schönen Bilde lag, und er konnte nichts Anderes denken, als daß Alles wahr sei, was die Hofleute erzählt hatten. Der König wurde nun erzürnt, rief den Jüngling vor sich, und verurtheilte ihn wegen seiner großen Uebelthat zum Tode. Der Jüngling aber entschuldigte sich, und sagte: »Herr und König! Du mußt nicht denken, daß ich irgend ein Götzenbild verehre, dies ist das Bild meiner Schwester, und ich bete jeden Morgen und Abend zu Gott, daß er sie beschützen wolle, da sie in der Gewalt einer bösen Stiefmutter ist.« Der König verlangte hierauf das Bild zu sehen, und konnte nicht müde werden, die Schönheit desselben zu schauen. Er sagte: »Wenn wahr ist, wie du mir sagst, daß das deine Schwester ist, so soll sie meine Königin werden, und du selbst sollst fortziehen, sie zu holen. Wenn du aber gelogen, soll deine Strafe sein, den wil den Thieren in der Löwenhöhle vorgeworfen zu werden.« Der König ließ hierauf ein Schiff auf das prächtigste mit Mannschaft und kostbaren Schätzen ausrüsten, und schickte den Jüngling mit großem Gefolge, seine Schwester zum Königshof zu holen.

Der Jüngling fuhr nun weit über das Meer, und kam zuletzt in sein Land heim. Hier richtete er das Anliegen seines Herrn aus, wie es ihm befohlen worden, und bereitete sich hierauf, zurückzusegeln. Da baten seine Stiefmutter und seine Stiefschwester, daß sie ihn auch auf dem Schiffe begleiten dürften. Der Jüngling war nicht damit einverstanden, und schlug es ihnen ab; Swanhwita aber bat für sie, und so erhielten sie ihren Willen. Als sie nun in die See stachen, und in das wogende Meer gekommen, erhob sich ein heftiger Sturm, so daß das Seevolk glaubte, daß das Fahrzeug und Alles zu Grunde gehen werde. Der Jüngling aber war guten Muthes, und ging auf den Mast hinauf, um zu sehen, ob er nicht Land auf irgend einer Seite erspähen könne. Als er so vom Maste herabschaute, rief er Swanhwita zu, die auf dem Bord des Schiffes stand: »Liebe Schwester! nun sehe ich Land.« Aber es stürmte so sehr, daß die Jungfrau seine Worte nicht hören konnte. Da fragte sie ihre Stiefmutter, was ihr Bruder gesagt hätte. Das falsche Weib entgegnete: »I, er sagt, daß wir nimmer auf Gottes grüne Erde kommen werden, wenn du nicht dein goldenes Kästchen in das tiefe Meer wirfst.« Als Swanhwita dies hörte, that sie, wie man ihr gesagt, und warf ihr goldenes Kästchen in die See. Nach einer Weile rief der Jüngling wieder seiner Schwester zu, die am Bord des Schiffes stand. »Swanhwita! es ist Zeit, daß du dich als Braut schmückst, denn wir kommen bald hin.« Die Jungfrau aber konnte seine Worte wegen des heftigen Sturmes nicht hören. Da fragte sie wieder ihre Stiefmutter, was ihr Bruder gesagt habe. Das falsche Weib sprach: »Je nun, er sagt, daß wir nimmer auf Gottes grüne Erde kommen, wenn du dich nicht selbst in das Meer stürzest.« Dies kam Swanhwita seltsam vor, die böse Stiefmutter aber sprang hinzu, und stieß sie schnell über Bord. Die Jungfrau ward so von den blauen Wogen hinweggeführt, und kam zur Meerfrau, die über Alle herrscht, die auf der See umkommen.

 Als nun der Jüngling vom Maste herabkam, und fragte, ob seine Schwester geschmückt wäre, erzählte die Stiefmutter unter vielen falschen Thränen, daß Swanhwita in die See gefallen sei. Da erschrack der Jüngling und mit ihm das ganze Schiffsvolk, denn sie wußten wol, welche Strafe ihrer wartete, da sie so schlecht die Braut des Königs bewacht hatten. Das falsche Weib aber ersann eine andere List, und sagte, daß sie ihre eigene Tochter als Braut schmücken sollten, so könnte Niemand wissen, da von. Swanhwita fort wäre. Der Jüngling willigte zwar hierzu nicht ein; die Schiffsleute aber fürchteten für ihr Leben, und zwangen ihn, zu thun, wie die Stiefmutter gesagt hatte. Jungfrau Räfrumpa wurde nun auf das allerprächtigste mit rothen Ringen und goldenen Gürteln geschmückt. Dem Jüngling aber war schlimm zu Muthe, und er konnte nicht vergessen, welches Unglück seine rechte Schwester getroffen.

Während dies Alles geschah, landete das Fahrzeug, wo der König mit seinem ganzen Hof auf das prächtigste zum Empfange bereit war.

Dort wurden jetzt kostbare Teppiche ausgebreitet, und die Königsbraut wurde vom Schiffe mit großen Ehrenbezeigungen geholt. Als der König aber Jungfrau Räfrumpa erblickte, und hörte, daß sie seine Braut sein solle, merkte er Unrath, und wurde sehr erzürnt. Er ließ den Jüngling den Thieren in der Löwengrube vorwerfen, er selbst aber wollte sein königliches Wort nicht zurücknehmen, sondern nahm die häßliche Jungfrau zur Gemahlin, und so ward sie Königin statt ihrer Schwester.

Jungfrau Swanhwita besaß einen kleinen Hund, den sie sehr lieb hatte. Er hieß Snöhwit (Schneeweiß). Als nun die Jungfrau fort war, fand sich Niemand, der für das treue Thier sorgte; er ging daher zum Königshof hinauf, und nahm seine Zuflucht in der Küche, wo er sich an die Feuerstätte hinlegte. Abends, als Alle schlafen gegangen waren, bemerkte der Küchenmeister, wie sich die Thür von selbst öffnete, und eine kleine schöne Ente, die mit einer Kette gefesselt war, in die Küche hüpfte. Wo immer der kleine Vogel auf den Boden trat, entsproßten die allerschönsten Rosen. Die Ente aber ging zum Hunde, der in der Herdgrube lag, und sang:

»Du armer kleiner Snöhwit!
Früher lagst du auf blauem seidenen Polster,
Nun liegst du in der grauen Asche.
Mein armer Bruder! er sitzt in der Löwengrube,
Und Jungfrau Räfrumpa, sie schläft in den Armen meines Herrn.«

Die Ente sprach ferner: »Ich Arme! ich komme noch zwei Nächte hieher, sodann sehe ich dich nimmermehr.« Hierauf liebkoste sie den kleinen Hund, und der Hund erwiederte ihre Freundlichkeit. Nach einiger Zeit aber öffnete sich die Thür von selbst, und der kleine Vogel ging seines Weges.

Den andern Morgen, als es tagte, nahm der Küchenmeister einige der schönen Rosen, welche auf den Boden gestreut waren, und legte sie um die Schüssel, die auf den Tisch des Königs gebracht wurde. Der König aber konnte sich nicht genug über die Blumen wundern, und ließ den Küchenmeister rufen, und fragte, woher er so schöne Rosen bekommen. Da erzählte der Koch, was sich Alles zu Nachts ereignet, und was die Ente zu dem kleinen Hunde gesprochen. Als der König dies hörte, ward ihm wunderlich zu Muthe, und er befahl dem Küchenmeister, ihn zu benachrichtigen, wenn der Vogel das nächste Mal sich zeigen sollte.

Die zweite Nacht ging die kleine Ente wieder in die Küche hinauf, und sprach mit ihrem Hunde, wie früher. Da wurde ein Bote an den König gesendet, und er kam gerade, als der Vogel durch die Thüre hinaushüpfte. Aber überall auf dem Küchenboden lagen schöne Rosen, welche einen angenehmen Duft verbreiteten, so daß Niemand etwas dergleichen gesehen.

Der König nahm sich nun vor, daß, wenn der Vogel noch einmal sich zeige, er nicht entkommen dürfe. Er stellte sich daher in der Küche auf die Lauer.

Als er nun lange Zeit geharrt hatte, und es gegen Mitternacht ging, kam der kleine Vogel, wie er es gewohnt war, hüpfte zum Hunde hin, der am Boden lag, und sang:

»Du armer kleiner Snöhwit!
Früher lagst du auf blauem seidenen Polster,
Nun liegst du in der grauen Asche.
Mein armer Bruder! er sitzt in der Löwenhöhle.
Und Jungfrau Räfrumpa, sie schläft in den Armen meines Herrn.«

Dann fügte die Ente hinzu: »Ich Arme! nun sehe ich dich nimmermehr!« Hierauf liebkoste sie den kleinen Hund, und der Hund erwiederte ihre Freundlichkeit. Als nun der Vogel sich entfernen wollte, lief der König herbei, und ergriff ihn am Fuß. Da verwandelte die Ente sich in einen scheußlichen Drachen. Der König aber hielt ihn dennoch fest. Dieser verwandelte sich wieder in Schlangen, Wölfe und andere gefährliche Thiere; aber der König ließ nicht los. Nun riß die Meerfrau stark an ihrer Kette, der König aber hielt fest, und die Kette sprang mit großem Getöse und Rasseln entzwei. In demselben Augenblicke stand eine herrliche Jungfrau vor ihm, weit schöner, als das Bild jenes schönen Weibes, und dankte dem König, daß er sie aus der Gewalt der Meerfrau befreit habe. Da freute sich der König über die Maßen; er preßte die schöne Jungfrau an sein Herz, küßte sie, und sagte: »Dich oder Keine in der Welt, will ich zu meiner Königin haben, und nun sehe ich wol, daß dein Bruder unschuldig war.« Hierauf schickte er sogleich seine Diener zur Löwenhöhle, um zu sehen, ob der Jüngling noch am Leben wäre. Der Jüngling aber saß unversehrt unter den wilden Thieren, und sie hatten ihm keinen Schaden zugefügt. Da freute sich der König, daß Alles so gut abgelaufen. Die beiden Geschwister aber erzählten ihm genau, wie die listige Stiefmutter gegen sie gehandelt. Als es tagte, ließ der König ein großes Gastmahl zubereiten, und lud die vornehmsten Männer in seinem Reiche ein, zum Königshofe zu kommen. Während sie nun Alle zu Tische saßen und fröhlich waren, begann der König die Sage von den beiden Geschwistern zu erzählen, die von ihrer Stiefmutter verrathen wurden; er erzählte aber Alles, wie es sich zugetragen, vom Anfang bis zum Ende. Als die Sage zu Ende war, sahen die Männer des Königs einander an, und Alle meinten, daß es eine unerhörte That wäre. Der König aber wendete sich zu seiner Schwiegermutter, und sagte: »Es ziemt sich, daß mir Jeder meine Sage lohne. Ich wünsche zu wissen, welche Strafe Derjenige verdient, der so unmenschlich ein Leben verrieth.« Das falsche Weib merkte nicht, daß ihr Betrug aufgekommen war, sondern antwortete dreist: »I, der wäre wol werth, im siedenden Blei gekocht zu werden.« Der König wendete sich hierauf zur Jungfrau Räfrumpa, und sagte: »Ich wünsche auch deine Meinung zu hören. Welche Strafe verdient Jener, der so unmenschlich ein Leben verräth?« Die böse Jungfrau entgegnete schnell: »Ei, der wäre wol werth, im siedenden Pech gekocht zu werden.«

Da wurde der König erzürnt, stand vom Tische auf, und sagte: »Ihr habt über euch selbst das Urtheil gefällt; diesem Urtheile sollt ihr auch nicht entgehen.« Er ließ nun die beiden Weiber zu dem Tode führen, den sie selbst bestimmt hatten, und Niemand bat für sie um Gnade, außer Swanwhita. Hierauf feierte der König seine Hochzeit mit der schönen Jungfrau, und Allen dünkte, daß man keine schönere Königin sehen könne. Seine eigene Schwester aber gab er dem tapferen Jüngling, und Freude herrschte am ganzen Königshof, und dort leben sie glücklich noch heut zu Tage.
Fußnoten


Quelle:
Hyltén-Cavallius, Gunnar/Stephens, George: Schwedische Volkssagen und Märchen. Wien: Haas, 1848, S. 164-174.

Quelle:
http://www.zeno.org

 
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