Startseite Märchen Schweden Der Königssohn und die Prinzessin Singorra

Der Königssohn und die Prinzessin Singorra

Aus Schonen.

Es war einmal ein König, der herrschte über ein mächtiges Reich. Er war ein großer Feldherr, und befand sich oft mit seinem Heere auf der See, sowol im Sommer, als im Winter. Es ereignete sich einmal, als der König den Befehl selbst führte, daß sein Schiff mitten auf der hohen See stehen blieb, und weder vor, noch rückwärts gebracht werden konnte. Niemand aber wußte, was das Schiff festhielt. Da ging der König an die Vordersteven hinauf, und sah, wie die Meerfrau auf den Wogen am Schiffsbug saß, und konnte nun wol wissen, daß sie es war, die den Lauf des Fahrzeuges hemmte. Er redete sie nun an, und fragte, was sie wolle. Die Meerfrau antwortete: »Du sollst von hier nie loskommen, außer du versprichst mir das erste lebende Wesen, das dir auf deinem eigenen Strande begegnet.« Als der König nun sich keinen Rath wußte, davon zu kommen, willigte er in die Bedingung der Meerfrau. Sogleich wurde das Schiff wieder flott, der Wind blies in die Segel, und der König hatte einen guten Wind, bis er endlich zu seinem eigenen Lande kam.

Der König hatte einen einzigen Sohn, der fünfzehn Winter alt war, und in jeder Rücksicht ließ dieser nur Gutes hoffen. Der junge Prinz hatte seinen Vater sehr lieb, und sehnte sich sehr nach seiner Heimkunft. Als er nun die Wimpel auf dem Schiffe des Königs sah, das über das Meer segelte, freute er sich sehr, und lief zum Strande hinab, um seinen Vater zu begrüßen.

Als der König aber seinen Sohn erkannte, ward ihm schlimm zu Muthe, denn er erinnerte sich, welches Versprechen er der Meerfrau geleistet. Er wendete daher seine Augen zuerst auf einen Eber, und auf eine Gans, die am Seestrande umherliefen. Hierauf zog er zu seiner Burg hinauf, und gab Befehl, daß der Eber in das Meer geworfen werden solle, wie auch geschah.

Den anderen Tag erhob sich ein heftiger Sturm, die See ging hoch, und der Eber wurde todt dicht bei dem Königshof an den Strand hinausgeworfen. Nun konnte der König wol verstehen, daß die Meerfrau erzürnt war. Er gab sodann Befehl, die Gans in das Meer zu werfen; es ging aber ebenso, der Sturm erhob sich, und die See ging hoch, und die Wogen warfen den Vogel todt an den Strand. Da kam es dem König in den Sinn, daß die Meerfrau seinen einzigen Sohn haben wolle. Der Knabe aber war die größte Freude seines Vaters, so daß der König ihn nicht für die Hälfte seines Reiches verlieren wollte. Obgleich es lange währte, sah zuletzt der König die Wahrheit des alten Sprichwortes ein: »Daß kein Mensch stärker ist, als sein Schicksal.« Denn es ereignete sich eines Tages, daß der Knabe zum Strande hinabging, um mit andern Kindern seines Alters zu spielen. Da erhob sich aus dem Wasser eine schneeweiße Hand mit goldenen Ringen auf jedem Finger. Die weiße Hand faßte den Königssohn, der am Seestrande spielte, und zog ihn mit sich in die blauen Wogen hinab. Der Prinz wurde durch das Meer geführt über viele grüne Wege, und es ließ ihm nicht eher Rast, als bis er zum Hof der Meerfrau kam. Man erzählt aber, daß die Meerfrau ihren Saal tief unten auf dem Meeresgrunde hat, der so schön ist, daß er von Gold und Edelsteinen, sowol von innen, als außen glänzt.

Der Jüngling verweilte nun in der schönen Burg, und traf dort viele andere edle Königskinder. Unter den Mädchen der Meerfrau aber war eine junge Prinzessin, die Singorra hieß. Sie war dort an sieben volle Jahre gewesen, und wußte viele Geheimnisse. Der Königssohn faßte eine heftige Liebe zu der schönen Jungfrau, und sie gelobten sich Treue und Achtung, so lange sie in der Welt leben würden. Eines Tages ließ die Meerfrau den Jüngling rufen, und sagte: »Ich habe wol merken können, daß dein Sinn nach Singorra, meinem Mädchen steht. Nun will ich dir drei Proben auflegen. Wenn du sie vollführst, will ich dir die schöne Jungfrau und Erlaubniß geben, heim zu deinen Verwandten zu ziehen. Wenn du aber nicht thust, was ich dir befehle, sollst du hier bleiben, und mir dein Lebelang dienen.« Der Junge konnte nichts entgegen haben. Die Meerfrau führte ihn hierauf zu einer großen Wiese, welche dicht mit grünem Seegras bewachsen war. Sie sagte: »Dies mag deine erste Probe sein, daß du das Gras mähen, und wieder jeden Halm auf seine Wurzel aufstellen sollst, so daß es üppig wächst, und wie früher gedeiht. Alles aber soll bis zum Abend fertig sein, ehe die Sonne ruht.« So sprechend ging sie ihres Weges, und ließ den Jüngling allein. Der Prinz begann nun zu mähen, und zu mähen, was er nur mähen konnte; es hatte aber nicht lange gedauert, als er wol sehen, und merken konnte, daß er nie seine Probe zu Stande bringen werde. Er setzte sich daher auf die Wiese nieder, und weinte bitterlich.

Als der Jüngling nun so saß, und weinte, kam die schöne Singorra zu ihm gegangen; und fragte, warum er so traurig sei. Der Königssohn antwortete: »Ich kann nichts als weinen. Die Meerfrau hat mir die ganze Wiese zu mähen befohlen, und jeden Halm wieder auf seine Wurzeln zu stellen. Wenn ich es nicht gethan, bis die Sonne in den Wald geht, verliere ich dich und alle anderen Freuden in der Welt.« Die Jungfrau entgegnete: »Ich will dir helfen, wenn du mir immer treu zu bleiben gelobst; denn ich werde dich nie betrügen.« Der Prinz willigte ein, und sagte, daß er sein Versprechen ihr nicht brechen werde. Da faßte Singorra die Sichel, und berührte das Gras; in demselben Augenblicke war die ganze Wiese gemäht, und alle die kleinen Gräser fielen auf einmal zu Boden. Sie berührte dann wieder das Gras, und sieh', da richtete sich jeder Halm auf seiner Wurzel auf, und die Wiese blieb wie früher. Hierauf ging die Prinzessin ihres Weges. Der Junge aber war guten Muthes, trat froh vor seine Herrin, und sagte, daß er das Geschäft beendet, wie sie ihm befohlen.

Den anderen Tag ließ die Meerfrau von Neuem den Jungen rufen, und sagte: »Ich will dir nun eine andere Probe auflegen. In meinem Stall stehen hundert Pferde und er wurde seit Menschengedenken nicht gesäubert. Du sollst nun hingehen, und den Stall säubern. Wenn du es nicht bis gegen Abend gethan, wenn die Sonne ruht will ich fest auf meinem Wort bestehen.« So sprechend ging sie ihres Weges, und ließ den Jungen allein. Als der Prinz aber zum Stalle kam, konnte er wol sehen und merken, daß er nie mit seiner Arbeit zu Stande kommen werde. Er setzte sich daher nieder, stützte die Wange in seine Hand, und weinte bitterlich.

Nachdem er so lange dagesessen hatte, kam die schöne Singorra wie früher gegangen, und fragte, warum er so traurig wäre. Der Königssohn gab zur Antwort:  »Muß ich nicht weinen? Die Meerfrau hat mir befohlen, ihren Stall zu säubern, wenn ich nicht dich und alle anderen Freuden der Welt verlieren will. Der Stall aber soll bis zum Abend gesäubert sein, ehe die Sonne ruht.« Die Jungfrau entgegnete: »Ich will dir helfen, wenn du mir treu zu bleiben gelobst; denn ich werde dich nie betrügen.« Der Prinz bejahte es, und sagte, daß er nie Jemand anderen, als sie lieben werde. Da ging Singorra zur Stallthür hin, faßte eine goldene Peitsche, die an der Wand hing, und schlug das Pferd, das in der untern Ecke stand. Sogleich riß das Pferd sich los, und begann den Boden mit seinen Hufen zu scharren, bis der ganze Stall gesäubert war, so daß alle hundert Füllen wieherten, und vor Freude stampften. Als dies gethan war, ging die Prinzessin ihres Weges; der Jüngling aber war guten Muthes, und trat froh vor seine Herrin, um sie zu benachrichtigen, daß er ihren Auftrag und Befehl vollzogen.

Den dritten Tag ließ die Meerfrau wieder den Königssohn rufen, und sagte: »Ich will dir noch eine Probe auflegen; wenn du auch diese ausführst, will ich fest auf meinem Wort bestehen, das ich gegeben; aber wenn du nicht thust, was ich sage, sollst du hier bleiben, und mir dein Lebelang dienen.« Der Prinz fragte, was seine Herrin wünsche. »Nun denn,« sagte die Meerfrau, »in meinem Stalle sind wol gegen tausend Schweine, und dort wurde an hundert Jahren nicht ausgeschaufelt. Nun sollst du meinen Schweinstall ausschaufeln, und dies soll bis Abend gethan sein, ehe die Sonne untergeht.« So sprechend führte sie den Königssohn zu einem großen Stall, wo mehr Schweine lagen, als Jemand zu zählen vermochte und der Schmutz war zu einem hohen Berg angewachsen, so daß man nur über einen schmalen Steg hinkommen konnte. Hierauf kehrte die Meerfrau zurück, und glaubte sicher zu sein, daß der Jüngling mit seinem Unternehmen nicht zu Stande kommen werde.

Der Königssohn konnte auch nichts Anderes denken, er setzte sich daher nieder, stützte die Wange in seine Hand, und weinte bitterlich.

Als er nun so saß und weinte, kam die schöne Singorra gegangen und fragte, warum er so traurig wäre. Der Prinz antwortete: »Ich kann ja nichts anders, als traurig sein. Die Meerfrau hat mir befohlen, den ganzen Schweinstall zu reinigen. Wenn ich es nicht gethan, ehe es Abend wird, wenn die Sonne untergeht, verliere ich dich, und alle anderen Freuden.« Die Jungfrau erwiederte: »Sei getrost! ich will dir helfen, wenn du mir immer treu zu bleiben gelobst; denn ich werde dich nie betrügen.« Der Königssohn gelobte es, und sagte, daß er sie nie vergessen werde. Da stieg Singorra auf den Schlammhügel, und ging behutsam über den Steg, bis sie zu einem alten grauen Schwein kam, das verdeckt im Schlamme lag. Die Königstochter sang:

»Schwein! Schwein! mache dich rein,

So wirst du frei!«

Kaum aber war das Wort ausgesprochen, so sprang das Schwein auf, fuhr schnell in dem Stalle umher, wühlte mit dem Rüssel und schlug mit den Klauen nach hinten, und kehrte nicht eher zurück, bis der ganze Platz rein war, wie der Boden eines Saales. Hierauf entfloh es, und kam nie mehr wieder. Der Prinz aber war froh, und konnte nicht genug die schöne Jungfrau all ihres Beistandes wegen loben.

Der Königssohn trat nun vor seine Herrin, und sagte, daß er ihr Begehren erfüllt, wie sie befohlen hatte. Da wurde die Meerfrau über die Maßen erzürnt, und dachte, daß sie wol versuchen möge, wer stärker wäre, ihre List, oder das Glück des Jungen. Sie ließ sich nichts merken; am Morgen aber, als die Sonne aufging, rief sie den Jüngling, und sagte, daß er zu ihrer Schwester der Brautsachen wegen gehen solle. Sie gab ihm zugleich eine Schachtel, um die Sachen hineinzulegen, und der Prinz schien wol ihre Absicht merken zu können, daß sie ihn nicht unbeschadet von der Reise zurück erwarte.

Als so die Zeit herankam, daß der Jüngling sich hinwegbegeben sollte, kam die schöne Singorra zu ihm gegangen. Sie sagte: »Ich habe erfahren, daß du zur Schwester der Meerfrau gehen sollst, und wir würden uns vielleicht nie mehr wiedersehen, wenn du nicht thust, was ich dir jetzt sagen will. Hier hast du zwei eiserne Messer, zwei eiserne Aexte, zwei Wollmützen und zwei Kuchen. Die sollst du mit dir nehmen, und unterwegs verschenken, wo du es immer räthlich finden magst. Aber wenn du hinkommst, sollst du genau Acht geben, wohin du dich setzest. Im Saale der Hexe sind fünf Stühle von ungleicher Farbe; wenn du dich auf den weißen Stuhl setzest, versinkst du, und versinkst zuletzt hinab in die Tiefe des Meeres, und kommst nie wieder herauf. Wenn du dich auf den rothen setzest, verbrennst du, verbrennst und wirst nie mehr kalt. Wenn du dich auf den blauen Stuhl setzest, trifft dich der Schlag, und wir sehen uns nie wieder. Wenn du dich auf den gelben setzest, bekommst du die Schwindsucht und zehrst ab, schwindest und wirst nie mehr gesund. Aber auf den schwarzen Stuhl kannst du dich setzen, denn dort bleibst du unbeschädigt.« Sie fügte hinzu: »Hier ist ein seidener Polster, denn sollst du unter die Schlange legen, die sich am Boden des Saales ringelt. Vor Allem aber esse von keiner Speise, denn dann stirbst du, und ich würde dich nie mehr sehen.«

Der Königssohn dankte sehr für diesen guten Rath, nahm Abschied von seiner Liebsten, und es war nicht zu wundern, wenn sie mit großem Schmerz von einan der schieden. Hieraus begann er seine Wanderung, und nichts ist uns von seiner Fahrt erzählt worden, bevor er zu den zwei Männern kam, die beschäftigt waren, Holz zu behauen; sie hatten aber nicht mehr als ein Messer, und dieses war schlecht, denn es war von Holz. Da erinnerte sich der Prinz, was Singorra gesagt hatte, er nahm seine eisernen Messer hervor, und gab sie den beiden Holzhauern.

Der Jüngling ging ein Stück weiter, und kam zu anderen Holzhauern; ihre Arbeit aber ging sehr schlecht von Statten, denn sie hatten nicht mehr als eine Axt, und die war schlecht, denn sie war von Holz. Da erinnerte sich der Prinz des Rathes seiner Liebsten, und schenkte jedem eine eiserne Axt. Hierauf setzte er seinen Weg fort, und kam zu zwei Männern, die am Wege standen, und auf einer Mühle mahlten.

Der Wind aber blies kalt, und die Männer waren mit bloßem Haupte. Da that es dem Prinzen leid um die beiden Männer, und er gab einem jedem eine Wollmütze. Er wanderte so noch eine Weile, und kam zum Gatterthor des Schlosses. Da stürzte ein Wolf und ein Bär hervor, und der Wolf war gefräßig, und der Bär brummte, als wollten sie ihn verschlingen. Der Junge aber war nicht unberathen, er nahm einen Kuchen, brach ihn entzwei, und gab dem Wolfe und dem Bären jedem ein Stück. Die wilden Thiere krochen nun in ihren Käfich zurück, und ließen den Weg frei, so daß der Prinz ohne weiteres Abenteuer in den Hof der Hexe kam.

Als der Junge hineinkam, blieb er vor der Zauberin stehen, grüßte sie von ihrer Schwester, und brachte sein Anliegen vor. Er wurde nun auf das Allerbeste empfangen, und das Weib versprach, zu den Hochzeitssachen beizusteuern, wie verlangt worden. Sie ließ ihm einen weißen Stuhl hinsetzen, und bat den Jungen, sich nach der langen Reise auszuruhen. Der Prinz dachte an Singorra's Rath, und antwortete, daß er nicht müde wäre. Da ließ die Zauberkönigin den rothen Stuhl herbeitragen. Der Junge antwortete, wie früher, daß er stehen wolle. Das Weib ließ hierauf den blauen Stuhl bringen, der Junge aber wollte sich nicht setzen. Gleichfalls nicht auf den gelben Stuhl. Als jedoch die Zauberkönigin von ihrem Begehren nicht abstand, ging der Junge an das Ende des Saales, setzte sich auf den schwarzen Stuhl, und sagte: »Hier denke ich, kann es gut sein, ein wenig zu ruhen.« Das Weib konnte hieraus merken, daß der Prinz auf der Hut sei, und man kann wol denken, daß sie darob nicht freundlicheren Sinnes wurde.

Die Zauberkönigin nahm jetzt eine Wurst hervor, bot sie dem Prinzen zum Essen, und sagte, daß er wol etwas zur Stärkung nach einer so langen Wanderung bedürfe. Der Junge entschuldigte sich, daß er nicht hungrig sei, es half aber nichts, er sollte essen, ob er wolle oder nicht. Das Weib ging hierauf fort, um die Hochzeitssachen zuzubereiten; sie sprach aber zuerst zu ihrer Schlange, die in einer Ecke des Saales lag:

»Schlange mein!
Bewache ihn.«

Als nun der Jüngling allein war, und die Schlange sah, die sich auf dem Boden des Saales krümmte, erinnerte er sich, was Singorra gesagt hatte. Er ging daher zum Unthier hin, strich es mit der Hand, und legte den seidenen Polster unter ihr Haupt, was sich die Schlange wol gefallen ließ. Hierauf schlich sich der Prinz in die Ecke, verbarg die Wurst unter dem Kehrbesen, und ging wieder auf seinen Platz.

Kaum war er hiemit fertig, als die Zauberkönigin wieder hereinkam, und fragte, ob er von der Speise gegessen, die sie ihm gegeben. Der Königssohn bejahte es.

Da sagte die Hexe:

»Würstchen mein!
Wo bist du nun?«

Die Wurst antwortete:

»In der Ecke, bei dem Kehrbesen hier,
In der Ecke bei dem Kehrbesen hier.«

Nun wurde die Hexe sehr übellaunig, holte, die Wurst, und sagte, daß der Prinz sie aufessen solle, bis sie wieder komme. Hierauf ging sie hinaus, sprach aber zuerst zur Schlange:

»Schlange mein!
Bewache ihn!«

Als das Weib fort war, wußte der Prinz keinen Rath, wohin er das häßliche Gericht verbergen solle. Zuletzt fand er ihn, und stopfte sie in die Brust, unter die Kleider. Es hatte nicht lange gedauert, als die Hexe wieder kam, und fragte, ob er sich satt gegessen. Der Junge bejahte es. Da sagte die Hexe:

»Würstchen mein!
Wo bist du jetzt?«

Die Wurst antwortete:

»Hier in der Brust!
Hier in der Brust!«

Nun war das Weib zufrieden gestellt, und entgegnete:

»Bist du in der Brust,
Kommst du bald in die Eingeweide.«

Der Königssohn erhielt hierauf die Schachtel mit den Hochzeitssachen, nahm von der Hexe Abschied, und schickte sich zum Rückweg an. Er war aber kaum in den Hof hinausgekommen, als die Wurst unter seinen Kleidern sich zu bewegen anfing, und sich in einen scheußlichen Drachen verwandelte, der seine Flügel ausbreitete, und hoch zu den Wolken aufflog. Da erschrak der Junge, und er wanderte, so schnell er nur konnte.

Als er zum Gatterthor des Schlosses kam, rief das Weib:

»Bär mein!
Zerreiße ihn in tausend Stücke!«

Sogleich stürzte der Bär hervor, der Junge aber nahm einen halben Kuchen, und warf ihn dem Thier in den Rachen. Da sagte der Bär:

»Hungrig war ich,
Nun bin ich satt!«

und lief zurück in seine Höhle. Der Junge aber setzte seinen Weg fort, und kam zum Wolf. Da rief die Hexe:

»Wolf mein!
Zerreiße ihn in tausend Stücke!«

Schnell stürzte der Wolf hervor, und er war sehr gefräßig; der Königssohn aber nahm den halben Kuchen, und warf ihn in seinen Rachen. Der Wolf ging in sein Versteck zurück, und sagte:

»Hungrig war ich,
Nun bin ich satt.«

Nun schien es dem Königssohn kaum rathsam, zu zaudern. Er nahm daher Reißaus, so schnell er konnte, und kam zu den beiden Männern, die auf der Mühle mahlten.

Da rief die Hexe:

»Ihr Müller zwei,
Mahlt ihn in tausend Stücke.«

Als die Müller aber sahen, wer es war, wollten sie ihm keinen Schaden zufügen, sondern sagten: »Wir wollen ihm nicht schaden, und Gutes mit Bösem vergelten. Er hat uns Wollmützen gegeben, früher standen wir mit bloßem Haupte.« Sie fuhren fort, ohne Aufenthalt zu mahlen. Der Junge aber lief den Weg weiter, und kam zu den Männern, die Holz fällten. Da rief das Weib:

»Ihr Holzhauer zwei!
Haut ihn in tausend Stücke.«

Als aber die Holzhauer sahen, wer es war, wollten sie ihm keinen Schaden zufügen, sondern sagten: »Wir wollen ihm nicht schaden, und Gutes mit Bösem vergelten. Früher behauten wir mit hölzernen Messern, er hat uns eiserne Messer gegeben.« Sie gingen wieder an ihre Arbeit, der Königssohn aber eilte hinweg, und kam zu den Männern, die Holz fällten. Da rief die Hexe auch:

»Ihr Holzhauer zwei!
Haut ihn in tausend Stücke.«

Als aber die Holzhauer sahen, wer es war, wollten sie ihm keinen Schaden zufügen, sondern sagten: »Wir wollen ihm nicht schaden, und Böses mit Gutem vergelten. Früher hatten wir Aexte von Holz, er hat uns Aexte von Eisen gegeben.« Die Männer begannen nun, wie früher zu hauen, der Königssohn aber lief seinen Weg weiter, und blieb nicht früher stehen, als bis er wieder zum Hofe der Meerfrau kam.

Der Junge ging nun zu seiner Herrin, gab ihr die Hochzeitssachen, und gab von seiner Sendung Rechenschaft. Als ihn jetzt die Meerfrau wohlbehalten sah, verwunderte sie sich sehr, und man kann wol denken, daß sie zürnte. Da kam die schöne Singorra zu dem Prinzen gegangen, grüßte sehr holdselig, und sagte: »Nun ist das Weib zornig, und wir müssen schnell entfliehen, wenn uns das Leben lieb ist.« Der Prinz entgegnete: »Wie soll das zugehen? Nie kommen wir aus dem Hofe der Meerfrau ohne ihrem guten Willen.« Die Jungfrau entgegnete: »Sei getrost, ich werde Rath finden, wenn du versprichst, mir immer treu zu bleiben, denn ich werde dich nie hintergehen.« Der Königssohn versicherte wieder, daß er nie Jemand in der Welt lieben werde, außer ihr. Da sagte Singorra: »Geh hinab zum Stalle, und lege den Goldsattel auf den schwarzen Hengst; lege aber den Silbersattel auf die schwarze Stute. Um Mitternacht fahren wir von hinnen.« Der Prinz that, wie die Königstochter gesagt hatte, ging hinab zum Stalle, legte den Goldsattel auf den schwarzen Zelter, und den Silbersattel auf die schwarze Stutte. Singorra aber ging in das Frauengemach, wickelte die Lappen zusammen, und machte drei kleine Docken, welche sie aufstellte, eine in das Bett, eine mitten auf den Boden und eine in die Ecke. Hierauf schnitt sie sich in den linken kleinen Finger, ließ einen Blutstropfen auf jede Docke fallen, und sagte: »Ihr sollt für mich antworten, wenn ich fort bin.«

Als es Mitternacht war, schlichen die Königskinder zum Stalle hinab, setzten sich auf ihre Zelter, und entflohen aus dem Hofe der Meerfrau. Sie ritten so die ganze Nacht, ohne daß irgend Jemand von ihrer Fahrt wußte. Als es aber gegen Morgen kam, und die Hähne zu krähen begannen, erwachte die Meerfrau im Frauengemach, und rief:

»Singorra mein!
Schläfst du noch?«

»Nein, Frau!« antwortete die Docke, die an den Pfeilern des Bettes stand. Es dauerte so eine Weile, und die Meerfrau rief wieder:

»Singorra mein!
Was thust du nun?«

»Ich mache Feuer, Frau!« antwortete die andere Docke, die auf der Decke des Bodens stand.

Es verging so eine Weile, und das Weib rief das dritte Mal:

»Singorra mein!
Brennt es noch?«

»Ja wol, Frau,« entgegnete die dritte Docke, die in der Ecke stand. Als es aber tagte, kam die Meerfrau selbst in Singorra's Gemach gegangen, und man kann wol denken, daß sie nicht ruhig blieb, als sie das Zimmer leer, und Niemand als die Docken darin fand, die auf dem Boden standen, und hinstarrten. Sie lief zum Stalle hinab, um nach ihrem Füllen zu sehen; sie fand aber auch dort keinen Trost, denn der schwarze Zelter war fort, die schwarze Stute war fort, und das Weib konnte wol erkennen, daß die Königskinder entflohen waren. Die Meerfrau zürnte nun über die Maßen, und nahm sich vor, die beiden Flüchtlinge dafür zu züchtigen. Sie rief daher ihren Knecht und sagte: »Beeile dich, und sattle meinen eigenen Bock, der hundert Meilen lauft! Reite fort, und fange sowol Klein, als Groß.« Der Knecht war sogleich bereit, sattelte den Bock des Weibes, setzte sich auf seinen Rücken, und fuhr davon, wie wenn der Wind über die Wogen spielt. Als nun Singorra das Getöse und den Lärmen hinter sich hörte, konnte sie wol merken, wer unterwegs war. Sie wendete sich daher zum Königssohn, und sagte: »Hörst du es sausen? Nun ist es Noth, auf der Hut zu sein. Der Bock der Meerfrau ist aus, und trabt daher.« Sie verwandelte sich selbst und ihren Bräutigam in zwei kleine Ratten, die am Wege sprangen, und spielten. Kaum war dies geschehen, als der Knecht der Meerfrau durch die Luft gefahren kam, so daß es um ihn saus'te. Als er nun die beiden Ratten sah, dachte er bei sich, die können es wol nicht sein, meine Herrin meinte. Er ritt seines Weges weiter, und kehrte zurück, ohne irgend Etwas zu finden. Als er nun heim kam, stand die Meerfrau außen auf ihrem Hof, und fragte: »Nun, hast du sie gesehen?« – »Nein,« sagte der Knecht, »ich sah Nichts, blos ein paar kleine Ratten, die am Wege spielten.« – »Die hättest du nehmen sollen, sagte die Meerfrau, und war sehr zornig. Kehre nun zurück, und fange sowol Klein als Groß.«

Der Knecht stieg wieder auf den schnellfüßigen Bock, und fuhr wie der Wind dahin. Als aber Singorra das Geräusch, und den Lärmen hinter sich hörte, sagte sie zu ihrem Begleiter: »Hörst du, wie es saus't? Nun heißt's auf der Hut sein; denn der Bock der Meerfrau ist aus und trabt daher.« Sie verwandelte hierauf sich selbst und ihren Liebsten in zwei kleine Vögel, die in der Luft auf und nieder flogen. Als dies geschehen, kam der Knecht auf seinem Bock geritten, und fuhr wie der Blitz herbei. Als er nun die beiden Vögel sah, die in der Luft flogen, dachte er bei sich, die können es doch nicht sein, die meine Herrin meinte. Er ritt so weiter, und kehrte zuletzt zurück, ohne daß er Jemand gefunden hatte.

Als er nun heim kam, stand die Meerfrau auf ihrem Hof, und fragte: »Nun, hast du sie gesehen?« – »Nein,« antwortete der Knecht, »ich sah Nichts, außer zwei kleinen Vögeln, die in der Luft flatterten.« – »Gerade die hättest du nehmen sollen,« sagte die Meerfrau, und war sehr erzürnt. »Kehre nun zurück, und fange sowol Klein als Groß.«

Der Knecht stieg wieder auf den schnellfüßigen Bock und fuhr dahin, wie ein Gedanke. Als Singorra aber das Getöse und den Lärmen hinter sich hörte, sagte sie zum Königssohn: »Hörst du, wie es saus't? Nun heißt's auf der Hut sein. Der Bock der Meerfrau ist aus, und trabt daher.« Sie verwandelte sich selbst hierauf und ihren Herzliebsten in zwei Bäume, die am Wege standen. Die Bäume hatten aber keine Wurzeln. Kaum war es geschehen, als der Knecht auf seinem Bock geritten kam, und daher fuhr, daß es in der Luft saus'te. Als er nun die beiden Bäume sah, dachte er bei sich, die können es wol nicht sein, die meine Herrin meinte. Er ritt so vorbei, und kehrte zuletzt unverrichteter Sache wieder heim. Als er nun heim kam, stand die Meerfrau außen auf ihrem Hof, und fragte: »Nun, hast du sie gesehen?« – »Nein,« antwortete der Knecht »ich sah Nichts, außer zwei Bäumen, die am Wege standen.« – »Gerade die hättest du nehmen sollen,« sagte die Meerfrau. »Befahl ich nicht, du solltest sowol Groß als Klein fangen?« Das Weib war nun über die Maßen erzürnt, und begab sich selbst auf den Weg, den Flüchtlingen nachzujagen. Singorra aber hatte Zeit gewonnen, und als die Meerfrau hinkam, waren die Königskinder schon über die Landgrenze, wo sie keine weitere Macht über sie hatte.

Der Königssohn und die schöne Singorra setzten nun ihren Weg fort, und kamen aus dem Meere heraus, nicht weit vom Königshofe. Als der Junge den Hof seines Vaters wieder erkannte, fühlte er eine große Lust hinzugehen, und zu sehen, wie es seinen Verwandten ging, ob sie noch am Leben waren.

Singorra stemmte sich wol mit aller Macht dagegen, denn sie konnte voraussehen, wie Alles enden werde; der Prinz aber bat so schön, so daß sie zuletzt seinen Bitten nicht widerstehen konnte. Da wurde bestimmt, daß der Königssohn zum Königshof hinaufgehen sollte. Singorra aber blieb zurück, und erwartete seine Rückkunft. Als nun die Königskinder schieden, sagte die Prinzessin: »Eines sollst du mir für all' die Liebe und Treue versprechen, die ich dir erwiesen. Du sprichst mit Niemanden am Hofe deines Vaters, denn dann vergißt du dein Wort und Versprechen, das du mir gegeben.« Der Prinz willigte ein, und fuhr hierauf seines Weges. Die Königstochter aber setzte sich am Wege nieder, und weinte, denn es schien ihr schwer, ihn zu verlieren, da sie ihn mehr als alle Anderen in der Welt liebte.

Als nun der Junge in den Hof seines Vaters ritt, herrschte große Freude unter allen seinen Verwandten, und sie gingen ihm lustig und fröhlich entgegen. Der Prinz aber war wunderlichen Sinnes, und wollte weder sprechen, noch antworten, sondern bereitete sich sogleich wieder fortzureiten. Dieses kam seinen Verwandten seltsam vor, sie konnten ihn aber nicht aufhalten. Als der Prinz durch das Gitterthor der Burg reiten sollte, kamen die Hofhunde, und stürzten auf ihn zu, und bellten laut. Da vergaß der Junge sein Versprechen, und rief: »Huß! Huß!« In demselben Augenblicke aber verwandelte sich sein ganzer Sinn, so daß er seine Liebste und alles Andere vergaß, und das Vergangene schien ihm nicht anders, als wie ein schwerer Traum. Er kehrte wieder zu seinen Verwandten zurück, und wurde von Allen sehr herzlich empfangen. Und es herrschte Freude am Hofe des Königs, ja im ganzen Reich, daß der König seinen einzigen Sohn wieder gefunden hatte, der so lange fortgewesen.

Nun wollen wir zurückkehren und sehen, wie es Singorra erging, die dort saß, und auf ihren Bräutigam wartete. Sie wartete, und wartete. Niemand aber hörte von dem Königssohn. Da konnte die Jungfrau wol verstehen, wie Alles abgelaufen war. Sie wurde daher sehr betrübt, ging vom Wege hinab, setzte sich an eine kleine Quelle und weinte. Als es gegen Morgen kam, und die Sonne aufging, kam ein junges Mädchen daher gegangen, um Wasser zu holen. Als sie sich nun niederneigte, und das Bild der schönen Singorra in der Quelle sah, wurde sie sehr erfreut, und konnte nichts Anderes glauben, als daß es ihr eigenes Antlitz war, was sie sah. Das Mädchen schlug die Hände zusammen, und sagte: »Wie bin ich so schön geworden! Da schickt es sich nicht länger mehr, in der Stube bei meinem blinden Vater zu sitzen.« Mit diesen Worten ließ sie ihren Krug stehen, und lief ihres Weges. Singorra aber nahm den Krug voll mit Wasser, ging in die Stube zu dem blinden Mann hinauf, und sorgte für ihn so gut, als wenn es ihr Vater gewesen. Der Greis konnte nichts Anderes glauben, als daß es seine eigene Tochter war, obschon es ihm wunderlich erschien, daß sie so schnell anderen Sinnes geworden.

Während dem verbreitete sich in der ganzen Gegend ein großes Gerücht von der Tochter des blinden Greises, daß sie so schön wäre, daß kein schöneres Weib gefunden werden könne. Dieses kam auch den Hofmännern am Königshofe zu Ohren, und sie nahmen sich vor, zu prüfen, ob es wahr wäre, wie man sagte, daß das junge Mädchen eben so stolz als schön sei. Sie kamen überein, daß Einer nach dem Andern um ihre Gunst sich bewerben solle, und meinten, daß sich zuletzt der alte Spruch bewähren würde: »Niemand ist so spröde, daß er nicht besiegt werden könne.«

Nach einiger Zeit nun sollte der erste Hofmann sein Glück versuchen. Er begab sich daher zur Hütte des Greises, setzte sich, um mit der schönen Jungfrau zu plaudern, und half ihr bei ihren Arbeiten, wie junge Männer gewohnt sind. Als es nun spät wurde, und die Leute sich zur Ruhe begaben, wollte der Hofmann nicht seines Weges gehen, sondern bat, über Nacht hier bleiben zu dürfen. Singorra sagte, daß sie nichts dagegen habe. Dabei rief sie aus: »Ach! es ist wahr, ich vergaß das Fenster zu schließen, und es wird so kalt des Nachts.« Sogleich war der Hofmann bereit, und erbot sich, statt ihr zu gehen. Die Jungfrau dankte, und sagte: »Sag mir, wenn du die Fensterstange hältst.« – »So, nun halte ich,« antwortete der Hofmann. Da rief die Prinzessin:

»Das Fenster halte den Mann, und der Mann halte das Fenster, bis es heller Tag wird.«

Der Hofmann blieb nun fest gebannt, und konnte nicht vorwärts noch rückwärts gehen, sondern stand bei der Fensterstange, und wartete die ganze Nacht hindurch. Als es tagte, ward er wieder frei, und schlich beschämt heim zum Königshof. Es ist aber nicht zu wundern, daß er nicht erzählen wollte, wie schimpflich sein Abenteuer abgelaufen.

Den nächsten Abend sollte der andere Hofmann sich dahin begeben, und sein Glück versuchen. Er ging daher zur Hütte des Greises, setzte sich zu der jungen Maid, und sprach so schön, wie junge Männer gewohnt sind. Als es nun spät wurde, und die Leute zu Bette gingen, wollte der Hofmann nicht seines Weges gehen, sondern bat, hier über Nacht bleiben zu dürfen. Die Jungfrau erfüllte sein Begehren, und stellte sich sehr freundlich. Auf einmal rief sie aus: »Ach! es ist wahr, ich vergaß die Thür zuzuschließen, und es wird Nachts so kalt.« Sogleich war der Hofmann bereit, und erbot sich, es statt ihr zu thun. Die Jungfrau dankte und sagte: »Sag' mir, wenn du sie in's Schloß wirfst.« – »So, nun thue ich es,« antwortete der Hofmann. Da rief die Prinzessin:

»Die Thür halte den Mann, und der Mann halte die Thür, bis es heller Tag wird.«

Der Hofmann blieb nun an die Thür gebannt, und stand dort, und weilte, bis es Tag wurde. Da wurde er zuletzt frei, und schlich beschämt zum Königshof heim. Aber er hütete sich sehr, Jemanden zu erzählen, welches Abenteuer er Nachts bestanden.

Den dritten Abend sollte der letzte Hofmann hingehen, und sein Glück versuchen. Er ging daher fort, zur Hütte des Greises, setzte sich zu der jungen Maid, und pries ihre Schönheit, wie die Weiber es gerne hören, wenn man ihre Schönheit lobt. Die Königstochter litt gerne dieses Geplauder, und stellte sich sehr freundlich. Als es nun spät wurde, und die Leute sich niederlegen sollten, wollte der Hofmann nicht fortgehen, sondern bat, bei dem jungen Mädchen bleiben zu können. Singorra genehmigte seine Bitte. Auf einmal rief sie aus: »Ach! nun erinnere ich mich, daß ich das Kalb nicht eingesperrt habe, und ich darf es nicht unterlassen.« Der Hofmann war sogleich bereit, und erbot sich, es statt ihr zu thun. Die Maid dankte und sagte: »Das Kalb ist schwer zu fangen, sag' mir, wenn du es fest hältst.«

»So, nun habe ich es,« antwortete der Hofmann, und faßte das Kalb am Schwanze. Da rief die Prinzessin:

»Das Kalb halte den Mann, und der Mann halte das Kalb, und es springe über Berge, und springe über Thäler, bis es heller Tag wird.« Nun entstand eine lustige Fahrt, denn das Kalb sprang über Berg und Thal, und der Hofmann sprang nach, mit den Händen den Schweif des Kalbes festhaltend. Sie liefen so die ganze Nacht hindurch, bis die Sonne aufging, da aber war der Hofmann so müde, daß er kaum sich zu bewegen vermochte.

Er kehrte nun wieder zum Königshof zurück, und glaubte, daß es ihm nicht zur Ehre gereiche, Jemanden zu erzählen, wie sein Abenteuer abgelaufen. Während sich dieses zugetragen, gingen der König und die Königin mit einander zu Rathe, den Prinzen zu verheiraten. Der Junge kam auch hierin ihrem Willen nach, fuhr in das fremde Land fort, und freite eine schöne Königstochter. Hierauf wurde die Hochzeit veranstaltet, und Alles war am ganzen Königshofe lustig und fröhlich. Es ereignete sich eines Tages, daß der Prinz mit seiner jungen Braut ausfuhr, und zur Hütte kam, wo Singorra bei dem blinden Greise saß. Als sie nun vorbeifahren sollten, wurden die Pferde ungestüm, brachen die Deichselstange ab, zerschlugen den Wagen, und liefen davon, so daß Keiner sie festhalten konnte. Daraus entstand die Verlegenheit, wie die zwei jungen Leute wieder zum Königshof heimkommen sollten. Da sprachen die drei Hofleute miteinander, und der Eine nahm das Wort: »Wol weiß ich, daß wir hier eine neue Deichselstange bekommen werden. In dieser Hütte wohnt ein Mädchen. Von ihr will ich die Fensterstange ausleihen, die auf dem Dache ist, ich bin gewiß, daß sie zur Deichsel des Wagens taugt.« Der andere Hofmann sagte: »Ich weiß auch, wie wir den Wagen ausbessern können. Von dem Mädchen will die Stubenthür ausleihen, ich bin gewiß, daß sie paßt.« Der dritte Hofmann sagte: »Das Aergste ist, die Pferde herbeizuschaffen. Aber von dem Mädchen will ich das Kalb ausleihen, ich weiß gewiß, daß es den ganzen Wagen ziehen kann, wäre er noch so schwer.« Als nun kein anderer Rath war, schickte der Königssohn den Boten zu dem Mädchen und bat, die Fensterstange, die Stubenthür, und das Kalb zu leihen. Hierein willigte die Maid vom Herzen gerne, so wie auch in die Bedingung, daß sie zu der Hochzeit des Prinzen kommen solle, wie er verlangte. Die Fensterstange wurde nun als Wagendeichsel genommen, und paßte vollkommen, die Stubenthüre wurde in den Wagen gelegt, und paßte gleichfalls. Hierauf wurde das Kalb vor das Fahrzeug gespannt, und so fuhren der Prinz und seine junge Braut zum Königshofe lustig und fröhlich heim.

Als nun der Hochzeitstag da war, kleidete sich Singorra in ein mit Seide ausgenähtes Kleid, schmückte sich mit kostbarem Schmuck, und ging zum Königshof hin. Ihr Rock aber glänzte von rothem Gold in jeder Falte, und sie selbst war so schön, daß Alle sich darüber wunderten, und dachten, daß sie eine Königstochter sein müsse. Hierauf setzten sich die Hochzeitsgäste zu Tische, und Alle schauten auf die fremde Maid, was sie vornehmen werde. Nach einer Weile nahm Singorra eine kleine Schachtel hervor; in der Schachtel waren drei kleine Vögel, und drei kleine Goldkörner, und als die Jungfrau den Deckel  öffnete, hüpften die Vögel heraus, und flogen mitten über den Tisch, dorthin, wo der Bräutigam saß. Sie hatten aber jeder ein Goldkorn im Schnabel, außer dem dritten Vogel, der sein Korn vergessen hatte. Da sagten die Vögel: »Sieh! nun hast du dein Goldkorn vergessen, wie der Königssohn Singorra vergaß.« In demselben Augenblicke wurde es dem Prinzen hell vor den Augen, und er erinnerte sich, wie er gegen seine Liebste Treue und Ehre gebrochen. Er sprang vom Tische auf, schloß die schöne Singorra an die Brust, und sagte: »Dich oder Keine will ich in der Welt haben, denn du bist meine rechte Braut.« Da entstand großer Lärm im Saale, und die Gäste sahen einander mit Verwunderung an. Da nahm der Bräutigam das Wort, und erzählte, wie sich Alles zugetragen, von dem Tage an, als er zur Meerfrau kam, und welche große Zuneigung ihm das junge Mädchen stets bewiesen. Hierauf wurde die fremde Prinzessin zu ihrem Vater mit großem Gefolge und allen anderen Ehrenbezeigungen zurückgeschickt.

Der Königssohn aber feierte seine Hochzeit mit der schönen Singorra, und die Hochzeit dauerte wol an sieben Tage, und wenn sie nicht zu Ende ist, dauert sie noch heutigen Tages.

Quelle:
Hyltén-Cavallius, Gunnar/Stephens, George: Schwedische Volkssagen und Märchen. Wien: Haas, 1848, S. 274-299.

Quelle:
http://www.zeno.org

 
translate
Bookmarks
Top Listen
Bilder aus der Galerie
Es sind keine Bilder in der Galerie vorhanden, die angezeigt werden können.
Galerie Statistik
  • Anzahl Bilder   558
  • Zugriffe   385077
Umfrage
Wie gefällt Euch das neue Design der Seite?