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Melusine - Paul Heyse

Melusine

Und schau' ich fremd und seltsam drein,
Mußt doch mein treuer Liebster sein.
Ist nicht meine Schuld, ist nur mein Schmerz,
Deine Lieb allein schafft mir ein Herz.

Bist du bei mir, deine Hand mich kost,
Kommt's über mich wie Himmelstrost.
Nur manchmal bricht's durch Glück und Ruh:
Die Melusine herzest du!

Doch wenn du gingst – mir friert der Leib,
Bin wieder ein elend Nixenweib.
Mir sagen die blutigen Tränen nur,
Daß ich von Einem Liebes erfuhr!

– Ich bin ja dein, ich bin ja jung,
Zu jedem Wagen kühn genung.
O glaub an mich! O sag mir an,
Wie ich den Zauber brechen kann! –

– Ist's nicht genug der Himmelslust,
Ein Weib zu sein an deiner Brust?
Den Zauber bricht der Tod allein.
Komm! laß uns lachen und selig sein!


Zwischen Nacht und frühem Tag
Zu mir kamen die bösen Träume,
Böse Träume, süße Träume,
Da ich wach und wehrlos lag.

Rissen der Liebe wild und zag
Allen Schleiertrug herunter.
Glut ging auf – ach, Ruh' ging unter
Zwischen Nacht und frühem Tag!


Gedenkst du noch der Zeit,
Da wir uns alles waren?
Die liegt so weit, so weit!

Ich noch so unerfahren,
Du schon durch Leid gereift,
Todmüd in jungen Jahren.

Lang war ich umgeschweift,
Doch gleich in deinem Banne,
Als mich dein Blick gestreift.

O Lieb', in kurzer Spanne
Schufst du das Weib zum Kind,
Den jungen Fant zum Manne.

Es kam ein Wirbelwind
Und fuhr in unsre Flammen –
O Wonnen kurz und blind!

So standen wir beisammen,
Von Reue nicht geschreckt,
Noch von der Welt Verdammen.

Was ward in uns geweckt,
Das unsre Seelenbrände
Mit eis'gen Schauern deckt'?

Ist's möglich? So zu Ende,
Was kaum noch so begann?
Kein Wort? kein Druck der Hände?

Und Jahr um Jahr verrann
Wie unter Eiseshülle,
Was auch die Parze spann.

Wie hast du nur so stille
Die Zeiten durchgeharrt?
War's Schicksal? war's dein Wille?

Kein Hauch der Gegenwart
Von mir zu dir, wenn selten
Genannt dein Name ward.

Zwei ferne, fremde Welten
All unser Freud' und Leid,
Die einst so nah gesellten –

Gedenkst du noch der Zeit?

Zu deinen Augen der Weg wie weit,
Zu deinem Herzen der Pfad verschneit,
Nur seltne Gedanken zu dir gehn,

Ihre Spuren im stäubenden Schnee verwehn,
Und die Glut ward kalt,
Wie ein Hirtenfeuer im Wald,

Die einst so hoch zu lodern sich erkühnt.
Und wenn's dem Schnee zu Füßen grünt,
Wenn neuer Frühling mich umwittert,

Ein weicher Tau an meiner Wimper zittert,
Es grünt nicht dir, es taut nicht dir,
Weit, weit entfremdet wardst du mir.

Nur nächtens manch ein traurig Mal
Lawinen sendest du zu Tal
Und willst verheeren, was dir entrückt,

Und willst zerstören, was mich beglückt.
Ich aber geb' in freudigem Mut
Meinen jungen Lenz in der Liebe Hut.

Paul Heyse: Gesammelte Werke, 3 Reihen in 15 Bänden, Reihe 1, Band 5, Stuttgart 1924, S. 160-163.

Quelle:
http://www.zeno.org

 
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