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Die Jungfrau auf Pärenstein

Auf Pärenstein oder Bärenstein, einer Burg in Mähren, wandelt seit undenklichen Zeiten der Geist einer Jungfrau. Sie trägt ein weißes Gewand und ein Gebund Schlüssel. So geht sie von Gemach zu Gemach, durch Hof und Hallen, auch bisweilen außerhalb erblickt man sie. Ihr langes Haar sieht man über ihr Gesicht hängen, und sie streicht es mit silbernem Kamm. Niemandem thut sie ein Leides, vielmehr neigt sie freundlich grüßend das Haupt, spricht aber dabei kein Wort.

Als die Burg noch bewohnt war, hatte ein Lanzknecht vom Hausgesinde von dieser Erscheinung des wandelnden Schloßfräuleins vernommen, welche die Genossen des Hauses fürchteten und scheu verehrten. Der rohe Mensch aber vermaß sich mit einem Schwur, wenn er nur einmal die Jungfrau sähe, so wolle er ihr gewiß einen Kuß auf den Mund drücken.

Ein alter Knappe strafte ihn mit ernsten Worten ob solcher Vermessenheit, aber er verlachte die Warnung, und wiederholte den Schwur.

Bald darauf ließ sich die Erscheinung sehen. Alle zagten, der kecke Knecht aber stürzte auf sie zu, umfing sie und küßte sie.

Staunend sahen es die Kameraden. Die Jungfrau wehrte ihn nicht ab, sie schlang ihre Arme um ihn, drückte ihn an ihre Brust, so fest, o so fest, und zerfloß in Duft, und der Knecht stürzte todt zu Boden.

Die Erscheinung hatte ihm die Seele aus dem Leibe gedrückt.

Quelle:
Bechstein, Ludwig: Die Volkssagen, Mährchen und Legenden des Kaiserstaates Oesterreich. 1. Band, Leipzig: B. Polet, 1840, S. 140-141.

 
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