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Die Fee im Walde

Die Fee im Walde

Traurig unter grünen Buchen,
Auf dem Stiel von einem Farnkraut
Saß der Held, Don Tulifäntchen.
Nachgedankenvoll daneben
Stand der Schimmel, der loyale,
Stand der treue Zuckladoro.
Über Tulifäntchens Gramhaupt
Hing sein ritterlich Gewaffen
An der Binse schwankem Ästlein,
Hing der starke Silberlingsschild,
Hing das blanke Federklingschwert,
Müßig, angegelbt vom Roste.

In den Sand schrieb Tulifäntchen
Mit dem Fuße Zeichen, trübe,
Und der Schimmel hing die Ohren.
Beiden schwoll der tapfre Busen
Von herzkränkender Empfindung.
Aber, was verdroß den Helden?
Was hat ihm den Mut verdüstert?
Weißt du es, so sag es, Muse.
Doch sie schüttelt eigensinnig
Ihr ambrosisch Haupt, so spricht sie:
»Wenn der Dichter sich verfahren,
Und der Wagen steckt im Moore,
Soll'n wir Götter Vorspann geben.
Nein, mein Freund, nun hilf dir selber,
Frag den Helden, was ihn schmerzet?
Schaff den Rat, du schufst die Sorge,
Mir gilt's gleich, wenn Tulifäntchen
Ewig sitzen bleibt im Walde,
Und am schwanken Binsenaste
Schwertlein, Schildelein verrostet.«

Eigensinn'ge Göttin, böse!
Ja, ich helf', ich helf' mir selber. –
Alte, die du dort das Reisig
Suchst im Wald mit Mühe, keichend,
Alte, komm, sei du die Muse,
Führe du das Epos weiter!

Trippelnd trat die Alte, hüstelnd
Zu dem Helden, dem betrübten,
Setzte sich aufs Bündel Reisig,
Das sie las im Wald und sagte:
»Held, warum so hypochondrisch?
Ward dir deine Liebste untreu?
Sprang dein Schild? Zerbrach das Schwertlein?
Lahmt dein unvergleichlich Kampfroß?«

Sprach der Held, Don Tulifäntchen:
»Schimmel geht noch Schaukelpaßgang,
Schwert und Schild hängt heil am Aste,
Keine Liebste ward mir untreu,
Denn mir fehlt der Schatz bis jetzo,
Doch verstimmt und höchst verdrießlich
Ist der Sohn Don Tulifants.«

Ihm versetzte drauf die Alte
Hüstelnd auf dem Bündel Reisig:
»Jene drei erwähnten Dinge,
Waffenschaden, Damenuntreu,
Spat am Schlachtroß, sind die einz'gen,
Die mit Recht in Trübsal dürfen
Stürzen einen tapfern Degen.«

Schüttelnd drauf sein kleines Häuptlein,
Sprach der Held, Don Tulifäntchen –
(Schimmel, der ihm alles nachmacht,
Hat gleichfalls den Kopf geschüttelt) –
»Noch ein viertes Ding wohl gibt es,
Schwerer als die drei, das schwerste
Für ein adliges Gemüte.
Kennst du überseh'ne Helden?
Ich bin so ein Überseh'ner!

Eine Welt in meinem Busen,
Eine Welt von kühnem Tatdrang,
Werd' ich ganz und gar verachtet!
Schon drei Tage lagr' ich stillwild
Vor dem Schlosse von Brambambra,
Schon drei Tage klopf' ich trutzvoll
An die eh'rne Flügelpforte,
Schon drei Tage fordr' ich schlachtheiß
Meinen Gegner Schlagadodro
Mir herab auf Schwerteskampfstreich;
Doch mein Lagern, doch mein Klopfen,
Doch mein wildes, zorn'ges Fordern
Ist vergebens, nicht bemerkt er's.
Seine Augen übersehn mich,
Seine großen Ohren hören
Nicht mein Dringen, Zürnen, Schelten.
Vor dem Baum, dem Bauer, Schäfer,
Vor der Luft und vor der Sonne
Werd' ich, wehe mir! zum Spotte.
Ungerächt bleibt Fis von Quinten,
Ungerettet Balsamine,
Wie besteh' ich vor der Kön'gin?
Meine Bahn ist aus. Der Stern fiel
Meines Glückes in den Abgrund!
Wär' ich ein'ge Ellen länger!
Ich verfluche meine Kleinheit.«
Sprach's, und in dem Auge glänzt' ihm
Schwer und heiß die helle Zähre.

Und die Alte nahm ihn sänftlich
Auf den Schoß, strich ihm die Wangen,
Strich die weichen, blonden Haare.
Schimmel sank auf beide Kniee,
Wollte seinen Herren trösten,
Leckte mit der Zung', der breiten,
Über Kopf und Brust und Beine,
Hätt' ihn fast dabei verschlungen.

Und es sprach die Alte hüstelnd,
Sitzend auf dem Bündel Reisig:
»Sohn, beruh'ge dich! Beruh'ge
Dein geliebtes Herz, sei heiter!
Sieh, ich sage dir: Zur Stunde
Fällt von deiner Faust Brambambra,
Und dem Riesen und den funfzig
Mohren bringt der Sturz den Garaus.«

Sprach der Held, Don Tulifäntchen:
»Willst du meiner spotten, Mutter?
Kannst du machen lang die Kürze?«

Darauf sprach die Alte hüstelnd,
Sitzend auf dem Bündel Reisig:
»Nicht will deiner spotten, Sohn, ich,
Nicht verlängr' ich deine Kürze.
Horche zu. Ein groß Geheimnis
Künd' ich dir; faß meine Worte.«

Tulifäntchen sah ins Aug' ihr,
Welches glüht' in Purpurfeuer,
Seltsam, geisterhaft, doch traulich.
Zucklador', der ganz getreue,
Hielt sein Ohr an ihre Lippen.
Achtsam lauschten Held und Schimmel.

Also drauf begann die Alte,
Sitzend auf dem Bündel Reisig:
»Dir bekannt ist, daß der Riese
Seine vielgeliebte Mauer
Fert'gen ließ von einem Künstler,
Der aus England kam. Nun, dieser
Gentleman war seines Volkes,
Des maschinengrübeltiefen,
Tiefster Grübelmaschinist.
Mühlen, Spritz- Gieß- Wasserwerke,
Kettenbrücken, Eisenbahnen,
Tunnel, Säg- Dresch- Klopfgetriebe
Taten seinem Geist nicht G'nüge.
Höher, immer höher stieg er
An dem Himmel der Erfindung,
Und aus richtigem Erwägen,
Welch Unheil ein Weib oft stiftet,
So aus Fleisch und Bein gebaut ward,
Wieviel Ärger das Gesinde
Zeugt, das Mensch ist, gleich der Herrschaft,
Hatt' er einen Dampfbedienten
Sich gemacht, und eine Dampffrau,
Die ihm förmlich angetraut war.
Dampfbedienter, Dampfgemahlin
Taten ganz dieselben Dienste,
Wie zwei Menschen simpeln Schlages.
Sieh, so hoch stieg die Mechanik
In Alt-England! Nun hör weiter!

Jener Gentleman sprach denkend
Zu der dampfmaschinenschwangern
Hebel-räderträcht'gen Seele:
,Warum Nägel, warum Schrauben?
Warum Krampen, Kitt und Mörtel,
Baut man eine Mau'r von Eisen?
Mit so kümmerlichen Mitteln
Halfen sich die blinden Alten;
Das Jahrhundert will Ersparnis
Aller überflüss'gen Kräfte'.

Und er tat, wie er gesprochen,
Auf der Höhe von Brambambra.
Setzte Platt' an Platte trocken
Ohne Kitt, bloß in die Falzen,
Mied die Nägel, mied die Schrauben,
Mied die kümmerlichen Mittel,
Womit sonst man Sachen festmacht.
Einen einz'gen dünnen Stift stieß
Ins Scharnier ein, in dem Schwerpunkt
Jener Gentleman. Der Stift hält,
Dieser einz'ge Stift, das merke,
Hält die ganze Riesenmauer.«

Auf vom Schoß der Alten glühend
Sprang der Held, Don Tulifäntchen,
Schimmel auch sprang auf ganz kühnlich,
Und schlug aus vor Freude, was er
Nicht getan seit langen Zeiten.
»Wo sitzt dieser Stift? Das sag mir«,
Rief der Held, Don Tulifäntchen.

Ihm versetzte drauf die Alte:
»In dem Löchlein links der Pforte,
Sitzet dieser Stift der Stifte.
Ganz umsonst hätt' einem Manne
Von gewöhnlicher Statur ich
Solche Heimlichkeit verraten.
Denn das Loch ist just so groß nur,
Daß ein Held von deiner Länge
Kriechen kann in seine Öffnung.
Dieses ist die Zeit der Kleinen,
Sag' ich, wie an deiner Wiege
Ich's gesaget deinen Eltern.«

Und vor den erstaunten Augen
Tulifäntchens, Zuckladoros
Wirkte sich ein Wunder, freud'ger,
Als die dürren von Alt-England.
In der Alten Angesichte
Glätteten sich alle Runzeln,
Weiß und Rot und süße Fülle
Keimt' und reift' auf welken Wangen,
An den Schultern sproßten Flügel
Goldenschillernd, blaubepunktet,
Das Gewand fiel ab vom Leibe,
Samt dem Strick, der es gefestet,
Und in nackter Götterschönheit
Stand die zarte Fee Libelle,
Regenbogenglanzumwoben!

Nieder in den Staub der Held sank,
Doch die Fee sprach mild, wie Flöten:
»Fürchte nichts, o mein Erkorner!
Auf! In diesen Armen trag' ich
Durch die Luft dich nach Brambambra.«

Tulifäntchen griff betäubet
Nach dem Schild, dem guten Schwertlein;
In die Arme nahm, die seidnen,
Fee Libell' ihn, drückt' ihn zärtlich
An die Brust, die sammetweiche,
Gleich der Mutter, die das Kind herzt.
Stieß am Platz den zarten Fuß auf,
Wie der Rudrer stößt vom Land ab,
Hob sich in die Lüfte, spreitet'
Aus die Flügel, goldenschillernd,
Flog, den Helden lind im Arme,
Felsenauf durch Klipp' und Dickicht.
Aber, wo ihr Fuß getreten,
Sproßten duftreich Hyazinthen,
Und ein Streif von rotem Lichte
Zog sich, wo die Fee geflogen,
Nach der göttlichen Erscheinung.

Schimmel stand verdutzet, schnobernd,
Roch die Blumen an, der Zweifler.
Sprang dann, ein bekehrter Heide,
Felsenauf, dem roten Glanz nach,
Nach dem Helden, der begünstigt
Schwebt' empor in Geisterarmen.

Quelle:
Karl Immermann: Werke. Herausgegeben von Benno von Wiese, Band 1, Frankfurt a.M., Wiesbaden 1971–1977, S. 462-469.


Quelle: http://www.zeno.org

 
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