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Der Bauer und der Kobold

Mündlich aus Gutenberg.

Ein Bauer hatte einen Kobold zu seinem Dienste gezwungen, daß er ihm täglich Speisen, Geld und was er sonst bedurfte zutrug. Wenn er mit einer Bürde in die Thür trat, rief der Bauer ihm jedesmal zu »Lad ab und hol mehr;« und wenn auch oft dem Kobold vor Anstrengung der helle Schweiß übers Gesicht lief, so mußte er sich doch gleich wieder aufmachen und weiter ziehen. Eines Tages aber brachte er einen großen Sack voll Dukaten: da rief der Bauer erfreut »Lad ab und rast aus. Das ist genug für heut und morgen.« »So ist es auch für immer genug« sprach der Kobold und lachte: »nun gnade dir Gott, daß du mich rasten geheißen hast; nun bleib ich hier, bis ein Priester, der von aller Sünde frei ist, mich hinweg bannt. Wir wollen uns in die Stube theilen: du bleibst wo du bist, und ich setze mich hier her, und der Balken, der quer über die Decke geht, scheidet unser Reich. Und wenn du auf meine Seite kommst, oder wenn du zur Thür hinaus schlüpfen willst, dreh ich dir den Hals um.«

Da ward dem Bauer sehr angst, und er rief um Hilfe, daß seine Nachbarsleute zusammen kamen; doch als sie den Kobold in seinem langen grünen Kleide und mit seinen funkelnden Augen in der Stube sitzen sahen, fürchteten sie sich und blieben draußen. Und der Bauer erzählte ihnen sein Unglück und bat sie ihm einen Priester zu senden, der den Kobold bannen sollte. Der Kobold aber lachte und sprach »Schickt so viel ihr wollt; die sollen mir nichts anhaben. Es leben nur zwei jetzt in der Welt, die mich bannen können, und die wohnen weit von hier, der eine im Morgen und der andre im Abend« – Und es kamen mehrere Jahre hindurch viele hundert Priester, doch keiner konnte den Kobold vertreiben. Sobald einer auf die Thürschwelle trat und seine Bannformeln zu sprechen anfangen wollte, rechnete ihm der Kobold lachend seine Sünden vor, und der Priester wurde roth und mußte umkehren. Einmal jedoch war der Bauer schon seiner Erlösung nah. Da kam ein Priester, zu dem sagte der Kobold »Du hättest fast Gewalt über mich: du hast nur die eine Sünde in deinem Leben begangen, daß du als Knabe deiner Mutter zwei Eier unter der Henne weg genommen hast; doch darum kannst auch du mich nicht bannen.«

Und so sitzt der Bauer noch heut mit dem Kobold in der Stube, und obgleich er nichts ißt und trinkt, kann er doch nicht sterben, sondern muß sitzen bis einer von den beiden kommt, die über den Geist Macht haben.

Quelle:
Emil Sommer: Sagen, Märchen und Gebräuche aus Sachsen und Thüringen 1. Halle 1846, S. 28-30.

Quelle:
http://www.zeno.org

 
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