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Rheinfahrt - Wolfgang Müller von Königswinter

Rheinfahrt

Doch siehe, welch ein wundervoller Ort!
Bin ich bezaubert? Dunkle Höhn umfassen
Aufragend steil die Wasser hier und dort,
Es streckt ein Fels die kolossalen Massen
Vor mir zum Himmel auf, rothpurpurn glühn
Im Abendlicht die obersten Terrassen,
Und eine Jungfrau schlank und hehr und kühn,
Tiefernst den Blick, die Haare goldenflechtig,
Läßt Lieder vollen Klangs dort tönend sprühn!
Sie fassen mir die Seele zaubermächtig.

Die Lorelei! - Der Schiffer schaut und lauscht,
Der Fahrt vergessen. Weh, am Felsenriffe
Zerschellt der Kahn! Die nasse Woge rauscht
Verderbend ob dem Jüngling und dem Schiffe! -
Seltsames Bild, das hier den Geist durchzieht! -
Des Dichters Saite rauscht im kühnen Griffe.
Die Sage dienet zum Symbol dem Lied:
Der eine legt hinein das Recht der Liebe,
Worin der Freiheit Recht ein andrer sieht,
Das frisch zum Kampf und Tod die Seele triebe.

O deutsche Sage, wunderbare Frau,
Du lösest anders mir die dunkle Frage!
Die Jungfrau ist der Geist von diesem Gau. -
Wer hier einst hingelebt die goldnen Tage,
O, der vergißt die süßen Reize nie,
Dem Rheine fern, erhebt er stille Klage,
Er kehret stets, wo herrlich ihm gedieh
Voll Lust und Segen ein hellblühend Leben! -
O Lorelei, Geist unsrer Poesie,
Wer dich erkannt, ist ewig dir ergeben!


Wolfgang Müller von Königswinter, 1846

 
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