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Die Jungfrau vom Lurley - Karl Geib

Die Jungfrau vom Lurley

Wie Flötenklang im Abendgold
Durch Auen und den Hain,
Tönt eine Stimme wunderhold
Von Lurley's Fels am Rhein.

Oft, wenn die Sonn' aus Osten wallt,
Wenn Mond beglänzt die Höh'n,
Läßt sich in lieblicher Gestalt
Dort eine Jungfrau seh'n.

Doch wer vom Wasser oder Land
Zur Jungfrau hebt den Blick,
Dem plötzlich sie wie Duft entschwand,
Läßt Wehmuth ihm zurück.

Auch horcht ihr Mancher auf dem Schiff,
Lenkt er den Strom hinab,
Wie träumend - stößt an's Felsenriff,
Und sinkt in's feuchte Grab.

Nur einem jungen Fischerpaar,
Das bey des Abends Glüh'n
Im Tagwerk noch geschäftig war,
Die holde Maid erschien.

Und vor die Scheuen trat mit Gruß
Sie leicht und mit Gesang,
Zeigt' ihnen dann im schnellen Fluß
Den allerreichsten Fang.

Bald hat in Thälern und auf Höh'n
Das Land die Sag' erfüllt,
Wie jene Fischer dort gesehn
Das göttlich schöne Bild.

Es herrscht ein Pfalzgraf an dem Rhein,
Hat einen edlen Sohn,
Der folgt so gern durch Flur und Hain
Dem Wild beym Hörnerton.

Sein Lager hielt der junge Graf
In Freud' und Glanz allhier,
Wo manchen Hirsch sein Bogen traf
Im waldigen Revier.

Doch als auch ihm die Sag' erscholl,
Wie dort zum Strande kam
Das Kind der Felsen, ach! da schwoll
Sein Herz von Lust und Gram.

Und wie, umstrahlt von Silberlicht,
Die Fee'n im Morgenland,
So hold in manchem Nachtgesicht
Die Jungfrau vor ihm stand.

Ihn läßt die Sehnsucht nimmer ruh'n,
Er bietet Sassen auf:
Stromabwärts eilt gen Wesel nun
Der muth'gen Rosse Lauf.

Und dort besteigt er einen Kahn,
Und fährt dem Lurley zu:
Schon sinkt auf Berg und Wiesenplan
Die Nacht in stiller Ruh'.

Die goldnen Sterne leuchten hell:
"Ach! Seht die Zauberin!
(So rufen ihm die Rudrer schnell;)
Doch fahren wir nicht hin!"

Da sieht der Jüngling die Gestalt;
Sie sitzt am Felsenhang
Im Schneegewand und jezo schallt
Ihr himmlischer Gesang.

Dann lächelnd geht sie weiter vor,
Und flicht im Sternenglanz
Von Wasserblumen, Bins' und Rohr
Sich einen Lockenkranz.

"Ach Herr! Wie lieblich (ruft die Schaar)
Ist diese Zauberin!
Welch Angesicht! welch goldnes Haar!
Doch fahrt, o fahrt nicht hin!"

Allein, wie Sturm die Wolke, drängt
Die süße Qual ihn fort,
Und er gebeut: "Ihr Schiffer, lenkt
Den Kahn zu jenem Ort!"

Schon will man sich dem Strande nah'n,
Wo jene freundlich winkt,
Als schnell der Graf, um sie zu fah'n,
Aus seinem Nachen springt.

Doch er erreicht das Ufer nicht,
Sinkt in den Strom hinab,
Der grollend sich am Felsen bricht -
Ihn deckt der Fluthen Grab.

Und bang, in rascher Eile, fährt
Der Knechte Schaar zurück,
Und meldet, als sie heimgekehrt,
Des Jünglings Mißgeschick.

Der Pfalzgraf hört's: o Trauerton!
Wie beugt der wilde Schmerz
Um den entrißnen lieben Sohn
Das väterliche Herz!

An seine Reisigen voll Grimm
Erläßt er das Gebot:
"Auf! Bringet mir das Ungethüm
Lebendig oder todt!" -

"Herr! (spricht der Hauptmann) Euer Wort
In Ehren! Doch wär's gut,
Zu stürzen gleich die Hexe dort
Hinunter in die Fluth;

Sonst macht sie Euch der böse Feind
Aus Kett' und Banden frey." -
"Wohl! (sagt der Pfalzgraf) wohl, mein Freund!"
Ab zieht die Reiterey.

Die Sterne schwinden, bald erhellt
Der junge Morgenstrahl,
Der von der Berge Zinnen fällt,
Rings Auen, Strom und Thal.

Es fährt mit seinem Waffentroß
Der Ritter über'n Rhein,
Und alle schließen schnell zu Roß
Den Lurleyfelsen ein.

Mit drey'n der Wackersten ersteigt
Der Hauptmann jetzt die Höh'n,
Als oben sich die Jungfrau zeigt,
Und ihre Locken weh'n:

Von Bernstein hält sie eine Schnur
In lilienweißer Hand:
"Wen sucht Ihr, Leute jener Flur,
An dieser steilen Wand?" -

"Nur Dich! (versetzt der Führer) Halt!
Gefangen bist du nun;
Drum sollst Du, Zauberin, alsbald
Den Sprung in's Wasser thun."

Sie lacht: "Das Wasser hole mich!"
Und wirft im leichten Gang
Die Schnur hinab, und schauerlich
Tönt ihrer Stimme Klang:

"Die weißen Rosse schicke mir,
O Vater, Deinem Kind,
Auf daß ich reite fort von hier
Mit Wogenlauf und Wind!"

Da braus't ein Sturm mit Regenguß,
Die Brandung schäumt empor:
Zwey Wellen wandeln aus dem Fluß,
Gleich Rossen, hoch hervor.

Hinan den Felsen steigen sie,
Und tragen blitzeschnell
Die Jungfrau in den Strom - und sieh'!
Umher ist's wieder hell. -

Dem Wunder staunt der Männer Schaar
Mit Beben, und erkennt,
Daß jene von den Geistern war,
Die man Undinen nennt.

Und als zu ihrem Herrn zurück
Sie mit der Kunde floh'n,
Da fand sich auch - o welch ein Glück! -
Der todtgewähnte Sohn.

Gehoben hatt' ihn dort hinan
Mit halbbetäubtem Sinn
Das Wellenspiel, und trug ihn dann
Sanft an das Ufer hin. -

Nicht mehr ließ sich die Jungfrau seh'n;
Nur aus der Felsenkluft
Sie neckend noch, wenn Schiffe geh'n,
Der Segler Stimmen ruft.


Karl Geib, 1823

 
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