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Das Seefräulein - Ludwig Steub

Das Seefräulein

Peut-être l'avenir me gardait-il encore
Un retour de bonheur dont l'espoir est perdu –
Peut-être dans la foule une âme qui j'ignore
Aurait compris mon âme et m'aurait répondu.

Lamartine

I.

Das Abendroth stand über dem Gebirge und die Alpenhörner ragten mit strahlender Klarheit gegen Himmel. Zerfallene Burgtrümmer trauerten auf einer Thalhöhe und über die öden Zinnen schien der Mond bis in den See. Aus dem dunkeln Wasser webten sich leichte Schleier; da und dort zuckte auch der Spiegel, aber wer weiß, was ihn bewegte. Weit drüben am andern Gestade dämmerte in der stillen Wiese ein einsames Gehöfte; die Luft war ruhig und warm – die Berge lauschten schweigend und die Wälder lispelten kaum. Kein Laut weder nah noch fern, als je nach langer Zeit der verhallende Ruf eines Hirten, der von der Alm herabtönte, oder der entlegene Gesang eines Mädchens, das ihm antwortete.

Um solche Zeit kam ein junger Wanderer zum ersten Male in die Gegend. Als er des See's und der rosenrothen Hörner und des dunkelnden Thales ansichtig wurde, freute er sich des lieblichen Schauers, den ihm die abendliche Feierlichkeit des Bildes gewährte. Er verließ den Heerweg, um am Gestade hinzuschlendern, kam bald in einen lichten Laubwald und nach etlichen hundert Schritten an eine Stelle, die ihm besonders anmuthig dünkte. Ein alter Ahorn breitete riesige Aeste über eine kleine Bucht – viel frisches Gebüsche umgrünte die Bai; Schilfrohr wie Binsen standen flüsternd im Wasser und zwischen den dünnen Stengeln schwammen etliche Seerosen. Auch ein kleiner Nachen war an dem stillen Ufer angelegt. Unter dem alten Ahorn fand der Wanderer eine Ruhebank mit der Aussicht auf den See, auf das dunkelnde Bauernhaus fern über der Tiefe und auf die schimmernden Trümmer des alten Schlosses. Da ließ er sich gerne nieder und betrachtete aufmerksam das Gebirge und das Gewässer, in dem der Mond jetzt einen langen silbernen Strahl zog bis zu den wirklichen Füßen des Fremden. Diesem schien das Alles sehr gut zu gefallen, und endlich begann er sogar zu sprechen, ganz allein für sich, lauter Reden, welche Niemand hören sollte.

»Das ist ja in der That wie Ossian in Italien! der Himmel so rein und die Luft so warm wie zu Neapel, und doch ist der Bergwald gar nicht ohne Schauer, und wenn er recht feierlich zu rauschen anfinge, könnte es einen anheimeln wie ein alter Jugendschrecken. Selbst die Ruine dort oben ist nicht zu verachten, auf der sich jetzt der liebe Mond so breit macht. Und das ist auch eine herrliche Heimlichkeit, diese Ahornlaube, höchst geeignet zu schwatzen, zu kosen und die Welt zu vergessen. Da fehlt ja gar nichts als ein Freund und dieser Freund sollte eigentlich eine Freundin seyn. Ja, du lieber Mond, nur einmal eine Liebe, die mit einem Wort verräth, daß sie weiter gehen will, als die elende Plauderei des Cotillons – nur einmal ein Blick, der durch die Seele ginge, nur einmal etwas Geheimnißvolles, etwas Hinreißendes, Begeisterndes! Wärst du dann auch schön dazu, mein Abgott, und hättest schwarze, blitzende Augen und schwarze hohe Bogen darüber und einen schlanken Leib und Dies und Jenes – ach Lirum Larum! – Und doch weiß ich ganz gewiß, du bist auf der Welt, und lebst und liegst jetzt vielleicht in Italien am offenen Fenster und schaust über blühende Orangenbäume in die Sterne und denkst dir – oder vielleicht stehst du auf einem Balkon zu Venedig und siehst wehmüthig, wie das Mondlicht an den alten, bleichen Palästen niederfließt, oder du singst in einem Sommerhaus am Bodensee – brauchst aber deßwegen keine Schwäbin zu seyn – oder du fährst auf einsamem Nachen im Rheine, und denkst dir, den muß es auch noch geben auf der grünen Erde, dem ich meine liebsten Sachen sagen kann und meine innersten Gedanken und meine ältesten Träume und meine allerneuesten Einfälle – und wenn der nicht da wäre, wäre ich auch nicht da, denn das darf man dem lieben Gott schon zutrauen, daß er – Ei was! der hat sich noch um andre Dinge zu kümmern und heute finde ich sie doch nicht mehr, und wenn ich gleich in diesem Nachen hinaussegelte in die weite See und an allen Ländern der Menschen anlanden würde. Uebrigens dieses werthe Fahrzeug wird man heute kaum noch suchen und so steure ich jetzt gerade wieder ans andre Ufer, wo mir der Himmel allmälig eine gute Herberge bescheeren wird. Und ihr, ihr freundlichen Elfen dieser Gewässer, ihr seyd eingeladen, meine Fahrt zu geleiten, und wenn sich ein Seefräulein zu mir setzen will, dem soll es keineswegs verdacht seyn!«

So stand der Pilger auf und trat in das Schifflein und bückte sich, um das Ruder zu suchen, das aber im Finstern nicht zu finden war. Etwas unwirsch erhob er sich und sah auf dem Spiegel des Kahnes ganz unvermuthet eine weiße Gestalt. Sie streckte den Arm aus und aus dem Schleier machte sich ein weißer, geisterhafter Finger los und gebot ihm sich niederzulassen. Der Pilger wußte vor Erstaunen nicht, wie ihm geschah und setzte sich schweigend. Die Gestalt senkte ein Ruder in den stillen See und mit leiser Bewegung kamen sie aus dem Schatten des Ahorns hinaus in den hellen Mondschein.

Der Jüngling aber, wenn wir ihn so nennen dürfen, da er schon ausgelernt und ein Maler war, der Jüngling rührte sich Anfangs gar nicht, sondern betrachtete mit dem tiefinnigsten Fleiße die wunderliche Erscheinung, welche ein langes, weißes Gewand trug und auf dem Haupte einen Schleier, der zu beiden Seiten der dunkeln Haare herabfiel. Auf dem Schleier lag ein Kranz von Seerosen. Die Gestalt schien dem Jüngling so fein und schlank, jungfräulich und minniglich, daß er meinte, ihres Gleichen nicht leicht gesehen zu haben. Aber in ihrem Gesichte wollten sich seine Augen, sonst so scharf und zuverlässig, ganz verlieren, ohne ein Ende zu finden und einen Anfang. Nur duftende Linien, verschwimmende Andeutungen wunderschöner Züge glaubte er zu gewahren, und in dem bleichen Runde funkelten immer gleich milde und gleich lieblich zwei große leuchtende Augen mit hohen dunkeln Bogen darüber. In lauterm Anschauen schien es ihm zuletzt, als wäre nichts mehr um ihn, als ein schwarzer stiller Ocean und darinnen schwebte die weiße, mondbeglänzte Gestalt, welche ihn immer ruhig anblickte und mit halblautem schwachem Ruderschlage den Nachen lenkte.

»Am Ende wird's doch unheimlich,« sprach er zu sich selbst, »aber es gibt keine Geister. Landmädchen ist es nicht; sie muß aus der Stadt seyn. Wenn ich nur wüßte, wie man sie anreden soll.«

»Mein Fräulein!« sagte er endlich.

Die Gestalt schwieg.

»Mein Fräulein, ist der Abend nicht sehr schön?«

»Ja, sehr schön.«

»Und die Luft so lau.«

»Und die Luft so lau.«

»Und der Mond scheint so hell!«

»Ach ja,« klang die Antwort, »der Abend ist schön und die Luft so lau und der Mond scheint hell und die Menschen reden immer dasselbe.«

Das ging dem Jüngling schmerzlich durch das Herz und in seinem Liebesärger fuhr er unvorsichtig heraus;

»Drum thut's mir auch bald leid, daß ich einer worden bin. Ich wollte, ich wäre ein Elfe, wie Sie eine zu seyn scheinen. Es ist heute Mitsommernacht, wo sich König Oberon mit seiner Gemahlin versöhnte, wie bei Shakespeare zu lesen.«

»Das wußte man schon lange, ehe es in den Büchern stand – schon zu den Zeiten, als Sir Guy Musgrave, der junge Ritter, den Elfen jenen krystallenen Pokal wegtrug, den seine Nachkommen noch bewahren – nicht weit von Edenhall auf einem runden Wiesenplan, den lauter Erlen einfassen. Da war oft lustiger Tanz und gar hübsche Weisen gab es dort zu hören. Erinnern Sie sich, wie man zwischen den Linden durch den rothen Thurm des Schlosses sieht? Da scheint auch noch um Mitternacht ein Licht, aber Niemand kann die Halle finden, in der es brennt. Wissen Sie warum?«

»Ich nicht« – sagte der Jüngling, sehr überrascht von dieser Frage.

»Waren Sie nie in England bei dem biedern Volk der Britten, bei König Artus und bei Frau Ginevra?«

»Nicht einmal Herrn Lancelot vom See kenne ich persönlich.«

»O weh,« klagte die Gestalt, »ich glaubte, Sie verständen mich. So wäre es wohl besser, ich sänge das Lied der Loreley.«

»Was soll das bedeuten?« fragte der Jüngling in andauernder Verwunderung. »Sie meinen doch das schöne Lied aus dem Buche –«

»Ich habe nie ein Buch gelesen,« fiel die Gestalt rasch ein. »Aber die Loreley haben die Menschen auch verläumdet – das arme Mädchen auf seinem öden Felsen im Rheine, das noch nie aufrichtig geliebt wurde. Was kann sie dafür, daß die Menschen die ganze tiefe Wehmuth ihres Leides und ihres Liedes nicht ertragen können? Ja, schwach, weich, lind muß Alles seyn! das helle, klingende Wort einer großen, unendlichen Mädchenseele macht sie krank und sterben.«

»Wenn Sie mich da auch unter die Menschen rechnen, unbekanntes Fräulein, thun Sie mir weher, als Sie meinen. Die unendlichen Mädchenseelen haben mich nie krank gemacht. Sofern es aber in meinem Herzen einige ungesunde Gegenden gibt, so kommt dies nur von jener Loreleyluft, die darüber brütet. Ich bin, glaub' ich, auch nie aufrichtig geliebt worden.«

»O, Sie mußten auch Vertrauen haben, junger Ritter!«

»Wer viel vertraut, wird oft getäuscht.«

»Vielleicht bewahrt Ihnen die Zukunft noch ein Glück, auf das die Hoffnung jetzt verloren scheint.«

»Ein freundlicher Gedanke, edles Fräulein! Wer hat Ihnen das eingegeben?«

»Vielleicht wird einmal in der weiten Welt eine Seele, die Sie nicht ahnen, Ihre Seele verstehen und ihr antworten.«

Der Jüngling fand sich wehmüthig betroffen bei diesen Worten.

»Und Ihre Seele,« fragte er zaghaft, »wie wird es der ergehen?«

»Die ist verloren!« entgegnete die Gestalt. »Irdische Liebe hat selten Heil gebracht. Als einst drei Fräulein aus dem See zur Hochzeit gingen, verspätete sich einem schönen Jüngling zu Liebe die dritte. Als sie wieder zur Heimath zurückgekehrt, sprang ein Blutstrahl aus dem Wasser.«

»Eigenthümlich!« sagte der Jüngling. »Wenn nun aber ein Herz sich fände so stark und mächtig, daß die Elfe gar nicht mehr an ihre Heimkehr dächte.«

»Wer weiß, ob dann die Elfe mehr zu beneiden wäre, als zu bedauern.«

»Und wenn ich nun,« sagte der Andere mit steigender Wärme, »wenn ich der junge Ritter wäre, dessen Seele die große, unendliche Mädchenseele ertragen könnte und vergelten?«

»Dann fehlt freilich zur Zeit nur die Elfe, die Sie selig machen soll.«

»Und wenn Sie nun selbst die Elfe wären? wenn Sie endlich sprechen sollten für Ihr eigenes Herz?«

»Dann wüßte ich nicht, was ich sagen würde.«

»Nein aber, Mädchen, Elfe, oder wer Du bist,« rief der Andere sich selbst vergessend mit dem wärmsten Laute seines Herzens – »Deine Augen blitzen und ich höre den süßen Klang Deiner Stimme, aber Deine Züge schwinden im Mondenscheine und ich werde sie nicht wieder kennen am Tage. O so laß mich nur die Fingerspitzen an den Mund drücken, und in Deine Augen sehen!«

»Wir dulden keine Berührung.«

»Nur in Deine Augen laß mich sehen,« wiederholte der Jüngling, der Gestalt sich nähernd.

»So muß ich mich erheben,« sagte die Elfe, indem sie ruhig aufstand – »und in die Tiefe hinunter sinken, obgleich die Luft so lau und der Mondschein so helle.«

Bei diesen Worten glaubte der Jüngling der Gestalt schon ganz nahe zu seyn, als er plötzlich ausglitschte und hin stürzte in den schaukelnden Kahn. Da er sich aufgeholfen, war die Gestalt verschwunden und der Nachen fand sich wieder in dem Schatten des Ahorns wie früher. Er sprang schnell heraus und bat flehentlich und beschwor das Mädchen zu bleiben; sie aber war nirgends mehr zu finden und seine Worte verhallten in dem Winde.

II.

An demselben Abende blickte eine Dame in denselben Mond, den wir bei der Begebenheit zwischen der Elfe und dem Jüngling öfter zu erwähnen Gelegenheit hatten. Sie lag im Fenster eines Bauernhauses, welches da steht zwischen laubigen Apfelbäumen in der Gegend von Reichenhall, und sah hinunter auf den Thumsee, der zwischen hohen Bergen lieblich glitzerte. Nicht selten auch warf sie ein Auge hinüber auf die malerischen Trümmer von Karlstein, welche Veste einst Karl der Große erbaut haben soll. Uebrigens hatte sie schon längere Zeit auf Jemand gewartet, und um so größer war ihre Freude, als endlich Schritte auf der Treppe klangen und zur geöffneten Thüre eine jugendliche Gestalt herein eilte, welche ihr um den Hals fiel und fast verathmend sprach:

»Aber, Tante, das war köstlich! Ein solch Vergnügen habe ich lange nicht erlebt.«

»Gott sey Dank! Ich wartete seit der Dämmerung auf Dich und hatte meine liebe Angst. Vielleicht, dachte ich mir, ist sie unter die Sennerinnen gerathen und schläft heute im Heu – das war noch das Beste, was ich mir sagen konnte; denn daß Du im See ertrunken, wollte ich doch nicht glauben.«

»Nein! aber die Geschichte hängt mit dem See zusammen. Ich will Dir Alles erzählen; nur ein paar Minuten laß mich ausathmen.«

Das Mädchen legte den Mantel nieder, zog einen Schemel heran, setzte sich zu den Füßen der Tante und begann nach einiger Weile:

»Heute Abend hast Du wieder Deine Zeitung studirt, so tief versenkt in die Begebenheiten, daß Dich die Welt gar nicht mehr kümmerte. Da schlich ich nun leise hinab an das Gestade und band den kleinen Nachen los, in dem am Morgen die Bauernkinder fuhren und steuerte hinein in den See. Tante! das ist ein glorioses Gefühl, abendlicher Weile so allein wie der Geist des Herrn über den stillen Wässern zu schweben. Da habe ich mit innigem Wohlbehagen betrachtet, wie die Alpengipfel rosenroth wurden, und wie sich die weißen Nebel über den See legten. Alte Sagen fielen mir ein von Nixen und Seefräulein, und es wurde mir immer seliger zu Muthe. In meiner Freude legte ich mein Halstuch als Schleier um und flocht mir einen Kranz von Seerosen auf das Haupt, und sang leise dahin so etwas wie ein Elfenlied. Wie ich nun so dem andern Gestade näher komme, fällt mir ein düsterer Baum mit ungeheuern Aesten in die Augen, und ich denke mir, da mußt du einmal landen. Ich setze mich unter das Laubdach, und bemerke, wie die Berge immer finsterer werden und mit ihren langen dunkeln Gesichtern fast drohend auf mich herabblicken. Da wäre mir beinahe Angst geworden, wenn nicht der liebe Mond ganz meisterhaft über den alten Ruinen empor gestiegen wäre, und die sämmtliche Landschaft mit seinem stillen Glanze erfreut hätte. Melancholisch hat mich aber der bleiche Jugendfreund doch gemacht und so verfalle ich in meine alte Schwärmerei, die Du so oft belacht. Ich fange wirklich an nachzudenken, und frage mich, warum ich denn eigentlich auf der Welt bin und warum meine Eltern so früh gestorben und mir das schöne Hab zurückgelassen, mit dem ich nicht weiß, was ich thun soll. Und da Du mir, liebe Tante, denn doch nie ganz verheimlichst, daß wir zu gelegener Zeit und unter guten Umständen auch Jemand gern haben dürfen, so denk' ich mir, wo magst du jetzt seyn und zu welchem Sterne siehst du jetzt hinauf – du lieber Traumheld, welcher dereinst in mein irdisches Leben als ein wirklicher treten soll, und da raschelt's auf einmal in den Bäumen und auf dem Uferpfad daher kommen Schritte und gehen auf den großen Baum zu, so, daß ich gerade noch Zeit hatte, mich dahinter zu verbergen. Nun hofft' ich zwar, das würde vorübergehen, aber das setzt sich vielmehr gerade auf die Stelle, die ich verlassen, und verliert sich allmälig in einen Monolog und aus der Stimme erkenn' ich, daß es ein junger Mensch seyn muß. Die Stimme aber – ach es war gar zu rührend – die Stimme fängt an ihre Gedanken spazieren zu führen und schwärmt wie ich – nur etwas deutlicher – von einer lieben Gedankenmaid – unbekannt und nirgends zu treffen – ihrer Sehnsucht ewig Ziel. Das hat mich nun unverzüglich für den jungen Ritter eingenommen, obgleich er nebenbei die Mädchen recht arg herunter machte, gleich als wüßten sie nichts Gescheidtes zu reden und stünden ihm nicht ganz werkthätig bei, wenn er Langeweile hätte.

So schwärmt der Fremdling hin und her, und zuletzt nimmt er sich vor, eine Spazierfahrt in demselben Nachen zu unternehmen, den ich dahin gebracht, und ruft alle lieben Elfen auf, sie sollen nur kommen und ihn begleiten. Wart, denk' ich mir, du sollst nicht umsonst deinen Muthwillen treiben und mein Schifflein kann ich dir auch nicht lassen, und wie er einsteigt, werf' ich meinen Mantel ab und trete hinter ihm schneeweiß in den Kahn. Dem jungen Menschen war's aber wohl, als hätte er einen Geist zu sehen, so versteinert stand er da. Wie wir nun hinauskamen in den See und der Mond die Gesellschaft etwas beleuchtete und heimlicher machte, fing er allmälig auch zu sprechen an, worauf ich in den wunderlichsten Reden Antwort gab, mit Fleiß, um mich zu rächen und die Mädchen, von denen er so klein gedacht. Das muß ich dir wirklich nachher erzählen, was wir für mährchenhafte Gespräche geführt, und wie ich elfenartig mich benommen. Nur freilich, wenn ich so weise wäre, wie Du es immer wünschest, hätte ich unter andern bedenken sollen, daß der junge Herr auch etwa zärtlich werden könnte, und wie ich das so kommen sah, so steuerte ich wieder leise dem Ufer zu. Und richtig, zuletzt fährt er auf und ruft ganz schwärmerisch: Mädchen, Elfe oder wer du bist – und meinte, ich soll ihn meine Hand küssen und in meine Augen sehen lassen, damit er mich morgen wieder kenne. Ja! dacht' ich mir, das wäre noch schöner, und während er aufsteht und auf mich zugeht, erhebe ich mich und steige ans Land und gebe dem Schifflein einen Stoß wie Wilhelm Tell, so daß mein Traumheld – das muß er mir noch verzeihen – im Kahn ohne Aufenthalt zusammenpurzelte.

Nun nahm ich schnell meinen Mantel um, riß den Schleier ab und eilte athemlos hieher. Den Klageruf des jungen Menschen aber, daß er mich verloren, den hörte ich noch lange hinhallen an den Gestaden des stillen See's.«

III.

Am andern Morgen in thauiger Frühe ging der Jüngling den See entlang, emsig spähend nach allen Seiten, ob ihm nicht ein Zeichen würde über die Erscheinung von gestern. Er fand den alten Ahorn wieder, auch die Rastbank und selbst das Schifflein lag ruhig in seiner Bucht. Eine Seerose, die er darinnen sah, hob er mit freudiger Ueberraschung auf. Sie mußte aus dem Kranz der Elfe gefallen seyn und galt ihm als ein sinniges Gedächtniß ihrer jungen Bekanntschaft.

Er setzte sich auf die Bank und ließ seine Augen in der Landschaft schwelgen, nebenbei auch bedacht, was etwa schön zu malen wäre und gut in ein Bild paßte. Die Sonne in ihrer vollen Pracht und ein herrlich blauer Himmel lagen über dem duftenden Thale. Der See glänzte und das alte Schloß dräute und der Bauernhof in den Apfelbäumen ließ seine Fensterlein höchst einladend schimmern. Zuweilen ging ein leiser Morgenwind von dem Fichtenwald herab, säuselte durch das Schilficht und kräuselte den See.

»Ein anmuthiges Bild!« sagte er zu sich selber. »Aber wie blaß sind doch diese hellen, sonnenscheinigen Schönheiten gegen die poetische Götterdämmerung von gestern. Etwas Räthselhaftes bleibt es immer. Ich wollt', es wäre eine Nixe, eine Elfe, ein Seefräulein – jedenfalls ist es ein ungewöhnliches Wesen, denn diese liebliche Keckheit, die hat von Hunderttausenden nicht Eine.«

Er schlenderte fort am Gestade, immer bemüht, die Erscheinung sich zu erklären, und die schwachen Züge, die ihr Antlitz in seinem Gedächtnisse hinterlassen, zu einem deutlichen Bilde zusammenzumalen. So stand er plötzlich vor dem Bauernhofe in den Apfelbäumen. Die Bäurin saß auf der Sommerbank und spann; die Dirne nicht weit davon, that mit der Sichel etliche leichte Sonntagsschnitte ins hohe Gras.

»Mit Verlaub,« sagte der Jüngling, »ist da nicht ein Fräulein gesehen worden, jung und schön, in einem weißen Gewande?«

»Gewiß nit,« sagte die Bäurin, »daherum gibt's keine Fräulein.«

»Habt Ihr also keine Stadtleute in der Wohnung, die den Sommer auf dem Lande zubringen?«

»Was thäten wir mit den Stadtleuten,« sagte die Dirne lächelnd. »Wir beten alle Tage, daß sie uns in Ruhe lassen.«

»Also gar keine Spur?«

»Nit von weitem!« antwortete die Bäurin. »B'hüt Euch Gott.«

Der Jüngling ging kopfschüttelnd seines Weges, und war noch nicht weit gekommen, als die Dirne kichernd zur Bäurin sagte: »Das wird die Herrschaft freuen, wenn sie heim kommt, daß wir den jungen Herrn so richtig losgeworden sind.«

Der Jüngling stieg zum Karlstein hinauf und trat durch den hohen Thorweg in die öden Mauern, aus denen allenthalben frische Kräuter sproßten, während junge Buchen spielende Schatten auf die zerbröckelnden Brustwehren warfen. Er hoffte noch immer ein Zeichen zu finden, vielleicht eine gepflückte Blume, einen Namen frisch in den Baum geschnitten, ein vergessenes Buch – vielleicht auch sie selbst, die geisterhafte, in ihrem weißen Gewande unter dem Laubdache dahinwandelnd – Nichts – es war, als wenn seit Jahren hier keine Menschen zugekehrt.

Fast hoffnungslos ging er wieder auf den Weg hinunter, der durch eine wilde Schlucht an das Wirthshaus führt, wo er die Nacht zugebracht. Vor ihm wanderte in festlichem Feiertagsstaate mit Blumen auf dem Hute ein ansehnlicher Landmann, den der Jüngling bald einholte und begrüßte. Der Bauer kehrte ihm ein schöngefärbtes heiteres Gesicht zu, in welches schlichte, weiße Haare hingen, und sagte lächelnd: »Nu, so sind wir doch unser zwei; es geht sich immer etwas frischer.«

»Wo kommt Ihr denn her?« fragte der Jüngling.

»Ich hab' meinen Hof da oben,« antwortete der Bauer, »da oben nicht weit vom See, beim Seebichler heißt man's.«

»Habt Ihr vielleicht auch Stadtleute in der Wohnung?«

»Ich nicht; kein Platz dafür – aber da drüben beim Seebauern, der hat sich erst seinen Hof ein Bissel herrichten lassen, da möchten wohl etliche seyn.«

»Bin schon dort gewesen, aber die Bäurin will nichts davon wissen, und die Dirne noch weniger. Und doch ist mir gestern ein Fräulein begegnet, ich weiß nicht wie.«

»Nun, wenn ein schöner Tag ist, da kommen sie oft von Reichenhall heraus und gehen spazieren.«

»Es war aber schon ganz spät am Abende im Mondschein.«

»Ja wo denn?« fragte der Seebichler mit sichtlicher Neugierde.

»Da oben am See. Das Fräulein fuhr im Schifflein – ich auch damit – und führte seltsame Reden. Sie trug einen Schleier und einen Kranz von Seerosen darauf. Ich konnte aber nicht erfragen, woher sie sey und wie sie heiße.«

»Halt!« sagte der Seebichler, »das ist ganz etwas Andres.«

»Und was denn?«

»'S paßt nicht für Jeden und da sind wir lieber still.«

»Nun möcht' ich's aber gar zu gerne wissen, lieber, angenehmer Seebichler!«

»Ja, wenn's da oben ist gewesen am See, im Schifflein, im Mondschein, ganz unbekannt und so weiter, dann bedeutet's ein Seefräulein. Die kommen zuweilen herauf und vor Altem hat man sie oft gesehen. Das sind schöne Mädeln und wenn sie einen gern haben, können sie ihn recht glücklich machen.«

»Wunderlicher Mensch!« sagte der Maler, »geht Euch denn das Ding wirklich von Herzen?«

»Wenn Ihr nicht wollt, so müßt Ihr's ja nicht glauben. Aber bleibt nur einmal ein halbes Jahr in unsrer Gegend; da gibt es ganz besondre Geschichten.«

»Die hör' ich für mein Leben gern,« sagte der Maler. »Fangt doch gleich an damit, lieber Seebichler!«

»Jetzt schon gar nicht,« entgegnete der Bauer, »wo es auf Mittag zugeht und Alles so hell ist und voll Sonnenschein. Aber heut' Abend nach Betläuten, da lass' ich mich wieder finden.«

»Und wo denn?«

»Das wird sich weisen. Jetzt gehen wir einmal miteinander bis ins Wirthshaus da unten und da ist eine Hochzeit. Da heirathet das Beckerlenerl von Hausmaning den Schlagerlenz aus unsrer Gemein'. Da bin ich der Vetter zu der Braut und da will ich Euch schon befreundt machen mit den Hochzeitgästen, daß Ihr einen lustigen Tag habt – wenn Ihr überhaupt mit Bauersleuten umgehen könnt.«

»Da dürft Ihr gewiß keine Angst haben,« sagte der Maler.

»Nu, wir werden's bald sehen,« erwiederte der Bauer. »Richtig, da unten kommt schon der Zug aus der Kirche und die Musikanten spielen, daß es eine Freude ist. Jetzt gebt nur Acht; 's wird Alles recht werden.«

Unter diesen Gesprächen waren die Beiden vor dem Wirthshause angekommen. Der Seebichler zog seinen Gefährten schnell in den Garten, und da waren sie unter den Bäumen nicht lange gestanden, als der Hochzeitszug durch die Thüre hereinkam, und die Musikanten, ihre lustigen Reigen blasend, an ihnen vorüberschritten. Nach diesen ging das jugendliche Brautpaar, welches den Zug verließ, als es den Seebichler bemerkte und ihm mit freundlichem Lachen entgegegentrat, während er herzlich grüßte.

»Schau, schau – der Herr Vetter von Seebichel hat uns auch nicht vergessen,« sagte das Lenerl von Hausmaning, »ganz frisch schaut er aus und ganz jung, der liebe Vetter, und wunderschön ist er aufgeputzt. Und da hat er erst noch einen saubern Herrn mitgebracht – wer muß denn der seyn?«

»Ich bin ein Maler,« sagte der Jüngling.

»Nun, das sieht man Ihnen schon von weitem an,« entgegnete das Mädchen. »Aber bei uns gäbe es auch gleich eine Arbeit. Gelt, Lenzi, hast erst gestern gesagt, wir sollte uns malen lassen in unserm Hochzeitgewand?«

»Freilich,« sagte der Bräutigam, »aber muß es denn jetzt schon seyn?«

»Wer weiß, ob wieder einer kommt, der's besser kann,« meinte die Braut.

»Nun, mir ist's recht,« sagte Lenzel mit Ergebung. »Aber Lenerl, daß Du Dich am Ende recht hermalen laßt wie ein Fräulein? Malen Sie ihr die Sommerflecken nur auch hinein in's Gesicht, Herr Maler, sonst wird sie allzu hoffärtig.«

»Ja, und ihn malen Sie nur ein Bissel kurzweiliger, als er ist, sonst sieht er gar nichts gleich.«

»Nu, helf Gott,« sagte der Seebichler, »was die Fratzen bissig sind.«

»Das macht Alles seine Eifersucht,« entgegnete lachend das Mädchen. »Aber Sie, Herr Maler, wenn Sie nichts Besseres wissen, so bleiben Sie gleich auf unsrer Hochzeit. In einer Stunde geht das Mahl an und später der Tanz. Schauen S' nur die Musikanten an, was das für rare Spielleut' sind.«

Der Maler dankte ganz vergnügt für diese Einladung. Er glaubte seinem Herzen nicht zu nahe zu treten, wenn er sich über Tags die Forschungen nach der weißen Gestalt erließe. In der Nähe des See's schien sie sich nicht aufzuhalten, und war sie ferner, wo sollte er sie finden? Er ging heitern Muthes unter die Bauern, die ihn bald als einen frohen Gesellen achten lernten. Als dann die Stunde des Mahles schlug und die Gäste mit den Brautleuten in den Saal hinaufzogen, wo in bäuerlicher Pracht die Tafel gerüstet war, kam ihm der Seebichler wieder nahe, und lud ihn ein, an seiner Seite zu zechen. Es ist aber nicht nöthig, die Freuden des Festes weiter zu beschreiben, nicht die scherzhaften Reden, mit denen der Seebichler sein Bäschen und ihren Liebsten neckte, und eben so wenig die laute Fröhlichkeit des Tanzes, bei welchem auch der Maler Ehren halber dem lustigen Lenerl die Hand reichte. Innerlich war er nicht ganz ruhig darüber, denn er fürchtete, es sey ein Frevel an dem Seefräulein.

IV.

Am selbigen Abend ging die Elfe mit ihrer Tante lustwandeln, zuerst auf den Karlstein und dann hinüber nach dem Kirchlein von St. Pankraz, das auf einem stolzen Vorsprung über dem Thale steht und weit hinaus sieht bis an die blauen Hügel des Flachlands.

»Tante!« rief das Mädchen plötzlich, »da unten muß eine Hochzeit seyn. Hörst Du, wie die Clarinetten sehnsüchtig girren und die Trompeten mit ihrem Heldentenor darein schmettern. Da tanzen die Bauern – juchhe! Komm, komm, da gehen wir hinab.«

»Entsetzliches Mädchen!« sagte die Tante lächelnd, »Du hast wohl keine Idee, wie es bei solchen Fêten zugeht?«

»I! was werden sie uns denn thun, diese biedern, deutschen Landleute? Für was reisen wir denn, als um die Sitten der Menschen und ihre Gemüthsart zu ergründen? Heute willst du wieder gar nicht für meine Erziehung sorgen?«

»Es scheint immer mehr, als hättest Du die meinige übernommen,« sagte die Tante, indem sie dem Mädchen, das in raschem Lauf den Berg hinabeilte, mit langsamern Schritten folgte.

»Da sind wir!« begann die junge wieder. »Hier ist das Wirthshaus – hier der Garten. Kein Mensch darinnen, und dort eine Laube, ganz vertraut und heimlich. Daherein, liebe Tante – da warten wir ruhig ab, was die Ereignisse bringen.«

Die Damen saßen friedlich plaudernd in der Laube, als ein Bauer mit freundlichem Kopfnicken zu ihnen trat.

»Jetzt ist mir's fast zu eng worden da oben und zu warm,« sagte er, den Hut auf den Tisch werfend. »Mit Verlaub, ich muß ein wenig ausrasten – man wird halt immer älter.«

»Aber ein lustiger Tag ist es doch,« meinte das Mädchen. »Und die Brautleute, das muß ein nettes Paar seyn.«

»Ja, da fehlt nichts – und ein fürnehmes Paar sind sie auch, so was man unter Bauern fürnehm heißt. Sein Vater hat den großen Holzhandel und die reiche Alm bei Berchtesgaden, und ist alleweil so einer von den richtigsten gewesen, und sie, sie schreibt sich Becker, von denen Becker von Hausmaning; das ist eine besondere Familie.«

»Wie denn das?«

»Ja, die Becker von Hausmaning, die haben schon von Alters her etwas voraus gehabt. Da hat man vor Zeiten allerhand erzählt, aber jetzt thäte man die Hälfte nicht mehr glauben.«

»Wenn man's nur nicht glauben muß,« sagte das Mädchen. »Hören würden wir's sehr gerne.«

»Ja, ja,« fuhr der Bauer etwas näher rückend fort, »in unserer Gegend, da gibt es wunderbare Geschichten. Das macht schon der Untersberg, der große Berg dort, in dem der Kaiser Karl verwunschen ist, bis ihm der Bart dreimal um den Tisch wächst.«

»Davon haben wir schon gehört.«

»Nu, im Untersberg gibt's auch Bergmännlein und in dem andern Berg da, heißt man Staufen, da gibt's wilde Frauen, und dort auf dem Karlstein ist ein Burgfräulein und oben im See sind Seefräulein, das ist auch kein Spaß.«

»Da soll erst gestern wieder eines erschienen seyn« – sagte das muthwillige Mädchen.

»So, habt Ihr das auch schon vernommen,« fragte der Bauer und warf einen argwöhnischen Blick auf das Fräulein.

»Ja wohl, aber was gehen denn alle diese Sachen die Braut an?«

»Das habe ich eben sagen wollen,« erwiederte der Bauer. »Denn gerade die Becker von Hausmaning, heißt das ihr Vater, und ihr Vater auch noch nicht recht, aber ihrem Vater sein Vater und sein Ahnel und seines Ahnels Ahneln, gerade von denen hat man am meisten gesagt, daß sie's mit den Bergmännlein gehalten, daß daher der Reichthum kommt, und mit den wilden Frauen, die oft zu ihnen in Heimgarten gegangen sind, und mit den Seefräulein, die ihnen auch kein Leid gethan. Und das hat mein Vater noch oft erzählt, wie sein Ahnel geheirathet, der hat eine aus dem Geschlecht genommen, da ist ein Seefräulein zur Hochzeit gekommen und hat mit dem Hochzeiter getanzt und ist gar schön gewesen und freundlich, und hat gesagt, wenn einmal wieder aus dem Geschlecht eine achtzehnjährige Jungfrau heirathet, dann wird sie wiederkommen. Nu, achtzehn Jahre sind schon etliche alt gewesen, aber Hochzeit hat's keine gegeben und vielleicht wäre auch der andere Umstand abgegangen. Aber diesmal ist's leicht möglich – das ist ein prächtiges Mädel gewesen zu allen Zeiten.«

»Eine herrliche Geschichte,« sagte das Mädchen und klopfte sich in die Hände. »Wenn also das Seefräulein Wort hält, so kommt es heute noch zur Hochzeit.«

»Mir wär's, mein Eid, ganz lieb,« sagte der Bauer, »und das geschähe ihnen gerade recht, den verstockten Sündern, weil sie mich immer auslachen mit meinen Geschichten.«

»Himmel!« rief das Mädchen, »was hätte ich eine Freude, wenn ich so ein Seefräulein sähe!«

»Und wie wär's Euch denn, wenn Ihr selbst eines vorstellen solltet?« fragte der Bauer lächelnd.

»Hei, das ist's, das ist's,« jubelte das Fräulein. »Das ist ein unsterblicher Gedanke und des Schweißes der Edlen werth – –.«

»Du willst doch nicht« – sagte die Tante, fruchtlos warnend wie immer.

»Nur heute noch, Tante, sey nachsichtig, und laß meinen Flegeljahren ihr göttliches, so leicht verjährbares Recht, und dann will ich gerne wieder so eingezogen seyn, als wäre ich die Enkelin von fünfzehn Pastoren.«

»Wenn ich nur einige Hoffnung des Gelingens hätte –«

»Nu, wäre es denn zum erstenmal? Etwas Uebung hab' ich ja voraus.«

Der Bauer betrachtete mit schlauem Auge das Mädchen und winkte ihm ermunternd zu, bis er nach kurzem Sinnen sagte:

»Aber wahrhaftig, wir sollten den Bauern einmal etwas aufführen. Und Ihr paßt gerade dazu; auf jeden Fall seyd Ihr schön genug. Nur den Hut thut herab, Fräulein, und die Haare laßt ein wenig fallen – weißes Gewand habt Ihr so schon an. Es ist jetzt nicht mehr weit von Ave Maria – und so etwa zehn Vaterunser darnach, da macht Euch auf und kommt hinauf in den Tanzsaal; dann geht nur keck hinein und singt oder sagt etwas und das Andere werd' ich schon richten.«

»Aber wie wird das ausgehen unter diesen rauhen Menschen;« fragte die Tante bedenklich.

»Für diese rauhen Menschen steh' ich gut« – entgegnete der Bauer mit beruhigender Heiterkeit. »Entweder merken sie die Falschheit nicht – und im Herzen glauben sie alle daran – dann werden wir schon sehen, wie es weiter geht, oder sie merken's und dann haben wir einen Hauptspaß. Dann seyd nur auch gleich bei der Hand, gnädige Frau, daß Euch nicht das Beste auskommt. Dann setzt Ihr Euch zu uns und das Mädel tanzt mit den Burschen, wenn sie nicht zu stolz ist. Ich werd' ihr schon die saubersten heraussuchen. Gefehlt ist's auf keinen Fall.«

»Hier, Alter, habt Ihr mein Wort!« sagte das Mädchen. »Ich komme ganz gewiß.«

Der Seebichler drückte mit dankenden Reden die feine Hand und ging in schalkhaftem Ernste von dannen. »Der Maler da oben,« murmelte er vor sich hin, »der nimmt mir's gewiß auch nicht übel; denn da wett' ich meine arme Seel', das ist sein Gegenstand.«

V.

Schon mancher Becher war geleert, schon mancher Scherz gelungen, schon mancher Tanz getanzt. Dem Maler, als einem volksfreundlichen Jüngling, war bisher keine Minute zu lang geworden, aber als der Abend nahte und die Sonne hinter die Berge hinabsank, da überfiel ihn eine große Sehnsucht nach der lieben Stille des Sees, und voll süßer Ahnungen wollte er sich aufmachen und wäre auch gegangen, hätte ihn nicht der Seebichler, wieder eintretend, durch das Versprechen gehalten, daß er bald, ja recht bald mit ihm nach Hause ziehen werde. Die Musikanten spielten da wieder eine wilde Weise, die alle dahin riß, die jungen Leute – nur ihn nicht, der in dem wirren Lärm, in dem gellenden Jauchzen und dem dröhnenden Taktschlag der schwerbeschuhten Tänzer sich plötzlich nicht mehr heimisch fühlte. Aus seinen Träumen weckte ihn des Seebichlers Stimme, die mit großer Kraft in den drehenden Haufen hineinrief: Ave Maria!

Im selben Augenblicke schwiegen die Spielleute, verstummte das Rauschen des Tanzes und die Abendglocke hallte in feierlichen Klängen durch den stillen Saal. Lenerl ging zum Fenster und sprach das Gebet. Als sie fertig war, sagte sie Allen freundlich: guten Abend, wie es Sitte ist, wenn das Gebet vollendet. Mittlerweile waren auch die Lichter gebracht und auf den Tischen reichlich aufgestellt worden. Eine andächtige Regung hielt das junge Volk noch zurück, den unterbrochenen Reigen fortzuführen, als die Braut in scherzhafter Weise sprach:

»Jetzt ist Betläuten vorbei und kommt dem Seebichler seine Zeit. Jetzt wird er bald anheben zu erzählen von seinen Bergmännlein und von den wilden Frauen.«

»Und gerad heute ist's meine Schuldigkeit,« entgegnete der Seebichler, »weil Ihr Alle nicht mehr daran denkt, was früher der Brauch ist gewesen, wenn Eine heirathet von denen Becker von Hausmaning.«

Auf diese Rede bemächtigte sich sämmtlicher Gäste eine große Spannung. Lenerl ließ sich auf einen Stuhl nieder, gegenüber dem sagenreichen Vetter; diesem zur Seite setzte sich Lenzel; die Andern traten um ihn in einen engen Kreis.

»Also, wißt Ihr denn noch, daß dieses Geschlecht ist allezeit fürnehm gewesen und achtbar, und hat seinen Reichthum von den Bergmännlein.«

»Ja, ja, so sagt man« – sprachen nickend und lachend die Bauern und die Bäurinnen.

»Und hat allezeit Freundschaft gehabt mit den wilden Frauen vorn Staufen und mit den Seefräulein da oben im Thumsee, die ihre Wäsche aufhängen am Karlstein im Mondschein.«

»So erzählen's wenigstens die alten Leute.«

»Und das wißt Ihr auch noch, daß in frühern Zeiten die wilden Frauen in Heimgarten gegangen sind und gesungen haben, wenn aus dem Geschlechte ein Kind zur Welt gekommen ist.«

Die Runde nickte abermals bejahend.

»Gut, so will ich Euch noch erzählen, daß meinem Vater sein Ahnel auch eine aus dem Geschlechte geheirathet hat, ein gar hübsches Mädel, wie das Lenerl da, und da ist zur Hochzeit ein Seefräulein gekommen, hat ihr Lied gesungen und mit dem Hochzeiter getanzt und ist eine ganz glückselige Ehe geworden. Das ist jetzt etwa hundert Jahre, und hundert Jahr davor soll sie auch schon auf einer Hochzeit gewesen seyn. Und wenn etwa, hat das Seefräulein gesagt, aus dem Geschlechte zum drittenmale ein achtzehnjähriges Mädchen heirathet, dann kommt sie wieder und ist erlöst.«

»Und dann heirathet sie einen aus der Gemein',« fragte der Schlagerlenz – »oder etwa nit?«

»Sie kann sich auch sonst einen aussuchen,« antwortete der Seebichler mit einem bedeutsamen Blick auf den Maler.

»Ah, der Tausend,« hob nun Lenerl an, »ich bin vor drei Wochen achtzehn Jahre alt worden. Und das wäre keine kleine Ehr', ein Seefräulein zu erlösen.«

»Ja, aber, liebes Mädel,« entgegnete der Seebichler, »das Seefräulein hat gesagt, es muß eine Jungfrau seyn.«

»Wenn das ist,« sagte Lenerl und erhob sich erröthend, knöchelte mit dem Zeigefinger auf den Tisch und sah dem Bräutigam frisch in die Augen – »wenn das ist, dann kommt sie noch heute.«

»Und da ist sie schon!« rief der Seebichler wie in jähem Schrecken aus, so daß alle betroffen der Richtung seines starren Blickes folgten.

Auf den Stufen aber, die in die andere Stube führten, mitten in der offenen, dunkeln Thüre stand eine weiße Gestalt mit langen schwarzen Haaren und sah hehr und milde in den vollen Saal.

»Das Seefräulein!!« riefen Alle wie aus Einem Munde, und ganz verloren in Betrachtung. Nur der Maler stieß den Seebichler und flüsterte im höchsten Erstaunen ihm zu: »Das ist ja das Fräulein vom See!«

»Freilich,« sagte der Andere, »weil es das Seefräulein ist« – und damit schob er den Maler hinter sich, damit nicht etwa die Augen der Gestalt auf einen Gegenstand fielen, der sie zu früh in der Ruhe ihres Geistes stören konnte.

Das Seefräulein aber streckte die Rechte wie segnend aus und sprach mit gehobener Stimme:

Im tiefen See hat das Fräulein vernommen,
Daß heute ein festlicher Tag gekommen
Für die liebliche Jungfrau von achtzehn Jahren,
Deren Väter wir immer günstig waren,
Für den ehrsamen Jüngling, der sie gefreit
In ihrer schönsten Jugendzeit.
Drum bin ich erschienen und trete ein
Und wünsche, ihr möget glücklich seyn.

Auf dieses nahm der Seebichler den Lenzel sowohl als das Lenerl bei der Hand, und trat mit ihnen der Erscheinung näher.

»Edles Seefräulein,« sagte er dann in feierlicher Sprache, »hier bringe ich vor Euch das junge Brautpaar, Lorenz Schlager aus unserer Gemein', und Helena Becker von Hausmaning, welches sich Eurer Freundschaft herzlich empfiehlt.«

»Ja,« sagte Lenerl, sich in tiefer Beklommenheit verneigend, »das ist eine besondere Ehre für uns vor allen Nachbarsleuten, daß Sie sich auf unsere Hochzeit bemühen, so weit herauf aus dem tiefen See.«

»Gewiß, eine besondere Ehre,« fuhr Lenzel fort, der sich auch noch nicht ganz erholt hatte – »denn es hat's kein Mensch mehr glauben wollen, daß es Seefräulein gibt.«

»Wenn Ihr auch unserer vergessen habt,« erwiederte die Gestalt, indem sie die Stufen herniederstieg, »so haben wir doch stets in Liebe an unsere Freunde gedacht, und ihr Glück immer gefördert, so viel wir konnten.«

»Edles Seefräulein,« hob da der Seebichler wieder an, »dieweil es ein alter Brauch ist, daß Ihr, so Ihr hier er scheinet, unsere Ergötzlichkeit Euch gefallen lasset, so wollt' ich an Euch die Frage thun, ob Ihr an unserm Tanze freundlich Theil nehmen möget.«

»Altes Herkommen und löblichen Brauch zu ehren bin ich da, und gerne bereit, meine Hand dem Bräutigam zu bieten zum sittigen Reigen.«

»Edles Fräulein,« sagte der Seebichler ferner, »dieweil aber der heutige Bräutigam ein etwas rauherer Mensch, und für das feinere Frauenvolk nicht ganz gerecht ist, so wollt' ich Euch bitten, hier einen andern Gegenstand in Acht zu nehmen, der eine taugsamere Manier und schon den ganzen Tag auf Euch gewartet hat.«

Bei diesen Worten wandte sich der Seebichler nach dem Maler um, der sich unbeachtet in seine Nähe geschlichen und in der größten Spannung, voll Bangigkeit und Entzücken, das Fräulein betrachtet hatte.

»Nun, Herr Maler, gebt auch Ihr dem Fräulein Euren Gruß!«

Der Maler nahm alle seine Fassung zusammen, trat vor und verneigte sich. Das Seefräulein aber that einen Schrei des Erstaunens, daß die Bauersleute alle einander verwundert ansahen.

»So lassen Sie mich, liebliche Elfe,« sprach nun der Maler, ihre Hand erfassend – »wenigstens heute die Fingerspitzen an den Mund drücken und in Ihre Augen sehen, die so herrlich leuchten.«

»Gott im Himmel,« sagte die Elfe, mit schwachem Sträuben, in der reizendsten Verwirrung – »was habe ich da für Muthwillen verübt und was werden Sie denken?«

»Hoffen will ich, liebes Fräulein, hoffen, daß die Zukunft noch ein Glück bewahrt, das mir längst verloren schien.«

»Ach, das sind meine eigenen Worte!«

»Vielleicht auch hat in der weiten Welt eine Seele, die ich nicht ahnte, die meinige verstanden und ihr – – –«

»Und ihr –«

»Sprechen Sie, Fräulein, um meines treuen, liebenden Herzens willen, sprechen Sie!«

»Und ihr geantwortet!« sprach die Elfe.

Nun aber besann sich der Jüngling auch nicht länger, sondern breitete seine Arme aus, und das Mädchen, wie unwiderstehlich angezogen, sank hinein, und er küßte sie mit einer Leidenschaft, als wäre es zum letztenmal in seinem Leben.

Des Fräuleins liebe Tante hatte im Verstecke dem ganzen Vorgang zugesehen, und war nun fröhlich zur Hand und innig gerührt, daß sich die beiden heikeln Seelen endlich gefunden. Der Seebichler aber sprang auf den Tisch und rief in seiner allerheitersten Laune:

»Liebe Nachbarsleute, dieweil Ihr in Eurer sündhaften Verstocktheit immer gezweifelt, ob es ein Seefräulein gibt, so ist es also heute selber erschienen. Dieweil aber unser liebes, schönes Lenerl durch seine wunderbare Tugend dasselbige erlöst hat, so ist es leicht möglich, daß es das letzte Seefräulein ist, das auf der Hochzeit einer Beckertochter von Hausmaning erscheint. Damit wir aber ganz deutlich zeigen, was für eine große Freude wir haben, daß Alles so glücklich gegangen, so rufen wir: Vivat, Vivat, Vivat, der Herr Maler und das Fräulein vom See.«

Die ganze Bauernschaft brach in unermeßlichen Jubel aus, und das Beckerlenerl fiel dem Maler um den Hals und der Schlagerlenz dem Fräulein und der Seebichler umarmte die Tante. Und nun brauchen wir auch nicht mehr zu sagen, daß der Maler und das Fräulein noch viele tausend Liebesworte getauscht, und daß sie sich sehr dankbar gezeigt gegen den heitern Seebichler und die andern ehrsamen Bauersleute, und an ihrer Fröhlichkeit anmuthig Theil genommen haben. Das aber können wir nicht verheimlichen, daß der Maler und das Fräulein, sobald der Schlagerlenz und das Beckerlenerl gemalt waren, auch ihre Hochzeit hielten und ein glückliches Paar geworden sind.


Quelle:
Ludwig Steub, Novellen und Schilderungen, Verlag von C. P. Scheitlin, Stuttgart, 1853


 
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