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Walpurga - Carl Spitteler

Sprengt' ein Knappe durch den Heidenwald,
Stieß den Schild an jeden harten Felsen,
Schlug das Schwert an jeden roten Baumstamm,
Rief und jauchzte gellend durch den Eichwald:
»Auf, ihr Elfen! Stellet Euch zum Strauße!
Hab' geschworen einen mächtigen Eidschwur,
Daß ich, Eurer eitlen Rache trotzend,
Meine Arme schlinge um Walpurga,
Eures Königs blondgelockte Tochter,
Mir zum Scherz und minniglicher Kurzweil.«

Zischend aus dem Busche fuhr Walpurga,
Sprang zum Angriff, schwang sich in den Bügel,
Packt' ihm an der Stirn die Scheitellocke,
Biß ihn kreischend in die roten Lippen.

Weh und Siechtum sehrte da den Knaben
Und sein Zelter floh mit Schreck und Grausen.
Als nach sieben Monden er genesen,
War ihm weiß entfärbt die Scheitellocke,
Gähnten seine Augen hohl wie Sünde,
Bebten seine Lippen schwach und klanglos.

Aber als die Herzogin im Maimond
Sammelte die Knappen von Burgundien,
Sich zu küren einen eignen Pagen:
»Keinen andern,« rief sie, »keinen andern,
Einen einzigen will ich um mich leiden:
Jenen mit der kühnen Hühnenlocke,
Jenen mit dem wilden Wodansblicke,
Jenen mit dem süßen Büßermunde.«


Carl Spitteler 1896

 
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