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Der Tod und andere Geheimnisse rücken ins Leben

von Heinrich Federer

Eines Nachmittags kam eine Depesche, die erste, von der ich weiss. Es war ein grauer, dunkler Tag. Meine Mutter verschnaufte gerade ein bisschen von der tiefgebückten Näharbeit, indem sie, die Arme übereinander, drei-, viermal die Stube auf und ab schritt und dann aus einer Kanne die Geranien und Fuchsien am Gesimse begoss. Sie liebte diese Blumen über alles. Je röter, je lieber waren sie ihr.

Schnell riss die Mutter den Umschlag auf, erblasste wie eine Kerze und sank auf den Stuhl. Lina, ihre Lieblingstochter aus der ersten Ehe, lag bei der Schwägerin in Brienz am Sterben. Verena aber ahnte, sie sei schon tot.

Sofort raffte sich die Frau wieder auf, packte ein Weniges in die Handtasche, bestellte uns eine alte Magd und fuhr mit der nächsten Brünigpost über den Berg. Sie langte wirklich zu spät an und konnte das schönste, feurigste Geraniumstöcklein, das sie wie in einem Selbstbetrug mitgenommen hatte, nur noch zu Häupten einer Leiche aufstellen.

Diese Brienzer Tage waren hart für Verena. Der Friede und die Kummerlosigkeit der alten Zeiten kamen ihr auf Schritt und Tritt in den Sinn. Und ein leiser Vorwurf begleitete sie. Woher kam dieser Vorwurf? etwa gar aus den Augen ihrer drei ersten Kinder, die ihre katholische Mutter wie eine ferne, hinter sieben Brücken und Flüssen stehende Frau betrachteten? Besonders der hübsche, schlanke, von den Verwandten innig verhätschelte Rudolf hatte immer kalte Hände und noch kältere Lippen beim Grüssen. So argwöhnte ich wenigstens. Die jüngste Tochter Luise war schüchtern, die älteste Sabine bereits keck genug, zu den Schelten der Schwägerschaft mitzuwirken.

Also schon wieder Witwe! spottete man. Haben wir dich nicht gewarnt? Was hat dir nun der neue Glaube gefrommt? Nein Pauli zeigt uns ja meisterhaft, was ein katholischer Gatte und Vater bedeutet. So fromm sind wir mindestens auch noch, ohne dem Kindesglauben abzuschwören. Die Tote da hat oft nach dir geweint, aber nicht nach deiner Umarmung, nach deiner verirrten Seele, dass sie zurückkehren möge ...

Meine Mutter ward ein Weilchen verwirrt. Dann faltete sie schlicht ihre rauh gewordenen Arbeitshände und sagte: Im Himmel umarmen wir uns dann und jedes Auge wird sehen, wer geirrt hat. Mein Mann sündigt. Aber das Sündigen ist nicht katholisch. Oh, ich würde keinen, gar keinen meiner Schritte zurücknehmen.

Seit diesem tapfern Satz begegneten ihr die Verwandten mit einem stillen Staunen und Respekt, und schon nach wenigen Stunden wollte Luise, meine jüngste Stiefschwester, nicht mehr von der Mutter weg. Noch oft hat Verenas geduldiger Mut mitten in den Niederlagen so merkwürdige Siege errungen.

Inzwischen erzählte uns zu Hause nach dem Nachtessen die Verweserin, unsere liebe alte Gret, eine Gepsenstergeschichte nach der andern. Das bergige Obwalden troff ja von Sagen und Mären. Jede Alpe hatte ihre Schauerlegende. An der Strasse von Sachseln nach Sarnen, an einsamer Stelle zwischen See und nahem Wald, stand noch immer das sonnengeschwärzte, spitzgieblige Scharfrichterhaus und unweit davon lag der Galgenhubel und rieselte blutarm das Galgenbächli. Dort hatte man oft zur Geisterstunde die Enthaupteten herumgehen und ihren Kopf aus dem Boden scharren sehen. Da musste man sich dann tief in den Hag ducken und bis ein Uhr ohne den kleinsten Mucks wie ein Toter verharren, sonst kam das Gespenst und wollte die Köpfe tauschen. In den Viehställen rumorte der böse Geist und schändete Euter und Milch. Der schwarze, zottige Tanzlaubenhund bellte seit Jahrhunderten in gewissen mondlosen Nächten. Verstorbene stiegen aus den Gräbern, Lichter schossen dann wie Blitze in der Kirche hin und her und alte Kilchherren kamen unter den Steindeckeln hervor und legten violette Kirchengewänder an und wollten die Messe lesen, aber kamen nie über das Stufengebet und den untersten Altartritt hinaus.

Es wohnte irgendwo im Ländchen ein fallsüchtiges Weib, das oft mit einem Henkelkorb durch die Gassen lief und mit verzückten Augen und geifernden Lippen schrie: Gottes Gottes Gnade, meine Seele, Seele! ... Zuerst lief ich ihm mit andern Rangen spottend nach. Aber als ich dann die Augen dieser Frau aus ihrem aschgrauen Elend plötzlich so überirdisch auflodern und zu allen Bosheiten der Strasse lächeln und zu jedem Stoss, den sie bekam, Gottes Gnade noch lauter anrufen sah, da rieselte eine eigentümliche andächtige Scheu durch meine Seele. Sicher, dieses Weib blickte sozusagen durch den Erdenstaub in den Himmel, sonst könnten seine kleinen wässerigen Augen nicht so flammen und seine heisere Kehle könnte nicht so frohlocken. Es ging nicht, es flog gleichsam über den Weg hin. Ich hätte mich nicht gewundert, wenn aus dem verlotterten Kleid der Frau blanke, weisse Engelsflügel herausgewachsen wären. Eine Ahnung vom Übergreifen unbekannter Welten in die bekannte tagtägliche ergriff mich beim Anblick des ekstatischen Geschöpfes wohl zum ersten Mal.

Eine andere, sonderbare, mürrische Jungfer hiess wegen ihres ungeheuerlichen Halsgewächses das Kropflibabi. Dieses alte Mädchen besass eine fadendünne, grillenscharfe Stimme und stach mit seinem Amen beim Rosenkranz regelmässig hinter allen andern Amen wie mit einer Nadel drein. Es trug Tag und Nacht, auch im brütendheissen Sommer, ein dickes wollenes Tuch um Hals und Kopf und man behauptete, dieses Babi sei felsenfest überzeugt, dass ihm der Kopf vom Hals herunterkollere wie ein überreifer Apfel vom Ast, sobald es die Schärpe lösen würde. Es hatte Träume und Gesichte der Zukunft und konnte weissagen. Einst fand ich einen Löwenzahn, wo zwei Blumen so merkwürdig zu einer verwachsen waren, dass im Blütenkorb sich die deutliche Zeichnung eines Kreuzes gebildet hatte. Was bedeutet das? fragte ich.

Die alte Jungfer Barbara guckte die Blume lange an, murmelte unheimlich etwas und schoss bedenkliche Blicke auf mich. Dann streckte sie den Arm zum Berg, der hinter Sachseln sogleich steil zum Stuckligipfel emporschnellt und wies zum Kreuz auf jener Spitze. Das bedeute, erklärte sie dann düster, dass ein Bergsturz von dort oben gerade in der Richtung, wo ich den Löwenzahn fand, niederdonnern und alle Häuser dazwischen verschütten werde, auch das Schulhaus, wo ich wohne. Kreuz zum Kreuz! schloss sie mysteriös.

Solche und andere geheimnisvolle, schwermütige Menschen gibt es überall. In der Stadt stösst man weniger auf sie, weil solche Geschöpfe sich vor dem Radau in ihre Winkel vergraben oder weil sie in Spitäler gesteckt werden oder weil die nüchterne, umgriffige Öffentlichkeit des Stadtwesens ihre muffige Natur noch zeitig an ein Seil in die Sonne hängt, gehörig ausklopft und abstäubt und in den Alltagsbrauch zurückbringt. Aber in den abgelegenen Dörfern, im melancholischen Schatten der Berge, oft von allerlei irdischer Drangsal beschwert, hilflos, ohne Wink und Weisung, so ganz sich, ihrem Grübeln, Aberglauben und dumpfen Horchen auf die Stimmen der Natur überlassen, hier gedeihen solche Menschengewächse leichter und werden laut bemerkt.

Auf diesem fetten Legendenboden und in dieser geistergeschwängerten Luft hatte die alte Gret leichtes Spiel, uns abends am Küchenfeuer gruseln zu machen. Sie sah alles über und unter der Erde, kannte Zwerge, Riesen und Wurzelmännchen, hatte Bäume singen und aus den Brunnen das Seeungeheuer warnen und drohen hören. Tote scharrten vor ihrer Kammer mit den Schuhen und liessen nicht ab, mit dem Fingerknöchel zu klopfen, bis die furchtlose Gret ein besonderes Gebet sprach und Weihwasser an die Türe spritzte. Aber sie stand auch mit Feen und Elfen auf vertrautem Fuss, bot Märchen und drollige Abenteuer feil und streute bald strenge Mitternacht, bald lustigen Mittag über ihr eintönig plätscherndes Erzählen aus. Wir Kinder hingen wie Kletten an ihr und konnten von solchem Kram nie genug bekommen.

Oft harpfte sie den gequetschten Hanf und spann das Werg zu Spulen und legte das Garn zuletzt in einen herbriechenden Sud von Nussbaumblättern und grünen Nussschalen, bis sie es bitter schwarz hervorziehen und am Schatten trocknen konnte. Aber wie sie das alles sicher und ruhig verrichtete, den Hanf raufte oder den Faden zog und das Pedal trat, passte jede Bewegung und jede Geste zur Erzählung, die ihr wie Wasser von den welken Lippen floss. Obwohl sie log und log, glaubte sie vorweg alles beim Klang ihrer Stimme, ihre Figur verschmolz mit der Sage in Eins, sie wurde traurig oder lustig über das Gefabelte und sagte statt Gutnacht: Es geschieht uns nichts. Ihr müsst nur rufen: Alle guten Geister loben den Herrn!

So gläubig und heiss verspann ich mich nach und nach in solchen Spuk, dass ich auf viele Jahre hinaus ein unglaublicher Furchthans wurde und eine unendliche Mühe hatte, alle diese Gänsehäute des Gruselns nach und nach abzustreifen.

Mein Vater besass ein schönes, aufrechtes Skelett mit kleinem, bei jeder Bewegung leise nickendem Schädel. Es stand in der Ecke seines Ateliers und wir waren daran wie an einen Birkenbesen oder an eine Gipsplatte gewöhnt, die dort auch oft an der Wand lehnten. Als nun Paul jahrelang fortblieb und jener Raum zu anderen Zwecken hergerichtet wurde, gelangte das Gerippe auf den weiten finstern Dachstuhl, in einen Winkel, wo alter Hausrat und sonstiges Gerümpel herumlag. Und sogleich wurde mir der Knochenmann furchtbar.

All unser gesägtes und gespaltenes Holz lag im gleichen Estrich. Wenn wir Kinder nun mit der Zaine Scheiter holen mussten, konnten wir beim Füllen des Korbes nicht anders, als immer wieder in jene düstere Ecke blicken, wo es weiss und knochig mit langen Händen und schwarzen Augenlöchern zu uns hinüberblinkte. Steht es noch dort? winkt? klappert mit dem Kinn? kommt es nicht einen Schritt näher, näher, immer näher? – Oft liefen wir Hals über Kopf ohne Korb und Scheiter die Stiegen hinunter.

Aber die Mutter trieb uns jedesmal wieder unerbittlich hinauf. Sie glaubte selbst noch manches Geisterhafte, aber fürchtete sich nicht davor und wollte auch uns Kindern diese Schrecken aus dem Kopfe jagen. Aber trotz aller Strenge gelang es ihr nicht; denn sie hätte auch den Aberglauben, diese Wurzel aller Ängste, mit ausreissen müssen. Furchtbares glauben und doch nicht fürchten, geht über Kindesvermögen.

Starb jemand im Dorf, dann eilte der Totensager oder die Totenbeterin von Haus zu Haus und lud zum Psalter in die Wohnung des Verstorbenen ein. Nach Zunachten ging man dann hin und sah schon von weitem das Totenlicht durch die Scheiben der Leichenkammer in die Dunkelheit hinausblinzeln. Man setzte sich in die Stube, die von Kerzen, Öllicht und Krankenluft roch, und begann die drei Rosenkränze und die Allerheiligenlitanei zu beten. Das murmelte dann seltsam durch den Raum, in auf- und abgehenden, kleinen, dumpfen Wellen, manchmal von einem Seufzer, einem Kindesschrei oder dem Schnurpfen und Schnauben des Vorbeters unterbrochen, wenn er eine Prise Schnupftabak nahm.

Ab und zu ging jemand in die Totenkammer oder kam von dort. Ich zitterte, sooft jene Spalte sich auftat und suchte vom Gesichte der Heraustretenden zu lesen, was Schauerliches sie drinnen wohl gesehen hätten.

Am Schluss der langen Gebete dankte der Vorbetende im Namen der Leidleute und nun öffnete sich die Kammertüre wieder und die meisten traten zur Leiche herein, besprengten sie mit dem Zypressenzweiglein im Weihwasserglas und sagten dazu: Herr, gib ihr die ewige Ruhe! und das ewige Licht leuchte ihr! Herr, lass’ sie ruhen im Frieden, Amen. Das Leintuch mit den vielen Fliegen wurde vorher vom Kopfe gezogen und, wie aus altem Elfenbein, eine Binde oval ums Antlitz gezogen, die Augen geschlossen, der Mund bläulich wie gefroren, die steifen, langen Finger um ein schwarzes Kreuzlein geflochten, so starrte die Tote aus dem Bette hervor, eine ganz andere, als wie ich sie vor Wochen auf der Bachbrücke lustig gegrüsst und sie mich wegen der offenen Schuhriemen gehänselt hatte.

Um sie herum schien alles winterlich, die Luft wie Eis. O Gott, was musste da vorgegangen sein bis zu diesem steifen, wächsernen Augenblick! Wo war jetzt das andere hingeflogen, das Leben, die Seele oder wie man es nennt, das selber nicht sterben kann? Blickte es wohl zurück in dieses schreckliche Bett? Sass es nicht eher wie ein weisser Vogel auf einem Ast des Ewigkeitsbaumes, wusste gottlob nichts mehr von dieser Elendskammer und sang heilige Lieder? Oder flatterte es wie eine Krähe in den Dunkelheiten der Unterwelt herum und fand noch lange keine Ruhe und kein Licht? Oh, ewiger Gott, und auch wir, auch wir alle müssen so auf den Schragen, und hell oder finster durchs Jenseits fahren.

Ganz niedergedonnert und betäubt zog ich am Arme der Ältern heim. Im Hausgang der Verstorbenen hatte ich noch den Sarg und die Hobelspäne und die langen Nägel gesehen. Jetzt, wenn die Leute fort sind, wird man die Leiche einsargen. Entsetzlich ist das Sterben, dachte und doch trieb es mich immer wieder hin, die Leichen zu beschauen und ihr Antlitz mit dem Palmzweig zu besprengen.

Nun geschah einmal etwas Ausserordentliches.

An einem sömmerlich hellen und heissen Sonntagnachmittag wurde in der Kirche eine alte Pfarrherrengruft erbrochen, worein am Montag ein junger Geistlicher beerdigt werden sollte. Die Priester wurden damals noch im Kirchenboden vor den Altären begraben und schwere Steinplatten verkündeten mit drei vier Worten, wer unter ihnen trotz Geläut und Orgelsummen so totenstill schlafen könne.

Der Hingeschiedene, ein Sachslerkind, war nur kurze Zeit Priester gewesen. Ich hatte seiner ersten heiligen Messe beigewohnt und mich am Jubel jener seltenen Festlichkeit wunderbar berauscht. Ein grosser, langer, stiller Bauernsohn, voll Schüchternheit und Zartsinn, hatte er in einem Weiler ohne Aufsehen geamtet, und es ging das Gerücht, dass es ihm einmal im Garten beim Psalmengebet plötzlich das Brevier wie von unsichtbarer Gewalt aus der Hand riss und weit in den Rasen hinausschleuderte, aber dass er das geheimhalten wollte und seiner Haushälterin den Mund versiegelte. Doch eine Haushälterin und schweigen! Kurz darauf habe er zu kränkeln begonnen, sei rasch verfallen und leise wie ein junger Vogel erstickt.

Man trägt unsere Priester im offenen Sarg zur Kirche. Sie sind mit der weissen Albe und dem violetten, Busse verkündenden Messkleid angetan, tragen das Birett auf dem Haupt und einen Kelch als Zeichen ihrer früheren Macht und Würde in den Händen. Vor dem Zudecken wird ungelöschter Kalk über sie geschüttet. Sie machen in dieser steifen feierlichen Aufmachung einen ebenso erhabenen als beängstigenden Eindruck.

Indem man nun die Gruft vor dem Altar aushob und ich mit vielen jungen Leuten dem Schaufeln und Abdecken mit frösteligem Rücken, aber mit einer grausamen Neugier der Augen zusah, stiess der Totengräber auf eine halbfaule Lade, die er unter Pst! und Scht! leise, leise wegschürfte. Ein Schrei des Entsetzens entfuhr uns für einen Augenblick, sozusagen für den Hauch einer Sekunde sahen wir in einem Haufen Erde und Kalk einen bräunlichen Oberkörper daliegen mit fahlem Haar, einer Art ledernen staubigen Wangen, einem langen, dünnen Hals, den Holzkelch auf der Brust und irgendeinen missfärbigen unnennbaren Stoff um sich. Ein Wimperzucken lang! Und schon war die Vision zu allerfeinstem Staub zusammengefallen. Das erste frische Lüftchen hatte diese trügerische Scheinexistenz zu Asche geblasen. Oder hatte die Wirklichkeit die Einbildung tot geschlagen?

Ich rieb mir die Augen, staunte ins Grab, sah fragend ringsum in die Gesichter, ob sie denn auch gesehen oder ob ich dieses Gebilde nur geträumt habe. Jetzt lagen im Moder nur ein paar Knochen und ein Lappen fettiges Tuch. Das war alles.

Dieses Erlebnis hat man mir später oft bald psychologisch, bald physikalisch erklärt. Aber es berückte mich damals so, dass ich fest glaubte, den toten Priester fast unverwest geschaut zu haben. Es war noch ordentlich hell, als ich abends vor neun Uhr zu Bette ging. Aber wie ich auch betete und die Augen zuklemmte, der Schlaf kam nicht. Jeden Augenblick bewegte sich das Gewand, das an meinem Türhaken hing, Knorpelfinger streckten sich aus den Ärmeln, ein Totenkopf wackelte oben hervor, oh, es war jener alte Geistliche in der Gruft oder nein, jener junge Tote, den man morgen beerdigen wird. Der Schweiss troff mir aus dem Haar, der Puls flog, das Blut sauste mir in den Ohren, der Atem stockte, ich schrie um Hilfe und fiel in einen furchtbaren Erstickungsanfall. Das Asthma! Die ganze Nacht sass die Mutter am Fussende, betete dann und wann einen Busspsalm, sagte: Mut, es wird bald Tag! und wischte mir das Haar aus der Stirne. Ich brachte kein Wort mehr hervor, aber band meine allerliebste beste Mutter mit so wilden und dankbaren Blicken an mein Bett, dass sie keinen Schritt von mir wich, bis am grauenden Morgen beim ersten Vogelpiepsen mein müder Kopf endlich schlaftrunken ins Kissen fiel. Verena aber ging in die Küche, um Kaffee zu brauen und dachte und nickte über die Pfanne hin und her: du lieber Gott, er will Geistlicher werden! und er soll nur Geistlicher werden! Aber wie ist das möglich bei so elender Lunge und einem solchen Hasenherzen? -

- Als die Mutter damals vom Grabe ihrer ältesten Tochter in Brienz heimkehrte, schien sie noch viel ernster und wortkarger als die letzten Monate. Sie redete beinahe mehr von den Toten als den Lebenden. Und der Sensenmann sorgte tüchtig, dass es bei diesem dunkeln Thema bleibe. Binnen kurzer Zeit starben die beiden Brüder meines Vaters, Heinrich, der Pfarrer von Waldkirch, und Jakob, der Kaufmann in Florenz, vor den Vierzig am Schlagfluss. Das war die Todesart sämtlicher Geschwister auf Vaters Seite.

Der Pfarrer, der mich später zu sich nehmen und studieren lassen würde, fing plötzlich während einer Sonntagspredigt an, die Ellbogen übers Kanzelgesimse zu reiben und wie ein Kind zu stottern. Er öffnete und schloss seinen vollen roten Mund, aber niemand verstand etwas. Immer tiefer rutschte er über die Brüstung hinaus, bis man endlich merkte, dass da ein Unglück geschah und etliche Männer den schweren, zigeunerschwarzen Mann in die Sakristei trugen.

Er war ein schwerblütiger, grosszügiger Mann von leidenschaftlichem Herzen. Ich sah ihn nie. Aber von vielen St. Galler Priestern aus den Fünfziger- und Sechzigerjahren hörte ich als Studentlein über ihn mit Ausdrücken einer seltsamen, fast ängstlichen Bewunderung reden. Näheres konnte ich nicht erfahren, denn als ich es besser verstanden hätte, waren seine Zeitgenossen tot oder zu alten, verlebten Gedächtnisses. Ich weiss nur, dass eines Nachts, da der Seelsorger sich im Bett umdrehte, er vor den Fenstern nichts als purpurne Flammenröte sah. Der Pfarrhof brannte lichterloh. Pfarrer Heinrich sei dann barfuss mit dem Vogelkäfig, worin ein Rotkehlchen nistete, in die Nacht hinausgesprungen und eine Weile wie sinnlos gewesen. Von jenem Schrecken blieb etwas in seinem Gehirn haften.

Nach der Lähmung lag er noch einige Zeit hilflos im Bett, ehe der Tod ihn erlöste, und bekam Augustin Egger zum Verweser, den spätern ausgezeichneten Bischof. Dieser knappe, im Rühmen überaus karge Mann hielt es wie die andern. Ein verehrungswürdiger mächtiger Pfarrer war Ihr Onkel, sagte er zu mir, als er mich fünfundzwanzig Jahre später segnete und in die erste Pastoration hinausschickte. Aber dann brach er ab, als verschweige er etwas, und fügte nicht, wie ich bestimmt glaubte, die Aufforderung hinzu: Gehen Sie in seinen Fussstapfen! ... ein mächtiger Pfarrer ...

Ich besitze ein kleines Bild von meinem Oheim. Der Vater hat es gemalt. Ein fettes, rotbackiges Gesicht, kohlschwarze verzehrende Augen, eine grosse, leicht gebogene Nase, dichtes, mitternächtiges Haar und schwere, massige Schultern, eine Macht und eine Last zugleich, eine äussere Herrschaft und eine innere Unerlöstheit scheinen sich in diesem rätselvollen wuchtigen Wesen verknotet zu haben. Auch in der Geschichte des Schweizerischen Studentenvereins sieht man seine Photographie. Aber da war er noch fünfzehn Jahre jünger, schmal im Gesicht, doch schon von einem schweren, beinahe traurigen, schwarzen Augenpaar verschattet. Sooft ich sein Bild betrachte und daran grüble, mein’ ich den Onkel zu hören: Habe Geduld, zur rechten Zeit will ich dir dann alles erzählen. Aber die Erzählung folgte nie. Oder, oder ... ist vielleicht mein eigenes Leben diese Erzählung?

Der jüngste der drei Brüder, Jakob, hätte die Bäckerei der Eltern weiterführen sollen, da Heinrich Theologe, Paul Künstler wurde. Statt dem wanderte er früh nach Italien und dem Balkan aus. Was dem Pfarrer und dem Bildhauer fehlte, besass er reichlich: Geschäftsgeist, und dazu einen besondern Glücksstern. er fand Petrolquellen oder Minerallager, entfremdete der Heimat, heiratete eine Florentinerin und starb mitten im sorglosesten Rentierleben, noch nicht vierzigjährig, von einer heitern Frau und drei fröhlichen Töchtern weg.

Die Hinterbliebenen, die das wenige Deutsch vom Vater rasch vergassen, verloren sogleich jeden Zusammenhang mit uns. Ich habe bis heute keines ihrer Gesichter gesehen. erst nach fünfzig Jahren, durch mein Mätteliseppi aufgerüttelt, gab sich mir die Witwe des Direktors der Höchsterwerke, Elisabeth von Kilian, als meine allernächste Base zu erkennen. Die beiden andern Cousinen sind an der Riviera Ponente verheiratet und der Weltkrieg hat sie vielleicht bitter gegen die Älteste in Deutschland gestimmt. Aber je älter mein Blut wird, um so mehr möchte es zum Ursprung zurückstreben und von jenen ersten gemeinsamen Quellen der Familie schmecken. Immer noch hoffe ich, einmal unter einem Lorbeer Italiens einem schwarzlockigen Knaben oder einem Wirbelzöpfchen zu begegnen, aus deren melodischem Geplauder klar würde, dass ich ihr ärmlicher, barbarischer Grossonkel sei.

So starben die Brüder meines Vaters schnell hintereinander. Dennoch haben diese zwei schwarzen Briefe keinen grossen Schatten in unser Heim geworfen. Onkel Jakob hatte wohl einmal geschrieben, er wolle den engbrüstigen Neffen später in die milde Toscana abholen. Was wäre wohl aus mir geworden, wenn ich statt der Sachsler Dorfschule die Paläste am Arno besucht und statt meines Vaters Pinsel- und Hammerelend Michelangelos Meissel und Dantes Terzinen hätte dröhnen hören! Wäre ich gesund geworden? Und dann? Ach, vielleicht noch unseliger unter den Zitronen Italiens als mein Vater unter schweizerischen Apfelbäumen. Ich fürchte, der Chianti, die leichtsinnige Sonne, das wollüstige Phlegma und die sinnlichen Schönheiten jener Erde hätten mich überwältigt. Meine Schwäche und Blödigkeit brauchte Schnee, Bise, saure Zwetschgen und harte alemannische Herren, um im Blei und Gehorsam zu bleiben.

Als ich später so oft in Italien herumwanderte, hatte ich immer den Eindruck, es gebe hier keinen Tod und keine Geheimnisse. Monatelang war mir hier unsäglich wohl. Doch regelmässig nach zehn, zwölf Wochen fing etwas in mir an zu rinnen und zu schlucken wie Langeweile und Überdruss am Fest, wie Öde und Fremde, ach, einfach wie Heimweh. Dann schnallte ich den Rucksack zusammen und zog voll zitternder Seligkeit dorthin zurück, wohin mein Wesen gehörte, wo es starkes Leben, aber auch den Tod, viel Nebel, aber auch den blanksten Winterhimmel und bei unendlichem Wahrheitsgrübeln doch noch so viele schaurigsüsse Geheimnisse gab.

Quelle:
Heinrich Federer, Jugenderinnerungen, G. Grote’sche Verlagsbuchhandlung, 1927

 
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